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Aus der Welt der Literatur



2006-09-13
Nachtzug nach Lissabon (Pascal Mercier / btb Verlag / ISBN 3-442-73436-3)

Träumen wir nicht alle irgendwann einmal davon, und sei es nur für kurze Zeit, unser bisheriges Leben mit all seinen Bindungen und Normen zu verlassen, ab morgen etwas vollkommen anderes zu beginnen? Ausgelöst vielleicht durch die flüchtige Begegnung mit einem Fremden? Durch die eigenartige Faszination eines alten Buches, das der Zufall in die Hände spielt und dessen Texte in uns Gefühle und Regungen wachrufen, wie wir sie niemals zuvor empfanden? Durch den brennenden Wunsch, mehr vom Leben und Schicksal des Autors zu erfahren? Sich womöglich auf die Suche nach ihm zu begeben? Pascal Mercier entführt uns auf unvergleichliche Weise in dieses Reich zwischen Realität und Traum, zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Ein verstörend schönes, ein beglückendes Buch.


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Textauszug:


In der Buchhandlung roch es wunderbar nach altem Leder und Staub. Der Besitzer, ein älterer Mann mit einer legendären Kenntnis der romanischen Sprachen, war im hinteren Raum beschäftigt. Der vordere Raum war leer bis auf eine junge Frau, allem Anschein nach eine Studentin. Sie saß in einer Ecke neben einem Tisch und las in einem dünnen Buch mit vergilbtem Einband. Gregorius wäre lieber allein gewesen. Das Gefühl, daß er hier nur deshalb stand, weil ihm die Melodie eines portugiesischen Worts nicht aus dem Sinn ging und vielleicht auch deshalb, weil er nicht gewußt hatte, wohin er sonst gehen sollte, wäre ohne Zeugen leichter zu ertragen gewesen. Er ging die Regale entlang, ohne etwas zu sehen. Ab und zu stellte er die Brille schräg, um auf einem hohen Regal einen Titel besser lesen zu können; doch kaum hatte er ihn gelesen, war er auch schon wieder vergessen. Wie so oft war er mit seinen Gedanken allein, und sein Geist war nach außen hin versiegelt.

Als die Tür aufging, dreht er sich schnell um, und an der Enttäuschung darüber, daß es der Postbote war, merkte er, daß er entgegen seinem Vorsatz und gegen alle Vernunft doch auf die Portugiesin wartete. Jetzt klappte die Studentin das Buch zu und erhob sich. Doch statt es auf den Tisch zu den anderen zu tun, blieb sie stehen, ließ den Blick stets von neuem über den grauen Einband gleiten, strich mit der Hand darüber und erst nachdem einige weitere Sekunden verronnen waren, legte sie das Buch auf den Tisch, so sanft und vorsichtig, als könnte es durch einen Stoß zu Staub zerfallen. Einen Moment lang blieb sie danach beim Tisch stehen, und es sah aus, als würde sie es sich vielleicht anders überlegen und das Buch doch noch kaufen. Dann ging sie hinaus, die Hände in den Manteltaschen vergraben und den Kopf gesenkt. Gregorius nahm das Buch in die Hand und las: „AMADEU INÁCIO DE ALMEIDA PRADO, UM OURIVES DAS PALAVRAS, LISBOA 1975.“

Der Buchhändler war gekommen, warf jetzt einen Blick auf das Buch und sprach den Titel aus. Gregorius hörte nur einen Fluß von Zischlauten; die verschluckten, kaum hörbaren Vokale schienen nur als Vorwand dazusein, um das rauschende „sch“ am Schluß stets von neuem wiederholen zu können.
„Sprechen Sie Portugiesisch?“
Gregorius schüttelte den Kopf.
„’Ein Goldschmied der Worte’ heißt es. Ist das nicht ein schöner Titel?“
„Still und elegant. Wie mattes Silber. Würden Sie ihn noch einmal auf Portugiesisch sagen?“
Der Buchhändler wiederholte die Worte. Außer den Worten selbst konnte man hören, wie er ihren samtenen Klang genoß. Gregorius schlug das Buch auf und blätterte, bis der Text begann. Er reichte es dem Mann, der ihm einen verwunderten und wohlgefälligen Blick zuwarf und vorzulesen begann. Gregorius schloß beim Zuhören die Augen. Nach ein paar Sätzen hielt der Mann inne.
„Soll ich übersetzen?“
Gregorius nickte. Und dann hörte er Sätze, die in ihm eine betäubende Wirkung entfalteten, denn sie klangen, als seien sie allein für ihn geschrieben worden und nicht nur für ihn, sondern für ihn an diesem Vormittag, der alles verändert hatte.

„’Von tausend Erfahrungen, die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache, und auch diese bloß zufällig und ohne die Sorgfalt, die sie verdiente. Unter all den stummen Erfahrungen sind diejenigen verborgen, die unserem Leben unbemerkt seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben. Wenn wir uns dann, als Archäologen der Seele, diesen Schätzen zuwenden, entdecken wir, wie verwirrend sie sind. Der Gegenstand der Betrachtung weigert sich stillzustehen, die Worte gleiten am Erlebten ab, und am Ende stehen lauter Widersprüche auf dem Papier. Lange Zeit habe ich geglaubt, das sei ein Mangel, etwas, das es zu überwinden gelte. Heute denke ich, daß es sich anders verhält: daß die Anerkennung der Verwirrung der Königsweg zum Verständnis dieser vertrauten und doch rätselhaften Erfahrungen ist. Das klingt sonderbar, ja eigentlich absonderlich, ich weiß. Arber seit ich die Sache so sehe, habe ich das Gefühl, das erstemal richtig wach und am Leben zu sein.’“

„Das ist die Einleitung“, sagte der Buchhändler und begann zu blättern. „Und nun, so scheint es, beginnt er, Abschnitt für Abschnitt nach all den verborgenen Erfahrungen zu graben. Sein eigener Archäologe zu sein. Es gibt Abschnitte von mehreren Seiten und dann wieder ganz kurze. Hier zum Beispiel ist einer, der aus einem einzigen Satz besteht.“ Er übersetzte:
„’Wenn es so ist, daß wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht mit dem Rest?“
„Ich möchte das Buch haben“, sagte Gregorius.
Der Buchhändler klappte es zu und fuhr mit der Hand auf dieselbe zärtliche Weise über den Einband, wie es die Studentin vorhin getan hatte.




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