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08.09.2009 Deutsche Literaturszene.......Offener Brief an Ingeborg Harms (F.A.Z.)


Sehr geehrte Frau Harms,

im vergangenen Jahr sangen Sie in der Sonntagszeitung der „FAZ“ das hohe Lied über Charlotte Roches Buch „Feuchtgebiete“, feierten es enthusiastisch in einem mächtig langen Artikel als das lange vermißte Manifest zur sexuellen Befreiung der Frau, und nicht wenige fielen ein in den Sinnenrausch, in die Begeisterungsstürme, die der schmale Band offensichtlich auslöste.

Dem geneigten Leser und Ihnen seien an dieser Stelle einige Passagen Ihres damaligen fulminanten Artikels vorgestellt bzw. in Erinnerung gerufen:

„Für die frustrierten Idyllen in unseren Köpfen ist Helen ein gefährliches Monstrum, das uns daran erinnert, daß wir nicht sind, wie wir uns geben. Charlotte Roche ist sprachlich etwas fast Unmögliches gelungen. Sie versöhnt uns mit dem Beschämenden, bei dem alle Verführung anfängt. Indem ihr kaltblütiger Seiltanz den grotesken Leib begnadigt, erlöst er die Erotik aus der Verfallenheit ans vollkommene Bild. ‚Feuchtgebiete’ ermächtigt zum Spiel mit der individuellen Versehrtheit und ermutigt den kunstlosen Sexus, endlich erwachsen zu werden..............
.......Was einen Ort in der Sprache hat, wird nicht länger verdrängt und muß nicht provozierend demonstriert werden. In diesem Sinne schafft Roches Roman die Grundlage für ein weibliches Selbstbild, in das die Differenz zwischen intimer Wirklichkeit und öffentlicher Inszenierung ganz selbstverständlich eingespeist ist und souverän verwaltet werden kann.“

Sie müssen, sehr geehrte Frau Harms, da wohl etwas gründlich mißverstanden haben bei Ihrer Interpretation von Roches Gedanken und Gründen, denen Sie mit größtmöglichem Eifer unbedingt die Botschaft entnehmen zu können glaubten, daß die Autorin die Welt, insbesondere die der Frauen, mit diesem Text von vielerlei sexueller Unbill freizukämpfen beabsichtige.
In einem Interview („Spiegel“, Heft 36 vom 31.8. des Jahres) äußert sich Roche erfreulich offen und unverblümt zu ihrem Buch. „Ich war mal eine verbale Sau, aber ich bin es nicht mehr“, sagt sie da, läßt sich unwidersprochen mit ihrer Eigencharakterisierung „perverse Sau“ zitieren. Vom grandiosen Befreiungsschlag für die sexuelle Welt der Frauen ist da so gut wie nicht die Rede. Roche bestreitet rundheraus, daß sie ein feministisches Manifest schreiben wollte. Im Ausland habe man viel pragmatischer, abgeklärter darauf reagiert als hierzulande; beispielsweise hätte es Stimmen aus Holland gegeben, die sagten, bei ihnen „drehe sich fast jedes Buch ums Kacken und Masturbieren, das seien doch auch die wichtigsten Themen im Leben.“ Roche kommentiert diese Art der geistigen Verbrüderung und die Vereinnahmung ihres Buches in dieses Genre nicht weiter. Wozu auch.

Roche wäre nicht Roche, gäbe sie in dem Interview nicht weitere aufschlußreiche, mitunter gar köstliche Details zum besten. Eine ihrer Erkenntnisse gipfelt in der Feststellung, das Buch sei für Ausländer ein Beweis, „daß die Deutschen ein Analproblem haben“; das käme ja auch oft in Filmen vor: „Die Verbindung von Nazis und Stuhlgang“. Im vergangenen Jahr habe sie konkrete Pläne gehabt, Hardcore-Pornofilme zu drehen oder einen Swinger-Club aufzumachen.

Unumwunden gesteht sie, daß ihr das Buch Einkünfte in Millionenhöhe beschert hat. Und sie habe wahnsinnige Angst, davon etwas abzugeben, vielleicht durch die Finanzkrise Verluste zu erleiden. Roche: „Ich habe mich bei diesen Summen total verändert. Es darf nicht weniger werden.“

Kritikus wird den Verdacht nicht los, daß Roche sich halbtot gelacht hat, als sie die Jubelpresse um ihr Buch wahrnahm und die abgehobenen, verklärenden Rezensionen wie die aus Ihrer Feder, sehr geehrte Frau Harms, die ein geneigtes Publikum zuhauf in die Buchläden trieben.

Auch politisch zeigt sich Roche der Situation voll und ganz gewachsen, die da unverhofft über sie hereingebrochen ist. Gegen das Ansinnen, angesichts des Reichtums, über den sie jetzt dank der „Feuchtgebiete“ verfüge, nun wohl doch eine konservative Partei zu wählen, verwahrt sie sich heftig: „Um Gottes willen. Ich bin links. Millionäre schröpfen. Vom Konto her müßte ich CDU wählen. Aber ich bin absolut bei den Linken.“

Übrigens wird Frau Roche in Kürze in der Nachfolge von Amelie Fried als Moderatorin in die Talkshow „3nach9“ einziehen, ein bislang halbwegs seriöser Sendeplatz in Bremen. Donnerwetter, ARD, öffentlich-rechtliches Fernsehen, gebührenfinanziert! Kein schlechter Werdegang für die Autorin von „Feuchtgebiete“, wirklich nicht. Offenbar gibt es bei den öffentlich-rechtlichen Medien Einstiegskriterien, deren Einzelheiten und Besonderheiten sich dem gemeinen Bürger nicht auf den ersten Blick sogleich erschließen.














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