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Aus der Welt der Literatur



2008-07-07
Moby-Dick (Herman Melville / Claassen Verlag / ISBN 3-546-46479-6)

Seit der Mensch dem Wal nachstellt, gab es immer wieder Meldungen über Angriffe der Tiere auf ihre Jäger, die ihnen oft tagelang folgten, bevor sie aus kleinen Beibooten ihre Harpunen auf den riesenhaften Fisch schleuderten, der keinen Fluchtreflex kannte und sich des ihm drohenden Verhängnisses bis zuletzt nicht bewußt war. Die Attacken der Wale, zumeist Pottwale, erfolgten dennoch wohl eher selten. Doch beruhten die Erzählungen überhaupt auf Tatsachen, auf realen Vorkommnissen? Oder hatte man es mit Legenden, mit Märchen, mit Übertreibungen von Matrosen zu tun, mit „Seemannsgarn“, das in verrauchten Hafenkneipen gesponnen wurde? Einerlei, eine Reihe von Wal-Angriffen ist unbestritten und nachgewiesen; man kennt Namen gesunkener Schiffe, weiß um die Zahl ihrer umgekommenen Seeleute, hörte die schreckensvollen Berichte von Überlebenden.
Doch waren es wirklich Angriffe auf den Menschen? Oder setzte sich vielmehr da und dort die Kreatur, sich ihrer Mächtigkeit und - damaligen - Überlegenheit bewußt werdend, nur zur Wehr? Schlug sie nur zurück? Und das zu Recht?

Herman Melville (1819 – 1891) zählt zu den Autoren, deren Ruhm erst nach ihrem Tod entsteht. In frühen Jahren fuhr er zur See, war u. a. Matrose auf einer Fregatte der amerikanischen Marine und heuerte auf mehreren Walfängern an. 1851 erschien der Roman „Moby-Dick“ („Moby-Dick or The Whale“), und als Melville 1891 in seiner Heimatstatt New York einsam und nahezu unbekannt starb, waren ganze dreitausend Exemplare des Buches verkauft, das sich Jahrzehnte später zum Welterfolg entwickeln, zu einem der bedeutendsten Klassiker der Weltliteratur schlechthin aufsteigen sollte. Selbst der erste Satz des Romans schrieb Literaturgeschichte, zählt er doch noch heute zu den genialsten, den schönsten seiner Art: „Nennt mich meinethalben Ismael.“

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Textauszug:



Der Wal tauchte unter dem sinkenden Schiff hindurch, daß es im Kiel erzitterte. Dann kehrte er um und kam weit ab an Backbord, nur einen Sprung von Ahabs Boot entfernt, plötzlich wieder herauf. Dort blieb er eine Weile ruhig liegen.

„Nun wend ich mich ab von der Sonne. Tashtego, was schweigt dein Hammer? Ach, ihr drei Masten, meine unbesiegten Türme, du unversehrter Kiel, du unerschrockener Rumpf, bist nur erschrocken vor einem Gott! Ach, du mein festes Deck, mein Ruder, du Bug, nach dem Pol gerichtet – mein todverklärtes Schiff, geht du nun unter ohne mich? Bleibt mir der letzte, beste Stolz eines Schiffers verwehrt? Nach dem einsamen Leben nun noch ein einsamer Tod? Jetzt fühl ich´s, unselig bin ich wie kein zweiter und darum groß. Strömt herbei aus fernster Ferne, all ihr Wellen meines nun verflossenen Lebens, und schwellt mir die eine himmelhohe Woge, die mich fällen soll. Dir, Wal, treibt sie mich zu, du magst mich vernichten, wie du alles zerstörst – überwinden wirst du mich nie! Bis ans Ende ring ich mit dir, aus der tiefsten Hölle noch stoß ich nach dir, mit dem letzten Atemzug spei ich dir meinen Haß ins Gesicht. Ins Massengrab mit allen Bahren und Särgen, mir ist ja keines von beiden gegönnt. So hetz ich dich, bis mich die Leine in Stücke reißt, die mich an dich bindet, du verfluchter Wal! Da hast du mein Eisen!“

Die Harpune zischte, der getroffene Wal jagte davon, durch die Rundsel fuhr in sengender Schnelle die Leine aus und vertörnte sich. Ahab bückte sich, um sie zu klarieren, es gelang ihm, aber die freigewordene Bucht schlang sich um seinen Hals, und ehe die Männer sich´s versahen, war er über Bord gerissen, ohne einen Laut, als hätte einer von den Stummen des Orients ihn erdrosselt. Gleich darauf flog das letzte Ende der Leine mit dem schweren Augspleiß heraus, schlug einen der Männer nieder, klatschte aufs Wasser und verschwand in der Tiefe.

Einen Augenblick waren die Männer wie gelähmt, dann schauten sie sich um. „Das Schiff! Großer Gott, wo ist das Schiff?“ Undeutlich sahen sie es durch wallende Wasserschleier hindurch überholen und wie eine Fata Morgana verfließen. Nur die obersten Stengen waren noch über Wasser. Die heidnischen Harpuniere hatten die ragenden Toppen nicht verlassen und hielten noch im Sinken Ausguck über das Meer – aus Trotz? Aus Treue? Um ihr Schicksal zu erfüllen? Doch jetzt wurde auch das einsame Boot mit seiner ganzen Besatzung und jeder treibende Riemen und jeder Lanzenschaft in den strudelnden Kreis hineingezogen und Beseeltes und Unbeseeltes miteinander umgewirbelt, bis von der „Pequod“ kein Span mehr zu sehen war.

Über dem Kopf des versunkenen Indianers schlugen die Wasser zusammen. Nur noch das kurze Stück Großmast war sichtbar, an dem die Flagge in lächelndem Gleichmaß mit den todbringenden Wogen noch eben lang über sie hinwehte, als sich ein rückwärts ausholender roter Arm mit einem Hammer in der Hand aus dem Meere reckte, um sie fester an den Mast zu nageln. Eine Raubmöwe war aus ihrer Heimat zwischen den Sternen dem Mast wie zum Spott in die Tiefe nachgeschossen. Zudringlich hatte sie Tashtego umkreist und nach der Flagge gepickt und geriet nun mit der flatternden Schwinge zwischen Hammer und Holz. Der Wilde spürte noch im Wasser, wie der zarte Flügel zuckte, dann erstarrte seine Hand und mit ihr der Hammer am Mast. Wie ein Erzengel schrie der Himmelsvogel auf und stieß mit dem königlichen Schnabel in die Luft, dann ging er unter, den gefesselten Leib in Ahabs Flagge gehüllt, gemeinsam mit Ahabs Schiff, das sich so lange wie ein Teufel gewehrt, zur Hölle zu fahren, bis es sich als Helm dies Stück Himmel aufgestülpt und mit sich hinabgerissen hatte.

Kreischend schwirrten die Möwen über dem gähnenden Schlund; gegen seine steilen Wände brandete brausend der weiße Gischt. Dann stürzte alles in sich zusammen, und das weite Leichentuch des Meeres wallte fort wie seit fünftausend Jahren.








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