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Aus der Welt der Literatur



2008-03-19
Das Erzählen und die guten Absichten / Sten Nadolny / Piper / ISBN 3-492-11319-2

Sten Nadolny schrieb außer seinem Welterfolg „Die Entdeckung der Langsamkeit“ noch andere wunderbare Texte, unter anderem das hier auszugsweise vorgestellte schmale Büchlein über seine fünf Gastvorlesungen 1990 an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Darin ging es um das Warum und Wie des Romanschreibens, um das Autoren-Dasein schlechthin. Er schont weder sich selbst noch andere bei seiner Analyse und Deutung der Beweggründe, die Menschen zur Feder greifen lassen, um sich an der Abfassung eines Romans zu versuchen. Sachlichkeit im Wechsel mit Ironie, munter-humorvolles Erzählen und schnörkellose Wertung. Viele werden seine Überlegungen nachempfinden, sich in ihnen zumindest stellenweise wiederfinden. Eine möglicherweise mitunter durchaus schmerzhafte Prozedur.

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(Textauszug aus den „Münchner Poetikvorlesungen“, 2. Tag – 03.07.90)




..................."Der Junge ist ein wenig enttäuscht, wenn Erwachsene oder neuere Lexika seine Kenntnisse korrigieren und wenn er etwa befürchten muß, daß sich die kanadische Insel Anticosti, so groß wie Zypern, mit ihren einsamen Birkenwäldern und Torfmooren leider nicht mehr im Besitz des Pariser Schokoladenfabrikanten Menier befindet, der sie 1895 für 25000 Pfund Sterling gekauft hat. Oh, das steht alles wirklich drin! Mit diesem Menier verbindet den Jungen längst eine große Freundschaft.

Die Schule bringt ihm währenddessen bei, wie man Besinnungsaufsätze schreibt, die einer Gliederung folgen. Er lernt Begriffe zu definieren, Erwachsenen zu widersprechen und Mitschülern etwas weiszumachen. Er lernt die Ungerechtigkeit hassen und die Dummheit derer, die sich von der Wahrheit nicht beeindrucken lassen. Das scheint ihm überhaupt die größte Ungerechtigkeit: daß ältere Leute eine durch nichts erschütterbare Selbstsicherheit haben, die, wie er findet, nur auf Vorurteilen beruht. Daß die einen, die etwas wissen, kein Gehör finden und daß andere, die ganz dumm sind, das Sagen haben.

Er will schreiben. Er sucht nach Figuren, in denen sich das Übel zeigen und besiegen läßt und mit denen er auch seinen eigenen Haß besiegen kann: Menschen, die die Wahrheit verkennen, ihr dann doch noch rechtzeitig folgen, nachdem sie die Dummen und die Bösen und vor allem die feigen Verräter abgeschüttelt haben. Er will zeigen, daß die Wahrheit und Moral sich lohnen, daß sie zu Glück und Erfolg führen. Und Schriftsteller will er sowieso werden, da ist man berühmt.
Über dem Abitur, dem Führerschein, dem Militärdienst vergißt er diese Pläne glücklicherweise etwas und studiert nicht Germanistik. Seine wenigen Schreibversuche scheitern, ebenfalls ein Glück, weil er mit seinen Texten die Menschheit ändern will. Diese verbittet sich das und sendet ihm, wenn er Rückporto beigelegt hat, das Manuskript zu ihrer Entlastung wieder zu.

Er ergreift einen anstrengenden, aber einträglichen Beruf, und alles könnte in Ordnung sein, fiele sein Blick nicht an einem regnerischen Urlaubstag, kurz nach seinem vierzigsten Geburtstag, auf den "Großen Meyer" mit den Goldbuchstaben. Es wäre ein Titel für einen Roman, denkt er: „Glashütte bis Hautflügler“. Irgendwie poetisch. Und welch eine riesige Spannweite, wieviel Welt tut sich auf zwischen der Uhrenfabrikation der Stadt an der Müglitz (2274 Einwohner im Jahre 1900) und jenen „Kerbtieren mit beißenden und leckenden Mundteilen, vollkommener Metamorphose und häutigen Flügeln, meist mit Giftstachel ausgestattet, vulgo Wespen, Hornissen, Bienen und Hummeln“.

Glücklicherweise kann er es sich inzwischen leisten, die Schriftstellerei ohne Aussicht auf Honorar zu betreiben. Es ist nur noch wichtig, sich das Projekt nicht madig machen zu lassen, etwa durch die Frage: „Was willst du denn überhaupt erzählen?“ Das weiß er nicht, er weiß nur, daß es kein gutes Omen wäre, wenn er diese Frage beantworten könnte. Er hat doch eine Idee! Und er sollte nicht Fragen von Menschen zu beantworten versuchen, die außerstande sind, eine Idee auch nur zu erkennen. Natürlich zweifelt er auch selbst manchmal, ob es eine Idee sei, aber er möchte in diesem Zweifel nicht von den Falschen unterstützt werden. Er hat bei dem Titel und dem mutmaßlichen Stoff ein schwer bestimmbares Gefühl der Wärme und Dankbarkeit. Und: etwas Rätselhaftes spielt mit, etwas Gehirnforscherliches oder ein Zusammenhang mit den dunklen Gesetzen der Kreativität.
Ab jetzt sinnt er hin und her: Was für eine Geschichte könnte es geben, in der der Band „Glashütte bis Hautflügler“ eine Rolle spielt und in der die versunkene Welt von 1900 und das Erlebnis mit ihr in den fünfziger Jahren eingefangen werden könnten – und zugleich die Welt überhaupt?
Ich werde darstellen, wie es dem Autor von „Glashütte bis Hautflügler“ weiter ergeht und warum er nach so langer Pause unverhofft in der Lage sein könnte, einen ganz ausgezeichneten Roman zu schreiben. Wenn er es denn schafft, dann hängt es jedenfalls damit zusammen, daß er zur Inspiration ein liebe- und respektvolles Verhältnis gefunden hat. Warum und wie, weiß er in keinem Fall, und das ist auch nicht wichtig. Es ist eines Tages da und mehrt seine Kräfte. So denkt er, und so hofft er.

Damit lasse ich ihm jetzt für kurze Zeit allein – ich möchte nämlich zwischendurch etwas anderes erzählen......."





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