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Aus der Welt der Literatur



2003-06-09
Wer die Nachtigall stört (Harper Lee; Rowohlt Verlag; Hamburg)

Unvergeßlich Gregory Peck in der Rolle des Atticus.

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Textauszug:

Der feine Regen legte sich wie ein Schleier über das Licht der Straßenlaternen. Auf dem Heimweg fühlte ich mich uralt, bis ich entdeckte, daß meine Nasenspitze mit winzigen feuchten Perlen übersät war. Aber das Schielen machte mich schwindlig, also ließ ich es sein. Auf dem Heimweg überlegte ich, was ich Jem morgen alles erzählen mußte. Er hatte so viele aufregende Sachen verpaßt, daß er vor Wut tagelang nicht mit mir reden würde. Auf dem Heimweg sagte ich mir, daß Jem und ich nun bald erwachsen wären und nicht mehr viel zu lernen hätten, höchstens Algebra.
Ich lief die Treppe hinauf ins Haus. Tante Alexandra war schlafen gegangen, und auch bei Atticus brannte kein Licht. Ich wollt nach Jem sehen, schlüpfte in sein Zimmer und fand dort Atticus. Er saß neben Jems Bett und las in einem Buch.
"Ist Jem schon zu sich gekommen?"
"Er schläft fest und ruhig. Vor morgen früh wacht er bestimmt nicht auf."
"Aha. Bleibst du bei ihm?"
"Nicht die ganze Nacht. Vielleicht noch eine Stunde. Geh zu Bett, Scout. Du hast einen langen Tag hinter dir."
"Ach, weißt du, ich möchte dir gern noch ein Weilchen Gesellschaft leisten."
"Wie du willst", sagte Atticus freudlich. Ich wunderte mich, daß er so ohne weiteres zustimmte, denn Mitternacht mußte längst vorüber sein. Er war jedoch schlauer als ich: Kaum saß ich, überwältigte mich die Müdigkeit.
"Was liest du denn?" fragte ich schläfrig.
Atticus drehte das Buch um. "Es gehört Jem und heißt 'Das graue Gespenst'."
Plötzlich war ich hellwach. "Warum hast du dir gerade das geholt?"
"Ich weiß nicht, Kleines. War mehr oder weniger Zufall. Eines der wenigen wertvollen Bücher, die ich noch nicht kenne", fügte er anzüglich hinzu.
"Lies es mir vor, Atticus, bitte. Es ist so schön gruselig."
"Nein, du hast dich fürs erste genug geängstigt. Dieses Buch ist viel zu..."
"Ich habe gar keine Angst gehabt, Atticus." Als ich sah, daß er die Augenbrauen hochzog, versicherte ich hastig: "Kein bißchen Angst, jedenfalls nicht, bevor ich anfing, Mr. Tate davon zu erzählen. Und Jem hat auch keine Angst gehabt. Ich fragte ihn, und er sagte nein. Wirklich gruselige Sachen gibt´s ja überhaupt nur in Büchern."
Atticus öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, schloß ihn aber wieder. Er zog den Daumen aus der Mitte des Buches und schlug die erste Seite auf. Ich rückte dicht an ihn heran und lehnte den Kopf an sein Knie. Er räusperte sich und begann: " 'Das graue Gespenst', von Seckatary Hawkins. Kapitel eins..."
Ich hatte den festen Willen, wach zu bleiben, aber das Rauschen des Regens war so eintönig, das Zimmer so warm, die Stimme meines Vaters so tief, sein Knie so behaglich, daß ich einschlief.
Sekunden später, wie es mir schien, stieß mich sein Schuh sanft in die Rippen. Er richtet mich auf und führte mich in mein Zimmer. "Hab jedes Wort gehört", murmelte ich. "Hab gar nicht geschlafen. Da war ´n Schiff...und Drei-Finger-Fred....und Stoners Junge..."
Er hakte meine Latzhose auf, lehnte mich an sich und zog sie mir aus. Während er mich mit einer Hand festhielt, griff er mit der anderen nach meinem Schlafanzug.
"Ja, und sie haben alle geglaubt, es wäre Stoners Junge, der ihr Klubhaus beschmutzt und mit Tinte bekleckst hatte, und..."
Er legte mich ins Bett und schob meine Beine unter die Decke.
"Sie haben ihn verfolgt und konnten ihn nie erwischen, weil sie nicht wußten, wie er aussah, und als sie ihn endlich zu Gesicht bekamen - du, Atticus, der hatte das alles gar nicht getan...Er war nett, Atticus, so nett..."
Seine Hände streiften mein Kinn, als er die Decke hochzog und um mich herum feststopfte.
"Das sind die meisten Menschen, Scout, wenn man sie endlich zu Gesicht bekommt."
Atticus dreht das Licht aus und ging in Jems Zimmer. Ich wußte, er würde die ganze Nacht drüben bleiben, und er würde dasein, wenn Jem am Morgen erwachte.



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