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Aus der Welt der Literatur



2020-01-03
Schlump / Hans Herbert Grimm / Kiepenheuer & Witsch / ISBN 978-3-462-04842-1 / 348 Seiten / € 9,99

Fast jeder, der sich für Literatur interessiert, kennt „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque, Auflage mehr als 20 Millionen, immer noch nachgefragt, in mindestens 50 Sprachen übersetzt, ein Weltklassiker der Anti-Kriegsliteratur.

„Schlump“, der nun hier vorgestellte Roman, geschrieben von Hans Herbert Grimm, konnte und kann da in keiner Weise mithalten, warum, weiß niemand genau zu erklären. Auch dieser Roman hat den Ersten Weltkrieg und seine Schrecken zum Inhalt, auch er stammt aus der Feder eines das ungeheuerliche Geschehen überlebenden Soldaten.

Remarques Roman erschien 1929, Grimm brachte sein Buch ein Jahr früher heraus. Doch in der Popularität liegen Welten zwischen beiden Werken. Dem Verlag Kiepenheuer & Witsch ist es zu verdanken, daß Grimms unvergeßlicher Roman 2014 neu aufgelegt wurde.

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Stimmen:

„ ´Schlump´ ist ein dem Vergessen entrissener Klassiker, ein grandioser Antikriegsroman aus dem Jahre 1928“, bemerkt Volker Weidermann in seinem lesenswerten Nachwort auf den letzten Seiten des Buches.

„Eine beglückende Wiederentdeckung. Der Riß in der Geschichte der Weltkriegsliteratur ist mit der Neuauflage dieses unendlich humanen Romans geschlossen“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“.

„Die Sensation dieses Buches ist seine Sprache“, so steht es in "Die Welt“ zu lesen.

„Märchenhaft, zart und verspielt: ein Meisterwerk!“ merkt „Deutschlandradio Kultur“ dazu an.

„Ein Roman, der einmalig ist unter all den Veröffentlichungen zum 1. Weltkrieg. Ein literarisches Ereignis“, ging es in der „Deutschen Welle“ über den Äther.


Das eigentlich Faszinierende dieses Buches ist in der Tat die Sprache des Autors. Eher einfach, fast volkstümlich, wenn man so will, nicht oder nur sporadisch als literarisch zu empfinden. Doch in dieser schnörkellosen Sprache wirken die Greuel, die schier unvorstellbaren Zerstörungen und Verwundungen an Leibern und Seelen der Soldaten beiderseits der Front im Leser ganz besonders nach. Jeder, der noch einen Funken Empathiefähigkeit in sich hat, muß erschauern bei der Vorstellung, was diesen Männern angetan wurde.

Hans Herbert Grimm, geb. am 26. Juni 1896 in sächsischen Markneukrichen, wurde nach dem Krieg, in den er – den damals vorherrschenden Umständen geschuldet – wie so viele junge Männer freiwillig zog, Lehrer in Altenburg. 1928 veröffentlichte er unter dem Pseudonym „Schlump“ den gleichnamigen Roman, in dem er dem Hauptprotagonisten den Namen Emil Schulz verlieh.

Die Nationalsozialisten verboten das Buch, das wie so viele unerwünschte Bücher von ihnen verbrannt wurde. Um wohl Schlimmeres zu vermeiden, so heißt es, trat Grimm in die NSDAP ein, bekannte sich nicht zu seinem Buch, das seine einzige erwähnenswerte Publikation bleiben sollte und von dem er ein einziges Exemplar in seinem Haus einmauerte, um es zu verstecken.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Grimm als Dolmetscher an der Westfront eingesetzt. Als in der damaligen DDR seine NSDAP-Mitgliedschaft bekannt wurde, entließ man ihn aus dem Schuldienst, rehabilitierte ihn jedoch später wieder. Im Sommer 1950 soll er wieder von DDR-Behörden vorgeladen worden sein; zwei Tage später nahm er sich in seinem Haus dann das Leben.


„Schlump“ (Hans Herbert Grimm) / Kiepenheuer & Witsch / ISBN 978-3-462-04842-1 / 348 Seiten / € 9,99

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Textauszug:


…. Sie waren schon wieder wer weiß wie lange im Schützengraben. Schlump hatte noch keine Gelegenheit gehabt zu einer Heldentat. Er mußte immer Posten stehen, schuften und hatte keine Ruhe, keinen Schlaf. Manchmal kam es vor, daß er in der Nacht zwei Stunden schlafen durfte; aber selbst das war nichts mehr. Vielleicht zehnmal in diesen zwei Stunden stand er auf, nahm Gewehr, Handgranaten, Patronen und kletterte hinaus. Draußen weckte ihn die kalte Luft, und er konnte sich nicht erklären, wie er herausgekommen war. Kopfschüttelnd und schon wieder schlafend kroch er hinunter, um noch ein paar Minuten zu haben.
„Aufziehen!“ –
Er erschrak. „Was ist denn los? Wo bin ich denn? He, was ist denn los?“
„Aufziehen, Gottverdammich!“

Da nahm er wieder das Gewehr und die Handgranaten und die Gasmaske und alles, aber er wußte nicht, ob er schlief oder wachte oder was los war. Erst draußen, wenn er wieder so entsetzlich fror und wenn die Läuse quälten unterm Stiefelschaft, daß er wütend mit dem anderen Absatz dagegenschlug, erst dann wußte er wieder, daß er munter war, daß er nicht träumte.

Schon zwanzig Tage lagen sie in Stellung. Der Kalk fraß auf dem Rücken, es fielen einem immer ein paar Brocken hinein, wenn man in den Bunker hinunterkroch. Er hatte offene Hände. Seit zwanzig Tagen immer Derck, immer Dreck, kein freundliches Wort mehr, nur fluchen.

Wie glücklich sind die, denen sie einen Arm abgeschossen haben oder ein Bein. Sie sind jetzt zu Hause, sie können sich ins Bett legen und schlafen, schlafen, schlafen.
Schlump war schrecklich enttäusche von diesem Krieg. Und die Gelegenheit zu einer Heldentat wollte immer noch nicht kommen.

Aber plötzlich kam sie doch. Eines Tages erzählte der Essenholer, daß die weite Stellung besetzt wäre. Ganz fremde Truppenteile, von der fliegenden Division welche. Sie bauten sich Unterstände. Sie kamen gerade aus Italien, wo sie österreichische Uniform anhatten. Die Makkaroni sollten nicht schlecht gestaunt haben, als sie dicke Luft spürten. – Die zweite Stellung lag ein ganzes Stück hinter ihnen oben auf der Höhe. „Wir werden nicht mehr abgelöst“, sagte der Essenholer, „wir sollen aushalten bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone. Wir müssen froh sein, wenn wir unsere Verpflegung durchkriegen. Der Tommy soll sich an uns erst die Zähle ausbeißen und dann weiter nischt finden als ein paar tote Landser, wenn er stürmt.“

Und noch was Neues. Vor ein paar Tagen hatten die Tommies einen Sturmangriff gemacht. Drüben im Abschnitt B. Die Posten hatten sie nicht kommen sehen, die hatten sich die Gesichter schwarz gemacht und kamen herangeschlichen wie die Katzen. Aber unsere Artillerie machte gerade in diesem Augenblick, zufällig, einen Feuerüberfall und schoß zu kurz, so daß der ganze Segen zwischen den Linien im Drahtverhau niederging. Die Wirkung war fürchterlich. Ein Geschrei ging los, und die Tommies rasten wie wahnsinnig nach vorn. Bloß aus dem Stacheldraht raus! Aber sie blieben hängen und stürzten. Unsere Posten aber waren auch nicht faul und alarmierten den ganzen Graben und jetzt schossen unsere Maschinengewehre wie die Teufel dazwischen und die anderen warfen Handgranaten. Die Tommies mußten denken, die Hölle ist losgegangen. Es ist kein Schwein in unseren Graben gekommen. Jetzt setzen unsere zum Gegenangriff an und stürmen hinterher. Aber sie hatten auch kein Glück. Drüben empfing sie ein solches Maschinengewehrfeuer, daß sie schleunigst Deckung suchen mußten und langsam zurückkrochen. Die feindliche Artillerie setzte auch ein und erwischte die letzten. Einer, ein ganz junger Kerl, war im Drahtverhau hängengeblieben und konnte nicht vorwärts und nicht rückwärts. Da kriegte er einen Bauchschuß verpaßt, daß ihm die Gedärme herausquollen. Er hielt sie mit der Hand fest und preßt sie an den Leib und brüllt wie ein Vieh vor Schmerz. Die Tommies schossen wie verrückt, und der arme Kerl mußte draußenbleiben. Kein Mensch kann ihn holen. Er stiert mit seinen glasigen Augen nach dem Graben und schreit von Zeit zu Zeit: „Mutter! Mutter!“

Schlump hört das, es war schon Nachmittag, und dachte an seinen Entschluß. Er ging in den Abschnitt B und sah den armen Kerl im Drahtverhau hängen und seine Gedärme halten. Die Tommies hielten den Abschnitt dauernd unter Artilleriefeuer und bestrichen das ganze Gelände mit ihren Maschinengewehren von der Flanke. Schlump stieg auf den Schützenauftritt. Kaum steckte er seinen Kopf heraus, da raste drüben das harte kurze Taktaktaktak herüber.

Aber er stieg ganz heraus, langsam, als ob nichts sei und stellte sich ganz gerade, und die blauen Bohnen pfiffen um ihn herum: fiu, fiu, fiuu … Er lief hin zu dem armen Kerl. Der sah ihn kommen, und es schien ihm, als bewegte er ein wenig die Hand und den Kopf, um ihn dankbar zu begrüßen. Schlump nestelte ihn los, er hatte sich mit den beiden Haken gefangen, die das Koppel im Rücken hielten. Schlump machte ihn behutsam los und trug ihn vor sich hin, um ihn mit seinem Rücken zu decken. Dann stieg er ganz sachte hinunter und legt den armen Kerl auf den Boden. Die Tommies schossen wie wahnsinnig.
Der Kamerad hatte die Augen auf und hielt sich noch immer krampfhaft die Därme. Aber er bewegte sich nicht. Er war tot. ...





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