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Aus der Welt der Literatur



2003-11-26
Dich schlafen sehen (Anne-Sophie Brasme; Goldmann Verlag)

Als Sechzehnjährige schrieb die Französin vor drei Jahren diesen Debütroman und schuf damit eine literarische Sensation. Wochenlang wurde der Roman in den Bestsellerlisten geführt. Sie gilt seitdem als eines der größten schriftstellerischen Talente ihres Landes, und die literarische Welt wartet hoffnungsvoll auf weitere Veröffentlichungen von ihr.

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Textauszug:

Wir verbrachten den Nachmittag zusammen, und ich kann mich nicht erinnern, daß ich in meinem Leben jemals so viel gelacht hätte. Wir waren in den Park gegangen, der gleich um die Ecke lag; der Himmel war blau, und es war nicht sehr kalt. Sie legte sich ins Gras, und ich legte mich neben sie. Die Sonne brannte uns auf die Lider, obwohl der Winter noch nicht vorüber war. Wir atmeten die Luft in vollen Zügen ein, und ich spürte, wie die Gerüche von Erde und Tau sich unter meinen zitternden Nasenflügeln vermischten. Wir lachten, bis wir keine Luft mehr bekamen. Ich höre noch ihre Stimme, sehe noch ihr von struppigem Haar gerahmtes Gesicht und ihren Blick, der sich in der Sonne verlor. Ich weiß nicht, ob mir vor Lachen die Tränen kamen oder ob ich weinte, weil mich das Glück überwältigte. Seit meiner Kindheit hatte ich mich nicht mehr so gefühlt. Vielleicht war es sogar das erste Mal.
Am Abend legten wir uns auf die Matratze, die ihr als Bett diente. Die Fensterläden ihres Zimmers riffelten das Dunkel mit schmalen Streifen grauen Lichts. Um uns herrschte eine seltsame Stille; wir lauschten auf die Geräusche von draußen, die letzten Autos, die über den Boulevard brausten. Die Nacht senkte sich auf die Welt. Alles erschien unendlich friedlich. Ich spürte, wie die Müdigkeit über mich kam, und unser Gemurmel verlor sich in der tiefen und unergründlichen Stille. Wir redeten lange, vor allem sie. Ich lauschte ihrer immer schwächer werdenden Stimme, die durch die unsägliche Ruhe der Stunden drang. Und zwar so aufmerksam, daß ich Sarah nach dieser Nacht so gut zu kennen glaubte, als hätte ich mein Leben mit ihr verbracht.
Der Morgen kam. Ich öffnete die Augen: Sie schlief noch, dicht neben mir. Ihr langes Haar lag neben meinem Gesicht, sein Geruch betörte mich. Sie erwachte eine Stunde nach mir: ich hatte ihr die ganze Zeit beim Schlafen zugesehen. Wir frühstückten fast zwei Stunden lang, sprachen über Gott und die Welt, lachten, bis wir fast an unseren Honigbroten erstickten.



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