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Aus der Welt der Literatur



2012-04-07
Georg Heym (Günter Kunert / aus: 'Berlin beizeiten' / Gedichte / Hanser Verlag / ISBN 3-446-14886-4 )

Vor hundert Jahren, am 16. Januar 1912, starb Georg Heym, der - erst 24jährig - ein bemerkenswertes literarisches, insbesondere lyrisches Werk hinterließ. So kurz sein Leben auch währte, so eindrucksvoll und nachhaltig erwies sich sein Schaffen, das bis auf den heutigen Tag nichts von seiner eigenartigen, ja, auch düsteren Faszination eingebüßt hat. Häufig wird an ihn erinnert, und immer wieder tauchen Texte von ihm auf, wird er aufs Neue das Objekt literarischer Wertungen und Betrachtungen, so auch in diesem Gedicht von Günter Kunert.

Heyms Texte sind in starkem Maße durchdrungen von Ängsten und Zweifeln, von Untergangsphantasien, von Todesahnungen und Vergeblichkeitsschmerz; lauter Empfindungen und Gefühle, wie sie im Grunde sein eigenes Leben widerspiegeln: Nur ein mittelmäßiger Schüler, sitzengeblieben, schließlich Abitur, hin- und hergerissen zwischen beruflicher Orientierungslosigkeit, unsteten Liebeleien und diffusen Zukunftserwartungen, früh gequält von Selbsttötungsgedanken, verkannt und mißverstanden, selbst von den Eltern, untüchtig für das Leben, wie sie es ihm zugedacht hatten. Er ertrank beim Schlittschuhlaufen auf der Havel. Merkwürdige Ironie des Schicksals: In seinem „Traum-Tagebuch“ schreibt Heym zwei Jahre zuvor über „grünes schlammiges, schlingpflanzenreiches Wasser“, in dem er versinkt. Doch während er in jenem Traum das rettende Ufer erreicht, kommt er in der Wirklichkeit im eisigen Havelwasser ums Leben. Waldarbeiter sollen eine halbe Stunde lang seine Hilferufe gehört haben; erst nach vier Tagen wurde er gefunden. Die äußeren Umstände sprachen dafür, daß er versucht hatte, den im Eis eingebrochenen Freund zu retten.

Auf den Grabstein setzten die Eltern nicht den Namen ihres Sohnes, sondern nur diese Inschrift:
„Ich habe Dich je und je geliebet,
darum habe ich Dich zu mir gezogen aus lauter Güte“ (Jer. 31.3)

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Georg Heym (Günter Kunert)


Dem träumte, daß er sank: In Grüne Fluten.
Und wenig später wars um ihn geschehn
in Wirklichkeit. Das läßt vermuten,
nur schlimme Träume dürfen in Erfüllung gehn.

Wir aber leben, ohne an den Tod zu glauben.
Wir lieben uns. Um unsern Leib webt Licht.
Und hören oder lesen nur von „Leben rauben“
und ahnen wahrlich, was da vorgeht, nicht.

So ziehn wir angespannt die Ufer suchend
wie er, wie jeder über dünnes Eis:
Gott und die Welt, die uns gebar, verfluchend,
doch völlig aussichtslos. (Wie man längst weiß.)











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