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Aus der Welt der Literatur



2005-10-11
Die Mansarde (Marlen Haushofer / List Taschenbuch / ISBN 3-548-60573-7)

Zwei Menschen, Mann und Frau, aufs engste vertraut, berechenbar alle Gesten, Regungen, Worte in täglicher Wiederkehr. Und doch einander unendlich fern, in einer verstörenden Fremdheit, wie sie schmerzvoller kaum sein kann für den, der sich ihrer bewußt wird. Das Mansardenzimmer der Wohnung wird zum Fluchtort der Frau, doch ihrem Leben, das sich ziellos und einsam vollzieht, kann sie nicht entgehen; noch dazu wird sie eingeholt von einer Zeit, die sie längst vergangen glaubte.

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Textauszug:

Die Tage werden immer kürzer und die Nächte immer länger, weil wir nachts oft wach werden und dann schlaflos liegen. In der Nacht wachzuliegen höhlt uns langsam aus. Ich merke sofort, wenn Hubert wach ist, er atmet dann anders, leiser, beinahe verstohlen. Wahrscheinlich mache ich das genauso. Jeder von uns denkt seine eigenen einsamen Gedanken und will nicht, daß der Schlaflose im anderen Bett sie errät.

Was geschieht mit uns in diesen Nächten, in denen wir, auf dem Rücken liegend, dahintreiben und dem fernen Brausen des mächtigen Wasserfalls lauschen, der uns unter sich begraben wird? Wir wissen, daß keine Wunder geschehen, daß dem Wasserfall noch kein Mensch entronnen ist und daß uns von denen, die ihn vor uns erreicht haben, nichts trennt als ein Stückchen Zeit. Ein Tag, drei Jahre, zehn Jahre, zwanzig Jahre. Manchmal ist es gar nicht so unangenehm. Ich muß mich nicht anstrengen, brauche nicht einmal die Hände in dem schwarzen Gewässer zu bewegen, ganz von selbst trägt es mich fort. Ein sanfter Schwindel hüllt mich ein, und ich weiß: Dieses eine Ziel werde ich erreichen, auch wenn ich alle anderen Ziele nicht erreicht habe; vielleicht, weil ich mir dieses nicht selber gesteckt habe. Und weit hinter uns und doch wieder sehr nahe, in einem Abstand, den man nach Jahren mißt, der aber mit Jahren nichts zu tun hat, treiben unsere Kinder dahin. Sie wissen es nur nicht. Denn ihre Nächte sind kurz und tief wie Bewußtlosigkeit.

Als ich noch jung war, überfiel mich manchmal bei hellem Tageslicht Todesangst, und ich spürte, wie meine Haare sich sträubten. Der Gedanke, einmal nicht mehr da zu sein, war ungeheuerlich. Jetzt denke ich bei Tag nur sehr selten daran, und wenn ich es tue, spüre ich keine Angst. Dafür sind jetzt die Nächte da. Vielleicht will Hubert deshalb nie schlafen gehen. Ich gehe noch immer gern schlafen und schlafe auch rasch ein, daran liegt es nicht. Nur: um vier Uhr erwache ich und spüre, wie ich langsam und träge fortbewegt werde. Das Brausen des großen Wasserfalls ist noch kaum zu vernehmen, aber es gibt keinen Zweifel daran, daß er auf mich wartet.



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