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14.09.2011 Deutschland schafft sich ab

Nein, nicht in im Sinne der Sarrazin-Thesen, um Himmels willen, auch nicht das ganze Deutschland, sondern nur das literarische. Charlotte Roche hat nämlich ein neues Buch geschrieben, obwohl sie das ursprünglich – nach ihrem Bestseller „Feuchtgebiete“, der sie zur Millionärin beförderte – gar nicht mehr vorhatte. Und nun steht ihr neues Werk „Schoßgebete“ schon seit Wochen wieder auf Platz eins der einschlägigen deutschen Bestsellerlisten. So ganz von alleine wäre das sicher nicht über die Bühne gegangen, da bedurfte es wiederum starker Förderer und Jubelchöre. Und daran herrscht bei Roche im literarischen Deutschland nun mal kein Mangel. Erneut standen und stehen im Lande die Feuilletons kopf. Alleine schon die Literaturverantwortliche in der bedeutendsten Tageszeitung der Republik, Felicitas von Lovenberg, widmete der Autorin und ihrem Roman eine ganze Seite, zwei Tage später gefolgt von einem ebenfalls ganzseitigen Interview im renommierten Blatte, bereits eine Woche vor der geplanten Buchveröffentlichung von der Journalistin den Lesern begeistert angekündigt.

Nach den Gründen befragt, wie es zum neuerlichen Buchschreiben kam, läßt Roche niemanden im Unklaren: „Der andere Grund war, daß viele in der Buchbranche gesagt haben: Nach dem Erfolg von ‚Feuchtgebiete’ schreibt die nie wieder was. Da dachte ich: Denen will ich es zeigen, ich hau´ noch ein Ding raus.“ Über das, was sie da „rausgehauen“ hat, muß man nicht viele Worte verlieren. Allerweltskost. Angereichert mit ein paar autobiographischen Einsprengseln, wie man sowieso bei Roche den Eindruck nicht los wird, daß sie im Grunde immer über sich und von sich selbst schreibt. In diesem Fall mischt sie sogar ein paar tragische Töne über den Unfalltod ihrer Geschwister hinein, ohne jedoch darin wirklich überzeugend zu wirken. Ansonsten geht`s um das Übliche: Partnerschaften, Beziehungen, Krisen. Und vor allem: Sex, Sex, Sex. Wie schreibt die „FAZ“-Journalistin so schön: „“Schoßgebete“ wird ......... die Fans des früheren Buches nicht enttäuschen.“ Und das war reine Pornographie, und zwar von der übelsten, simpelsten Sorte. Was ja nicht weiter schlimm ist. Verwunderlich ist nur, daß sich – neben der eigentlichen Stammleserschaft dieses Genres – gebildete Leute so offen dazu bekennen. Und das tun sie wohl, auch wenn sie es unter dem literarischen Mäntelchen und mit abenteuerlichen Emanzipationskonstruktionen zuzudecken versuchen.
Über Roches literarische Fertigkeiten muß man nichts weiter ausführen. So schreiben Hunderttausende in Deutschland. Vom „entwaffnend umgangssprachlichen Erzählton“ berichtet die Feuilleton-Frau und von „entwaffnender Einfachheit“ des Vorgetragenen. Um das Geschreibsel im übernächsten Satz tatsächlich in einen Vergleich mit „manch einem Meisterwerk“ zu setzen.

Bevor es in Vergessenheit gerät: Charlotte Roche bezeichnete sich selbst mal als „verbale Sau“, ließ sich unwidersprochen mit ihrer Eigencharakterisierung „perverse Sau“ zitieren („Spiegel“, Heft 36 vom 31.8.2009), berichtete von Plänen, Hardcore-Pornofilme zu drehen oder einen Swinger-Club aufzumachen.

Um bei ihren Büchern zu bleiben: Der Markt, auch der Büchermarkt, produziert nur Dinge, die nachgefragt werden. Unübersehbar gibt es einen äußerst gut florierenden Markt für Texte auf dem Niveau, das Roche bedient. Und darunter tummeln sich offensichtlich eine Menge Leute, die sich gewiß der gebildeten Oberschicht zugehörig fühlen und das Ganze noch befeuern und dem Volk als Literatur verkaufen wollen.

Bei näherer Betrachtung zeigen sich allerdings manche Sachen plötzlich in einem völlig anderen Licht, viel weniger kompliziert und anspruchsvoll. Und neue Erkenntnisse reifen oder alte finden ihre Bestätigung: Lüsternheit ist klassenlos, unterscheidet sich allenfalls im Vokabular.




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