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24.12.2015 Schamlos, nächstes Buch / Offener Brief an Bettina Tietjen

Bettina Tietjen, vielbeschäftigte Dame in TV und Radio, unterwegs auf vielen Programmen und Kanälen, bislang nicht sonderlich als Schriftstellerin aufgefallen, brachte im Frühjahr ein Buch heraus, das sich mit der Demenz ihres inzwischen verstorbenen Vaters befaßt: „Unter Tränen gelacht“. Das Buch kommt bestens an, schaffte es bis auf die einschlägigen Bestsellerlisten. Die Auflage ist beachtlich, Lesung reiht sich an Lesung.

Kritikus stellt sich allerdings nicht auf die Seite der Feiernden, gesellt sich nicht zum Chor der Jubler, ergeht sich nicht in enthusiastische Lobpreisungen. Ganz im Gegenteil, Kritikus erlaubt sich, gegen den Strich zu bürsten, gegen den Strom zu schwimmen. Schon einmal überschrieb er eine Kritik mit einem einzigen Wort, und das gilt auch für Tietjens Buch: „Schamlos“. Arno Geiger veröffentlichte 2011 ein Buch, das auf der gleichen Ebene angelegt ist, den dementen Vater zum Inhalt hat, ihn der Öffentlichkeit vorführt, und das ebenfalls sehr erfolgreich.

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Offener Brief an Bettina Tietjen:



Betrifft: Ihr Buch „Unter Tränen gelacht“


Sehr geehrte Frau Tietjen,

was wohl Ihr Vater dazu gesagt hätte, als er noch nicht an Demenz erkrankt war, daß ihn seine Tochter eines Tages in solcher Weise bloßstellen wird, daß sie über ihn, der sich nicht mehr wehren kann, intimste Details nicht nur erzählen, sondern sie sogar in einem Buch niederschreiben wird, ihn – bei ihrer Popularität gewiß – einem sehr, sehr großen Publikum vorführen, ihn in nicht wenigen Passagen ihres Textes der Lächerlichkeit preisgeben wird? Da helfen auch Ihre Tränen nicht, von denen man nicht weiß, ob sie nicht vor lauter Selbstbemitleidung vergossen werden.

Warum ein solches Buch? Warum eine solche Öffentlichkeit um die Krankheit des Vaters? Der Medizin hilft es nicht weiter. Man könnte sich auch in Selbsthilfegruppen organisieren, es gibt sie schon in großer Zahl, fast anonym, wenn Angehörige Erkrankter sich austauschen und gegenseitig helfen wollen. Hiefür indes die große Bühne zu suchen und einen Wehrlosen der Menge zu präsentieren, zeugt nicht von Respekt und Achtung vor der Würde des Vaters, sondern eher vom Hang der Autorin zur Selbstdarstellung und Selbstverwirklichung.

Hoffentlich spenden Sie, sehr geehrte Frau Tietjen, wenigstens Ihre Honorare für Auftritte und Buchveröffentlichung an Institutionen, die sich mit der weiteren Erforschung und den Behandlungsmöglichkeiten dieser Krankheit befassen. Den Frevel, das Vergehen an Ihrem Vater macht das allerdings nicht wett.




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