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Aus der Welt der Literatur



2009-10-13
Das Löwenmädchen ( Erik Fosnes Hansen / Kiepenheuer & Witsch / ISBN 3-462-03973-3)

Eva ist anders als die anderen, kam anders auf die Welt, eine Laune, eine böse Laune der Natur. Ihr bleiben die dichten Haare am ganzen Körper erhalten, die jedes Baby im Mutterleib einhüllen, doch sie wirft sie nicht ab vor der Geburt, sie nimmt sie als Fell mit in die Welt hinaus, die ihr fortan nicht zugetan sein wird, obwohl sie sonst nichts unterscheidet von den Menschen. Eine Welt, die sie demütigt, quält, sie ausgrenzt, verspottet, obwohl sie nichts unversucht läßt, von ihr aufgenommen und akzeptiert zu werden, so wie sie ist. Es hilft ihr nichts, sie bleibt eine Ausgestoßene, eine Stigmatisierte, und am Ende weiß sie, daß es kein Entkommen aus ihrer Isolation gibt. Nur für eine schmerzhaft kurze Zeit erlebt sie als Heranwachsende mit einem Jungen, der sich ihr zuwendet, der sie nicht meidet, ein kleines Glück, entdeckt sie bei sich bislang unbekannte Gefühle.

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Textauszug:

Dieser Kuß währte einen ganzen Frühsommer, während das Schuljahr seinem Ende zuging, mit Liedern und Kirchengesängen und Zeugnisverteilung, und das war mir jetzt alles herzlich egal, und immer noch küßten wir uns, nur noch öfter als zuvor, und am Ende konnte ich recht gut schwimmen, und bald spritzte er mir weißen Samen in die Hand. Das war ein interessanter Anblick, er wurde ganz seltsam und zuckte und atmete mir schwer ins Nackenfell. Aber solange er die Augen nicht aufmachte und keiner von uns beiden ein Wort sagte, war es, als ob nichts vorgefallen wäre, es galt irgendwie nicht, und ich konnte mit meinen Untersuchungen fortfahren.

Papier errötet nicht, der Fuchs ist immer rot aus Scham über seine vielen Missetaten, ich selbst bin von unbestimmbarer Farbe, doch wie ich es auch drehe und wende, der Gedanke an diese Wochen bebt wie ein junger Fuchs in mir, und ich glaube, es gibt keine Liebe außer der ersten. Aber das wußte ich damals nicht, das weiß ich erst jetzt, denn was dachten wir damals schon? Er mag mich, dachte ich, er findet mich hübsch, dabei ist er selbst so hübsch; viel mehr dachte ich wohl nicht, sondern öffnete den Mund, zog seine Hand zu mir, damit er mein Weiches und meine Lust erfühlen konnte. Wenn ich die Augen schließe, sind da nur diese ganz einfachen, schlichten Bilder, und der Rotfuchs zappelt in mir, ein Junge und ein Mädchen an einem Teich, naß vom Baden, sie tun, was die Natur ihnen sagt, das sie tun sollen, sie tun, was das Jucken an verschiedenen Stellen ihnen sagt, und abgesehen davon, daß sie ein Fell hat, sind sie wie zwei Tiere, oder vielleicht eher wie eineinhalb Tiere, und wäre alles anders gewesen, dann wäre alles ganz normal gewesen. Vielleicht hätte sie sich irgendwann mit ihm verlobt, was weiß ich.

Denn abgesehen davon, daß er nicht gerade ein Bücherwurm war, sehe ich, wenn ich ihn ansehe, einen selbstsicheren, hübschen, vielleicht etwas langweiligen, aber zuverlässigen und freundlichen Bauernjungen. Damals sah ich nur seine Schönheit, den glatten, sehnigen Körper, das blaue Lächeln, die rauhe, saubere Zunge, sein schlankes Glied, das zitterte wie in einem Schmerz, von dem er sich nicht befreien konnte, aber den ich von ihm nahm, wann immer ich wollte. Ich trank diesen Sommer, schwindlig und trunken und verträumt, als würde ich nicht ganz glauben, daß das alles wirklich war.



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