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Aus der Welt der Literatur



2010-02-16
Die Brautprinzessin ( William Goldman / Klett-Cotta-Verlag / ISBN 3-608-93871-5 )

„Ein phantastisches Buch. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher“, sagt Cornelia Funke über „Die Brautprinzessin“, zitiert daraus in ihren eigenen Texten. Ein Märchenbuch, gewiß, ein Fantasy-Buch, natürlich, mit irrwitzigen Handlungssträngen und Übertreibungen. Voller Banalitäten und schieren Belanglosigkeiten, überquellend von Naivitäten und Unwahrscheinlichkeiten. Gerade deshalb spricht es vielleicht den geneigten Leser besonders an. Weil Einfaches und Kompliziertes meist nah beieinander liegen, das Simple die Welt oft besser erklärt als alles andere?

William Goldman, sehr viel bekannter als Drehbuchautor denn als Romancier, gelang 1973 mit „Die Brautprinzessin“ ein inzwischen weltbekanntes Buch, das 1977 erstmals ins Deutsche übersetzt wurde, doch bis zum heutigen Tage hierzulande von der Kritik mehr oder weniger hartnäckig ignoriert wird. Anderenorts dagegen errang der ursprünglich vom Autor als Kinder- und Jugendbuch angelegte Roman inzwischen in durchaus ernstzunehmenden Literaturkreisen häufig Kultstatus, während die eigentliche Zielgruppe – Kinder und Jugendliche – bei uns kaum etwas darüber weiß.

Goldman befaßt sich in seiner genialen Geschichte mit einem angeblichen Ur-Roman gleichen Titels aus ferner Vergangenheit, geschrieben von einem gewissen S. Morgenstern. Vom Mittelalter ist die Rede, doch Genaues über den sagenumwobenen Autor wie die vermeintliche Urfassung des Werkes findet sich offenbar nirgendwo an. Man darf wohl davon ausgehen, daß „Die Brautprinzessin“ erstmals aus Goldmans Feder erstand, und zwar in Gänze, alle Vergangenheitsbezüge und sonstiges Beiwerk seiner bewundernswerten Phantasie entstammen.

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Textauszug Nr. 2 (Siehe auch „Aus der Welt der Literatur“ vom 29.04.09).
Hier nun geht es um den Wunderheiler Max ......




„Laß die doch klauen, was sie wollen; wir haben doch nichts, weshalb sollen wir mit denen streiten?“
„Die wollen nicht klauen, die wollen kaufen. Von mir. Sie haben eine Leiche dabei und wollen ein Wunder.“
Bei Toten warst du immer gut“, sagte Valerie. Sie hatte ihn noch nie so bemüht gesehen, seine Aufregung zu verbergen, seitdem die Entlassung (Anmerkung: als des Königs Wunderheiler) ihn beinahe erledigt hatte. Ihre eigene Aufregung behielt sie sehr sorgsam in der Gewalt. Wenn er doch nur wieder arbeiten würde. Ihr Max war solch ein Genie, alle würden sie zurückkommen, jeder einzelne Patient. Max würde wieder angesehen sein, und sie könnten aus dieser Hütte ausziehen. Früher hatte ihnen die Hütte nur als Versuchslabor gedient, jetzt war sie ihr Zuhause. „Du hattest doch nichts Dringendes vor heute abend, warum übernimmst du nicht den Fall?"
„Ich könnte schon, ich geb´ es zu, ohne Frage, aber stell´ dir mal vor, ich würde es tun? Du weißt, wie die Menschen sind; die versuchen wahrscheinlich abzuhauen, ohne zu zahlen. Wie soll ich denn einen Riesen zwingen zu zahlen, wenn er nicht will? Wozu sollen wir uns die Sorgen machen? Ich schick´ sie weg, und du bringst mir eine schöne Tasse Schokolade. Übrigens, ich war gerade halb durch mit einem Artikel über Adlerklauen, war sehr gut geschrieben.“
"Laß sie doch im voraus bezahlen. Geh´ hin, verlang´ es. Wenn sie nein sagen, dann raus mit ihnen. Wenn sie ja sagen, bring´ das Geld hier herunter, und ich laß es den Frosch verschlucken. Das finden die nie, auch wenn sie es sich anders überlegen und es uns wieder wegnehmen wollen.“

Max machte sich daran, die Leiter wieder hinaufzusteigen. „Was soll ich verlangen? Ich habe keine Wunder mehr gemacht – wie lange ist das jetzt her, drei Jahre? Die Preise sind womöglich senkrecht hochgegangen. Fünfzig, was meinst du? Wenn sie fünfzig haben, überleg´ ich mir´s, wenn nicht, dann raus mit ihnen.“
„Richtig“, stimmte Valerie zu, und kaum hatte Max die Falltür von oben geschlossen, da stieg sie auch schon leise die Leiter hinauf und drückte das Ohr an die Decke.
„Herr Professor, wir sind furchtbar in Eile, daher ....“, sagte die eine Stimme.
„Drängeln Sie mich nicht, Freundchen! Drängeln Sie einen Wunderheiler, und Sie kriegen schlechte Wunder, wollen Sie das?“
„Sie machen es also?“
„Ich hab nicht gesagt, ich mache es, Freundchen, drängeln Sie nicht schon wieder, nicht mich; wenn Sie noch mal drängeln, können Sie gehen. Wieviel Geld habt Ihr denn?“
„Gib mir dein Geld, Fezzik“, sagte dieselbe Stimme wieder.
„Das ist alles, was wir haben“, dröhnte eine tiefe Stimme, „zähl´ mal, Inigo.“
Es gab eine Pause. „Fünfundsechzig Florinen haben wir“, sagte der eine, der Inigo hieß.
Valerie wollte schon vor Freude in die Hände klatschen, als Max sagte, „für so wenig hab´ ich noch nie im Leben gearbeitet, wollen Sie mich veralbern, entschuldigen Sie, ich muß meine Hexe aufstoßen lassen, sie wird jetzt mit dem Essen fertig sein.“
Valerie eilte wieder zum Kohlenfeuer und wartete, bis Max kam.
„Nicht gut“, sagte er. „Sie haben nur zwanzig.“
Valerie rührte im Feuer herum. Sie kannte die Wahrheit und fürchtete sich davor, sie aussprechen zu müssen, so versuchte sie es anders. „Wir haben praktisch kein Schokoladenpulver mehr, zwanzig wären sicher eine ganz schöne Hilfe morgen beim Krämer.“
„Kein Schokoladenpulver mehr?“ sagte Max, sichtlich verdrossen. Schokolade war eine seiner Lieblingsspeisen, gleich nach Hustenbonbons.
„Vielleicht, wenn es für eine gute Sache wäre, dann könntest du so großzügig sein und für zwanzig arbeiten“, sagte Valerie. Frag´ doch mal, wozu sie das Wunder brauchen.“
„Die lügen doch sicher.“
„Dann nimm doch den Blasebalg, wenn du Zweifel hast. Hör´ mal, ich möchte das nicht gern auf dem Gewissen haben, daß wir eine Wunderbehandlung verweigern, wenn es für anständige Leute ist.“

„Du hast einen Ehrgeiz!“ sagte Max, aber er stieg wieder die Leiter hinauf. „Gut“, sagte er zu dem Dünnen. „Was ist denn nun Besonderes mit ihm? Warum soll ich bei all den Hunderten von Leuten, die jeden Tag Wunder von mir wollen, gerade diesen einen Burschen zurückholen? Und, glauben Sie mir, es muß schon ein Grund sein, der es wert ist.“
Inigo wollte schon sagen, „damit er mir sagen kann, wie ich den Grafen Rugen töte“, aber das war wohl nichts, wovon so ein störrischer Wunderheiler gleich einsehen würde, daß es zum allgemeinen Wohl der Menschheit erforderlich sei, und so sagte er, „er hat ein Weib und fünfzehn Kinder, sie haben keinen Bissen zu essen, und wenn er tot bleibt, dann müssen sie verhungern, also bitte ...“
„Na, Freundchen, sind Sie ein Lügner!“ sagte Max, trat in eine Ecke und holte einen mächtigen Blasebalg hervor. „Ich werde ihn selber fragen“, knurrte er und trug den Blasebalg zu Westley hinüber.
„Er ist eine Leiche, er kann doch nicht reden“, sagte Inigo.
„Wir haben unsere Methoden“, war alles, was Max antwortete, und dann steckte er Westley den großen Schlauch des Blasebalgs in den Hals und fing an zu pumpen. „Sehen Sie“, erklärte er, während er pumpte, „es gibt verschiedene Grade des Totseins, es gibt irgendwie tot, überwiegend tot und ganz tot. Der Junge hier ist nur irgendwie tot, das heißt, da sind noch Erinnerungen drin, noch etwas Hirn. Man drückt hier ein bißchen, da ein bißchen, und manchmal kommt man zu Ergebnissen.“





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