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Jenseits der Tiefe



- Moderator schrieb am 17.01.2006: -

Eine neue Fortsetzungsgeschichte ist eröffnet. Wolf hat die erste Spur geschrieben, wie es zwischen den Interessenten abgesprochen war. Beteiligen wollten sich:

Ulla
Nikki
Wolf

(Marc wollte eine Auszeit nehmen, kann natürlich jederzeit einsteigen. Wie im übrigen andere Interessierte natürlich ebenfalls.)

Die Grundregel lautet wieder: drei Seiten, drei Tage.

Das Paßwort wird nun an die mutigen Autoren per Mail verteilt. Viel Freude und Spaß beim Schreiben!

- Wolf schrieb am 17.01.2006: -



Jenseits der Tiefe

Alexa wollte erst nicht mehr mit hinausschwimmen, sie war müde, auch hungrig. Schon früh morgens waren sie zum Strand gezogen, weiter weg vom Hotelstrand, wo die Liegen auf Meterabstand standen und es nach Sonnenöl roch und Kofferradios plärrten. Wie weit mochten sie vom Hotel weg sein? Zwei Kilometer waren es bestimmt, wenn nicht noch mehr. Die Sonne stand schon schräg über dem Wasser, würde in Kürze in einem blutroten Schauspiel auf das Wasser herabsinken und in einer nicht vorstellbaren Ferne hinter der Wasserlinie untertauchen. Und doch würde es wie immer aussehen, als ob sie geradewegs ins Wasser stieße, das in diesen Augenblicken brodeln und zischen müßte.

Robert war schon vorausgeschwommen, sie sah ihn im Gegenlicht der Sonne als schwarzen Punkt, hinter dem auf dem ruhigen Wasser die kleinen Wellen verliefen, die er mit seinen Schwimmzügen geteilt hatte.
„Warte, Robert, warte“, schrie Alexa. Sie blickte zurück, schätzte die Entfernung zum Strand. Schon hatten sie eine beträchtliche Strecke zurückgelegt, und Robert machte noch keine Anstalten, umzukehren. Endlich wandte Robert den Kopf, verhielt auf der Stelle. Als Alexa unter sich blickte, erschrak sie über die Schwärze, das Dunkel, in das sie schaute. Waren sie überhaupt schon so weit draußen gewesen? Wieder schaute sie zum Strand. Ihre Sachen waren nicht mehr zu erkennen, so schmal war die Linie der Küste geworden.

Robert trat auf der Stelle, als sie ihn erreichte, schaute sie lachend an, spie einen Mund voll Wasser nach ihr aus und legte sich auf den Rücken.
„Ist doch schön hier“, ließ er sich vernehmen, gurgelte dann wie ein Seelöwe, drehte sich um die eigene Achse und glitt auf Alexa zu. Er ergriff ihre Handgelenke, zog sie an sich, zog sie noch näher und spie dann erneut einen Mund voll Wasser gegen sie aus, dieses Mal traf er sie mitten ins Gesicht. Alexa kreischte auf, mit gespielter Empörung, zerrte ihre Handgelenke frei und wollte Robert ergreifen, doch er glitt geschickt von ihr fort und machte ein paar Freistilzüge, hatte im Nu wieder einige Meter Entfernung zwischen sie gelegt. Alexa wußte, daß sie gegen ihn nicht anschwimmen konnte. Auf dem College hatte er zu den Leistungsschwimmern gezählt, man redete davon, er hätte eine außerordentliche Begabung fürs Schwimmen und könnte es zu was bringen, wenn er nur wollte. Doch Robert wollte nicht, studierte einfach weiter wie Hunderttausend andere auch und war glücklich damit.

Die See war spiegelglatt, wirkte wie ein Spiegel. Kein Luftzug war zu spüren. Alexa blickte sich um. Mit einem Mal kam sie sich völlig einsam und verloren vor inmitten der dunklen, glatten Fläche, die über einer Tiefe lag, deren Ausmaße sie nicht kannte.
„Robert“, rief sie flehend, „komm´ her, bitte komm´ her.“
Als Robert neben ihr war, umklammerte sie seinen Arm. „Laß uns zurückschwimmen“, sagte sie, „ich fühl´ mich nicht wohl. So weit draußen. So weit waren wir noch nicht. Wie tief ist das hier unter uns.“ Sie verdrehte die Augen nach unten auf die Wasseroberfläche zu.
„Was ist denn los, was ist los mit dir“, lachte Robert und schaute sie genauer an. „Hey, wir sind in spiegelglattem Wasser, in warmem Wasser, nicht weit vor der Küste. Also wozu Besorgnis?“

Alexas Augen weiteten sich plötzlich, sie schaute an ihm vorbei, stumm und wie erstarrt.
„Hey“, rief Robert. Doch Alexa riß kurz einen Arm aus dem Wasser, wies mit offenem Mund an ihm vorbei.
Die glatte See hinter ihm, dort, wohin Alexa wies, begann sich leicht zu kräuseln, nur wenig, doch auf dem spiegelglatten Wasser deutlich zu erkennen. Es war vollkommen still, auch dort, an der nur wenige Meter messenden Stelle, die rund wie ein Kreis aussah, und wo das Wasser nun kleinste Riffelungen und Muster aufwarf. Alexa warf den Kopf zu Robert herum, doch kaum hatte sie Zeit, sein Bild zu erfassen, da versank er sekundenschnell mit dem Kopf im Wasser. Sie kam nicht einmal zu einem Schrei, denn im selben Augenblick fühlte sie sich um die Beine gefaßt und in die Tiefe gerissen. Todesangst bemächtigte sich ihrer, sie ruderte mit den Armen, versuchte sich durch Treten aus der Umklammerung der Beine zu lösen. Doch sie spürte am Körper, wie sie durch das Wasser weiter nach unten gezogen wurde, ihre Kräfte erlahmten, Atemnot drohte sie zu zerreißen. Bunte Lichter wirbelten durch ihren Kopf, sie sah Bilder an sich vorüberfluten, bunte, bizarre, in wunderlicher Reihenfolge, hörte verzerrte Stimmen, dann mit einem Male getragene Geigenmusik, ganz leise und sacht.

War das der Tod? War sie schon tot? Sie flog wie auf watteweichen Wolken, fühlte sie frei und in der Bläue eines fernen Himmels. Wie von weit her verspürte sie eine Berührung, erst sanft, kaum wahrnehmbar, dann stärker. Von irgendwoher drückte sich etwas an sie, doch wo war das, was war es, was sie berührte, fast zärtlich, spielerisch leicht. Gerade, als sie die Lippen öffnen wollte, spürte sie einen Mund auf ihrem Mund. Und dieser Mund blies Luft in ihren Mund hinein, mit ruhigen, sanften Atembewegungen. Das Gleiten in die Tiefe hörte unterdessen nicht auf, sie spürte, wie das Wasser an ihrem Körper vorbeifloß. Für einen Moment entfernte sich nun der Mund von ihren Lippen, Alexa war für einen Augenblick von langen, dichten Haaren eingehüllt, die dann zurückwichen und ein Mädchengesicht freigaben, aus dem ihm große Augen entgegenblickten. Ein kurzes Lächeln öffnete den Mund des fremden Mädchens, bevor er sich wieder zu ihr beugte und Luft in ihre Lungen blies. Alexas Körper war gestreckt, die Arme hoch über dem Kopf, wie ein Fisch in strömungsgünstiger Form. Alexa atmete ruhig, ließ geschehen, daß der Mädchenmund sich auf ihre Lippen heftete und Luft in sie blies.

Als das Mädchen wieder einmal den Mund absetzte, sah Alexa ihre nackten Brüste. Sie verdrehte den Kopf, suchte nach Robert. Was war mit ihm geschehen, wo war er geblieben. Zwei Beine bewegten sich an ihrem Gesicht vorbei, Beine wie ihre, doch anstelle der Füße sah sie kleine flossenförmige Ausbildungen. Ihr Gesicht wurde sanft nach vorne gedrückt, wo der Mädchenmund auf sie wartet und ihr die aufkommende Atemnot nahm. Die Luftspende war immer nur kurz, es war keine große Menge, die sie in ihre Lungen strömen fühlte. War es Luft, wie sie sie kannte? Dann, als sie sich wieder mit dem Kopf verdrehte, sah sie Robert., ganz in der Nähe. Um ihn herum bewegten sich drei oder vier Mädchen, deren Haare, wenn sich die Sinkphase verlangsamte, zu einem dichten Vorhang verwoben, um sich alsbald wieder zu glätten, wenn die Strömung wieder zunahm. Immer wieder beugte sich einer ihrer Köpfe zu Robert und schien ihm ebenso Luft zuzuführen, wie es bei ihr geschah. Sie war außerstande, einen geordneten Gedanken zu fassen, flehte inbrünstig, jede Sekunde aus einem Traum zu erwachen, im Bett neben Robert zu liegen, gleich zum Frühstück zu gehen.

Zwischen zwei Atemspenden schaute Alexa hinab in die Tiefe, in die sie unaufhaltsam hinuntersanken, ihre Atmung setzte bei dem Anblick, der sich ihr bot, beinahe aus, so daß das Mädchen wieder seine Zähne entblößte, sie anlächelte und ein weiteres Mal seine Lippen auf ihren Mund preßte. Unter ihr, tief unten, sah sie Lichter, ganz klein und schwach, über eine größere Fläche verteilt. Alexa fühlte sich an nächtliche Flüge über einer Stadt in großer Höhe erinnert. Die Lichter kamen näher, nahmen Gestalt an. Es waren Häuser, anders als Alexa sie kannte, grau, gedrungen die meisten, doch auch hochaufragende oder auch flachgestreckte. Einem Sternenteppich gleich glitzerten unzählige Lampen und Leuchten in sinnverwirrendem phosphoreszierendem Licht.

Ein Gebäude ragte weit aus den übrigen heraus, ein riesiger Komplex, verwinkelt und unübersichtlich, doch in gleißende Helligkeit getaucht. Dorthin wurden Alexa und Robert bugsiert, auf ein großes, lichtumkränztes Rechteck zu, wo sie in einen gewundenen, hellerleuchteten Gang einfuhren. Als Alexa den Kopf in den Nacken legte, sah sie an den Flossen ihrer Begleiterinnen vorbei, daß Robert hinter ihr war, denselben Weg genommen hatte. Über ihr wurde es nun heller und lichter. Und dann durchstieß sie die Wasseroberfläche, ihre Füße wurden von hilfreichen Händen auf im Wasser verborgene Stufen gedrückt. Sie stand und schaute, schaute in die Höhe über sich, in flutendes Licht, in Helle und Bläue. Es war warm, eine feuchte, wohlige Luft umgab sie. Da rauschte es neben ihr auf und Robert tauchte auf, stand neben ihr, einige Stufen tiefer. Sie sahen sich an, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen, standen wie paralysiert. Es rauschte erneut, kräftiger,
das Wasser schäumte. Eine Ansammlung dunkelbrauner Mädchenköpfe zeigte sich, erhob sich aus dem Wasser, helles Lachen erklang. Ein paarmal verschwanden die Leiber wieder im Wasser, um in spielerischer Leichtigkeit wie Delphine auf- und abzutauchen. Dann stiegen die Mädchen die Stufen aus dem Wasser empor, doch nur bis zur Wasserlinie, dort setzten sie sich nieder. Sie teilten ihre Haare, die ihnen bis zur Hüfte heruntereichten, zur Seite, so daß ihre Brüste zu sehen waren. Tuscheln und Wispern klang aus ihrer Mitte, doch Alexa und Robert konnten nichts verstehen von dem, was sie hörten. Immer wieder schauten die Mädchen in die Höhe, zu einer kleinen umrandeten Plattform, so, als erwarteten sie an diesem Ort ein besonderes Ereignis.







- Nikki schrieb am 03.02.2006: -

Wie lange sie geschlafen hatte, wusste sie nicht. Als sie ihre Augen öffnete, tanzten Sonnenstrahlen vorwitzig über die bunte Wolldecke. Langsam setzte sie sich auf und sah sich um. Das kleine Zimmer, in dem sie sich befand war an allen vier Wänden bis oben hin mit Ordnern, Büchern und Papieren vollgestopft. Vor dem Fenster stand wohl ein Schreibtisch, so genau ließ sich das Möbel unter den Papierbergen nicht erkennen. Auf jeden Fall gut sichtbar war der Monitor eines Computers. Die dazugehörige Tastatur war jedoch unter den Papierwust verschwunden. Oberhalb der Couch, auf der sie lag, bogen sich die Regale unter ihrer Bücherlast gefährlich durch. Rasch warf sie die Decke zur Seite und stand auf. Der Fußboden war ebenfalls, bis auf zwei schmale Durchgänge, einer zum Schreibtisch, der andere zur Couch, von Büchern und Papierstapeln in Beschlag genommen. Alexa rieb sich die Augen. War das alles geschehen, oder hatte sie nur ungut geträumt.
„Guten Morgen“, tönte es leicht spöttisch von der Tür her. „Du hast ganz schön lange geschlafen.“ Nemo betrat den kleinen Raum und stellte eine Einkaufstüte auf dem Schreibtisch ab. Dabei schien es ihm egal zu sein, dass ein Papierstapel ordentlich ins Wanken geriet und die obersten Blätter nach einigem Hin und Her auf den Boden fielen.
„Wie lange habe ich denn geschlafen?“, fragte sie unsicher.
„Seit gestern Nachmittag.“
„Und jetzt? Vormittag, Mittag ...?“
„Für ein Frühstück ist es schon zu spät. Wir sollten auch das Mittagessen überspringen und lieber gleich zum Fünf-Uhr-Tee kommen.“ Er lächelte sie an und begann damit diverse Papiere und Ordner zur Seite zu schieben.
„Ist das dein Zimmer?“
„Du kannst Fragen stellen. Ja sicher ist das mein Zimmer.“ Nemo schob und packte um, ohne sie anzusehen. „Ist übrigens hübsch, der Pyjama.“
Verlegen sah Alexa an sich herunter und konnte Unglaubliches beobachten. Der Stoff ihrer Bekleidung veränderte Form und Farbe. Selbst die Beschaffenheit änderte sich. Wie hatte Nemo gestern zu ihr gesagt: „Du wirst immer passend angezogen sein.“
Alexa grinste. Das war wirklich praktisch. Sie musste sich nur vorstellen, was sie tragen wollte, schon änderte der Stoff sein Erscheinungsbild nach ihrem Gedanken.
Als Nemo wieder zu ihr hin sah, trug sie eine schmal geschnittene Jeans und ein längärmliges beiges Shirt mit leicht ausgestellten Ärmeln.
„Das diese Zauberkleider so gut funktionieren, wusste ich auch noch nicht“, murmelte er und wandte sich der Einkaufstüte zu. Er holte einen kleinen Kuchen und ein Päckchen Tee hervor. Den weiteren Inhalt beließ er in der Tüte und stellte sie neben den Schreibtisch auf den Boden. Er packte den Kuchen aus der Umhüllung und stellte ihn vor Alexa auf ein Tischchen, welches wundersamer Weise aus dem Chaos aufgetaucht war. Dann widmete sich Nemo dem Tee. Suchend sah er sich um. „Wo habe ich nur den Wasserkocher hingestellt. Vorgestern habe ich ihn doch noch gebraucht.“ Er schob wieder hier und da ein paar Stapel zu Seite, schaute unter einem Karton mit Büchern nach.
Alexa schüttelte den Kopf. Es kam ihr surreal vor; der Last Minute Urlaub, die Erlebnisse Unterwasser, ihr Aufwachen am Ostseestrand, Nemo und sein Chaos. Irgendwie konnte das doch alles nicht mit rechten Dingen zugehen.
„Soll ich nachher mal ein bisschen Ordung machen?“
Sie hatte sich diese Frage nicht verkneifen können.
Nemo sah sie an, als habe sie ihm angeboten ihn zu erschießen. „Ordnung machen? Aber hier hat doch alles seine Ordnung, ich weiß genau wo alles liegt. Trotzdem Danke für dein Angebot.“ Endlich hatte er den Wasserkocher gefunden. Erfreut zog er ihn unter einem Haufen Mappen hervor.
„Ich will dann mal Teekochen.“ Er verließ das Zimmerchen wieder und Alexa konnte noch immer nicht anders, als den Kopf zu schütteln.
Doch dann kamen ihr wieder die Tränen. Sie musste an Robert denken. Wo war er jetzt. Hatte diese Meereskönigin ihn mit sich genommen. Was wollte sie von ihm. So viele Fragen schwirrten ihr durch den Kopf, das ihr davon ganz schwindelig wurde. Sie setzte sich auf die Couch und schloss die Augen. Alles drehte sich und ein bunter Bilderreigen erschien vor ihrem geistigen Auge.

Als Nemo zurückkam, war das Zimmer verlassen. Er stellte das Tablett mit dem fertigen Tee auf den Tisch und sah sich suchend um. Nein, sie war nirgends verborgen. Besorgt lief er aus dem Zimmer und machte sich auf die Suche nach Alexa.
Als er sie auch draußen nicht fand, wusste er zuerst nicht weiter, doch dann kam ihm ein Einfall.
Er fand Alexa am Strand. Sie stand bis zu den Oberschenkeln im seichten Wasser und starrte in die Ferne hinaus. Ihr Zaubergewand hatte sie nun in eine blaugrün schimmernde, fließende Robe gehüllt. Die an den Strand schlagenden Wellen spielten anmutig mit dem zarten Stoff und eine sanfte Brise strich durch ihr Haar. Nemo kam es so vor, als sähe er eine Meerjungfrau. Ja, so mussten sie aussehen.
„Was weißt du über diese Meereskönigin?“
Ihre unverhoffte Frage riss ihn aus seinen Betrachtungen.
„Ich weiß nicht genau, worauf du hinaus willst.“
Sie wandte sich zu ihm um. Ihre Augen leuchteten meerblau und am Haaransatz waren kleine silbrige Schuppen zu erkennen.
„Ich muss alles über sie und die anderen seltsamen Meeresbewohner wissen, wenn ich Robert retten will.“ In ihrer Stimme lag ein eigenartiger singsang.
Nemo erschrak.





- Wolf schrieb am 06.02.2006: -


Robert hatte aufgeschrieen, als Alexa zusammensank. Mit aufgerissenen Augen sah er, wie der leblose Körper von den Mädchen, die sich auf ihren flossenähnlichen Füßen erstaunlich behende bewegten, davongetragen wurde, durch einen wallenden Nebelvorhang hindurch, der den Blick in ein großes Gewölbe verstellte, aus dem ein merkwürdiges Licht in wundersamen Farben dran, wie Robert sie noch nie zuvor gesehen hatte. Er wollte Alexa folgen, doch nun spürte er eine lähmende Benommenheit. Er vermochte kaum einen Schritt zu tun, vor Müdigkeit setzte er sich auf eine der Treppenstufen. Wie flehend streckte er die Hand dorthin, wo Alexa mit den Mädchen hinter dem Nebelvorhang verschwunden war.

Erst jetzt bemerkte er, daß bei ihm vier der Mädchen verblieben waren und er erkannte ihre Gesichter, erinnerte sich an sie, an ihren Mund, den sie auf der langen Tauchfahrt von der Meeresoberfläche hinab in das Reich der Wasserkönigin so oft auf seinen Mund gedrückt hatten. Als er die Mädchen anschaute, entblößten sich weiße Zahnreihen zu einem breiten Lächeln Er blickte in dunkle Augenpaare, die fast menschengleich anmuteten, doch sie waren so ungewöhnlich groß, daß Robert erschrak. Im diffusen Licht des Wassers war ihm das nicht aufgefallen. Die Mädchen beugten sich einander zu, tuschelten, schienen zu kichern, jedenfalls deutete Robert ihre Laute so, obwohl er nichts verstehen konnte.

Die einäugige Frau rief aus der Höhe des Podestes den Mädchen etwas zu, mit warmer Stimme, doch ohne Zweifel eine Anweisung treffend. Eines der Mädchen näherte sich Robert, bog seinen Kopf zu ihm hinunter, und ehe er sich versah, umschlossen die Lippen des lächelnden Mundes seinen Mund. Im selben Augenblick spürte er, wie etwas Süßes in ihn drang, Er bekam Atemnot, versuchte, Luft zu erhalten, atmete ein. Nur noch Sekundenlang fühlte er, wie die Süße ganz in ihn eindrang, bis in seine Lungen, dann verlor er das Bewußtsein.

Als Robert erwachte, brauchte er Minuten, um sich zu orientieren. Er fand sich in einem geräumigen grünen Zimmer wieder. Es gab keine Fenster, nur eine schmale, glatte Tür, ohne jeden Griff, ohne jedes Schloß. Die Luft war warm und angenehm. Robert lauschte seinem eigenen Atmen, überlegte, welches Medium er einatmete. Erden-Luft konnte es schwerlich sein, doch es mußte ein Gasgemisch sein, das der menschlichen Lunge zuträglich war und den Organismus ausreichend mit Sauerstoff versorgte. Obwohl keine Lampen zu sehen waren, erstrahlte der Raum in einem hellen, blendfreien Licht. Bis auf eine lange, breite Liege, auf der Robert aufgewacht war, gab es keine weiteren Gegenstände im Raum. Da erst bemerkte Robert, daß er unbekleidet war und daß es nichts im Raum gab, um seine Nacktheit zu verbergen. Er streckte sich lang aus, legte eine Hand über die Augen. Er spürte, daß er nahe dabei war, den Verstand zu verlieren. Tausend Gedanken stürzten auf ihn ein, wie ein buntes Kaleidoskop irrlichterten die Geschehnisse albtraumhaft an seinen geschlossenen Augen vorüber. Verzweiflung begann ihn zu schütteln, Schluchzanfälle schnürten ihm den Atem ab.

Wie unter einer Eingebung fuhr er hoch und schrie auf vor Schreck und Furcht. Lautlos hatte sich die Tür geöffnet, die einäugige Frau stand im Raum, dicht an seiner Liege. An der Tür hielten sich zwei der Mädchen auf, reglos, zu beiden Seiten. Robert wurde sich seiner Nacktheit bewußt und versuchte, sie mit den Händen zu verbergen. Die Frau lächelte, dann schüttelte sie den Kopf. Es schien, als wollte sie ihm bedeuten, daß dies ein nicht notwendiges Handeln sei. Dann wies sie mit der Hand auf Roberts Mund, mit einem Finger ihrer Hand. Dabei sah Robert, daß die Hand sechs Finger aufwies, die mit dünnen Schwimmhäuten verbunden waren. Als Robert nicht verstand, was der Fingerzeig bedeuten sollte, berührte sie Roberts Lippen. Der Finger war kühl, so daß Robert zurückfuhr. Als Robert immer noch nicht begriff, was ihre Absicht war, zeigte sie auf seinen Mund und öffnete und schloß ihre Hand mehrfach hintereinander.

„Soll ich sprechen?“ fragte Robert und erschrak über den Klang seiner eigenen Stimme, die ihm fremd vorkam. Die Frau hatte ihren Kopf wie lauschend zu ihm gedreht, nickte dann heftig. Robert hatte bisher vermieden, ins Auge der Frau zu blicken, das groß und ohne Brauen in der Mitte der Stirn lag.
„Was soll ich denn sprechen, was soll ich sagen?“
Die Arme der Frau bewegten sich um ihren ganzen Körper, wiesen in alle Richtungen des Raumes. Dabei lichtete sich das dichte Haar, das fast den ganzen Körper bedeckte. Robert sah, daß sie bis zur Hüfte einer menschlichen Frau glich. Darunter ging die Haut in einen schuppenförmigen Bewuchs über, der sich über zwei beinähnliche Gliedmaßen ausbreitete, die in gleichfalls schuppenbesetzten Fußausformungen endeten, wie er sie bei den Mädchen gesehen hatte. Wo war der Fischschwanz geblieben, denn er beim ersten Anblick der Frau hoch oben auf dem Podest gesehen hatte?

„Soll ich alles sagen?“ deutete Robert die Bewegungen der Frau und empfand seine Frage sogleich als töricht.
Doch die Frau nickte wieder heftig. Als sie sich erneut Robert zuwandte, konnte er den Blick in ihr Auge nicht vermeiden, wie unter Zwang mußte er in die dunkle, kreisrunde Öffnung schauen. Unwillkürlich stieß er einen Laut aus. Fasziniert sah er in ein blaues Farbenmeer ohne Anfang und ohne Ende, mit einer kleinen Stelle in der Mitte, die etwas dunkler war als das umgebende Himmelsblau. Er hatte das Gefühl, in dieses unendlich scheinende Blau hineinzustürzen, von ihm unwiderstehlich angezogen zu werden.

Robert begann, von sich zu erzählen, von Alexa, von der Welt, von seinem Leben, er erzählte ohne Unterbrechung, empfand seinen Redestrom wie eine Befreiung, wie eine Erlösung aus einer langen Isolation. Als er endete, sah er die Frau fragend an. Sie hatte die ganze Zeit gestanden, mit ernstem Gesicht. Nun lächelte ihn wieder an.
Er starrte auf ihren Mund, der sich bewegte, dann hörte er ihre Stimme, weich, samten, und er erinnerte sich an ihren Zuruf an die Mädchen, bevor er das Bewußtsein verlor.
„Du wirst eine Zeit bei uns bleiben“, sagte sie merkwürdig langsam, „wie ist dein Name?“
„Robert“
„Du wirst bei uns bleiben für eine Zeit, die ihr Menschen eine Woche nennt. Robert“, fuhr sie fort, „hab´ keine Furcht. Es wird dir nichts geschehen. Ich werde dir nur weniges erklären, nur das, nicht mehr. Und frage nichts, du wirst keine Antworten erhalten. Die Frau, die mit dir war, ist zurück zur Erde, sie ist wohlbehalten, sie wird, wie du auch, alles aus dem Gedächtnis verlieren, was geschehen ist.“

Die Frau sprach mühsam, manchmal stockend, als ob ihr das Sprechen schwer fiel, als ob sie Schmerzen dabei verspüre.
„Mein Volk hat vor einer langen, langen Zeit die männliche Linie verloren. Krankheiten und eine unerklärliche Degeneration ließen alle männlichen Abkömmlinge verderben. Seitdem besteht mein Volk, das auf dem Grunde des Meeres lebt, nur aus weiblichen Wesen. Es wäre zum Aussterben verurteilt, wenn es keine Möglichkeit der Vermehrung gäbe. Durch einen unglaublichen Umstand ergab sich die Erkenntnis, daß der Samen der Erden-Männer, und nur dieser, für die Fortpflanzung unserer Art geeignet ist. Auch wenn immer nur weibliche Abkommen entstehen, so ist doch der weitere Bestand meines Volkes gesichert.“
Hier schwieg die Frau eine Weile. Sie beobachtete Robert aufmerksam, sah in seine ungläubigen Augen.

„Hab´ keine Furcht, Robert“, sprach sie weiter, als errate sie seine Gedanken, „diese Woche wird dir vorkommen wie eine Sekunde. Du wirst in einen tiefen, tiefen Schlaf versetzt werden, es wird vollkommen schmerzlos für dich sein. In dieser Zeit wird dir soviel Samen wie möglich entnommen. Es bedarf nur äußerst geringer Mengen für die Befruchtung, tausendmal weniger als bei der menschlichen Befruchtung. Mit deinem Samen, den wir wie einen unermeßlichen Schatz hüten werden, kann mein Volk wieder für einen langen Zeitenlauf überdauern. Nach einer Woche wirst du der Erde zurückgegeben, unversehrt, so, wie die Frau, die an deine Seite war.“

Robert blickte fassungslos auf die Wasserkönigin, dann zu den Mädchen an der Tür. Die Frau wandte den Kopf zu den Mädchen, ein kurzer Ruf, eines der Mädchen näherte sich der Liege. Robert sprang auf den Boden, doch ehe er sich weiterbewegen konnte, umklammerten die Hände des Mädchens seine Handgelenke. Robert schrie auf, mehr vor Überraschung als vor Schmerz, als er die Kraft der Hände spürte, die seine Gegenwehr erstickten. Das Gesicht des Mädchens näherte sich seinem Gesicht, sekundenschnell umschloß ihr Mund seine Lippen, wieder glaubte Robert zu ersticken, wieder strömte es süß in ihn hinein und erneut verlor er die Sinne, versank er in einen todesähnlichen Schlaf.






- Nikki schrieb am 12.02.2006: -

Sie hatte keine Ahnung, wovon er redete und auch keine Lust, sich wieder Vorträge über Meeresmythologie anzuhören. Nachdem sie leichte Kopfschmerzen vorgetäuscht und sich in ihre Kabine zurückgezogen hatte, holte sie aus dem Kleiderschrank einen kleinen Lederkoffer hervor. Sie legte ihn auf das Bett, öffnetet ihn und entnahm ihm seinen einzigen Inhalt: ein Buch über Kryptozoologie. Alexa schloss den Koffer und schob ihn beiseite. Bevor sie es sich auf dem Bett gemütlich machte, schloss sie die Kabinentür ab und zog die Vorhänge vor das Bullauge. Es musste ja niemand wissen, was sie hier tat. Mit mythologischen Vermutungen und Geschichten war ihr nicht gedient, sie brauchte Fakten, um Robert wiederzufinden. Zwar beruhte auch die Kryptozoologie in weiten Teilen auf Vermutungen und vagen Augenzeugenberichten, doch es war immerhin greifbarer, als bloße Geschichten.
Sie vertiefte sich in das Buch, blätterte und schaute zwischendurch immer wieder in ihrem dicken Artenbuch nach. Es gab einige Beobachtungen, die eine vielversprechende Spur ergaben. Angefangen von den ehemals als übertrieben groß dargestellten Riesentintenfischen, bis hin zu den Meerjungfrauen, die sich angeblich als Seekühe (es gab zwei Gattungen, den Dugong und den Manati) entpuppt haben sollten. Alexa lachte leise auf. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass die armen Seeleute von diesen recht plump aussehenden Tieren derart geblendet gewesen sein sollten, dass sie sie für anmutige Meerjungfrauen gehalten hatten. Nein, so blind konnte wohl kein Mann sein.
Auch die riesigen Tintenfische gehörten nicht in das Reich der Märchen. Es waren junge Exemplare an die Strände des westlichen Pazifiks gespült worden, die eine Länge von neun Metern erreicht hatten. Berechnungen der Meeresbiologen ergaben, dass ältere Riesentintenfische mit bis zu dreißig Meter langen Fangarmen ausgestattet sein könnten. Sicher, diese Tiere kamen in den Oberflächengewässern eher selten vor – wenn, dann meist verendet. Sie gehörten in die unbekannten Tiefen der Ozeane.
Überhaupt, das Weltall war besser erforscht, als die Tiefsee. Dass es dort offenbar eine reiche Fauna gab, war nicht mehr ganz unbekannt. Aber von einer Erforschung konnte noch keine Rede sein. Und genau dort musste sie ansetzen. Wenn sie sich richtig erinnerte, waren sie und Robert von den Nixen (Alexa wollte diesen Namen benutzen, bis sie den richtigen erforscht hatte) ziemlich tief herabgezogen worden. Das war die richtige Spur.
Aber wie sollte sie in diese Tiefen vordringen?
Alexa legte die Bücher zur Seite und ließ sich rücklings auf die Kissen fallen. Sie verschränkte die Arme hinter dem Kopf und begann zu grübeln.

Währenddessen lief die Nautilus mit voller Kraft durch den Ärmelkanal und passierte die französische Küste. Unheimliche Begegnungen blieben jedoch aus. Hermes und Nemo starrten abwechselnd das Sonar und das Radarbild an. Doch es zeigten sich keine ungewöhnlichen Aktivitäten.
Oben auf der Brücke stand Kapitän Stanislaus Gömcz. Ein großer schlanker Mann, der eher auf den Catwalk gepasst hätte, als auf die Brücke eines Schiffes. Von seiner Mannschaft wegen seiner Ruhe und Besonnenheit geschätzt, war er ein ausgezeichneter Nautiker. Sein Erster Offizier Thorsten Schöwert stand neben ihm und schaute durch ein Fernglas. Die See war ruhig und keine besonderen Vorkommnisse störten die Reise.
„Wissen Sie, warum wir so Hals über Kopf auslaufen mussten?“, erkundigte sich Schöwert bei seinem Vorgesetzten.
Der Kapitän schüttelte den Kopf. „Ich weiß nichts Genaues. Alles, was man mir sagte, war, dass es wohl um die Erforschung eines nur alle zweihundert Jahre vorkommenden Phänomens geht. Die haben es so dringend gemacht, weil dieses Phänomen wohl nur von kurzer Dauer ist.“
„Es behagt mir ganz und gar nicht, mit einem ungetauften Schiff durch die Gegend zu schippern“, murrte Schöwert.
Der Blick seines Kapitäns verriet Zustimmung.
„Es ist gegen jede seemännische Regel. Ein Schiff läuft erst dann aus, wenn es getauft ist.“
„Wir sollen es als Testfahrt werten ... haben die vom Institut gesagt.“ Auch Gömcz war nicht begeistert. Seeleute waren für gewöhnlich abergläubische Menschen, daher waren die meisten der Crew nicht informiert worden, dass die Fahrt mit einem ungetauften Schiff gemacht werden sollte. Vermutlich hätten sie sonst allesamt abgeheuert.
„Warum musste es das neue Schiff sein. Sie hätten doch auch die Poseidon oder die Meteor nehmen können.“ Schöwert gab sich noch nicht geschlagen.
„Was weiß ich.“ Gömcz blieb wie immer die Ruhe selbst. „Diese Expedition ist anders als alle bisherigen. Ich habe vor dem Auslaufen beobachtet, wie sich noch ganz kurz, bevor die Leinen gelöst wurden, zwei weitere Passagiere an Bord geschlichen haben.“ Er wandte sich dem Untergebenen zu. „Ich sag’s dir Thorsten, das riecht meilenweit nach Ärger.“ Gömcz wurde selten persönlich. Wenn, dann waren seine Äußerungen auch nur privat zu verstehen und nicht die offizielle Meinung des Kapitäns.
Der Erste Offizier sah nicht glücklich aus, als sein Kapitän ihm diese Dinge offenbarte. Diese Reise konnte ja noch lustig werden.

Alexa hatte einen Entschluss gefasst. Sie würde auf ihr Herz hören und allein weiter nach Robert suchen. Es war lieb von Nemo und Hermes, dass sie helfen wollten, doch sie wurde den Verdacht nicht los, bei den beiden drehte es sich eher um eine Forschungs- als um eine Rettungsmission.
Alexa hatte ihre Bücher im Koffer verstaut und noch ein paar Vorräte aus der Kombüse hinzu gepackt. Heute Nacht, wenn sie die portugiesische Küste umrundeten und in die Straße von Gibraltar einfuhren, wollte sie ihr kühnes Vorhaben in die Tat umsetzen.

Nemo und Hermes hatten Alexa beim Abendessen in der Messe vermisst. Nun standen sie vor der Tür zu ihrer Kabine und klopften und riefen. Niemand antwortete ihnen.
„Alexa, ist alles O.K.?“ Nemo machte sich Sorgen. Vielleicht hätte er das Sonar mal Sonar sein lassen und sich stattdessen um Alexa kümmern sollen.
Hermes fand, sein Mitarbeiter machte ziemlich viel Wirbel um das Mädchen. Offenbar war er blind für die Veränderungen in ihrem Aussehen.
Nemo klopfte noch einmal mit Nachdruck.
Jetzt regte sich etwas hinter der Tür.
„Wer ist da?“ Ihre Stimme klang dumpf durch das Holz.
„Alexa, ich bin es. Nemo. Ist alles in Ordnung mit dir?“
„Ja, ich habe geschlafen und möchte das auch weiterhin tun.“
„Du warst nicht beim Essen. Wenn du Hunger hast ...“
„Nein, ich habe keinen Appetit. Mir ist ganz flau und ich vermute, ich leide an Kinetose.“
„An der Seekrankheit?“ Nemo war erstaunt. Er hörte würgende Geräusche und wie jemand ganz schnell von der Tür wegrannte. „Leg dich bloß wieder hin. Morgen hast du es bestimmt überstanden.“
„Na siehst du. Ihr bekommt die Seefahrt nicht, das ist alles.“ Hermes tippte sich an die Stirn und machte sich auf den Weg zu seiner Kabine.
Nemo blieb noch einen Augenblick vor Alexas Tür stehen, dann zog auch er sich zurück. Die Nachtschicht würde ihn sofort wecken, sollte sie etwas Ungewöhnliches entdecken.

Nachdem es auf dem Gang wieder ruhig geworden war, öffnete Alexa leise die Tür und spähte durch den Spalt. In zwei Stunden hoffte sie einen ebenso leeren Gang anzutreffen. Es musste ja niemand im letzten Augenblick ihr Vorhaben durchkreuzen.
Aber erst einmal schloss sie die Tür wieder ab, legte sich auf das Bett und ging ihren Plan noch einmal in Gedanken durch.

Als sie zu später Stunde die Tür der Kabine vorsichtig öffnete, hatte sie Glück. Der Gang lag einsam und verlassen vor ihr. Alexa umfasste den Griff des Koffers fester und schritt entschlossen auf den Gang hinaus, sie bog um die Ecke und stieg die Treppe zum Oberdeck empor. Leise und immer wieder lauschend arbeitete sie sich bis zur Tür nach draußen vor. Jetzt kam es darauf an. Behutsam drückte sie die Klinke nieder und huschte hinaus in die klare Seeluft.
Der Einfall mit der Seekrankheit war genial gewesen. Nemo hatte es ihr abgekauft und ihr die nötige Ruhe gelassen. Jetzt fühlte sie sich voller Elan und Zuversicht.
Alexa stand an der Reling und starrte in das dunkle Wasser, das am Schiffsrumpf vorbeirauschte. Die Nautilus machte ordentlich Fahrt, sie hatte nicht bedacht, dass ein Boot dabei schneller zurückbliebe, als sie hineinsteigen könnte. Es war auch fraglich, ob sie überhaupt in der Lage war, eines der Rettungsboote aus den Davits auf das Wasser aufzusetzen. Vielleicht sollte sie es mit einer der Rettungsinseln versuchen?
Alexas Mut sank. Denn sie war sicher, es gelänge ihr nicht. Sie drehte sich um und lehnte sich an die Reling. Der Fahrtwind spielte mit ihrem Haar, die Luft roch nach Salz und tief in ihrem Inneren verspürte sie die Sehnsucht nach Robert.
Minutenlang blieb sie untätig stehen, ließ die Bilder zu, die sich ihr aufdrängten, dann ergriff sie den Koffer und schob ihn unter ihren Mantel. Sie stieg auf die Reling und schaute nach unten in die schäumenden Wogen. Nach einem tiefen Atemzug sprang sie von der Reling ab und beschrieb einen eleganten Bogen durch die Luft, bevor sie in die Fluten eintauchte.
Viele Luftbläschen stiegen rund um ihren Körper auf, als sie in die Tiefe glitt. Alexa machte jedoch keinerlei Anstalten wieder auftauchen zu wollen. Das Wasser schien ihr Element zu sein. Mit kraftvollen Schwimmzügen tauchte sie immer tiefer in die Dunkelheit. Sie hatte keine Probleme mit der Luft, oder dem zunehmenden Druck. Alexa war zu Hause.

Schöwert rieb sich die Augen und sah erneut hinaus in die Dunkelheit. Er suchte das schäumende Kielwasser der Nautilus nach einem Anhaltspunkt ab, doch es gab nichts zu sehen. Hatte er sich nur eingebildet, dass gerade jemand von der Reling gesprungen war?
Die Nautilus lief mit zwanzig Knoten, da konnte einfach niemand gesprungen sein. Er lief in den Sonarraum und erkundigte sich nach den Unterwasserkontakten der letzten Minuten.
„Da war nicht mal ein Schwärmchen Fische zu sehen“, bekam er zu hören.
„Nichts, keinerlei Kontakte? ... Auch kein kleiner oder vielleicht nur ganz kurzer?“
Der Mann am Sonar schüttelte den Kopf.
Schöwert verließ nachdenklich den Sonarraum, als ihm der Techniker nachrief: „Jetzt habe ich einen Kontakt!“
Rasch drehte der Offizier um und starrte auf das Sonarbild. Ein einzelner Kontakt war am rechten Bildschirmrand zu sehen. Vom linken her steuerte ein größerer genau auf diesen einzelnen zu. Die beiden Kontakte kamen sich immer näher, verschmolzen zu einem einzigen ... und verschwanden vom Bildschirm.
„Verstehen Sie das?“ Der Sonartechniker kratzte sich nachdenklich am Kopf.
Schöwert schüttelte den Kopf. „Nein. Es sah so aus, als hätten sich die beiden Kontakte verabredet.“
„Ja, den Eindruck hatte ich auch.“ Der Mann sah auf den Ausdruck. „Der Einzelkontakt war etwa ein Meter sechzig lang, der Größere setzte sich aus mehreren Einzelnen zusammen, die etwa dieselbe Länge hatten.“
Schöwert grinste. „Na, da haben wir doch etwas, womit wir unseren Käpten wecken können.“







- Wolf schrieb am 17.02.2006: -

Leise, sphärenhafte Klänge drangen in Roberts Unterbewußtsein, träumte er, wachte er? Unendlich schwer lasteten die Lider auf seinen Augen, er konnte sie kaum öffnen, sie schlossen sich wieder, nur mühsam vermochte er sie offenzuhalten. Allmählich kehrten seine Sinne zurück. Zuerst drehte er den Kopf hin und her, fand sich ausgestreckt auf einem Bett wieder, über ihm eine rosafarbene Decke. Der Bezug des Bettes, die Kissen und das Oberbett waren aus einem Stoff, den Robert nicht kannte. Kühl fühle er sich an, und doch empfand er eine angenehme wohltuende Wärme darunter. Unwirkliches Licht fiel über ihn, obwohl er keine Lichtquelle entdecken konnte. Er richtete sich auf, dabei fühlte er sich matt und erschöpft. Gerade, als er wieder zurücksinken wollte, um weitere Kräfte zu sammeln, erfaßten seine Augen in der Wand ein rundes Fenster von vielleicht der doppelten Größe der Bullaugen, wie Robert sie von der „Meteor“ unterhalb der Wasserlinie her kannte. Hinter dem Fenster war unzweifelhaft das Meer, die Tiefsee, zu erkennen, soeben schwebte ein fremdartiger, skurril geformter Fisch vorbei, der einen Augenblick vor dem Fenster verhielt, so als wollte er ins Innere des Raumes sehen.

Draußen, vor dem Fenster, herrschte Nacht, doch es war eine Nacht wie in einer großen Stadt. Eine schwache Helligkeit schimmerte nach oben gegen die Decke des Zimmers wie das Licht von Straßenlaternen, die ihren Schein in die nahen Häuser sandten. Wieder wollte Robert sich hinlegen, und wieder hielt er inne. Neben der einzigen Tür an der Schmalseite des kargen Zimmers, in dem sich nur das Bett als einziger Gegenstand befand, stand eines der Mädchen. Unverwandt schaute es geradeaus, in den Raum hinein. Robert wußte nicht, ob es ihn im Blick hatte oder ob es an ihm vorbeischaute. Auch als er aufstand, sich neben das Bett stellte, rührte sich das Mädchen nicht. Er näherte sich ihm vorsichtig, erst jetzt wurde ihm bewußt, daß er völlig nackt war. Als er bis auf wenige Schritte an das Mädchen herangekommen war, öffnete sich dessen Mund zu einem Lächeln. Es lächelt, doch Robert hört keinen einzigen Laut. Er kam sich sonderbar vor in seiner Nacktheit vor dem Mädchen, doch es schien hiervon keine Notiz zu nehmen.
„Wer bist du?“ fragte Robert, dabei schlenkerte er unbeholfen mit einem Arm.
Das Mädchen schaute ihn an, es lächelte weiter, der Mund öffnete sich noch mehr, war nur ein einziges Lächeln.
„Wo bin ich hier?“ fragte Robert weiter, „wo ist deine Anführerin, die Frau mit dem einen großen Auge?“
Unvermindert strahlte ihm das Lächeln des Mädchens entgegen, doch dessen Lippen rührten sich nicht zum Sprechen.

„Wo geht es dorthin?“ Robert wies mit der Hand auf die Tür neben dem Mädchen, machte gleichzeitig Anstalten, den Türgriff anzufassen. Blitzschnell erfaßte das Mädchen seinen Arm, es war das Werk nur eines Augenblicks. Robert schrie vor Schreck und Überraschung auf, so schnell erfolgte der Zugriff und so hart war der Griff des Mädchens. Es war, als ob sein Arm in einen Schraubstock steckte. Sofort lockerte das Mädchen den Griff, ließ seinen Arm wieder los, als er zurückwich. Während der ganzen Zeit, auch als der blitzartige Griff erfolgte, hatte das Mädchen gelächelt. In Robert stieg Angst auf. Das lächelnde Mädchen schien über ungewöhnliche Körperkräfte zu verfügen, und Robert hatte Angst, daß es zu gefährlicheren Attacken kommen könnte, wenn er sich unbedacht verhielt. Er rieb sich den Arm, wies mit der anderen Hand darauf und schüttelte verneinend der Kopf, worauf das Mädchen sein Lächeln noch verstärkte.

„Hol´ deine Anführerin, hol´ die Frau mit dem einen Auge“, sagte Robert und setzte sich wieder aufs Bett. Kaum hatte er ausgesprochen, als die Tür nach innen schwang und die Meereskönigin hereintrat. Auf halbem Weg bis zu Robert blieb sie stehen, ohne sich umzuwenden, machte sie eine Handbewegung nach hinten zu dem Mädchen, das daraufhin den Raum geräuschlos verließ.
„Deine Zeit ist erfüllt, Robert“, sagte die Frau nun, formulierte wieder langsam und bedächtig, „eine Woche ist vergangen.“
Einen Augenblick schwieg sie, um dann fortzufahren: „Du hast nichts verspürt, hast tief geschlafen. Und doch hast du uns so sehr geholfen.“
Sie kreuzte die Arme vor der Brust, über die ihre Haare bis über die Hüften wallten. „Du bist ein gesunder, junger Erden-Mann“, nickte sie anerkennend mit dem Kopf, „du hast meine Erwartungen noch weit übertroffen. Komm, ich will dir etwas zeigen.“ Dabei wandte sie sich zur Tür. Robert folgte ihr zögerlich. Er fühlte sich hilflos in seiner Nacktheit, trat vorsichtig mit den bloßen Füßen auf, obwohl der Boden völlig eben war und eine wohlige Wärme abstrahlte. Kaum war er aus der Tür getreten, als sich das Mädchen, das offenbar gewartet hatte, ihnen anschloß und ihm dichtauf folgte. Sie durchliefen eine verwirrende Anordnung verwinkelter Gänge, wechselten mehrfach über wunderlich geführte Treppen die Ebenen. Riesige Räume öffneten sich, in denen Robert kaum die Abmessungen ausmachen konnte, zahllose Gefäße in unterschiedlichsten Größen, durchsichtig oder in Pastelltönen gehalten, säumten die Gänge, waren in unübersehbarer Zahl in hallenförmigen Räumen angeordnet. In manchen Behältern perlten merkwürdige Substanzen und kräuselten die Oberfläche heller oder trüber Flüssigkeiten. Je weiter sie gingen, um so mehr entdeckte Robert Pflanzen, riesige Blattwerke, Blätter in außergewöhnlichen Größen, halb Baum, halb blumenförmige Pflanze, mit roten, blauen oder leuchtendgelben Blütenständen.

Die Meereskönigin bemerkte Roberts ungläubiges Staunen.
„Du trägst dazu bei, daß dies alles hier weiterhin Bestand haben kann, Robert. Mein Volk kann nun für eine lange, lange Zeit weiterleben. Ohne dich wäre das nicht möglich gewesen. Wir sind dir zu großem Dank verpflichtet, dir wird nichts Böses geschehen, sei ohne Sorge. Wir werden dir das nicht vergessen.“
Bekräftigend fügte sie hinzu: „Wer dir Böses will, wird sich unseren Zorn zuziehen. Wir werden jeden töten, der dich angreift. Laß´ dich nicht von der Anmut der Mädchen täuschen, Robert, sie verfügen über Fähigkeiten, die für jedes Lebewesen, ob innerhalb oder außerhalb des Meeres, tödlich werden können.“
Unwillkürlich schaute Robert zu dem Mädchen, das ein paar Schritte entfernt stand und ihn aufmerksam beobachtete. Ein eigentümliches Gefühl überkam ihn beim Anblick des äußerlichen Liebreizes, der das Mädchen umgab, und beim gleichzeitigen Wissen um die beängstigenden Waffen, über die es zu verfügen schien.

Sie erreichten einen langgestreckten, niedrigen Raum, in dem die Temperatur merklich niedriger war als in den übrigen Teilen des riesigen Gebäudekomplexes, in dem sie sich offensichtlich bewegten. Am Eingang wurden sie von einer Gruppe von Mädchen erwartet, die ihnen lange, fellartige Umhänge überwarfen.
„Komm´, ich will dir etwas zeigen“, sagte die Frau und ging wieder voraus, hinein in den niedrigen Raum, der Schränke, Tische und weitere Utensilien aufwies, die an ein Labor erinnerten. Nach wenigen Schritten hielt sie vor einem großen, metallenen Schrank. Doch so sehr Robert sich bemühte, er konnte nicht feststellen, aus welchem Material der Schrank gefertigt worden war. Irdischer Stahl war es nicht, auch kein Blech oder Zink, wie Robert es kannte, weder Blei noch eine andere Legierung, wie sie auf der Erde verwendet wurde. Die Frau öffnete den Schrank mit einem Schlüssel, den sie auf einmal in der Hand hatte. Es gab nur zwei Regale, und auf diesen stand, in runden Vertiefungen gehalten, eine große Anzahl von gläsernen Ampullen. Weißer Rauch quoll über die Regale und die Ampullen. Robert schreckte zurück, weil ihn eine eisige Kälte berührt hatte.
„Das ist von dir“, sagte die Frau und wies auf die Ampullen, „damit ist der Fortbestand meines Volkes gesichert. Wir werden es dir nie vergessen, Robert, niemals.“

Robert hatte, seitdem die Meereskönigin in sein Zimmer getreten war, kein einziges Wort mehr gesprochen. Er war wie benommen, wie betäubt. Wie war das alles möglich? Noch immer schwankte er zwischen Traum und Wahn. Hatte er den Verstand verloren? War er in einem Zwischenreich angelangt, einem Reich, das zwischen dem Leben und dem Tod existiert? Alles Wissen, das er über die Meere, über die maritime Welt bisher erlangt hatte, war hinfällig, war nutzlos, überflüssig. Niemals, niemals hatte er für möglich gehalten, was er jetzt, wenn es kein Traum, keine wahnhafte Vorstellung war, erlebte, wovon er nun Zeuge wurde.

Als sie den herabgekühlten Raum verließen, nahmen ihnen die Mädchen wieder die Umhänge ab. Wieder wurde sich Robert seiner Nacktheit bewußt, er schaute vergeblich um sich, ob sich nicht doch ein Kleidungsstück für ihn finden ließ. Offenbar gelangten sie nun in die äußeren Bereiche der gewaltigen Gebäudeanlage, denn nun mehrten sich kleine und größere gläserne Öffnungen in den Wänden, die den Blick ins umgebende Wasser und zu den beleuchteten Gebäuden der Unterwasserstadt preisgaben. Robert hielt den Atem an, als er hinausblickte. Wie tief mochte die Stadt liegen? Wie hoch mußte der Druck sein, der auf den Gebäuden, auf den gläsernen Öffnungen lag? Wie war es möglich, daß er auf seiner Tauchreise von der Meeresoberfläche hinunter diesen Druck überlebt hatte?
Die Meereskönigin schien seine Gedanken zu erraten. „Sei unbesorgt, Robert, was du hier siehst, sind Stoffe, die die Erden-Menschen nicht kennen. Sie sind widerstandsfähiger als alles, was du bisher kennenlerntest. Und das Element, das wir atmen, neutralisiert den Wasserdruck. Nur so ist es möglich, daß wir uns außerhalb der Gebäude im Wasser aufhalten können, nur so war es möglich, daß du unversehrt in diese Tiefe gelangen konntest. Meine Mädchen haben dir dieses Element in die Lungen geblasen, damit warst du für eine kurze Zeit in dieser Wassertiefe überlebensfähig. Auch die Kälte des Wassers wird durch dieses Atemelement wirkungslos und aufgehoben.“

Endlich fand Robert Worte: „Was geschieht denn nun mit mir, läßt du mich wieder frei? Zurück zur Erde?“
„Ich gebe dich der Erde zurück, Robert, so wie ich es bereits sagte. Und das Volk der Aquazonen hält sein Wort. Es ist unser ehernes Gesetz. Wer sein Wort bricht, hat sein Leben verwirkt.“
„Wann komme ich frei?“
„Geduld, Robert, Geduld. Ich will dir noch vieles zeigen. Denke daran: du wirst es nie wieder sehen, nie wieder, so lange du lebst.“
Robert schaute durch eines der großen Fenster. Riesige Fischschwärme ballten sich zusammen, drehten sich in verwirrenden Formen um sich selbst, schossen wir auf ein geheimes Kommando in gegensätzliche Richtungen.

„Doch wenn du bleiben willst“, fuhr die Meereskönigin fort, „wenn du bleiben willst, Robert, dann nehmen wir dich auf. Es ist deine Entscheidung. Dein Organismus würde sich in kurzer Zeit umstellen, wir halten dafür geeignete Maßnahmen bereit, auch deine Gliedmaßen würden sich verändern, bei dir als Mann, so, wie du die Mädchen siehst, die den Erden-Frauen auch nur zum Teil gleichen.“
Robert schwindelte, er mußte sich an der Wand abstützen. Bleiben? Hier unten, am Grunde der Tiefsee, verschollen für die Erde, für Alexa, für seine Eltern, für seine Freunde, für alles, was ihm bisher auf der Erde vertraut war?

„Es ist ein ungewohnter Gedanke für dich, Robert, gewiß. Doch bedenke, was du antriffst und was du aufgibst. Wäge es ab.“
Sie drehte sich nach einer Gruppe Mädchen um, winkte sie herbei.
„Wir werden dir unsere Stadt zeigen, draußen, im Wasser, in der Tiefsee.“
Robert schrak zusammen, schaute nach draußen in das dunkle Wasser, das von den Lichtern der Stadt durchdrungen wurde.
„Wir steigen durch eine Schleuse aus, ich komme mit. Die Mädchen werden dich wieder beatmen, so wie du von der Oberfläche gekommen bist. Sei ohne Furcht, sie beschützen dich. Bleibe immer in unserer Mitte, verlasse niemals die dich begleitenden Mädchen mehr als einen oder zwei Meter. Es gibt Raubfische und besonders gefährlich, auch Riesenkraken. Doch gegen die Mädchen wendet sich kein Fisch und keine andere Kreatur, weil sie Poseidons Geschöpfe sind.“






- Nikki schrieb am 28.02.2006: -


Alexa war nicht erstaunt darüber, dass sie sich im Wasser wie zuhause fühlte. Dieses Gefühl hatte sie schon vor Tagen am Strand verspürt, als sie knietief im seichten Wasser stand und sich nach Robert sehnte. Rasch war nicht mehr der kleinste Lichtschimmer von oberhalb der Wasseroberfläche zu sehen. Die Positionslichter der Nautilus waren ebenso verschwunden, wie die Sterne. Aber Alexa vermisste sie nicht, sie wollte nur noch zu Robert. Lebte er noch? War er überhaupt noch unter Wasser, in diesem geheimnisvollen Reich? Sie wollte sich nicht vorstellen, wie es ohne ihn sein würde.
Ein leises Klingen tönte durch das Wasser. Alexa hielt ein wenig irritiert inne und versuchte auszumachen, woher die zarten Töne kamen. Doch so sehr sie sich auch bemühte, es gelang ihr nicht. Das leise Klingen schien überall zu sein.
Ihre Augen waren nicht an diese undurchdringliche Dunkelheit gewöhnt, die sie umfangen hielt. Angst verspürte sie aber nicht. Das Element Wasser gab ihr Geborgenheit und die Dunkelheit Schutz.
Alexa schwamm weiter, jetzt nicht mehr so sehr in die Tiefe, als vielmehr in waagerechter Linie nach Süden. Es war, als höre sie eine körperlose Stimme, die ihr genau sagte, wohin sie sich zu wenden hatte. Alexa hatte vollstes Vertrauen in diese Stimme und folgte ihr bedenkenlos. Ohne zu ermüden schwamm, nein, schwebte sie durch das Wasser. Es war für sie zur festen Gewißheit geworden, dass sie Robert wiedersehen würde.








- Wolf schrieb am 11.03.2006: -

„Warum habe ich keinen Hunger?“ fragte Robert, „auch getrunken habe ich nichts. Wie ist das möglich, ohne zu essen und zu trinken hier unten zu überleben?“
„Wir haben dich ernährt in der Woche, als du im Tiefschlaf lagst“, antwortete die Meereskönigin, „die Mädchen haben deinem Körper Nahrung und Flüssigkeit zugeführt auf eine Weise, die der menschlichen Wissenschaft unbekannt ist. Dein Organismus befindet sich bereits in einem Anpassungsprozeß, der deinen Körper am Ende in die Lage versetzen wird, alle Nahrung zu verwerten, die wir aus der Tiefsee gewinnen können.“
Indem sie sich zum Gehen wandte, rief sie einigen Mädchen etwas zu.
„Bereits deine Augen haben sich verändert, seitdem dich die Mädchen von der Meeresoberfläche hinabbrachten“, fuhr sie fort, „du kannst mit den ungeschützten Augen im Wasser sehen wie außerhalb des Wassers, was den Menschen sonst nicht möglich ist.“

Als Robert sich umschaute, war die Zahl der Mädchen, die ihnen folgte, erheblich angewachsen, auf vielleicht zwanzig oder sogar dreißig. Sie hielten einen bestimmten Abstand ein, bewegten sich leichtfüßig und geschmeidig. Sie wirkten munter, unterhielten sich aufgeregt, schienen in freudiger Erwartung zu sein auf das, was folgen sollte. Die Meereskönigin schwieg seit geraumer Zeit. Wenn Robert für einen Moment die Orientierung zu verlieren schien, berührte sie ihn kurz mit einer Hand, die so kühl war, daß er jedes Mal zusammenfuhr, wenn er sie auf seiner nackten Haut spürte. Doch meist ging die Frau einenSchritt voraus, mit erstaunlicher Schnelligkeit, so daß Robert Mühe hatte zu folgen.

Am Ende eines schmalen Ganges führte eine lange, steile Treppe hinunter.
Abrupt blieb die Frau stehen, trat nah vor Robert hin
„Wir werden gleich die Ausstiegsschleuse erreichen, Robert. Sei ohne Furcht. Die Mädchen werden dich immer in der Mitte haben, es kann dir nichts geschehen. Gib dich ihnen hin, wehre dich nicht, wenn sie ihren Mund auf den deinigen setzen und dir das Atemelement zuführen.“
Mit ihrem großen Auge beobachtete sie Robert aufmerksam, ob er sie verstand. „Auch ich werde in deiner Nähe sein“, fuhr sie fort, „doch zu deinem Schutz sind die Mädchen da. Sie bürgen für dein Leben. Sie würden dich, wenn es notwendig würde, mit ihrem eigenen Leben verteidigen. Sie wissen, was du für sie und unser Volk getan hast.“

Eine kreisrunde, dunkle Wasserfläche, mit einem Durchmesser von vielleicht vier oder fünf Metern, glatt und glänzend, lag am inmitten eines hellerleuchteten großen Raumes, der angefüllt war mit einer unübersehbaren Zahl unterschiedlichster merkwürdiger Apparaturen und Gerätschaften, deren Bedeutung Robert nicht erkannte.
„Versuche nicht, es zu begreifen“, sagte die Frau, die Robert beobachtet hatte, „du wirst es nicht verstehen.“
Einige Treppenstufen führten unter den Wasserspiegel der kreisrunden Öffnung, darunter lag die Tiefe. Ehe Robert sich versah, hatten die Mädchen einen Kreis im Wasser gebildet. Sie waren erregt, einige glitten behende unter die Oberfläche, um dann blitzschnell wieder aufzutauchen. Nur für einen kurzen Augenblick fuhr ihm durch den Kopf, daß er nach wie vor völlig nackt war.
„Nur zu“, forderte ihn die Meereskönigin freundlich auf, „nur zu, Robert. Begebe dich in ihre Mitte. Sie können es kaum abwarten, dir ihre Zuwendung zu zeigen, dir das Atemelement in die Lungen zu geben.“
Mit einer Handbewegung versuchte sie, die aufkommende Unruhe der Mädchen zu dämpfen.
„Sie werden dich abwechselnd beatmen, Robert“, sprach sie dann weiter, „darauf haben sie sich verständigt. Und nun“, sie machte eine auf die dunkle Wasserfläche weisende Geste, „geh´ in ihre Mitte.“

Robert war kaum ins Wasser gelangt, als das erste Mädchen sich seiner annahm. Ohne viel Federlesens zog es ihn an sich und ehe er sich versah, sank es mit ihm hinab; sogleich spürte er den Mund des Mädchens auf seinem. Eine merkwürdige Losgelöstheit nahm Besitz von ihm, er entspannte vollkommen, ihm war, als sei er federleicht, völlig schwerelos. Immer wenn er einen Mund auf seinem Mund spürte, umwehte ihn am ganzen Körper ein Wald von langen, weichen Haaren. Wie eine süße, berauschende Wolke drang das Atemelement in ihn, und je mehr er davon aufnahm, um so befreiter fühlte er sich. Ringsum sah er die Leiber der Mädchen, die delphingleich in anmutigen Bewegungen durch das Wasser glitten. Immer wieder schauten sie zu ihm, er sah ihre geöffneten, lächelnden Münder. Oft schwammen sie so nah an ihn heran, daß sie ihn berührten. Ringsum sah er sich eingehüllt von ihren langen, wallenden Haaren, die ihn wie ein beschützender Vorhang umgaben. Hin und wieder öffneten sie ihre schier undurchdringliche Formation für eine Weile und gaben ihm den Blick auf die Umgebung frei.

In gemächlicher Geschwindigkeit schwebten sie über die Unterwasserstadt hinweg. Erst jetzt bemerkte Robert, daß er von zwei Mädchen an den Armen gehalten und gezogen wurde. Wenn sie anhielten, ließen sie ihn los, die Mädchen bildeten dann einen nach vorne offenen Kreis, und Robert bewegte sich ohne Hilfe. Gegenüber den eleganten Bewegungen der Mädchen kam er sich ungeschickt und schwerfällig vor. Meist dauerte es eine geraume Zeit, bis er sich an die Öffnung des Kreises herangearbeitet hatte. Schaute er dann rechts und links, verstärkte sich das Lächeln in den Gesichtern seiner Begleiterinnen. Nicht eine Sekunde ließen sie ihn aus den Augen.

Sie überquerten die Stadt vielleicht in einer Höhe von fünfzig Metern, Robert konnte es nur erahnen. Von unten blinkten zahllose Lichter und Leuchten nach oben, und hin und wieder entdeckte er winzige dunkle Körper, die sich schwimmend zwischen den Gebäuden bewegten. Mit Mühe konnte er den langen Haarschopf ausmachen, wie ihn alle Mädchen aufwiesen, die mit ihm schwammen. Jenseits der Stadt herrschte vollkommene Dunkelheit, selbst nach oben hin, wo irgendwo die Meeresoberfläche lag, war es gänzlich schwarz. Sekundenlang zitterte Robert vor Furcht, als er sich ausmalte, in welcher Tiefe er sich wohl aufhielte.

Immer wieder zogen Fische an ihnen vorbei, ohne sonderliche Angst, in behäbiger Geschwindigkeit. Es waren auch Raubfische darunter, groß und schwarz. Einige kamen auf die Gruppe der Mädchen zu, öffneten ihre Rachen, in denen sich furchterregend große, spitze Zahnreihen zeigten. Robert sah mit vor Angst weitgeöffneten Augen zu den unheimlichen Begleitern hin, die ihn zwischen den Mädchen entdeckt zu haben schienen. Doch sie wagten keinen Angriff, und als eines der Mädchen sich aus der Gruppe löste und sich zweien der Raubfische zuwandte, ergriffen diese wie in panischem Schrecken die Flucht. Lächelnd kehrte das Mädchen zurück und nahm wieder seine Position ein.

Sie hatten die Stadt unter sich zurückgelassen, drangen nun in eine beängstigende Finsternis ein, die jedoch nach wenigen Minuten wieder Konturen zeigte. Es war, als ob die unterseeischen Gebirge und Hügel selbst ein eigenartiges, mattes Licht abstrahlten, keine Helligkeit, nur ein schwaches Leuchten, das eine Orientierung ermöglichte. Die Mädchen sanken nun mit ihm weiter nach unten, und Robert erkannte weidenartige, ausgedehnte Flächen, auf denen Pflanzen mit großen, herzförmigen Blättern wuchsen. An manchen Stellen, meist an eine Erhebung oder einen kleinen Hügel gelehnt, standen käfigartige Behältnisse, die von Fischen umlagert waren und in deren Innerem es von Fischen wimmelte. Häufig, wenn Robert fasziniert einen neuen, ungewohnten Anblick wahrnahm, tauchte ein Mädchen vor ihm auf, drängte sich an ihn, um ihm das Atemelement zuzuführen. Er begann die Süße des Stoffes, der in ihn strömte, mehr und mehr lustvoll zu genießen, und manchmal, wenn das Mädchen zu ungestüm mit ihm war, umarmte er es, um in seinem Schwebezustand Halt zu gewinnen.

Eines der Mädchen kam in kürzeren Abständen zu ihm als die anderen. Einmal konnte er beobachten, daß es sich schon hinter dem Mädchen aufhielt, das ihn soeben beatmete und schon wenige Augenblicke später bei ihm war und ihn, noch bevor er Atemnot verspürte, an sich zog.

Plötzlich, als sie weiter über die Weiden und Fischgründe glitten, die offensichtlich von den Aquazonen angelegt worden waren und ihnen die notwendige Nahrung lieferten, stieg hinter einem angrenzenden Bergrücken ein unförmiger schwarzer Körper in die Höhe. Schon die schiere Größe der dunklen Masse wirkte bedrohlich. Für einen kurzen Augenblick verhielt die unheimliche Erscheinung wie in der Schwebe, dann entfalteten sich in alle Richtungen schlangenförmige, lange Tentakel, die erst starr wie eine riesige Sternenkrone ins Wasser ragten, dann sich zu winden und schlängeln begannen wie die Kreaturen auf dem Haupte der Medusa. Die Mädchen scharten sich enger um Robert, sein Ausblick nach vorne verschloß sich durch ihre Leiber, die eng zusammenrückten. Durch die wallenden Haare hindurch, an den Körpern der Mädchen vorbei sah er, wie sich die langen Fangarme des Riesenkraken bündelten und sich in die Richtung der Aquazonen ausstreckten. Doch blitzschnell zuckten die Tentakel sogleich wieder zurück. Robert erspähte aus seinem Versteck inmitten seiner Beschützerinnen drei Mädchen, die in die Richtung des Kraken schwammen. Sie taten das ganz langsam, wobei sie immer wieder zueinander schauten, so als ob sie sich für ein gemeinsames Handeln verständigten. Der Krake wich langsam zurück, stieß mit seinem Körper gegen den Hügel, über den er herabgeglitten war. Seine Rückwärtsbewegung wurde schneller. In wenigen Augenblicken verschwand er im Dunkel hinter dem Berg, über den er aufgestiegen war.

Sofort lichtete sich der Kreis vor Robert wieder, einige der Mädchen sanken bis zum Grund hinab. Nach kurzer Zeit kehrten sie mit Pflanzenbündeln in den Armen zurück. Da sah Robert zum ersten Mal während ihres Erkundungstauchgangs die Meereskönigin. Sie war nun an der Spitze der Gruppe, wies mit den Armen in verschiedene Richtungen, worauf einige Mädchen die Gruppe verließen. Dann gab sie die Anweisung zur Umkehr. Als sie wieder die beleuchtete Stadt unter sich hatten, fühlte sich Robert erleichtert. Immer wieder war das Mädchen bei ihm, das ihm mehr als alle anderen das Atemelement in die Lungen gegeben hatte. Nun schien es, als ob es von den anderen Mädchen bereits bevorzugt zu ihm vorgelassen wurde. Es war etwas größer als die anderen Mädchen; seine Augen suchten Roberts Gesicht immer aufmerksam ab, wenn es seinen Mund von Roberts Mund löste. Und sogleich, wenn das Mädchen beruhigt schien, fuhr ein strahlendes Lächeln über das von besonders hellen Haaren eingerahmte Gesicht.

Als sie wieder in der Ausstiegsschleuse auftauchten, sank Robert erschöpft auf dem Rand der Treppenstufen nieder. Die Mädchen schienen keine Müdigkeit zu verspüren, ein Gewirr von Lauten setzte ein, Lachen erklang. Einige Mädchen entstiegen dem Wasser nur ungern, tollten noch eine Weile umher, bis die Meereskönigin eine Weisung erteilte und alle das Wasser verließen. Robert sah nun, wie groß die Menge der geernteten Pflanzen war, die bereits durch den Gang fortgeschafft wurden. Die Meereskönigin hielt ihm den Teil eines der Blätter hin und bedeutete ihm, es zu essen. Zögerlich tat Robert wie geheißen, nahm vorsichtig einen Bissen. Doch dann war er über den Wohlgeschmack überrascht. Ein kräftiger Geruch entströmte der Pflanze, die ihn an Spinat und gleichzeitig an Wildfleisch erinnerte. Kleine kugelförmige Einschlüsse, wie sie ihm von Blasentang her geläufig waren, zerplatzten unter seinen Zähnen, doch sie enthielten kein Auftriebsgas, wie es beim Tang der Fall war, sondern eine offenbar nährstoffreiche Flüssigkeit, die in starkem Maße auch den Durst löschte.

Es wurde wieder lebhaft im Raum, einige der Mädchen kehrten zurück. Aufgeregt gestikulierten sie auf die Meereskönigin ein. Robert sah sich um. Erst jetzt entdeckte er das Mädchen, das ihn unablässig mit dem Atemelement versorgt hatte. Es saß auf der untersten Treppenstufe, dicht neben seinen Füßen und hatte diesen Platz offensichtlich eingenommen, seit er dem Wasser entstiegen war. Das Mädchen saß ganz ruhig, die Arme anmutig in den Schoß gelegt. Niemand hätte die ungeheure Kraft vermutet, die von diesen weißen, eher zierlichen Mädchenarmen ausgehen konnten, vor denen selbst Raubfische und Riesenkalmare zurückwichen.

Aus dem Kreis der gestikulierenden Mädchen trat die Meereskönigin heraus, näherte sich Robert.
„Es ist etwas eingetreten, was ich niemals erwartet habe, Robert.“ Sie schwieg, als suche sie nach Worten.
„Unsere Wächterinnen, die weiträumig um die Stadt, um das Reich der Aquazonen Position bezogen haben, brachten einen Eindringling auf. Normalerweise töten sie jedes Wesen, das nicht zur Fauna des Meeres gehört, auf der Stelle. Doch eine von ihnen verhinderte in letzter Sekunde die Tötung. Dieses Mädchen war zugegen, als du und deine Begleiterin von der Meeresoberfläche in unsere Stadt gebracht wurdet. Das Mädchen erkannte Alexa wieder, die eine erstaunliche evolutionäre Wandlung aufweist. Ihr Organismus hat sich, was ich bislang für ausgeschlossen hielt, in kürzester Zeit den Lebensbedingungen der Aquazonen angepaßt, offenbar ausgelöst durch das ihr verabreichte Atemelement.“
Die Meereskönigin machte wieder eine längere Pause, als ob sie selbst die ungeheuerliche Mitteilung, die sie Robert machte, noch zu bewältigen habe. Robert schaute sie ungläubig an, dann blickte er zu dem Mädchen zu seinen Füßen, das ihn unverwandt anlächelte und nichts von den Worten der Meereskönigin verstanden zu haben schien.
„Ich begreife das nicht“, fuhr die Frau fort, „bei dir, Robert, ist diese Assimilierung des Organismus nicht in dieser nahezu vollkommenen Weise eingetreten; du würdet dazu noch eine lange, lange Zeit benötigen. Warum die Entwicklung bei der Erdenfrau so rasch geschehen konnte, daß sie bereits in große Tiefen vorzudringen vermochte, ihr Atemsystem sich schon vollständig dem der Aquazonen anpaßte, ist mir rätselhaft.“






- Nikki schrieb am 15.04.2006: -

Alexa zog Robert hinaus ins freie Wasser. Wenn sich die Meereswesen jetzt gegenseitig anfeindeten, war ihnen nicht geholfen. In einen Krieg, oder besser gesagt in die familiären Streitigkeiten der mystischen Meeresfauna wollte sie sich nicht hineinziehen lassen.

Während sie durch die dunklen Tiefen schwammen, gab Alexa Robert immer wieder Atemspenden. Diesen Umstand genoss sie sichtlich. Auch Robert war nicht abgeneigt. Stets umarmte er sie, während sich ihre Lippen suchten und fanden.
Alexa konnte in dieser Tiefe sehen, Robert hingegen war auf seinen Tastsinn angewiesen. Er musste sich seiner Freundin gänzlich anvertrauen, denn er allein käme im offenen Wasser nicht mehr zurecht. Wenn ihm der Atem auszugehen drohte, verspürte er sogleich, welch großer Druck hier in der Finsternis herrschte. Gab ihm Alexa jedoch ihre Atemspende, wurde ihm alles wunderbar leicht. Lag es an ihrem veränderten Wesen, oder an seinen tiefen Gefühlen für sie?

Langsam wurde das Wasser heller, die Finsternis wich einem tiefen Blau. Robert erkannte, dass sie der Oberfläche zustrebten. Zuerst froh darüber, bedauerte er es jedoch wenige Momente später. Alexa würde ihm wieder ferner werden. Konnte sie überhaupt noch auf dem Land leben? Sein Kopf durchbrach das Wasser und seine Lungen sogen sich voll der klaren Seeluft. Land war weit und breit nicht zu sehen.
„Wo sind wir hier?“ Er wandte sich Alexa zu, deren Kopf neben dem seinen auftauchte.
„Mitten im Pazifik.“ Ihre Stimme klang eigenartig melodisch.
„Wie ... wie konnten wir in so kurzer Zeit ...“
Alexas Lächeln ließ ihn erschauern. Die silbrigen Schuppen an ihren Schläfen und dem Haaransatz, die meerblauen Augen, die weichen Lippen ...
„In der Tiefe gibt es Strömungen, wie sie auch in den oberen Luftschichten zu finden sind ...“
„Du meinst die Jetstreams?“
Sie nickte. „Wir sind mit einer dieser Strömungen gereist. So ist es kräftesparend.“
„Und wie geht es weiter? Was hast du vor?“
„Ich will einen solchen Tintenfisch suchen, wie der, der mich gebissen hat. Es gibt einige wenige Exemplare, von denen erzählt wird, sie verfügten über mystische Kräfte. So einen müssen wir finden.“
„Und wenn wir ihn gefunden haben?“ Robert erforschte ihr Gesicht.
„Dann müssen wir ... ” Sie unterbrach sich und starrte auf eine Wolkenbank, die aus der Ferne heranzog. „Wir sollten wieder untertauchen.“ Rasch zog sie ihn mit sich in die Tiefe.
Robert wollte gerade fragen warum, als er schon unter Wasser war. Er versuchte verzweifelt das salzige Wasser, welches ihm in den Mund gedrungen war, auszuspucken. Doch wenn er den Mund öffnete, bekam er nur noch mehr Wasser hinein.
Alexa spürte seine Not und hielt im hinabtauchen inne. Sie schlang ihre Arme fest um ihn und presste ihre Lippen auf die seinen. Behutsam blies sie ihm ihren Atem ein, während das Salzwasser aus seinem Mund wich. Robert umklammerte sie erst, mit zunehmender Leichtigkeit jedoch löste sich sein fester Griff. Das flüssige Element in dem sie schwebten, begann sich sanft zu wiegen, als der aufziehende Sturm die Oberfläche aufpeitschte und zu haushohen Wellen auftürmte. Eine seltsame Dunkelheit hatte sich über sie gelegt. Doch der süße Atem Alexas ließ ihn beruhigt sein. Roberts Arme hielten sie sanft umfasst und ihre Lippen lösten sich nicht von ihm. Seine Fingerspitzen strichen über ihre samtige Haut. Eingehüllt in das schleierige Kleid ihrer Haare, schwebten sie in sinnlicher Nähe, während über ihnen die Elemente tobten.







- Wolf schrieb am 27.04.2006: -

Der Sturm wühlte das Meer zu hohen Wogen auf, die selbst noch in der Tiefe zu spüren waren, in der Alexa und Robert sich aufhielten, um das Unwetter abzuwarten. Robert war wie narkotisiert, begriff nicht, was um ihn herum geschah. Durch seinen Kopf spukten wirre Gedanken und Vorstellungen, von denen er nicht wußte, ob er sie träumte oder sie als Wirklichkeit erlebte. Widerstandslos trieb er an der Seite Alexas im Wasser, ließ ohne Regung ihre Atemspenden über sich ergehen. Mehr und mehr schmiegte er sich an sie, er empfand wie ein Kind, das sich schutzsuchend an die Mutter drängt.

Verwundert sah er in den Momenten, wenn er zu einem klaren Gedanken fähig war, wie sehr Alexa sich dem Aussehen der Aquazonen aus dem Reich der Meereskönigin angepaßt hatte. Ihr Körper, die langen wallenden Haare, ihre Bewegungen glichen den Mädchen auf erstaunliche Weise. Auch schien sie inzwischen über die außerordentlichen Kräfte der Mädchen zu verfügen, denn als Robert einmal unachtsam davontrieb, fing sie ihn mit einem überraschend harten Griff wieder ein. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Waren es Stunden, Tage oder vielleicht Jahre, die vergangen waren, seit ihn die Aquazonen in die Tiefe hinabgezogen hatten? Er hätte es nicht sagen können. Das Denken fiel ihm schwer, Müdigkeit überkam ihn immer wieder.

Wie durch Nebelschleier nahm er plötzlich wahr, wie das Wasser um ihn herum zu brodeln begann. Aus dem Dämmerlicht, das in dieser Tiefe herrschte, lösten sich erste Gestalten, es wurden immer mehr. Robert erkannte die Mädchen der Meereskönigin. In immer größeren Scharen tauchten sie auf, von allen Seiten. Wie ein riesiger, unförmiger Fischschwarm umgaben sie Alexa und ihn, schwammen hin und her, in sinnverwirrenden Bewegungen und Formen. Plötzlich teilte sich der Strom der Leiber, eine einzelne Gestalt kam herangeschwommen, und Robert, dessen Sinne zurückgekehrt waren, erkannte die Meereskönigin. Mit einer gebieterischen Geste formierte sie die Mädchen schützend um Robert und Alexa. Sodann tauschte sie mit Alexa für Robert unverständliche Handzeichen wie in einer Gebärdensprache aus. Alexa nickte mehrfach mit dem Kopf, schien zu verstehen und einverstanden mit dem, was die Meereskönigin ihr kundtat.

Eine leichte Veränderung des Wassers an seinem Körper ließ Robert um sich blicken. Er erkannte das Mädchen, das ihm bei der Exkursion zu den Fisch- und Pflanzengründen am Ende nicht mehr von der Seite gewichen war, Es ergriff Robert, zog ihn an sich. Robert war unfähig zu einer Reaktion, willig gab er sich dem Mädchen hin, das sogleich seine Lippen über seinen Mund legte. Im gleichen Moment spürte Robert wieder jene berauschende, sinnliche Süße, die ihn durchströmte und Besitz von seinem Körper ergriff. Nach wenigen Sekunden, in denen er als letztes den Blick von Alexa wahrnahm, schwanden ihm die Sinne.

Als er erwachte, blickte er benommen um sich. Da entdeckte er Alexa, die unweit von ihm im Sand saß und nun besorgt zu ihm sah. Er lag ausgestreckt an einem Strand, nur ein paar Schritte vom Wassersaum entfernt. Noch immer war er nackt, doch ihn fror nicht. Als er sich aufrichtete, kam Alexa zu ihm. Auch sie war vollkommen unbekleidet. Er kannte sie nackt, ihr Körper war ihm vertraut. Alexa bemerkte, wie Robert sie anschaute, ihren nackten Körper musterte. Dann begriff sie, warum er so entgeistert blickte.
„Die Meeresgöttin hat mich der Erde zurückgegeben. Hier“, sie wies auf ihren rechten Oberarm“, hier, sieh. Hier hat sie einen kurzen Biß gesetzt. Es tat kaum weh. Und binnen weniger Sekunden wandelte sich mein Körper zurück in den einer Erdenfrau.“ Sie lächelte. „In den Körper, den du kennst, Robert.“ Sie hockte sich neben Robert, der erschöpft zurückgesunken war.
„Auch bei dir setzte sie einen Biß in den Oberarm. Schau“, sie zeigte ihm die Stelle, „hier sind die winzigen Bißstellen zu sehen.“
Robert richtet sich erneut auf, fuhr mit den Fingern über die geröteten kleinen Einstiche.

Alexa erzählte, was sich zugetragen hatte. Der riesige Schwarm der Aquazonen, mit der Königin an der Spitze, hatte sie mit einer kaum vorstellbaren Schnelligkeit durch die Tiefen der Meere bis hierher an die einsamste Stelle des Strandes gebracht, von dem aus sie damals ins Meer hinausschwammen. Eine milde Nacht war angebrochen, als man sie am Strand absetzte. Eines der Mädchen hatte nicht von Robert lassen wollen, immer wieder umschlang es ihn mit beiden Armen, unentwegt hatte es ihn angeatmet. Erst als die Meereskönigin einige harte Laute zu ihm ausstieß, entfernte sich das Mädchen und verharrte abseits im seichten Wasser, die Augen unverwandt auf Robert gerichtet.

„Am Ende“, erzählte Alexa weiter, „am Ende strich dir die Meereskönigin über das Gesicht. Und bevor sie sich wieder ins Wasser zurückbewegte, sagte sie:`Robert steht von nun unter dem Schutz der Aquazonen, ebenso du als seine Erdenfrau. Immer dann, wenn ihr das Meer aufsucht, kann euch nichts geschehen. Auch wenn ihr die Mädchen nicht seht, so sind sie doch allgegenwärtig. Sie werden alles und jeden töten, der euch Böses antun will. Und wenn ihr der Erde überdrüssig werden solltet: Geht nur ins Meer, wo auch immer es sei, die Mädchen werden euch sogleich zu mir geleiten. Mein Reich steht euch offen, jetzt und für alle Zeiten.’ Das Wasser erhob sich wie ein großes Gebirge. Die Schar der Mädchen wartete bereits auf die Königin, und mit einem letzten, geheimnisvollen Rauschen verschwand sie mit ihrem Gefolge in der dunklen Flut. Es war das Werk nur eines Augenblicks, und sogleich trat eine große Stille ein, als ob das Meer den Atem anhalte.“

Alexa schwieg eine Weile. Roberts Gesicht wirkte verklärt. Er sah hinaus aufs Meer. Stumm hob er den Arm und wies hinaus, als wollte er auf etwas zeigen, was nur er sehen konnte.
„Noch etwas sagte sie zu mir“, fuhr Alexa fort, doch es fiel ihr schwer, als ob sie sich nicht richtig erinnern konnte, „sie sagte noch, daß wir uns nach wenig mehr als sechs Erdenstunden nicht mehr an das Volk der Aquazonen erinnern werden, daß unser Gedächtnis alles verlieren wird, was wir in der Tiefe des Meeres gesehen und erlebt haben.“
Robert blickte zu Alexa auf, rieb sich die Augen. „Wovon sprichst du?“ fragte er und stützte sich auf beide Arme.







- Wolf schrieb am 30.05.2006: -

Alexa erwachte als erste an diesem Morgen. Die Gardinen bauschten im geöffneten Fenster, Sonnenflecken huschten über den Boden und an die Wände. Sie stand auf und trat ans Fenster. Am Pool hatten sich schon die ersten Leute eingerichtet, halblaut drangen ihre Stimmen herauf. Thomas aus Köln, angegraut, ein bißchen zu füllig für seine Jahre, zog wie jeden Morgen stoisch seine Bahnen. Sie hatte eine unruhige Nacht verlebt. Es war spät geworden, Robert hatte wieder einmal kein Ende finden können. Er war interessant für alle Gäste, immer wieder. Seine Art, jedem zuzuhören, sein Wortwitz, seine Schlagfertigkeit ließen ihn ungewollt in den Mittelpunkt rücken. Niemand verübelte ihm das, bis auf den Griesgram aus Berlin, von dem niemand so richtig wußte, was er eigentlich trieb und womit er sein Geld verdiente.

Lebhafte Träume mußten über Robert gekommen sein. Er sprach im Schlaf, murmelte, lachte laut auf, einmal stieß er einen Schreckenslaut aus. Dann kauerte er sich zusammen, schlang beide Arme schutzsuchend um sich wie ein ängstliches Kind. Stundenlang fand Alexa nicht in den Schlaf. Robert griff nach ihr, fühlte ihren Körper ab, doch als sie erschrocken Licht machte, lag er mit geschlossenen Augen und murmelte halblaut vor sich hin. Sie hielt ihr Ohr dicht an seinen Mund, doch was sie hörte, waren unzusammenhängende Wortfragmente und unverständliches Gestammel.

Als sie aus der Dusche zurück ins Zimmer kam, lag Robert immer noch auf dem Rücken quer über dem Bett, mit ausgebreiteten Armen. Sein Bettzeug war auf den Boden gerutscht, ein Fuß ragte über das Bett heraus. Sie trat näher an ihn heran. Immer noch schlief er. Ein kleines, wie sie fand, süßes Lächeln spielte um seinen Mund, sein Atem ging tief und regelmäßig. Er mußte Schönes geträumt haben, etwas wie Glück lag in seinen Zügen. In den frühen Morgenstunden war sie schließlich doch eingeschlafen, hatte sie ein tiefer, traumloser Schlaf überwältigt. Traumlos? Irgend etwas war in ihr vorgegangen, Bruchstücke von Erinnerungen fuhren ihr durch den Kopf. Meer, an Wasser erinnerte sie sich, dunkel, tief, unendlich tief. Sie war im Traum im Meer gewesen, sie wußte es ganz sicher. Doch seit ihrer Ankunft hier waren sie täglich im Meer geschwommen, das Hotel lag wenige Meter vom Wassersaum entfernt, das Meer war allgegenwärtig.

Was hatte es Eigenartiges mit diesem Traum auf sich, was war darin geschehen? Sosehr sie ihr Gehirn marterte, immer zuckten nur wie Blitze sekundenlange Episoden und Bilder an ihr vorüber, ohne daß sich ein Sinn, eine Handlung ergab. Außerordentliches, Ungewöhnliches mußte sich in ihrem Traum zugetragen haben, sie spürte es deutlich. Wie bei Robert? War es möglich, gemeinsam einen Traum zu durchleben? Doch sie vermochte sich nicht zu erinnern. Je länger sie darüber nachdachte, um so mehr schwanden die Erinnerungsstücke, bis sie sich schließlich gänzlich auflösten. Von diesem Augenblick an wußte Alexa nicht einmal mehr, daß sie sich zu erinnern versucht hatte.

Sie blieben noch eine Woche, dann reisten sie zurück. Als Alexa aus dem Flugzeug nach unten schaute, aufs Meer, sah sie, wie blau es leuchtete. Sie zeigte es Robert, der sich über sie beugte, um ebenfalls hinabzusehen. Groß und weit und geheimnisvoll erstreckte es sich nach allen Seiten. Sie sprachen in diesem Augenblick nicht miteinander. Sie schauten nur hinunter, stumm, minutenlang. Beide spürten zur gleichen Zeit, daß sie mit dem Blau des Wassers und seinen unerforschten Tiefen etwas Besonderes, etwas Einzigartiges verband, doch sie wußten nicht, was es war.

Fortan, wenn Alexa und Robert irgendwo auf der Welt in ein Meer sprangen, hörten sie mitunter ein leises Rauschen, das aus der Tiefe zu kommen schien und das nur sie wahrnehmen konnten. Andere Schwimmer in der Nähe wußten davon nichts zu berichten. Und wenn Robert an einem Strand dicht an den Wassersaum herantrat, lief der Wind über das Meer auf ihn zu und zeichnete geheimnisvolle Muster auf das Wasser.







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