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Aus der Welt der Literatur



2015-06-29
„Zeilengeld“ (George Gissing / Greno Verlagsgesellschaft, Nördlingen / ISBN-13: 978-3921568682)

George Robert Gissing (1857 - 1903) wußte bestens, worüber er diesen Roman schrieb, zählte er doch zeitlebens selbst zu den Unterprivilegierten, zu den Hungerleidern der Branche, fühlte sich zu den Verkannten und Verbannten der Autoren hingezogen, zur Klasse der im und vom Leben Benachteiligten in Gänze. Von seinen sozialistischen Jugendidealen sagte er sich indes bald los, begann einer "Aristokratie des Geistes" Gefallen abzugewinnen. Sein unstetes, gehetztes Leben forderte seinen Tribut. Er starb bereits mit 46 Jahren, gilt als einer der bedeutendsten englischsprachigen Erzähler damaliger Zeit, besonders hervortretend durch seine Milieuschilderungen des proletarischen Londons.

Gissing läßt in seinem Roman Jasper Milvain (ein alerter, smarter junger Mann, berechnend, ohne nennenswerte Skrupel, Zeitungsredakteur ohne nennenswerte eigene literarische Fähigkeiten wie Ambitionen, einer der Hauptprotagonisten des Buches, das im England der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts spielt), das Folgende sagen:

„ ….Wenn ich unbekannt bin und ein herrliches Buch veröffentliche, so wird es sehr langsam oder auch gar nicht seinen Weg machen. Bin ich aber bekannt und veröffentliche dasselbe Buch, so wird sein Lob über beide Hemisphären ertönen.“ [.……] …“Es ist die alte Geschichte von dem französischen Verleger, der zu Dumas sagte: ‚Machen Sie sich einen Namen, und ich publiziere alles, was Sie schreiben.’ ‚Diable’, schreit der Autor, ‚wie soll ich mir einen Namen machen, wenn ich nicht publizieren kann?’ Wenn jemand keinen anderen Weg hat, Aufmerksamkeit zu erregen, so soll er mitten auf der Straße Kopfstand machen; dann kann er hoffen, daß seine Gedichte Anklang finden. …“

Über den gealterten Harold Biffen, einem gebildeten, noblen, doch erfolglosen Autor, weil verkannt und deshalb unbekannt, läßt er den Erzähler berichten: " …. und seine Manuskripte, die er an mehrere Zeitungen gesandt hatte, kamen wieder zurück. Er versetzte, was er entbehren konnte, und reduzierte seine Mahlzeiten auf ein Minimum. Trotzdem war er in seiner kalten Dachstube und mit seinem leeren Magen nicht traurig, denn "Herr Bailey, der Krämer" näherte sich stetig seinem Ende. Er arbeitete sehr langsam. Die beschriebenen Seiten ergaben vielleicht nur zwei Bände des üblichen Romanformats, aber er arbeitete seit vielen Monaten daran, geduldig, liebevoll, gewissenhaft. In jeden Satz legte er seine ganze Sorgfalt, jeder einzelne mußte ein Wohlklang für das Ohr sein, mit geschickt gesetzten Worten voll kostbarer Bedeutung. Ehe er sich zu einem Kapitel niedersetzte, entwarf er im Geiste einen minutiösen Plan; dann schrieb er eine Rohskizze nieder, dann feilte er das Ding Satz für Satz aus. Er dachte nie daran, ob eine solche Mühe mit gangbarer Münze belohnt werden würde, nein, es war sogar seine Überzeugung, daß das Buch schwerlich Geld einbringen würde, selbst wenn er einen Verleger dafür fände. Nur das Werk sollte bedeutend sein, das war alles, was er verlangte. Er hatte nicht einmal die Gesellschaft bewundernder Freunde, die ihn ermutigt hätten." ….

Und wieder Jasper Milvain: "Wir wissen, daß ein wirklich gutes Buch gewiß von zwei oder drei Kritikern eine günstige Besprechung erhalten wird, aber noch gewisser ist, daß es von der Flut der Literatur, die Woche auf Woche steigt, weggeschwemmt werden wird. Der Kampf um die Existenz unter den Büchern ist heutzutage so hart wie der unter Menschen. Wenn ein Schriftsteller in der Presse Freunde hat, so ist es die Pflicht dieser Freunde, ihm nach Kräften zu helfen. Was schadet es, wenn sie übertreiben, ja sogar lügen. Die nüchterne, einfache Wahrheit hat keine Aussicht, gehört zu werden, und nur durch Geschrei kann das Ohr des Publikums gewonnen werden. Was nützt es Biffen, wenn sein Werk sich nach zehn Jahren zur langsamen Anerkennung durchkämpft? Außerdem schwemmt, wie ich sagte, die steigende Flut der Literatur alles weg, was nicht gerade ersten Ranges ist. Wenn ein geistvolles, gewissenhaftes Buch nicht sofort Erfolg hat, ist wenig Hoffnung, daß es überleben wird. Wenn es mir möglich wäre, ein Dutzend Kritiken für ebenso viele Blätter zu schreiben, so würde ich es mit Vergnügen tun. Verlaß` dich darauf, binnen kurzem wird das so gehandhabt werden. Und das ist ganz natürlich. Man muß seinen Freunden helfen, auf jegliche Weise, quocumque modo, wie Biffen sagen würde."


Wohlgemerkt, Gissing veröffentlichte das Buch ausgangs des 19. Jahrhunderts (1891; Originaltitel "New Grub Street", ("Straße der Hungertoten" nach der ersten französischen Übersetzung). Was hat sich seitdem geändert in der Literaturlandschaft? Nichts, kann man getrost feststellen, bis auf den Umstand vielleicht, daß Autoren heutzutage nicht mehr ins Armenhaus umsiedeln müssen, wenn sie sonstwie nicht aufgefangen werden bei Verwandtschaft, Bekanntschaft oder anderswie und anderswo, auch nicht Hungers sterben, wie in extremen Fällen damals wohl nicht so ganz ausgeschlossen. Aber vor allem: Das Ränkespiel, das Beziehungsgeflecht, die unseligen Mechanismen des Literaturbetriebs, das "er-kennt-jemanden-der jemanden-kennt-der-jemanden-kennt" sind systemimmanent geblieben und werden es bleiben.







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