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Aus der Welt der Literatur



2014-03-12
Das Leben und die Ansichten des Tristram Shandy, Gentleman (Laurence Sterne / Diogenes Verlag / ISBN 3257209501)

Laurence Sterne (1713 geboren in Irland, 1768 in London gestorben) kam aus ärmlichen Verhältnissen, wurde Pastor, begann erst spät mit dem literarischen Schreiben, brachte mal das eine, mal das andere zu Papier, doch das Buch seines Lebens wurde „Tristram Shandy“, das alle Formate sprengt, weder Roman noch Erzählung im herkömmlichem Sinne ist und Jahrzehnte benötigte, bis es weltweite Anerkennung fand. Inzwischen gehört es unbestritten zur Weltliteratur.

Eine fulminant geschriebene Anhäufung von Begebenheiten, Anekdoten, skurrilen, grotesken, aberwitzigen Gedanken und Geschichten und Berichten aus der zweiten Dekade des achtzehnten Jahrhunderts. Das Buch – mehr als achthundert Seiten stark – lebt allein von der wundervollen Sprache Sternes, sie allein macht die Bedeutung dieses Werkes aus, sie allein beschert ein Lesevergnügen, das seinesgleichen sucht, unterhaltsame wie lehrreiche Geschichtsauffrischung und –unterrichtung als Dreingabe. Seine Lektüre, auch nach und nach in kleinen Dosierungen, sollte man sich keineswegs entgehen lassen.

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Textauszug:

Ich wünschte, entweder mein Vater oder meine Mutter oder besser: beide, da beide auf gleiche Weise dazu verpflichtet wären, würden darüber nachgedacht haben, worum es sich in Wirklichkeit handle, als sie mich zeugten. Wenn sie pflichtgemäß erwogen hätten, wieviel von der Arbeit, woran sie sich in jenem Augenblick gemacht hatten, abhinge, daß also nicht nur die Erzeugung eines vernünftigen Wesens dabei in Betracht komme, sondern daß möglicherweise die glückliche Bildung und ausgiebige Wärme des Körpers, daß vielleicht des Menschen Genius und ganze Geistesanlage, ja, solange als nicht das Gegenteil bewiesen werde, auch das Glück des ganzen Hauses von den Launen und Neigungen, die in diesem Zeitpunkt vorherrschen, den Ausgang und die Richtung nähmen, wenn sie, wie gesagt, das alles getreulich erwogen und überdacht hätten und dementsprechend vorgegangen wären, so würde ich nach meiner Überzeugung eine ganz andere Figur in der Welt gemacht haben als die ist, in welcher ich mich fortan dem Leser dieses Buches präsentieren werde.

Glaubt mir, gute Leute, es ist das gar keine so geringfügige Angelegenheit, wieviel von euch sich das einbilden mögen – ihr alle habt wohl von den Lebensgeistern gehört, wie diese vom Vater in den Sohn einströmen usw. usw., und noch manches andere von ähnlicher Art. Gut, nehmt aber mein Wort, neun Zehntel von eines Menschen Vernunft und Unvernunft, alle seine Erfolge und Entgleisungen in diesem Leben hängen von den Bewegungen und der Aktivität eben der Lebensgeister ab, desgleichen von den diversen Geleisen und Gängen, in welche jene von Anfang an gebracht werden, so daß es, wenn sie einmal ins Rennen gekommen sind, in welcher Richtung immer, nach rechts oder nach links, immer um sehr viel geht – dahin stürzen sie, drunter und drüber, als wären sie alle toll und aus dem Häuschen, und indem sie immer wieder und wieder dieselbe Spur verfolgen, bahnen sie sich eine Straße, so eben und glatt wie ein Gartenweg, wovon sie später, sobald sie sich einmal daran gewöhnt haben, der Teufel in eigener Person nicht würde verjagen können.

„Ach bitte, Lieber“, sprach meine Mutter, „hast du nicht die Uhr aufzuziehen vergessen?“ „Großer Gott“, rief mein Vater aus, seine Stimme zu mäßigen sich bemühend, „hat jemals seit der Erschaffung der Welt ein Weib den Mann mit einer so albernen Frage mittendrin unterbrochen?“ Bitte, was hat Ihr Vater gesagt? – Nichts.

Ich verdanke die obige Anekdote meinem Onkel Toby Shandy, zu dem sich mein Vater, der durchaus ein philosophischer Kopf war und sich über die geringfügigsten Dinge Gedanken machte, oft und heftig über das Unrecht beklagte, das damit und damals geschah, eines Tages aber, wie sich Onkel Toby sehr genau erinnerte, mit ganz besonderer Heftigkeit, da er an diesem eine höchst überraschende und unerklärliche Schiefheit in meiner Art, den Hut aufzusetzen, zum erstenmal wahrnahm. Indem er die Prinzipien, auf Grund deren ich dabei so vorgehen müßte, zu erläutern und rechtfertigen versuchte, schüttelte der alte Herr den Kopf und sagte mit einem Ton, der mehr Kummer ausdrückte, als daß er einen Vorwurf aussprach, er habe es in seinem Herzen stets geahnt und durch diese und noch tausend andere Wahrnehmungen, die er an mir gemacht, bestätigt gefunden, daß ich je weder so denken noch handeln sollte wie ein anderes Menschenkind: - „Aber ach!“ fuhr er fort, abermals den Kopf schüttelnd und eine Träne abwischend, die an der Wange herabfloß, „meines Tristrams Unglück begann schon neun Monate, bevor er auf die Welt kam.“ Meine Mutter, die dabeisaß, sah auf, doch verstand sie ebensowenig wie ihr Hintern, was mein Vater damit sagen wollte. Onkel Toby Shandy aber, der die Geschichte oft genug gehört hatte, verstand meinen Vater sehr gut.





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