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Aus der Welt der Literatur



2006-07-15
Rückblick, Einsicht, Ausblick (Robert Gernhardt)

Kürzlich starb Robert Gernhardt, einer der bemerkenswertesten Lyriker der Gegenwart. Bis zum Schluß ist er seiner Passion treu geblieben, hat er geschrieben, und mehr und mehr nahmen ihn – um die Schwere seiner Erkrankung wissend – Endzeitgedanken ein. Bilanz, Resümee des Lebens vor dem Überschreiten der letzten Schwelle. Das nachstehende Gedicht gehört zu seinen jüngsten Werken, die er hinterlassen hat.


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Rückblick, Einsicht, Ausblick


Durch die Landschaft meiner Niederlagen
gehe ich in meinen alten Tagen:

Abends ist es am schlimmsten. Das Streiflicht
der nur langsam untergehenden Sonne
modelliert die fernen gefalteten Berge,
die nahen gespaltenen Steine, kurz alles,
was sich ihm in den Weg stellt.

Abends war es am schönsten. Den Lichtstreif
der untergehenden Junisonne
für immer festzuhalten, verbrachte
ich Stunden um Stunden vor Leinwand und Landschaft,
ein Weg ohne Ende.

Abends war er am stärksten, der Eindruck,
diesmal den treffenden Ausdruck zu finden
fürs glorreiche Ineinander der Lichter,
der Schatten der Dinge, der Farben: Du bist
auf dem richtigen Wege!

Abends ist sie am stärksten, die Einsicht:
Du warst deiner Aufgabe niemals gewachsen.
Immer noch flüchtig das Licht. Nur ein Schatten
davon auf deiner Leinwand zu ahnen,
kein Weg, eine Sackgasse.

Abends ist es am schönsten. Der Streifzug
rund um den Hügel von Montaio
berückt und verzückt und beglückt wie damals.
Verrückter Gedanke, das halten zu wollen,
was nur Schein und dann weg ist:

Durch die Landschaft meiner Niederlagen
geh ich wie in alten Tagen.



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