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Aus der Welt der Literatur



2007-01-07
Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung (Philippe Claudel / Kindler Verlag / ISBN 3 463 40498 2)

Kriege, Sinnbilder für Katastrophen, Tragödien, für Unsägliches. Sie verändern die Menschen, über die sie hereinbrechen, lassen sie verstummen oder verwandeln sie zu sonderbaren Wesen, nehmen ihnen nicht selten am Ende den Verstand. Philippe Claudel, der bereits mit „Die grauen Seelen“ 2003 einen bemerkenswerten, überaus erfolgreichen Roman ablieferte, schrieb erneut ein Buch, das in Frankreich monatelang auf der Bestsellerliste stand. Einfache Sätze, oft auf den ersten Blick ans Naive grenzend, doch gerade darin liegt, in Anbetracht der erzählten Geschichte, ihr eigentlicher Zauber.


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Textauszug:

Der alte Mann hat ihn verstanden. Vorsichtig legt er seinen Kopf wieder auf den Asphalt. Der dicke Mann ergreift seine Hand. Eine wohltuende Wärme geht von dieser Hand auf ihn über. Monsieur Bark möchte die Leute umarmen, die um ihn herumstehen, all die Unbekannten, die er wenige Augenblicke zuvor noch am liebsten niedergeschlagen hätte. Sein Freund lebt. Er lebt! So kann es also auch sein, denkt er. Manchmal geschieht ein Wunder, manchmal, wenn man glaubt, alles um einen herum sei nur noch wüst und stumm, gibt es doch Glück, Lachen und neue Hoffnung!

Die Dämmerung bricht herein. Der Himmel ist milchig, wie dunkle, samtige Milch. Sang diû liegt auf Monsieur Linhs Brust. Er hat das Gefühl, daß sie ihm Kraft zurückgibt. Er fühlt, daß er zu neuem Leben erwacht. Ein erbärmliches Auto wird ihn nicht bezwingen können. Er hat Hungersnöte und Kriege überstanden. Er hat das Meer überquert. Er ist unbesiegbar. Er drückt seine Lippen auf die Stirn der Kleinen. Er hat seinen Freund wiedergefunden. Er lächelt den dicken Mann an, sagt ihm mehrmals Guten Tag. Monsieur Bark antwortet „Guten Tag, Guten Tag“, und ihre Worte werden zu einem Lied, zu einem zweistimmigen Gesang.

Die Sanitäter treffen ein, machen sich um den Verwundeten herum zu schaffen, legen ihn behutsam auf eine Trage. Der alte Mann scheint keine Schmerzen zu haben. Die Pfleger tragen ihn zum Rettungswagen. Monsieur Bark hält seine Hand und spricht zu ihm. Ein wunderschöner Frühling bricht an, er hat gerade erst begonnen. Der alte Mann sieht seinen Freund an und lächelt. Mit seinen dünnen Armen drückt er die hübsche Puppe an sich. Er drückt sie so fest, als gelte es sein Leben, als hielte er wirklich ein kleines Mädchen im Arm, ein stilles, geduldiges, unsterbliches Kind, ein Kind der Morgenröte und des Orients.
Seine einzige Enkeltochter,
Monsieurs Linhs Enkeltochter.



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