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Aus der Welt der Literatur



2013-07-31
Der große Gatsby (F. Scott Fitzgerald / dtv / ISBN978-3-423-13987-8)

„Der große Gatsby“ ist F. Scott Fitzgeralds (1896 – 1940) bestes und inzwischen auch bekanntestes Buch, sein dritter Roman, er kam 1925 heraus, verkaufte sich jedoch zu seinen Lebzeiten nicht überragend, obwohl es bald Bühnenfassungen davon gab und auch eine erste Verfilmung. Fitzgerald, Aufsteiger aus kleinsten Verhältnissen zum reichen Mann, schrieb quasi über sich selbst und seine Zeit, das Amerika der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, präsentierte dem Leser ein schonungsloses Sittengemälde der amerikanischen Gesellschaft, und zwar der besseren, der Upper Class, samt ihren Günstlingen, Vasallen und Claqueuren.Man besitzt meist erkleckliches Eigentum, ist also materiell nicht schlecht aufgestellt, beruflich durchaus erfolgreich, die Zukunft verheißt mitnichten ein Jammertal. Und doch will sich kein Glück einstellen, man weiß nichts mit sich selbst und der freien Zeit anzufangen, Parties allerorten und zu jeder Gelegenheit, eine „Hi“- und „Hallo“-Gesellschaft, wertelos, ziellos, beziehungslos. Alles bekanntlich kein guter Nährboden für Freundschaften, für Treue, für florierende Partnerschaften.

Fitzgeralds Texte sind unverkennbar autobiographisch angelegt, er beschreibt tatsächlich im Grunde sein eigenes Leben, das nur 44 Jahre währte, in dessen Verlauf er dem Alkohol verfiel und von Depressionen heimgesucht wurde. Seine Ehe zerbrach.

Erst in den siebziger Jahren, nach der großartigen Neuverfilmung mit Robert Redford und Mia Farrow, wurde „Der große Gatsby“ einem größeren Publikum bekannt, in dessen Folge der Roman schließlich Weltruhm erlangte. Ein weiteres Paradebeispiel für die viel zu späte Würdigung und Anerkennung eines großen Schriftstellers.

„Der große Gatsby“ zeigt exemplarisch auf, was tatsächliche schriftstellerische Befähigung ausmacht. Es gibt Romane, die von ihrer Handlung leben, von dem, was in ihnen geschieht; sie sind erfolgreich, fast unabhängig vom Schreibstil des Autoren. An Stoffen indes, die von der Sache her nicht allzuviel hergeben, eher handlungsarm sind, ohne spektakuläre Spannungsbögen auskommen müssen, bewährt sich der wirkliche Romancier. Und nur er, der begnadete Erzähler. Denn dann geht es allein um die Sprache, die Wörter, die Worte, ja, die Satzzeichen, und oft noch mehr um die nicht geschriebenen Sätze, die weg- und ausgelassenen.

Die Geschichte, um die es bei Fitzgerald geht, ist einfach und überschaubar, sie kann jeder halbwegs gebildete Mensch, das Gros der Lakonie- und Stammelsatzpoeten der Gegenwartsliteratur einbezogen, niederschreiben, nur würde es dann niemand lesen wollen. Das ist alles, mehr gibt es dazu und zu Fitzgeralds Meisterwerk nicht noch anzumerken.

Der Deutsche Taschenbuch Verlag brachte das Buch dankenswerterweise 2011 erneut heraus, inzwischen in der 4. Auflage.


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Textauszug:

Das ist mein mittlerer Westen – nicht der Weizen oder die Prärie oder die verlorenen Städte der Schweden, sondern meine Jugend mit der aufregenden Heimkehr im Zug, mit den Straßenlaternen und Schlittenglöckchen im frostigen Dunkel und den Stechpalmenkränzen in den erleuchteten Fenstern, deren Schatten weit hinaus in den Schnee fielen. Ich bin ein Teil davon, ein bißchen schwermütig wegen der langen Winter, ein bißchen selbstgefällig, weil ich im Carraway-Haus aufgewachsen bin, in einer Stadt, in der die Häuser jahrzehntelang nach den Familiennamen benannt werden. Ich merke jetzt, daß dies trotz allem eine Geschichte des Westens gewesen ist – Tom und Gatsby, Daisy und Jordan und ich -, wir kamen alle aus dem Westen und hatten möglicherweise alle denselben Defekt, der uns auf subtile Weise unfähig machte, uns anzupassen an das Leben der Ostküste.

Selbst zu der Zeit, als mich der Osten am meisten erregte, als ich seine Überlegenheit gegenüber den gelangweilten, aufgequollenen, breit hingestreckten Städten jenseits des Ohio mit ihren unaufhörlichen Verhören, von denen nur die Kinder und die sehr Alten verschont blieben, am stärksten empfand – selbst da wirkte er immer verzerrend auf mich. Vor allem West Egg taucht immer noch in meinen besonders fantastischen Träumen auf. Ich sehe es als nächtliche Szene wie von El Greco: hundert Häuser, die zugleich konventionell und grotesk sind und sich unter einem düsteren, wolkenverhangenen Himmel und einem stumpfen Mond ducken.



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