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Aus der Welt der Literatur



2008-09-22
Die Schönwetterhexe (Deutsche Balladen / Reclam Verlag / ISBN 3-15-008501-2)

Halb Gedicht, halb Erzählung, so kommen Balladen daher, oft auch als schaurigschöne Moritat des Bänkelsängers. In den Schulen kaum noch gelehrt und gelernt, geraten sie mehr und mehr in Vergessenheit.
Max Mell (1882 – 1971) war österreichischer Staatsangehöriger, studierte in Wien Germanistik und Kunstgeschichte und befaßte sich bereits in jungen Jahren hauptsächlich mit Literatur und Theater. Erste Arbeiten datieren aus der Zeit um 1900. Die politische Entwicklung, namentlich in seinem Heimatland, prägte sein Leben wesentlich. Als sogenannter „Einjährig-Freiwilliger“ zog er in den Zweiten Weltkrieg. Vom Vorwurf, zumindest zeitweilig mit dem Nationalsozialisten Hitler-Deutschlands sympathisiert zu haben, konnte oder wollte er sich zeitlebens nicht befreien.

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Die Schönwetterhexe (Max Mell)

Irgendwo im Laub hat sie gelacht,
und es glänzt von ihren blanken Augen!
Und der Jüngling läßt sein schönes Liebchen,
hat sich nach der Hexe aufgemacht.
Und ihm dünkt, daß er die Fährte fand;
hier im Wald dies ist ihr goldner Fußtritt,
dort die Blume trägt die Zauberbotschaft,
denn durchleuchtet ist des Kelches Wand!
Schleicht er vor, so gängelt ihn ein Falter,
morgenfrisch, wie er noch keinen sah,
Sonnendisteln nisten längs des Weges,
eine jede ist ein strahlend Ja!
Fort! Ihr nach! Da jauchzt er hingerissen:
eine Felsenbühne öffnet ihm
ihre prangenden Kulissen,
und er geht durch sie mit Ungestüm.
Rieseln einmal Steinchen durch die Stille,
ihre flinke Sohle hats getan!
Dort im Winkel ihre schneegewobne Hülle!
Und die Hexe schritt ihm nackt voran!
Und ihm tobt das Herz. Ich faß dich droben!
Doch beklommen tritt er und allein
in ein Blau, das furchtbar ferngehoben,
und nur Moos umdorrt den Gipfelstein.
Schmelz von Wangen, Schmelz der schönsten Glieder
an die ungeheure Welt verteilt –
Wohin jetzt? Und bange späht er nieder,
ahnend, daß ihm nichts die Sehnsucht heilt.
Starrt, wie blendend von den Gipfelgrenzen
bis zum tiefen See der Abend quillt,
und er weiß nicht, flog sie in sein Glänzen,
oder sank sie in sein Spiegelbild.







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