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21.10.2012 Offener Brief an Volker Weidermann (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)


Sehr geehrter Herr Weidermann,

das ist schon wirklich beeindruckend, was Sie da zu Annika Scheffel schreiben. Ganzseitig im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (7.10.12). Mit malerischem Foto der Autorin, fast die Hälfte der Seite einnehmend. Verträumt liegt sie da in einer Art Boot oder auch Wanne, so genau ist das nicht auszumachen. Sie liegt da und schaut nach oben, einfach so, wohin, erschließt sich dem Betrachter nicht ganz. Die Autorin nimmt Sie wohl mächtig ein, denn wie schreiben Sie doch gleich in Ihrem Beitrag so hingerissen: „ ... mit roten Haaren, schwimmbadblauen Augen, leicht elfenhaftem Wesen ...“. Ja, die Elfe hat es Ihnen offensichtlich sehr angetan, nicht zum ersten Mal, denn Kritikus verfolgt das literarische Geschehen in Ihrem Hause aufmerksam. Auch wie Sie vergehen und aufgehen in der Prosa der Autorin, wie Sie jubeln, intonieren, zitieren, ihren Schreibstil feiern und lobpreisen, das hat schon was. Und damit der unbefangene Leser an Ihrer Begeisterung teilhaben kann, zitieren Sie - wieder einmal - einige Sätze aus dem vor zwei Jahren erschienenen Buch der Hochgelobten, dem einzigen, das sie bislang schrieb, quasi als Empfehlung, als frohe Botschaft für das für das Frühjahr 2013 angekündigte zweite Buch: „Mund zu Mund Verabschiedung und dann geht jeder seines Weges. Man sieht sich. Lapidar präsentiert sich die Nacht in ihrer ganzen Herrlichkeit.“ Kritikus ist ganz weg, sprachlos, fast sprachlos. Vor allem der Satz mit der lapidaren Nacht ist so ungeheuerlich, so unfaßbar, so unglaublich literarisch. Und dann auch noch die betörende Lakonie, das unbedingte Muß für junge deutsche Literatur, hineingepackt in den Fundamentalsatz mit der finalen Aussage: „Man sieht sich.“ Mehr geht nicht.

Ein Woche später („FAS“ vom 14.10.12) darf Ihre Elfe einen Bericht zur Frankfurter Buchmesse schreiben, gleich neben Ihrem eigenen Artikel, der ein bißchen kleiner ausfallen muß, weil Platz gebraucht wird für ein Foto von Annika Scheffel samt männlichem Begleiter und, was wirklich eine grandiose Marketingidee ist, ihrem Baby, das durchs Bild krabbelt. „Der König der Bücher“ hat die Autorin ihren Beitrag überschrieben, und hierbei handelt es sich um keinen geringeren als den sechsmonatigen Sohn, welcher denn auch als Hauptprotagonist der Buchmessenberichterstattung mit den hinlänglich bekannten säuglingstypischen Verhaltensmustern den Messerundgang der Jungfamilie bereichert.

Könnte es sein, sehr verehrter Herr Weidermann, daß Sie Ihren Beruf vielleicht etwas mißverstehen? Ich gehe doch mal davon aus, daß Sie auf der Gehaltsliste der Zeitung stehen, deren Feuilleton Sie leiten. Und daß Sie von den Herausgebern eigentlich dafür bezahlt werden, sachkundig über die Welt der Literatur zu berichten und die Leser größtmöglich unbefangen, objektiv, neutral und unabhängig zu informieren. Dabei sind das Ausleben ureigenster Vorlieben, Bevorzugungen und Begünstigungen nach Sympathie und persönlichen Neigungen wohl die denkbar ungeeignetesten Mittel.
Vielleicht verraten Sie ja mal den Zusammenhang von „schwimmbadblauen Augen“ - die dank der Sortimentsvielfalt der Kontaktlinsenhersteller am nächsten Tag schon highlandgrasgrün daherkommen können - mit der literarischen Qualität von Romanen, Novellen, Erzählungen oder Gedichten.
Ja, ach so, hierbei könnten sie doch, wenn Sie schon mal dabei sind, als Zugabe gleich noch die Lösung des Rätsels preisgeben, warum Sie bei den weiblichen Vertretern der schreibenden Zunft, vornehmlich bei den jüngeren der Gattung, Ihre Rezensionen so häufig mit besonders großen Fotos der Akteurinnen befeuern.





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