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Aus der Welt der Literatur



2011-03-16
Jahrmarkt in Sorotschinzy (Nikolaj Gogol / Reclam Verlag / 'Erzählungen')

Es gibt sie, Gott sei Dank, immer noch, die „Reclam“-Hefte, klein und handlich, leicht in der Jackentasche zu transportieren. Sie erinnern schon fast wehmütig an die eigene Schulzeit. Ihre Welt sind die Klassiker. Und in einem dieser wunderschönen Heftchen taucht auch Nikolaj Gogol (1809 – 1852) auf, der zu den brillantesten, unnachahmlichen russischen Autoren jener Epoche gehört. Liest man ihn heute wieder, sucht man unwillkürlich nach Autoren seines Formats in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, wo die wahren Erzähler so schrecklich rar geworden sind.


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Jahrmarkt in Sorotschinzy (Nikolaj Gogol)



(Textauszug):

Ein seltsames, unbegreifliches Gefühl mochte sich eines Beobachters bemächtigen, wenn er sah, wie mit einem einzigen Bogenstrich des Musikanten im groben Tuchkittel mit langem, gezwirbeltem Schnurrbart alle sich, gewollt oder ungewollt, zu Einmütigkeit und Harmonie fanden. Menschen, auf deren mürrischen Gesichtern sich seit einer Ewigkeit kein Lächeln mehr hervorgewagt hatte, stampften mit den Füßen und zuckten mit den Schultern. Alles war in Bewegung. Alles tanzte. Ein noch seltsameres, noch unverständlicheres Gefühl aber mag sich wohl am Grunde der Seele hervorgewagt haben beim Anblick der alten Frauen, deren Greisengesichter bereits vom Gleichmut des Todes kündeten, die sich hier unter die jungen, lachenden, lebensfrohen Menschen mischten. Die Sorglosen! Auch ohne kindliche Freude, ohne auch nur einen Funken Anteilnahme veranlaßte sie allein der Rausch – so wie ein Mechaniker seine toten Automaten -, etwas Menschenähnliches zu tun. Und so wiegten sie leise ihre alkoholumnebelten Köpfe und tanzten hinter der lustigen Menge her, ohne dem jungen Paar auch nur einen Blick zu schenken. Der Lärm, das Lachen, die Lieder verklangen mehr und mehr. Die Musik der Fidel erstarb, immer leiser werdend, und entließ zunehmend unbestimmte Töne in die Leere des Raumes. Aus der Ferne hörte man noch ein Stampfen, das irgendwie an das Rauschen des Meeres erinnerte, und bald wurde alles still und leblos.

Entfliegt uns nicht auf gleiche Weise auch die Freude, der schöne, aber unbeständige Gast, und wähnt dann nicht auch vielleicht ein einsamer Laut, er könne Fröhlichkeit zum Ausdruck bringen? Das eigene Echo bereits kündet ihm von Wehmut und Trostlosigkeit, und er lauscht ihm beklommen. Verlieren sich nicht ebenso die ausgelassenen Freunde einer stürmischen und ungebundenen Jugend einer nach dem anderen in der weiten Welt, um am Ende ihren altgewordenen Bruder allein zurückzulassen? Öde fühlt sich der Einsame! Schwer und traurig wird ihm ums Herz, und es gibt nichts, womit man ihm helfen könnte.



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