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Aus der Welt der Literatur



2003-07-02
Tess von D´Urbervilles (Thomas Hardy; List Verlag, Leipzig)

Einer der großen Romane aus dem England des zu Ende gehenden neunzehnten Jahrhunderts.

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Textauszug:

Er zog ihr den Überrock um die Schultern und tauchte in die webenden Dünste, die jetzt breite Schleier von Baum zu Baum zogen. Sie konnte das Rascheln der Zweige hören, wie er den anstoßenden Abhang hinanstieg, bis seine Schritte nicht mehr lauter waren als das Hüpfen eines Vogels und schließlich ganz dahinstarben. Mit dem Untergang des Mondes dämpfte sich dann das blasse Licht, und Tess wurde fast unsichtbar, als sie auf dem dürren Laub, wo er sie verlassen hatte, in Träumereien versank.

Inzwischen arbeitete sich Alec d´Urbeville den Abhang hinauf, um seine ungeheuchelte Ungewißheit, in welchem Revier der "Jagd" sie sich befanden, loszuwerden. Er war tatsächlich mehr als eine Stunde lang auf gut Glück drauflosgeritten, jede Abzweigung benützend, die sich bot, um das Zusammensein mit ihr hinauszuziehen, und er hatte ihrer mondbeschienenen Gestalt weit mehr Aufmerksamkeit geschenkt als irgendwelchen Dingen zur Seite des Weges. Da es wünschenswert war, dem abgehetzten Pferd ein wenig Ruhe zu gönnen, übereilte er sich nicht auf seiner Suche nach Wegzeichen. Eine kurze Kletterei über den Hügel in das benachbarte Tal brachte ihn zu dem Zaun einer Landstraße, die er wiedererkannte, so daß die Frage, wo sie sich befanden, entschieden war. Daraufhin machte d`Urbeville kehrt; doch zu dieser Zeit war der Mond bereits ganz verschwunden, und da auch der Nebel sich geltend machte, lag die "Jagd" in dichte Finsternis gehüllt, obgleich der Morgen nicht mehr fern war. Er sah sich genötigt, mit ausgestreckten Händen vorwärtszudringen, um nicht an Äste zu stoßen, und er entdeckte, daß er
fürs erste nicht imstande war, genau den Ausgangspunkt seiner Streife zu treffen. Nachdem er auf und ab und rund im Kreise umhergeirrt war, hörte er schließlich dicht neben sich eine leichte Bewegung des Pferdes; und unerwartet verfing sich sein Fuß in dem Ärmel seines Überrockes.
"Tess!" sagte d´Urberville.
Es kam keine Antwort. Die Dunkelheit war nun so stark, daß er einfach nichts anderes sehen konnte als eine blasse, neblige Masse zu seinen Füßen, welche die weiße, in Musselin gehüllte Gestalt andeutete, die er auf dem welken Laub zurückgelassen hatte. Alles übrige war eine Finsternis. D´Urberville bückte sich und hörte ein sanftes, regelmäßiges Atmen. Sie lag in tiefem Schlaf.

Überall ringsum herrschten Finsternis und Schweigen. Zu Häupten ragten die urzeitlichen Eiben und Eichen der "Jagd", auf deren Zweigen sich sanft ruhende Vögel in ihrem Morgenschlummer schaukelten; und rundherum hüpften die Kaninchen und Hasen.
Wo war der Schutzengel der Tess? Wo die Vorsehung? Vielleicht, gleich jenem andern Gott, von dem der ironische Heide sprach, unterhielt er sich gerade oder hatte zu tun oder befand sich auf Reisen, oder vielleicht lag er zufällig im Schlaf und war nicht aufzuwecken.
Zu dieser Stunde regten sich schon einige Söhne des Waldes in nicht sehr entfernten Hütten und schlugen Licht; gute und lautere Herzen unter ihnen, Muster von Ehrlichkeit und Frömmigkeit und Ritterlichkeit. Und kraftvolle Pferde stampften in den Ställen, bereit, in die Morgenluft hinausgelassen zu werden.
Aber kein Blitz, kein feuriges Zeichen der Erkenntnis spornte diese Männer an, die Pferde zu schirren und in den Sattel zu springen, oder flößte ihnen auch nur die leiseste Ahnung ein, daß ihre Schwester in den Händen des Verderbers war; und sie kamen nicht dieses Weges.

Warum es geschehen mußte, daß auf dieses schöne Gewebe eines Frauenschicksals, empfindlicher als zarte Gaze und bis zu diesem Augenblick unleugbar weiß wie Schnee, solch ein rohes Muster vorgezeichnet wurde, wie es das Verhängnis ihm zugeteilt hatte - warum so oft das Rohe sich solchermaßen des Zarten bemächtigt, das haben viele Jahrtausende analytischer Philosophie unserem Gerechtigkeitsgefühl nicht zu erklären vermocht. Man könnte freilich die Möglichkeit zugeben, daß in jeder Katastrophe eine Vergeltung steckt. Zweifellos haben ein paar von Tess d´Urbervilles gepanzerten Vorfahren, wenn sie ausgelassen von einer Schlägerei nach Hause tollten, den Bauernmädchen ihrer Tage dasselbe schmähliche Unrecht, und sogar noch unbarmherziger, zugefügt. Doch der Grundsatz, die Sünden der Väter an den Kindern heimzusuchen, mag zwar eine hinlänglich passende Moral für Gottheiten sein, aber die durchschnittliche Menschennatur verachtet ihn; und so ist er hier nichts nütze.
Was die Landsleute dort unten in jenen verborgenen Winkeln niemals müde werden, untereinander in ihrer fatalistischen Weise zu sagen: "Es mußte geschehen" - das war der Jammer. Ein unermeßlicher Abgrund sollte hinfort die Seele unserer Heldin von ihrem früheren Selbst scheiden, das aus ihrer Mutter Tür getreten war, um sein Glück auf dem Geflügelhof von Trantridge zu versuchen.



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