Die faszinierende Welt des Wortes
Aus der Welt der Literatur
Ihr Text
Ihre Favoriten
Top-Ten der Belletristik
Buch des Monats
Kontakt
Links
Autoren-Werkstatt
Kritikus
In eigener Sache
Login



Aus der Welt der Literatur



2011-05-11
Wer die Nachtigall stört (Harper Lee / Rowohlt Verlag)

Weltliteratur, brillant verfilmt mit Gregory Peck in der Hauptrolle als unbeugsamer, der Wahrheit verpflichteter Rechtsanwalt Atticus Fink. Bis zum heutigen Tage wollen die Stimmen nicht verstummen, die Harper Lees einziges Buch immer wieder mit Truman Capote und dessen mutmaßlicher Mitautorenschaft in Verbindung bringen. Sei´s drum. Eine große Geschichte, grandios erzählt in der Art, wie sie nur wenigen Autoren je gelingt. Noch heute, nach fünfzig Jahren, rührt das Buch an. Der Inhalt ist bekannt: Am Ende rettet ein geistig zurückgebliebener Mann, der unter seltsamen Umständen sein abgeschiedenes Leben fristet, die Tochter des Rechtsanwalts vor der rachsüchtigen mörderischen Attacke eines gewalttätigen Trinkers, indem er diesen in letzter Sekunde tötet.

Unvergeßlich bleiben – neben vielen anderen Begebenheiten – die beinahe finale Begegnung und der damit verbundene Dialog zwischen Sheriff Tate und Atticus Fink. Mr. Tate läßt nicht zu, daß in diesem Falle die ganze Wahrheit ans Licht kommt, denn sie würde das Leben des einfältigen, geistig verwirrten Mannes, der das Kind vor dem Schlimmsten bewahrte, unverantwortlich verändern und aus der Bahn werfen.

---------------------------------------------------------



Textauszug:

Mr. Tate wanderte hin und her, bemüht, seine schweren Schritte zu dämpfen. „Es ist nicht Ihre Entscheidung, Mr. Fink, sondern ganz allein meine. Es ist meine Entscheidung und meine Verantwortung. Ich weiß, Sie sind anderer Meinung, aber Sie können nicht viel gegen mich tun. Wenn Sie´s versuchen, werde ich Sie vor aller Welt einen Lügner nennen. Ihr Junge hat nie und nimmer Bob Ewell erstochen“, sagte er langsam, „davon kann keine Rede sein. Er wollte nichts weiter, als sich und seine Schwester in Sicherheit bringen.“
Mr. Tate unterbrach seine Wanderung und trat vor Atticus hin. Er stand so, daß er Boo Radley und mir den Rücken zukehrte. „Ich bin kein sehr guter Mensch, Mr. Fink, aber ich bin Sheriff von Maycomb County. Demnächst werde ich dreiundvierzig, und ebenso viele Jahre lebe ich schon in dieser Stadt. Ich weiß alles, was hier zu meinen Lebzeiten und früher passiert ist. Ein schwarzer Bursche hat wegen nichts und wieder nichts sterben müssen, und der Mann, der daran schuld hat, ist tot. Lassen Sie diesmal die Toten die Toten begraben, Mr. Fink. Lassen Sie die Toten die Toten begraben.“

Mr. Tate nahm seinen Hut, der neben Atticus lag, strich sich die Haare zurück und setzte den Hut auf.
„Ich habe nie gehört, daß es gesetzwidrig ist, wenn ein Bürger sein Äußerstes tut, um ein Verbrechen zu verhindern. Und das ist genau das, was er getan hat. Vielleicht werden Sie jetzt sagen, daß ich die Pflicht habe, die Sache öffentlich bekanntzugeben und nichts zu verschweigen. Aber wissen Sie, was dann geschieht? Alle Damen in Maycomb, nicht zuletzt meine Frau, werden an seine Tür klopfen und ihm Biskuittorte bringen. In meinen Augen, Mr. Fink, ist es eine Sünde, wenn man den menschenscheuen Mann, der Ihnen und der Stadt einen großen Dienst erwiesen hat, ins Rampenlicht zerrt. Es ist eine Sünde, und ich bin nicht gewillt, sie auf mich zu laden. Ja, wenn´s ein anderer wäre. Aber dieser Mann ... Nein, Mr. Fink.“
Mr. Tate versuchte, mit der Stiefelspitze ein Loch in die Dielen zu bohren. Er zupfte an seiner Nase und rieb sich den linken Arm. „Mit mir mag nicht viel los sein, Mr. Fink, aber ich bin noch immer der Sheriff von Maycomb County, und Bob Ewell ist in sein Messer gefallen. Gute Nacht, Sir.“
Er stapfte die Stufen hinunter, überquerte den Vorplatz, schlug die Wagentür hinter sich zu und fuhr davon.

Atticus saß unbeweglich und starrte auf den Fußboden. Endlich hob er den Kopf. „Scout“, sagte er leise, „Mr. Ewell ist in sein Messer gefallen. Kannst du das vielleicht verstehen?“
Atticus sah aus, als bedürfe er der Aufmunterung. Ich lief zu ihm, nahm ihn fest in die Arme und küßte ihn.
„Ja, ich verstehe es“, beteuerte ich. „Mr. Tate hat recht.“
Atticus schob mich ein wenig zurück, damit er mir in die Augen blicken konnte. „Wie meinst du das?“
„Nun, es wäre doch ungefähr so, als würde man eine Nachtigall stören, nicht wahr?“
Atticus zog mich an sich und rieb sein Gesicht an meinem Haar. Als er aufstand und über die Veranda ging, war sein Schritt wieder jugendlich. Bevor er das Haus betrat, blieb er vor Boo Radley stehen. „Ich danke Ihnen für meine Kinder, Arthur“, sagte er.



<- zurück
Impressum