Die faszinierende Welt des Wortes
Aus der Welt der Literatur
Ihr Text
Ihre Favoriten
Top-Ten der Belletristik
Buch des Monats
Kontakt
Links
Autoren-Werkstatt
Kritikus
In eigener Sache
Login



Aus der Welt der Literatur



2003-11-05
Die Feuerzangenbowle (Heinrich Spoerl; Deutscher Taschenbuch Verlag)

Ein Buch mit Kultstatus. Vielen Älteren verkörpert es in seiner Verklärung der vergangenen Schulzeit einen unvergeßlichen Lebensabschnitt. Ein Winterabend, gedämpftes Licht, auf dem Tisch die Feuerzangenbowle mit ihrem süßen Duft, ringsum die ehemaligen Schulkameraden. Und dann beginnt der Film, Heinz Rühmann in der Hauptrolle, schwarzweiße Bilder, flackernd, der Ton leicht kratzend, jeder kennt den Film, die meisten können ganze Dialoge auswendig und sprechen sie leise mit...

-------------------------------------------------------------


Textauszug:

Dafür entschädigte allerdings der Bömmel. Wie er richtig hieß, wußte kein Mensch; man hätte schon im Jahresbericht nachlesen müssen. Es war schon lange her, daß Bömmel von seiner niederrheinischen Heimat nach Babenberg verschlagen wurde. Inzwischen war er alt geworden, trug immer noch denselben schwarzen Rock, und sein Bart, der schwarz und krollig wie Matratzenfüllung, begann sich leise zu versilbern. Seinen niederrheinischen Dialekt hatte er beibehalten, gewissermaßen als einziges Andenken an seine Heimat. Bömmel gab Physik. Aber er hielt nicht viel von verstiegener Wissenschaft, er war mehr für einfache, plastische Begriffe und für eine volkstümliche Darstellung. Außerdem hatte er leidende Füße und pflegte sich zu Beginn jeder Stunde hinter dem Katheder die Schuhe auszuziehen. Das hatte er schon seit unvordenklicher Zeit so gemacht. Man hatte sich daran gewöhnt und hielt es beinahe für selbstverständlich. Nur Hans wunderte sich das erste Mal darüber. Er wunderte sich noch mehr über die Lehrmethode.
"Wo simmer denn dran? Aha, heute krieje mer de Dampfmaschin. Also, wat es en Dampfmaschin? Da stelle mer uns janz dumm. Und da sage mer so: En Dampfmaschin, dat ist ene jroße schwarze Raum, der hat hinten un vorn e Loch. Dat eine Loch, dat is de Feuerung. Und dat andere Loch, dat krieje mer später."
Hans Pfeiffer konnte es nicht begreifen, daß die Klasse nicht losbrüllte. Auch daran war man offenbar gewöhnt.
Der Physiker aber fuhr fort:
"Und wenn de jroße schwarze Raum Räder hat, dann es et en Lokomotiv. Vielleicht aber auch en Lokomobil."
Hans hatte längst hinter seinem Vordermann Deckung genommen - diese taktische Maßnahme hatte er schon gelernt - und schrieb alles fein säuberlich mit. Er hoffte, es einmal literarisch verwerten zu können.
Inzwischen wurden die Einzelheiten der Dampfmaschine erklärt. "Was is e Ventil? Da stelle mer uns wieder janz dumm. E Ventil is, wo wat erein jeht, aber sein Lebjottstag nix erauskömmt - Du, wat schreibs du da? Zeich dat emal her!"
Hans Pfeiffer war gemeint. Er hatte bereits gehört, daß Bömmel seine Schüler bis in die Oberprima hinein duzte; nur wenn er ernstlich böse war, sagte er "Sie" und sprach hochdeutsch. Hans zeigte sein Schreibwerk und machte ein scheinheiliges Gesicht. Er habe es mitgeschrieben, um es zu Hause lernen zu können.
"Bist du aber ne fleißige Jung! Damit du dat aber janz genau behälts und dein Lebjottstag nit verjiß, da schreibste dat zu Haus fünfundzwanzigmal ab. Haben Sie mich verstanden?"
Pfeiffer hatte verstanden. Das Mitschreiben ließ er bleiben, um den Umfang der Strafarbeit nicht noch zu erhöhen.
Als dann schließlich die herrliche Stunde zu Ende war und Bömmel sich wieder in seine Schuhe begeben will - da ist nur noch einer da. Der andere ist weg.
Weg.
Bömmel läßt sich zunächst nichts merken und sucht mit den Augen, während er weiterredet.
Der eine Schuh bleibt verschwunden.
"Hat einer von euch de Schuh gesehn?"
Nein, keiner hat ihn gesehen.
"Wenn ich de Saujung krieg, de mich de Schuh verstoche hat -!"
Aber er gekam ihn nicht. Weder den Saujungen noch den Schuh.
Allmählich wird Bömmel ernstlich böse. Er fängt an, hochdeutsch zu reden und will zum Direktor. Aber der fehlende Schuh hindert ihn. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als eigenhändig die Bänke zu durchsuchen. So hopst er denn auf einem Schuh durch die Klasse und droht mit allen irdischen Strafen; der andere Fuß mit der grau und rosa geringelten Socke ist Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Die Jungen toben vor Vergnügen. Hans Pfeiffer möchte Mitleid haben mit dem alten Mann; aber es gelingt ihm nicht. Die Sache ist zu komisch.
Endlich, als die Pause beinahe herum ist, findet sich der vermißte Schuh. Im Schwammkasten.
Bömmel zieht ihn keuchend an und faßt seine Gefühle in die Worte: "Bah, wat habt ihr für ne fiese Charakter."



<- zurück
Impressum