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Aus der Welt der Literatur



2007-05-14
Die Kinderkarawane (An Rutgers / DTV / ISBN 3-423-07181-8)

An Rutgers schrieb diesen Roman, ein Jugendbuch, vor mehr als fünfzig Jahren nach einer wahren Begebenheit, die sich in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zutrug, als Siedler in den Westen Nordamerikas vordrangen, um das wilde, unerschlossene Land zu erobern und dort ein neues Leben zu beginnen. Auf dem gefährlichen, entbehrungsreichen Treck verlieren sieben Kinder, darunter ein Neugeborenes, ihre Eltern. John, mit dreizehn Jahren der Älteste von ihnen, selbst noch ein Kind, treibt seine Geschwister weiter, schreit, wütet, schlägt, doch einzig, um seine Schwestern, seine Brüder, die er liebt, vor dem Untergang, vor dem sicheren Tod zu retten. Am Ende, am Ziel, in Sicherheit, bricht er zusammen, wird er wieder zum Kind. Das Buch führt vor Augen, zu welchen unglaublichen Leistungen, zu welcher Selbstaufgabe und Selbstverleugnung Kinder fähig sind, wenn sie auf sich allein gestellt, sich selbst überlassen sind. Beklemmende Beispiele der Gegenwart, wo Kinder von ihren Eltern verlassen wurden, der Verwahrlosung preisgegeben, und sich dennoch nicht aufgaben, stellen dies eindrucksvoll unter Beweis.

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Textauszug:

Die ganze Nacht wachte Narzissa Whitman, den Säugling im Schoß. Schultern und Rücken taten ihr weg, ihre Augen brannten. Aber sie sammelte all ihre Kraft, um dieses Kind am Leben zu erhalten.
Zu ihren Füßen schlief John auf einem Fell. Auch er war gewaschen und steckte in sauberen Kleidern. Doktor Whitman lag auf einem Feldbett daneben, die Hände unter dem Kopf, mit offenen Augen. Er brauchte John nicht zu sehen, um seine Anwesenheit ständig zu spüren. Von diesem Jungen strahlte eine solche Kraft, ein so starker Wille aus, wie er es noch nie erlebt hatte. Zuerst hatte ihm der Junge kühle Bewunderung abgenötigt durch eine Leistung, die fast unglaublich war. Ein Tyrann, ein Gewaltmensch mußte dieser John Sager sein – das war sein erster Eindruck gewesen. Und jetzt?

Doktor Whitman lächelte im Dunkeln. Bevor sie schlafen gegangen waren, war John zu ihm gekommen. Er fühlte noch den Kopf des Jungen an seiner Schulter. „Nehmen Sie mir diese Last ab“, hatte John geschluchzt. „Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr. Sie haben mich nicht mehr lieb. Sie haben nicht begreifen können, daß ich so hart zu ihnen sein mußte. Und ich hab sie doch so lieb ... Ich hab sie vorwärts getrieben, ich hab sie geschlagen ...Und jetzt sind wir hier und sie haben mich nicht mehr lieb! Bitte, wollen Sie unser Vater werden? Ich kann nicht mehr. Wollen Sie, bitte?“
Doktor Whitman hatte ihm den Rücken geklopft und ihm beruhigend zugesprochen. Doch das hatte nicht genügt. John hatte seine Frage wiederholt, dringend, flehend, mit forschenden Augen.
"Wollen Sie unser Vater sein? Ich möchte mit den Geschwistern ...ich möchte wieder mit ihnen - spielen." Das Letzte war ganz leise herausgekommen. Wie ein Geständnis.



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