Die faszinierende Welt des Wortes
Aus der Welt der Literatur
Ihr Text
Ihre Favoriten
Top-Ten der Belletristik
Buch des Monats
Kontakt
Links
Autoren-Werkstatt
Kritikus
In eigener Sache
Login



Kritikus


22.03.2008 Deutsche Literaturszene ........xte Folge......

Es muß sich wohl um eines jener „Debattenbücher“ handeln, über die seit geraumer Zeit immer intensiver gesprochen wird und – so jedenfalls klingt es aus dem Kreis ihrer Verfechter – auf die sich künftig verstärkt das Augenmerk aller ins Literaturgeschäft involvierten Instanzen zu richten habe. Bücher, über die gesprochen werde, die Debatten auslösten, die in großer Auflage über die Verkaufstische gingen, deren Erfolg lanciert und gesteuert werden müsse bis hin zu denjenigen, die sie schreiben sollen.

„Feuchtgebiete“ nennt Charlotte Roche ihr Erstlingswerk, das vor wenigen Wochen erschien und sich seitdem unaufhaltsam als wahrer Kassenschlager erweist. Der Verlag kommt nach eigenem Eingeständnis nicht mit der Auflage hinterher, um die übergroße Nachfrage zu befriedigen. Auf der Leipziger Buchmesse standen die Besucher Schlange, wollten die junge Autorin sehen und hören. Talkshows reißen sich um sie; Lesetermine ohne Ende landauf und landab, zumeist nach der Ankündigung in Windeseile ausverkauft.

Es geht – der Titel ist Programm – um den weiblichen Intimbereich. Und um diesen und die Dinge, die frau mit ihm allein oder mit männlicher Unterstützung bewerkstelligen kann, kümmert Roche sich so gründlich und drastisch mit der geballten Ladung des Fäkal- und Gossen-Vokabulars, daß sich selbst manche der eher den verbalen Grobmotorikern zuzurechnenden Literaturinteressierten gestört und angeekelt fühlen von all den körpereigenen Säften und Ausscheidungen und Sexualpraktiken, an deren penibler, detailversessener Schilderung die Autorin das geneigte Lese- und Zuhörerpublikum teilhaben läßt.

Der Verlag sei vom Medienrummel um Buch und Autorin völlig überrascht worden, hieß es in Leipzig. Wirklich? „Mädchenbücher“ hätten derzeit Konjunktur, klang es anschließend aus zahlreichen Stellungnahmen und Erklärungsversuchen. Eine hübsche Autorin, die mit Lust über Körpersäfte schreibe, hätte eben Appeal. Und Provokation sei nun einmal gut für die Auflage.

Man kann das allerdings auch Pornographie nennen. Deren Existenzberechtigung inzwischen kaum ernsthaft angezweifelt wird, gegen die es nichts einzuwenden gibt, solange sie sich an die rechtlichen Normen hält. Und sich nicht auch nur annähernd in die Nachbarschaft der Literatur zu begeben versucht.

Nach einer Lesung der Autorin wußte der Feuilletonist einer Regionalzeitung zu berichten, daß nicht nur – im Roman – beim männlichen Pflegepersonal in der proktologischen Station angesichts der „feuchten Dauergeilheit der weiblichen Romanfigur“ sich die Jeans ausbeulten, sondern er gleiche Symptome am männlichen Teil der Zuhörerschaft entdeckte. Einmal in Fahrt, vermeldete der wackere Zeitungsmann gleich noch die weitere – auf welchem Wege auch immer – bei der Veranstaltung gewonnene Erkenntnis, daß Frauen feucht würden, „wenn sie von Helens Masturbationstechniken mit dem Duschkopf erfahren.“ Vermutlich liegt der Mann mit seinen Beobachtungen gar nicht mal so falsch, und alle vorangegangen und alle noch folgenden Lesungen werden so oder so ähnlich ablaufen.

Charlotte Roche habe lobenswerte Unerschrockenheit bewiesen, sich dieses Themas in so offener, drastischer Form anzunehmen, heben ihre Fürsprecher unentwegt zur Verteidigungsrede an, feiern ihre frauliche Ehrlichkeit und nicht zuletzt ihren unglaublichen Mut. Denn natürlich würden die meisten – auch wenn sie es immerzu bestreite – in ihrer Hauptprotagonistin Helen die Autorin selbst wahrnehmen wollen.

Mut? Unerschrockenheit? Offenheit? Für alle diese Begriffe lassen sich in dem Zusammenhang leicht auch andere, nicht minder zutreffende Bezeichnungen finden; und in manchen Feuilletons konnte man sie tatsächlich lesen.
Akteurinnen in pornographischen Filmen zeigen bekanntlich nicht nur ihr Gesicht her. Wenn man denn unbedingt in dem Zusammenhang von Mut und ähnlichen Qualifizierungen sprechen will, dann sind die Adressaten für solcherart Tapferkeitsmedaillen doch wohl weitaus eher in diesem Genre zu finden. Insofern bleibt also für die schreibende Zunft noch ausreichend Luft nach oben.






zurück


    


Impressum