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Aus der Welt der Literatur



2003-09-12
Tistou mit dem grünen Daumen (Druon; Deutscher Taschenbuch Verlag)

Eine bezaubernde Geschichte: Die von Tistou, der anders ist als andere Kinder...und deshalb schickte ihn der Lehrer sogleich wieder nach Hause, in die Arme des Gärtners...ein Buch nicht nur für Kinder..

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Textauszug:

Während Tistou mit großem Eifer bei der Arbeit war, machte Schnurrebarbe langsam die Runde durch den Garten. Und an diesem Tag endlich entdeckte Tistou, weshalb der alte Gärtner so schweigsam war: er sprach mit den Blumen.
Es ist ja auch verständlich: wenn man jede Rose am Strauch einzeln begrüßt und jede einzelne Nelke an einem ganzen Nelkenbusch, dann ist man am Abend einfach nicht mehr bei Stimme, um "Gute Nacht, Monsieur", "Guten Appetit, Madame" oder auch nur "Zum Wohle" zu sagen (letzteres, wenn jemand gerade niesen muß). Und alle diese Redewendungen, die man anwenden muß, damit die Leute von uns sagen: "Das ist aber mal ein höflicher Mensch", wollen einem nicht mehr von den Lippen.
Schnurrebarbe ging von einer Blume zur anderen und erkundigte sich bei jeder eingehend nach ihrer Gesundheit.
"Na, du kleine Teerose - immer noch zum Versteckspielen aufgelegt - du hälst wohl die Knospe zurück und läßt sie erst aufspringen, wenn es niemand mehr erwartet? Und die Gartenwinde - sieh mal an, du hältst dich wohl für den König der Berge und willst hoch hinaus - das sind mir ja schöne Sachen!"
Und dann drehte er sich um und rief zu Tistou hinüber:
"Na, werden wir denn wohl heute noch mal fertig?"
"Einen Augenblick noch, Meister, ich muß nur noch drei Töpfe füllen", antwortete Tistou.
Er beeilte sich sehr, und als er fertig war, lief er ans andere Ende des Gartens zu Schnurrebarbe hinüber.
"So, ich bin fertig!"
"Gut, wir werden sehen", brummte der Gärtner. Sie gingen langsam zurück - Schnurrebarbe beglückwünschte nämlich hier noch eine Pfingstrose zu ihrer guten Laune, ermutigte dort eine Hortensie, sich doch endlich blau zu färben....Plötzlich aber standen sie beide wie angewurzelt da, wie aus den Wolken gefallen und wie vom Donner gerührt.
"Was denn - was denn - ich träume doch nicht?" stammelte Schnurrebarbe und rieb sich die Augen.
"Siehst du dasselbe wie ich, Junge?"
"O ja, Herr Schnurrebarbe!"
Da, wenige Schritte vor ihnen, standen die Blumentöpfe alle vor der Mauer aufgereiht, die Tistou vor kaum fünf Minuten mit Erde gefüllt hatte - und sie waren voll blühender Blumen! - Daß wir uns recht verstehen: es handelte sich nicht nur um ein bißchen mageres Grünzeug oder um ein paar bleiche und schüchterne Triebe. Nein - in allen Töpfen entfalteten sich herrliche, kräftige Begonien, und alle diese Begonien zusammen bildeten einen dichten roten Busch.
"Das ist doch nicht zu glauben", murmelte Schnurrebarbe, "man braucht doch mindestens zwei Monate, um solche Begonien zu ziehen wie diese hier!"
Ein Wunder ist ein Wunder - erst stellt man´s fest, und dann versucht man auch schon, es zu erklären.
Tistou fragte:
"Aber wenn man keinen Samen in die Erde gelegt hat, wo kommen denn dann die Blumen her?"
"Sonderbar, höchst sonderbar", antwortete Schnurrebarbe.
Dann nahm er plötzlich Tistous Finger in seine großen, rotbraunen Hände und sagte:
"Zeig mir doch mal deine Daumen...."



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