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Aus der Welt der Literatur



2013-02-21
Die Ballade vom traurigen Café (Carson McCullers / Diogenes Verlag / ISBN 3257201420)

Die Gabe, kein Wort zuviel, doch auch keines zuwenig zu schreiben. Einfache Worte, scheinbar simple Sätze, mitunter fast waghalsige Formulierungen, denen auf den ersten Blick so gut wie nichts Poetisches anhaftet. Nur dieser Voraussetzungen bedarf es, um in einer Weise erzählen zu können, die das Attribut „Literatur“ verdient. Und doch ist es so unglaublich, so unendlich schwierig, läßt sich nicht erlernen, nicht in Schreibschulen, nicht in Universitätshörsälen. Man kann es, oder man kann es nicht. In die Reihe begnadeter Erzähler gehört zweifellos Carson McCullers.

Wie in den Biographien großer Autorinnen nicht selten anzutreffen, verlief auch das Leben von Carson McCullers nicht vom Glück begünstigt. Schon früh kränkelte sie, erlitt bereits mit dreiundzwanzig Jahren einen Schlaganfall, von dem sie sich nie mehr ganz erholte. Zu den gesundheitlichen Beeinträchtigungen gesellten sich Probleme im zwischenmenschlichen Bereich. Ihre 1937 mit Reeves McCullers geschlossene Ehe wurde 1941 geschieden; 1945 heiratete sie den Mann ein zweites Mal, der nach erneuter Ehekrise 1953 durch eigene Hand aus dem Leben schied. Sie selbst unternahm 1948 einen Selbstmordversuch. Nachdem sie sich 1964 die Hüfte brach, blieb sie an den Rollstuhl gefesselt. 1967 erlitt sie einen erneuten Schlaganfall, an dessen Folgen sie kurze Zeit später verstarb.

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Die Welt, das Leben der einfachen Leute, es zieht sich durch McCullers gesamtes Werk hindurch, nie konnte sie von ihnen lassen, beschrieb ihre großen und kleinen Begebenheiten, berichtete von ihren Geschicken, erzählte von ihren großen und kleinen Erlebnissen und Ereignissen und Kümmernissen, ihren kleinen und großen Tragödien, machte von jenen Menschen Aufhebens, um die sich im allgemeinen niemand schert. Und so ist auch „Die Ballade vom traurigen Café“ angelegt.

Nichts wirklich Aufregendes geschieht, eigentlich nichts, was die nächste größere Stadt noch interessiert hätte. Doch für diejenigen, die in und um das Café, das nicht immer ein Café war, ein- und ausgehen, ganz besonders aber für Miss Amelia, die es betreibt, läuft genau dort, in der kleinen Stadt, wie es sie zuhauf gibt, das Leben, ihr Leben ab, verrinnt und zerrinnt es mit jedem neuen Tag.



Textauszug:

Die Liebe ist erstens einmal ein gemeinsames Erlebnis zweier Menschen; die Tatsache jedoch, daß es ein gemeinsames Erlebnis ist, bedeutet noch nicht, daß es für die beiden Beteiligten ein ähnliches Erlebnis ist. Es geht immer um den Liebenden und den Geliebten - doch stammen die beiden aus verschiedenen Landen. Oftmals löst der Geliebte nur all die aufgespeicherte Liebe aus, die bis dahin so lange im Liebenden geschlummert hat. Und irgendwie ahnt das auch jeder Liebende. Er fühlt in seinem Herzen, daß seine Liebe ihn vereinsamt. Er erlebt eine neue, seltsame Einsamkeit, und er leidet unter dieser Erfahrung. Es bleibt dem Liebenden also nur eins zu tun: er muß seine Liebe nach besten Kräften in sich beherbergen; er muß sich eine vollständige, neue Welt in seinem Innern aufbauen, eine starke und eigentümliche Welt, die an sich selbst Genüge hat. Und dieser Liebende, das mag hier hinzugefügt werden, braucht nicht unbedingt ein junger Mann zu sein, der für einen Trauring spart - es kann Mann, Frau oder Kind, einfach irgendein menschliches Lebewesen auf unserer Erde sein.

Aber auch der Geliebte kann sehr verschieden beschaffen sein. Die merkwürdigsten Leute können Liebe auslösen. Ein Mann kann ein zitteriger Urgroßvater sein und noch immer ein fremdes Mädchen lieben, das er eines Nachmittags vor zwanzig Jahren in den Straßen von Cheehaw sah. Der Prediger kann eine Gefallene lieben. Der Geliebte kann treulos sein, kann fettiges Haar haben oder schlechte Gewohnheiten, ja, und der Liebende mag das alles so deutlich wie alle anderen Menschen erkennen, doch das berührt das Wachstum seiner Liebe nicht im geringsten. Eine höchst mittelmäßige Person kann Gegenstand einer Liebe sein, die so wild und außerordentlich und schön wie die Giftlilie im Sumpf ist. Ein guter Mensch kann eine heftige und erniedrigende Liebe auslösen, und ein stammelnder Irrer kann in einer anderen Seele ein zartes und schlichtes Glück hervorrufen. Deshalb gelten Wert und Eigenart einer Liebe einzig vom Liebenden her.

Und das ist auch der Grund, weshalb die meisten unter uns eher Liebende als Geliebte sein wollen. Fast jeder möchte der Liebende sein. Und die ungeschminkte Wahrheit lautet, daß viele es im tiefsten, verborgensten Grund gar nicht ertragen können, geliebt zu werden. Der Geliebte fürchtet und haßt den Liebenden, und nicht ohne Grund. Denn der Liebende versucht immer und ewig, den Geliebten zu entblößen. Der Liebende sehnt sich nach jeder nur erdenklichen Annährung, auch wenn ihm das Erlebnis nichts als Qual bereitet.





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