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01.05.2006 Die Lust am Bösen

Ein Genre der Literatur kennt niemals Absatzprobleme: Kriminalromane. Erst kürzlich präsentierte eine Jungautorin ihr neues Buch. Fröhliches Gesicht, munter, offener Blick, niemand käme auf die Idee, in ihr Arges zu vermuten. Was schrieb sie? Ein Buch über einen Serienmörder, der Mädchen umbringt. Natürlich hätte sie auch beschreiben können, wie jemand raffiniert Fahrräder entwendet, Benzin aus abgestellten Autos zapft oder die Geheimzahlen gestohlener Kreditkarten entschlüsselt, wenn es denn schon Verstöße gegen die Rechtsordnung sein sollen. Nein, heimliche, tückische, brutale Morde mußten her, triebgesteuerte Taten, begangen von einem psychopathischen Verbrecher.

Nicht minder ungebrochen delektiert sich die Lust am Bösen auch in den Kinos und vor dem heimischen Fernseher. Wer zählt die Serien, kennt die Namen der Kommissare (stark im Kommen: Kommissarinnen), die allabendlich nach den Abgründen menschlicher Natur forschen? Vor Gerichtssälen, in denen besonders schreckliche Taten verhandelt werden, stehen die Menschen in Schlangen und warten auf Einlaß. Burgführungen weisen nicht selten als besonderes Ereignis den Besuch der Folterkammer samt deren Gerätschaften auf. Früher waren die Hinrichtungsplätze schwarz von Menschen. Es würde heutzutage wohl nicht viel anders sein.

Gewalt und sexuelle Stimulans stehen seit jeher in einem untrennbaren Zusammenhang. Nicht von ungefähr rangieren Vergewaltigungen, Kindesmißbrauch, Lustmorde und ähnliche Taten besonders hoch in der Zuschauer- (Leser-) Gunst, bevorzugt und ausführlich befriedigt durch sämtliche Formen der Medien.

Gehirnforscher wissen, wie schmal der Grat ist, der den zivilisierten, die Normen des Zusammenlebens akzeptierenden Menschen vom Täter trennt, der schließlich das Ungeheuerliche, das Abnorme, das Verbrechen vollzieht, weil in ihm letzte Schranken, letzte Barrieren gefallen sind.

Es stellt sich die Frage, was Autoren veranlaßt, ohne Not über Dinge zu schreiben, die sie real weder selbst noch im persönlichen Umfeld jemals erleiden möchten, die sie jedoch mit Akribie und Sachverstand andere – wenn auch fiktive – Menschen heimsuchen lassen. Und was wohl Leser dazu bringen mag, solche schaurigen, gewalttätigen Inhalte als Lesevergnügen, denn sonst würden sie die Bücher nicht kaufen, zu empfinden.




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