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09.12.2009 Rechtschreibreform ........ xte Folge ...

Eine neue Art der Büchervernichtung hat eingesetzt, still, heimlich, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Noch verbrennt man sie nicht, man „mistet sie aus“ (Originalton einer Schule in Bensheim: „Bücher, die nicht mehr der neuen Rechtschreibung entsprachen, wurden ausgemistet.“). Bücher in alter Rechtschreibung, die dem Wahnwitz der Rechtschreibreform nicht nachkamen, nicht nachkommen konnten, weil niemand sie umschrieb, niemand die Zeit hierfür fand, von den Kosten ganz zu schweigen. Und die ihm nun nicht entkommen, auf Dauer nicht entkommen, weil sie nicht bekannt genug sind, um Fürsprecher für eine kostenträchtige „Übersetzung“ ins neue, amtlich vorgeschriebene Schriftdeutsch zu finden.

Damit die Schüler nicht durch die alte Schreibweise irritiert, sie nicht vom verordneten Weg zur neuen Schreibung auf falsche Fährten gelockt werden, ist man nun dabei, die alten Bücher in den Schulbüchereien auszusortieren und, ja, was denn nun? Sie zwischenzulagern, irgendwo zu stapeln, vielleicht klammheimlich zu entsorgen, zu vernichten? So genau ist das noch nicht auszumachen. Man scheut das Licht der Scheinwerfer. Genaue Zahlen sind nicht im Umlauf, doch Eingeweihte vermuten, daß bereits Millionen Bücher „ausgemistet“ wurden. Ersatz für die leergeräumten Regale ist nicht in Sicht, woher denn auch.

Wer bestimmt eigentlich, was im Original nicht mehr lesbar ist? Wo sind die Grenzen gezogen? Goethe ja, der noch, auch den „Werther“, das geht noch durch. Schiller auch, sicher, Friedrich von Hardenberg ebenfalls, Walther von der Vogelweide vielleicht noch so gerade. Und andere, weniger populäre Autorinnen und Autoren? Die Literatur der Romantik durchforsten auf unwerte Literatur? Denn Wörter wie „Thot“ und „That“ und „Teutsches Volck“, aber auch „unbekandt“ oder „Meynung“ führen bekanntlich notgedrungen zum sprachlichen, insbesondere schriftlichen Unvermögen der Schüler, können in Schulbüchereien unter gar keinen Umständen mehr geduldet werden. (Der Direktor eines Gymnasiums wörtlich: „Solche Bücher dürfen wir Kindern nicht mehr in die Hand geben.“) Und noch weiter zurück? Frühes Mittelalter zum Beispiel und noch weiter zurückliegende Epochen? Wie schrieb man damals eigentlich? Und was blieb der Nachwelt erhalten? Was könnte davon in Schülerhände geraten? Diesen und noch vielen anderen Fragen muß gewiß mit deutscher Gründlichkeit nachgegangen werden, sie harren unbedingt ihrer Klärung.

Was ist eigentlich in diesem Zusammenhang mit den öffentlichen Büchereien? Will man sie etwa ungeschoren davonkommen lassen? Es soll Kinder geben, die sich unterstehen, schon Bücher aus den Regalen, die für die „Großen“ bestimmt sind, zu entleihen und zu lesen. Und später dann, beim Studium? Dann möglicherweise der Schock, in der Uni-Bibliothek auf unbotmäßige Schreibungen zu stoßen? Die das studentische Bild der bisher gelernten Schreibsprache gefährlich ins Wanken bringen könnten?

Vielleicht doch besser ganz bei Null beginnen? Mit neuer Zählweise: Im Jahre 1 nach der Rechtschreibreform und so weiter? Ein Vorher gäbe es nur für das, was sich in die Umschreibung rettete, alles übrige ginge den Weg des Vergänglichen. Und außerdem sei angemerkt: wenn es irgendwo in einer Bibliothek mal ordentlich brannte, ging meist auch eine Menge verloren. Das weiß doch jedes Kind. Also, was soll´s?

Die Verantwortlichen für diesen Wahnsinn, für diese desaströse „Reform“, die außer ihren Initiatoren niemand wollte und brauchte, laufen unbehelligt durch die Lande, tänzeln, lavieren, lächeln, wissen von nichts, haben sich das alles so nicht vorgestellt und selbstverständlich auch nicht gewollt. Zumindest würden sie das wohl so zu verstehen geben, wenn sie danach gefragt würden, Doch sie werden nicht danach gefragt. Noch nicht. Doch wir vergessen sie nicht. Ihre Namen sind festgehalten für die Nachwelt, auch nachzulesen bei „Kritikus“ im Beitrag vom 6. Dezember 2006. Dort sind sie alle aufgelistet, unter und mit deren Namen die verhängnisvolle Entwicklung ihren Anfang nahm und von denen niemand vernehmbar Einwände erhob, als die aberwitzigste Verunstaltung und Deformierung der deutschen Schriftsprache in den letzten hundert Jahren, seitdem sie wissenschaftlich begleitet wird, beschlossen wurde. Dort, in der „Hall of Shame“, sind sie unrühmlich verewigt.

An dem von ihnen hinterlassenen Trümmerhaufen wird indes weitergewurstelt; die nächste Revision ihres unsäglichen Machwerks, in einer Reihe von inzwischen kaum noch zu zählenden, steht wieder einmal bevor.






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