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Aus der Welt der Literatur



2005-01-25
Die Wand (Marlen Haushofer / List-Taschenbuch / ISBN 3-548-60571-0)

Marlen Haushofer starb 1970 in Wien, sie wurde nur fünfzig Jahre alt. Mit dem Roman „Die Wand“ lieferte sie ihr Lebenswerk ab, obwohl sie dazu sagte, „es habe am wenigsten Mühe gekostet“.
Wohl vergebens sucht man in der Literatur nach einem Roman, nach einem Text, der dieser atemberaubenden, verstörenden, ungeheuerlichen Erzählung nahekommt. Eine Frau verbringt eher zufällig alleine eine Nacht auf einem einsamen Jagdhaus; am nächsten Tag stößt sie an eine undurchdringliche, unsichtbare Wand, die das Haus, den Wald, das Gebirge hermetisch und unentrinnbar umschließt. Auf der anderen Seite der Wand scheint alles Leben ausgelöscht zu sein.....

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Textauszug:

Wenn ich jetzt an die Frau denke, die ich einmal war, ehe die Wand in mein Leben trat, erkenne ich mich nicht in ihr. Aber auch die Frau, die auf dem Kalender vermerkte, am zehnten Mai Inventur, ist mir sehr fremd geworden. Es war ganz vernünftig von ihr, Notizen zu hinterlassen, daß ich sie in der Erinnerung zu neuem Leben erwecken kann. Es fällt mir auf, daß ich meinen Namen nicht niedergeschrieben habe. Ich hatte ihn schon fast vergessen, und dabei soll es such bleiben. Niemand nennt mich mit diesem Namen.......

Und wie fremd sind mir die Insekten. Ich beobachte sie und bestaune sie, aber ich bin froh, daß sie so winzig sind. Eine mannsgroße Ameise ist ein Albtraum für mich. Ich glaube, ich nehme die Hummeln nur deshalb aus, weil ich flaumiger Pelz mir ein winziges Säugetier vorgaukelt.
Manchmal wünsche ich mir, daß sich diese Fremdheit in Vertrautheit verwandelte, aber ich bin weit entfernt davon. Fremd und böse sind für mich noch immer ein und dasselbe. Und ich sehe, daß nicht einmal die Tiere davon frei sind. In diesem Herbst ist eine weiße Krähe aufgetaucht. Sie fliegt immer ein Stück hinter den anderen und läßt sich allein auf einem Baum nieder, den ihre Gefährten meiden. Ich kann nicht verstehen, warum die anderen Krähen sie nicht mögen. Für mich ist sie ein besonders schöner Vogel, aber für ihre Artgenossen bleibt sie abscheulich. Ich sehe sie ganz allein auf ihrer Fichte hocken und über die Wiese starren, ein trauriges Unding, das es nicht geben dürfte, eine weiße Krähe. Sie bleibt sitzen, bis der große Schwarm abgeflogen ist und dann bringe ich ihr ein wenig Futter. Sie ist so zahm, daß ich mich ihr nähern kann. Manchmal hüpft sie schon auf den Boden, wenn sie mich kommen sieht. Sie kann nicht wissen, warum sie ausgestoßen ist, sie kennt kein anderes Leben. Immer wird sie ausgestoßen sein und so allein, daß sie den Menschen weniger fürchtet als ihre schwarzen Brüder. Vielleicht wird sie so verabscheut, daß man sie nicht einmal tothacken mag. Jeden Tag warte ich auf die weiße Krähe und locke sie, und sie betrachtet mich aufmerksam aus ihren rötlichen Augen. ich kann sehr wenig für sie tun. Meine Abfälle verlängern vielleicht ein Leben, das nicht verlängert werden sollte. Aber ich will, daß die weiße Krähe lebt und manchmal träume ich davon, daß es im Wald noch eine zweite gibt und die beiden einander finden werden. Ich glaube nicht daran, ich wünsch es mir nur sehr.





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