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Aus der Welt der Literatur



2013-12-24
Der englische Patient (Michael Ondaatje / DTV / ISBN 3423191120)

Um Michael Ondaatje (geb. 1943 in Sri Lanka, seit langem schon kanadischer Staatsangehöriger) ist es inzwischen stiller geworden. Sein literarisches Schaffen umfaßt sowohl Lyrik wie Prosa. Für zahlreiche Romane erhielt er renommierte Preise, doch sein bekanntestes Werk ist wohl „Der englische Patient“, den er 1992 veröffentlichte, wobei der 1996 gedrehte Film den Erfolg des Buches noch in den Schatten stellte. Alleine 9 Oscars wurden ihm zugesprochen. Ein weiteres Beispiel für die gelungene Verfilmung eines Romans und nicht weniger eine Rechtfertigung der Aussage: Was wären die Regisseure ohne Autoren!

Die Wüste steht im Mittelpunkt des Romans, obwohl die eigentliche Handlung in einer zerschossenen Villa in der Toskana stattfindet. In ihr treffen vier Menschen auf merkwürdige Weise in der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs aufeinander, nachdem die Deutschen von den Alliierten zurückgedrängt worden waren: Eine junge kanadische Krankenschwester, die einen über der Wüste Nordafrikas abgeschossenen und bis zur Unkenntlichkeit verbrannten britischen Piloten pflegt, ein ebenfalls noch junger Inder, ein Sikh, der auf das Entschärfen von Bomben und Minen spezialisiert ist, die von den Deutschen hinterlassen wurden, und ein ehemaliger Spion mit kanadischem Paß, der für die Alliierten arbeitete.

Vier Menschen, vier Schicksale. Die alles überlagernde Geschichte ist die des unbekannten abgestürzten Piloten, der mit Hilfe der jungen Frau sein anfänglich verlorenes Gedächtnis nach und nach zurückgewinnt und zu erzählen beginnt. Eine abenteuerliche Geschichte, in die Ondaatje zum Teil wahrhaftige Begebenheiten verwoben hat.

Der ständige Wechsel zwischen verschiedenen Zeitebenen bis zurück in die 30iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die wesentlich zur Erforschung der nordafrikanischen Wüstengebiete beitrugen, sowie unterschiedliche Erzählperspektiven erschweren mitunter das Verständnis des Gelesenen. Aber dieser Umstand, der sich im weiteren Verlauf des Romans mehr und mehr verflüchtigt, ohne daß sich indes alle Rätsel auflösen, wird einerseits durch die vorgestellte Geschichte, doch insbesondere durch die atemberaubenden Schilderungen der Wüste und ihrer Geheimnisse und Gefahren mehr als entschädigt.


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Textauszug:


Es ist, als wäre die Oberfläche mit Dampfröhren unterlegt, mit Tausenden von Düsen, durch die winzige Strahlen Dampf hinausgeblasen werden. Der Sand hüpft in kleinen Rucks und Wirbeln. Zentimeter um Zentimeter hebt sich die Unruhe, so wie der Wind an Stärke gewinnt. Es scheint, als höbe sich die ganze Oberfläche der Wüste in Übereinstimmung mit einer unterirdischen, nach oben stoßenden Kraft. Größere Kieselsteine schlagen gegen Schienbein, Knie, Oberschenkel. Die Sandkörnchen klettern am Körper hoch, bis der Sand ins Gesicht schlägt und über den Kopf hinaus geht. Der Himmel hat sich entzogen, alles außer den nächsten Gegenständen entschwindet der Sicht, das Universum füllt sich.

Wir mußten in Bewegung bleiben. Wenn man haltmacht, staut sich der Sand, wie um alles, was stillsteht, und schließt einen ein. Man ist für alle Zeit verloren. Ein Sandsturm kann fünf Stunden dauern. Selbst als wir in späteren Jahren in Lastautos saßen, mußten wir, ohne etwas sehen zu können, immer weiterfahren. Die schlimmsten Schrecken kamen nachts. Einmal, nördlich von Kufra, wurden wir im Dunkel von einem Sturm angefallen. Drei Uhr in der Frühe. Der Sturmwind fegte die Zelte aus ihren Befestigungen, und mit ihnen wurden wir weggerollt, Sand aufnehmend, wie ein sinkendes Schiff Wasser aufnimmt, nach unten gedrückt, erstickten fast, bis wir von einem Kameltreiber herausgehauen wurden.
Wir reisten in neun Tagen durch drei Stürme. Wir verpaßten kleine Wüstenstädte, wo wir eigentlich noch Proviant hatten auftun wollen. Das Pferd verschwand. Drei der Kamele starben An den beiden letzten Tagen gab es keine Nahrung, nur Tee.






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