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.......wirf Gold und Silber über mich.



- Moderator schrieb am 11.10.2005: -

Hier ist nun der Raum für eine erneute Fortsetzungs-Erzählung, für die sich bislang vier Autoren gemeldet haben: ulla, nikki, wolf und marc. Ulla, die beginnt, wird den Titel über ihren Text schreiben, und der Moderator wird diesen Titel nach seiner Rückkehr als Überschrift für den Autoren-Raum einsetzen. Weitere Autoren, die mitmachen möchten, können sich jederzeit an das Cafe wenden, sie erhalten dann ebenfalls das notwendige Paßwort.

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Und inzwischen steht Ullas Titel fest....und beflügelt die Phantasie.




- Moderator schrieb am 18.10.2005: -

Hier nochmal die Spielregeln für das gemeinsame Schreiben; sie sind ganz einfach und drehen sich um die Zahl 3.

1.: jeweils rd. 3 Seiten,
2.: jeweils 3 Tage Zeit.

(Es werden keine Buchstaben gezählt, eine Uhr läuft auch nicht mit...)




- Ulla Bach schrieb am 18.10.2005: -


... wirf Gold und Silber über mich



Paula stand am Küchenherd und rührte eifrig ihre Bechamelsoße, während die Hackfleischsoße vor sich hinbrutzelte. Heute war Lasagnetag! Darauf würden sich ihre Kinder halbverhungert drüber stürzen, wenn sie von der Schule nach Hause kamen. Außerdem war es deren beider Lieblingsessen. Obwohl Paula überhaupt nie viel Zeit hatte, großartige Gerichte zuzubereiten, erfüllte sie einmal in der Woche die Essenswünsche ihrer Zwillinge: zwei eineiige Mädchen im hübschen, anstrengenden und pubertären Teenageralter.
Fünfzehn Jahre waren sie und genauso hübsch wie die Mutter. Alle drei besaßen sie eine schmale, schlanke Figur, überdurchschnittliche Intelligenz und hatten lange blonden Haare.
Man könnte sie fast, doch nur fast, für Drillinge halten, wenn sich bei Paula nicht einen kleinen Anflug von Lachfalten um ihren Mund und ihren Augen und ein paar ergrauten Härchen zeigen würden.
Paula arbeitete im Verlagswesen in der Stadt, wo sie auch wohnten. Sie hatte es nicht weit zur Arbeitsstelle, nur ein paar wenige Minuten mit dem Bus zu fahren. So konnte sie sehr gut auf ein Auto verzichten. Auch die Läden, die zur Erhaltung des einfachen Lebensstandard genügten, befanden sich in unmittelbarer Nähe. Ein Ehemann gab es nicht. Paula hatte nie geheiratet. Der Vater der Kinder verschwand spurlos, als er von ihrer Schwangerschaft erfuhr. So wusste er nicht, welche wunderbare Kinder er da gezeugt hatte. Paula zog ihre Zwillinge allein groß, und als sie noch kleiner waren, hatte sie eine Tagesmutter engagiert, damit sie nie ihre Arbeit unterbrechen musste. Denn schließlich musste sie für ihre kleine Familie sorgen. Intime Freundschaften gab es zwar mal hin und wieder, doch sie verlor ihr Herz nie mehr an einem Mann. Sie wollte sich stets vor einer neuen Enttäuschung schützen. Sie war diejenige, die dem Freund den Laufpass gab.
Beim Rühren der Bechamelsoße überdachte sie ihr jetziges Leben. Und da gab es einiges, was ihr nicht gefiel: es war der Trott, der alltägliche, immer wiederkehrende Trott. Morgens aufstehen, die Wohnung lüften, Betten machen und den Kindern Brote richten. Zum Verlag, mittags nach Hause, um den Zwillingen das Essen zu kochen, und bevor diese nach Hause kamen, fuhr sie schon wieder zur Arbeitsstelle. Erst spät abends würden sie gemütlich am Küchentisch sitzen und ihre Vesperbrote essen und danach im Wohnzimmer fernsehen. Hatten die Zwillinge mal Probleme, wie Liebeskummer oder sonstiges, gingen sie erst dann zur Mutter, wenn die „Kacke am Dampfen“ war. Vorher teilten sie sich miteinander Freud und Leid, schließlich waren sie ja Zwillinge und brauchten die Mutter nicht. Die Arbeit bereitete ihr immerhin noch Spaß, wenn es auch sehr stressig war. Früher, in ihren jungen Jahren, ging ihr alles viel leichter von der Hand. Heute mit dreiundfünfzig musste sie für manche Dinge (sei es für das Schminken ihres feingeschnitten Gesichtes, die Putzarbeiten oder für ihr Hobby, das Malen) mehr Zeit investieren, als ihr überhaupt lieb ist. Mein Gott, wie die Zeit verrann. Wie schnell würde sie alt sein. Und was dann? Was hätte sie denn erlebt, was würde ihr noch bevorstehen?
Weg mit den trüben Gedanken, schalt sie sich selbst. Sie musste sich mit dem Kochen beeilen, schließlich rief die Pflicht. Heute am Freitag durfte sie zwar wie immer früher Feierabend machen, aber zu spät aus der Mittagspause wollte sie nicht kommen. Das ließ ihr Pflichtgefühl nicht zu.
Nach dem sie rohen Lasagneplatten mit den verschiedenen Soßen und dem Käse fein säuberlich in eine Auflaufform geschichtet und in den Backofen geschoben hatte, ging sie zur Arbeit. In spätestens einer Viertelstunde würden sich die Zwillinge den Tisch decken und die restliche Backofenzeit abwarten, während sie bereits am Schreibtisch saß.






- Nikki schrieb am 22.10.2005: -

Fassungslos ging Paula zurück in die Küche und ließ sich auf einen der Hocker an der Essbar sinken. Diese Kinder, sie schüttelte den Kopf. Es war ja schön und gut, dass sie Ziele hatten auf die sie zustrebten, aber doch nicht um jeden Preis. Paula schüttelte wieder den Kopf. Erst ihr knurrender Magen erinnerte sie daran, dass sie eigentlich noch nachsehen wollte, ob etwas von der Lasagne übrig geblieben war.
Paula stand auf und schaute in den Kühlschrank, dort stand nichts. Da sich auch im Geschirrspüler keine Auflaufform fand, sah sie im Ofen nach. Und ja ... da stand die Lasagne unberührt. Erneut spürte Paula ein Gefühl des Zorns aufwallen. Erst setzten sich die Zwillinge über ihre Anordnungen hinweg, und dann aßen sie nichts. Nicht mal der Starautor, der letzte Woche das Verlagshaus in Atem gehalten hatte, war so eigensinnig gewesen.
Paula entschied sich, ihre Wut ein wenig zu vertagen, und erst einmal die Lasagne wieder aufzuwärmen. Während also das Nudelgericht im Ofen Temperatur annahm, stellte sich Paula an der Essbar Teller, Besteck und ein Glas bereit. Sie überlegte kurz, dann holte sie sich aus dem Weinschrank eine Flasche von dem leckeren Bordeaux, den ihr einer ihrer Verehrer geschenkt hatte. Er würde zwar nicht perfekt passen, aber sie hatte einfach Lust auf ihn. Jetzt pingte auch der Ofen und Paula schaltete ihn aus. Sie öffnete die Klappe und hangelte gleichzeitig nach den Topflappen. Die Lasagne duftete appetitlich, Paula wäre am Liebsten sofort darüber hergefallen, doch sie legte zuerst noch eine CD mit Vivaldis Musik in den Player. Dann aber stand dem Genuss nichts mehr im Wege.

Während sie aß, verlor sich Paulas Zorn auf die Zwillinge. Sie waren mit ihren fünfzehn Jahren schon sehr selbstständig. Außerdem hatten sie viel Freude an ihrem Hobby, obwohl es schon nicht mehr Hobby zu nennen war, mit so viel Eifer waren sie bei der Sache. Diese Mischung aus Jazzdance und Percussion hatte ihren eigenen Charme und Paula musste sich eingestehen, dass ihre Töchter viel mehr Rhythmus im Blut hatten, als sie selber.
Der Teller leerte sich und Paula schenkte sich noch ein Glas Wein nach. Gemütlich am Esstresen sitzend, nippte sie an der dunkelroten Flüssigkeit und ließ sich für ein paar Minuten ganz auf Vivaldis Musik ein. Dann trank sie den letzten Rest Wein in ihrem Glas aus, stand auf und ging in die Diele. Sie zog ihren Mantel an und fingerte ihre Schlüssel aus der kleinen Handtasche. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie den richtigen Schlüsselbund eingesteckt hatte, verließ Paula die Wohnung und schloss die Tür ab, ehe sie sich auf den Weg zum Club machte.

Der Abend war noch lau und Paula hing ihren Gedanken weiter nach, während sie durch die Straßen zum Club ging. Die Zwillinge waren die jüngsten Mitglieder der Gruppe „rythm and dancers“, weil der Versuch, mehr interessierte Jugendliche für die Truppe zu gewinnen, wieder aufgegeben worden war. Damals hatten sich sechs Jungen und Mädchen gemeldet, von denen vier wieder abgesprungen waren. Nur Elke und Ute wollten dabeibleiben. Weil sie sich gut eingefügt hatten und mit viel Ehrgeiz dabei waren, hatte man ihnen erlaubt, weiterhin der Truppe anzugehören. In einem gewissen Umfang hatte Paula dafür auch Verständnis, aber sie machte sich auch Gedanken, weil die „dancers“ häufig abends auftraten. Für ihre Mädchen war dass nicht immer zum Vorteil. Zwar waren beide gute Schülerinnen, doch Paula fühlte sich nicht wohl die Kinder, denn das waren sie ja noch, guten Gewissens bis in die Nacht hinein in Diskotheken, Clubs oder auf Festivals auftreten zu lassen. Auch wenn diese Auftritte für die Zwillinge eine wichtige Anerkennung bedeuteten, so ließen sie sich nicht immer mit dem Jugendschutzgesetz unter einen Hut bringen. Ein paarmal hatte sie ihre Mädchen schon begleitet und mit stolzem Blick die Darbietungen der „dancers“ beobachtet.
Abrupt wurde Paula aus ihren Gedanken gerissen, als sie mit dem Absatz ihrer Schuhe in einem der Zwischenräume des Kopfsteinpflasters stecken blieb. Mist, verdammt. Warum musste ich auch die Pumps anziehen, schalt sie sich insgeheim, während sie versuchte, den Absatz möglichst unbeschädigt aus seiner Klemme zu ziehen. Paula schlüpfte mit dem Fuß aus dem Schuh und hockte sich dann daneben. Vorsichtig zog und drehte sie die Fußbekleidung, doch das Teil saß fest. Paula seufzte, sie würde wohl etwas rücksichtsloser dieser Sache zu Leibe rücken müssen und dass obwohl die Schuhe noch fast neu waren. So ein Ärger.






- Wolf schrieb am 24.10.2005: -

Verbissen werkelte sie an dem störrischen Schuh, darauf bedacht, den Absatz nicht abzubrechen. Das Pflaster fühlte sich noch warm an, hatte noch die Hitze der Nachmittagssonne gespeichert. Hartnäckig widersetzte sich der Schuh allen Bemühungen, ihn aus der kleinen Spalte zwischen zwei groben, bläulich angelaufenen Steinen herauszubefördern. Paula sank erst auf die Knie, dann, nachdem sie mit der Hand notdürftig gewischt hatte, setzte sie sich neben den Schuh, und erst jetzt bemerkte sie, daß sie am Rand der Fahrbahn hockte, dicht am Randstein. Sie stemmte sich hoch und ließ sich auf der Bordsteinkante nieder, legte den Kopf auf die Knie und starrte eine Weile auf den Gegenstand ihres Mißgeschicks. Die Vorstadtstraße, eng und winklig, mit langen, schmalen Grundstücken, an deren Ende kleine, gepflegte Häuschen lagen, war wie ausgestorben. Erneut mühte sie sich ab, versuchte, den Absatz zu drehen bei gleichzeitigem Ziehen, doch der Absatz rührte sich nicht. Und als sie den Oberschuh hin- und herzubiegen versuchte, gab es ein leises, knackendes Geräusch. Erschrocken zog sie die Hand zurück, versuchte, die aufkommende Verärgerung zu unterdrücken. Wie peinlich auch, dachte sie plötzlich. Wahrscheinlich fixierten sie inzwischen unzählige Augenpaare hinter den Gardinen.

Ein Auto näherte sich, Paula schaute auf, über ihre Knie hinweg. Fast schien ihr, als ob der Fahrer verlangsamte, doch dann fuhr der Wagen mit einem kleinen Schlenker zur Fahrbahnmitte an ihr vorbei. Der Fahrtwind blies ihr unter den Rock, den sie hastig wieder nach unten drückte. Leichte Schatten legten sich über die Straßen, die Dämmerung hatte bereits eingesetzt. Paula blickte sich um und fuhr mit einem leisen Aufschrei entsetzt zurück. Hinter ihr saß ein großer Hund auf dem Bürgersteig, groß und wuchtig. Aufmerksam schien er sie zu betrachten, stützte seine mächtigen Vorderpfoten zwischen die ausladenden Hinterläufe. Paula hatte noch nie einen derartigen Hund zu Gesicht bekommen, verschossen bräunlich das Fell, fast gelblich, glatt und kurzgeschoren, wie bei Löwen. Paula hatte Angst, große Angst. Der Hund überragte sie in ihrer sitzenden Haltung, wirkte bedrohlich. Und wie um Paula vollends zu beeindrucken, öffnete er das große Maul, atmete hechelnd ein paar Züge und entblößte dabei ein furchteinflößendes Gebiß. Dann klappte er hörbar das Maul wieder zu und schaute unverwandt auf Paula. „Geh´ weg“, zischte Paula, „los, verschwinde. Kjisch, kjisch“, schob sie nach, so wie man Hühner oder Katzen verscheucht. Der Hund drehte den Kopf schräg, sank nach vorne und legte sich hin, den Kopf auf einem Vorderlauf ruhend. Bei alledem hatte er Paula nicht aus den Augen gelassen. „Los, weg mit dir“, Paula nahm allen Mut zusammen, „hau´ ab.“ Mit der Hand unterstrich sie ihre barsche Aufforderung, fuchtelte mit der Hand durch die Luft und zeigte mit dem Finger in eine unbestimmte Richtung. Der Hund schaute kurz in diese Richtung, legte dann den mächtigen Kopf wieder zurück, nun zwischen seine beiden Pfoten, unmittelbar auf die Steine.

Paula war ratlos, kam sich hilflos vor. Für einige Augenblicke wußte sie nicht weiter. Gerade, als sie sich wieder dem Hund zuwenden wollte, hörte sie eine näherkommende Stimme, dann auch Schritte. „Was sitzen sie denn dort auf der Straße?“ vernahm sie eine helle Männerstimme. Paula fuhr herum. Mit kurzen Schritten kam ein dünner, dunkel gekleideter Mann heran. Er bemerkte den im Pflaster steckenden Schuh, und noch ehe Paula etwas sagen konnte, fuhr der Mann fort: „Tja, hier darf man auch so was nicht anziehen, doch nicht hier, bei diesem Pflaster. Soll ich mal........?“ sprach er weiter und kam weiter auf Paula zu. Da erklang ein dunkles, unüberhörbares Knurren, das, als der Mann verharrte, wieder aufhörte. Als der Mann erneut nähertreten wollte, drückte sich der Hund hoch. Er knurrte erneut, und dieses Mal klang es bedrohlich und gefährlich. Erst jetzt bemerkte Paula, die vor Angst nicht sprechen konnte, daß der Hund den Mann fixierte, der zurückwich. „Können Sie nicht auf Ihren Hund aufpassen? Das ist ja eine Bestie, wieso darf der hier so frei rumlaufen?“ Er machte einen großen Bogen um Paula und setzte schimpfend seinen Weg fort. „Dabei wollte ich ihnen nur helfen, nur helfen. Doch ihr Hund hat´s verhindert, das haben sie nun davon.“ Dann war der Mann verschwunden.

Inzwischen hatte sich der Hund wieder niedergelegt und schaute zu Paula. Nun mußte etwas geschehen, überlegte sie, sie konnte hier nicht sitzenbleiben, außerdem machte sich bereits die Abendkühle bemerkbar. Vorsichtig erhob sie sich. Ohne den Hund aus den Augen zu lassen, bewegte sie sich rückwärts von ihm ein Stückchen fort. Sie zog rasch den anderen Schuh aus, steckte ihn in ihre Tasche. Da erhob sich der Hund und folgte ihr, langsam und bedächtig. Paula warf rasch noch einen Blick auf den einsamen Schuh im Straßenpflaster und beschleunigte ihre Schritte. Die Steine waren glatt und kühl, schon seit ihrer Kindheit hatte sie dieses Gefühl nicht mehr an den nackten Füßen verspürt. Der Hund folgte Paula, alle ihre Versuche, ihn fortzuscheuchen, blieben erfolglos. Er hielt einen Abstand von ein oder zwei Metern, ging ohne jede Hast. Blieb Paula stehen, hielt er auch er an, und einmal, als Paula vor dem Überqueren einer Straße stehenblieb, setzte er sich neben sie und wartete, bis sie weiterging. Nur einmal blieb er ein Stück zurück; in Paula keimte Hoffnung auf, daß er nun endgültig einen anderen Weg eingeschlagen hatte, doch als sie verstohlen nach ihm Ausschau hielt, sah sie ihn ein paar Häuser zurück, wie er das Maul irgendwo hinein hielt und zu trinken schien. Kurz darauf kam er mit weit ausholenden Sätzen rasch an sie heran, und als er wieder in ihr Tempo verfiel, sah sie, wie mager er war und wie sich seine Knochen und Rippen durch das Fell abgezeichneten. Ihre Angst begann sich zu verflüchtigen, sie beachtete den Hund immer weniger und strebte mit raschen Schritten dem „Club 21“ zu.

Das Barfußlaufen war beschwerlicher, als sie es sich vorgestellt hatte. Immer wieder trat sie auf kleine Steine und knickte mit einem Schmerzlaut ein. Im Clubhaus waren schon einige Zimmer erleuchtet. Nur wenige Parkplätze ringsherum waren nicht besetzt, gedämpft drang Musik nach draußen. Nur einen kleinen Spalt öffnete Paula die Türe, so daß sie soeben hindurchpaßte. Durch den Spalt blickte sie auf den Hund hinab. „Los jetzt, weg mit dir, hier kannst du nicht rein. Lauf´ dahin, wo du hingehörst. Los jetzt!“ Wieder scheuchte sie mit den Händen. „Wo ist dein Herrchen? Oder hast du ein Frauchen? Los, lauf dorthin, los jetzt!“ Sie zog die Tür ins Schloß und wartete eine Weile, öffnete dann vorsichtig die Tür wieder. Der Hund saß ein paar Schritte weiter weg an der Hauswand und schaute sie ruhig an, er schien zufrieden und machte den Eindruck, an einer ihm vertrauten Stelle zu sein. Paula hoffte, daß er am Ende doch der Sache überdrüssig und davonlaufen würde, wenn er nur lange genug alleine vor der Tür hockte. Kaum war sie in den langen Fluren unterwegs, als sie von Ferne gedämpftes Klatschen hörte, Türen wurden geöffnet, andere schlossen sich, Menschen strömten heraus, sofort waren die Gänge erfüllt mit dem Lärm vieler Münder.

Ute und Elke hatten ihren Auftritt absolviert, waren in der Umkleide. Paula lauschte einigen Gesprächen, hörte heraus, daß die „rythm and dancers“ Passagen aus der Westside-Story getanzt hatten. Ihre Töchter mochten dieses Musical ganz besonders, weil sie beim Tanzen auch noch singen konnten. Beide Mädchen besaßen helltönende, klare Stimmen, und wenn sie tanzen und singen durften, brach ihre ganze Musikalität und Lebensfreude überschäumend aus ihnen hervor. Ute gehörte zu den „Sharks“, Elke war in den Reihen der „Jets“, und es gab nichts Schöneres, als die beiden Mädchen in ihrem Auftritt zu beobachten, wenn sie sich – nach der Vorgabe des Musicals – feindselig gegenüberstehen mußten und sich doch in den wilden Tanzpassagen in sekundenschnellen Augenblicken gegenseitig anstrahlten.

Es verging mehr als eine halbe Stunde, bis Elke und Ute erschienen. Paula hatte in den Vorräumen des Umkleidetrakts gewartet, sie kannte die Leute, die dort arbeiteten. Die Gesichter ihrer Töchter glühten noch, die Haare glänzten feucht. Paula bemerkte sofort die neuen Frisuren, hob stumm die Hand vor den Mund, sagte sekundenlang nichts. Die Mädchen schauten sich gegenseitig an, dann die Mutter und umringten sie zu einem wilden Ringelreigen. Viele Erklärungen stürzten auf Paula ein, alle ihre Einwendungen blieben ungehört. Resignierend ließ sie am Ende ab von ihren Vorhaltungen, umkreiste ihre Töchter, die sich dabei wie Eisprinzessinnen drehten und glucksten. In der Kantine für das Personal und die Bühnenbesetzungen nahmen sie einen Tisch am Fenster, es dunkelte schon merklich. Die Geschichte mit dem Schuh ließ die Töchter belustigt aufkreischen, Paula mußte ihre schmutzigen Füße herzeigen, und es wurde beschlossen, den Heimweg auf jeden Fall an der Stätte des Schuhverlustes vorbeizuführen. Paula mahnte schließlich zum Aufbruch, wartete doch noch ein Fußmarsch von gut einer halben Stunde auf sie, durch inzwischen dunkle Gassen und Straßen.

Als sie die Ausgangstür öffnete, holte sie die Gegenwart auf der Stelle ein. Da saß der Hund, so wie sie ihn zurückgelassen hatte, an der Hauswand, den Kopf zu ihr gedreht. Die Mädchen waren auch nach draußen getreten. Paula wies mit der Hand auf den Hund. „Der ist mir nachgelaufen, ich dachte, er sei längst fort.“ Der Hund war aufgestanden, schien unschlüssig. Mit der Unbekümmertheit von Kindern traten Ute und Elke näher an das Tier heran. „Der ist ziemlich abgemagert“, stellte Ute fest, „hat auch keine Steuermarke am Hals.“ „Vielleicht ist er aus einem Tierheim ausgerissen“, mutmaßte Elke. „Wir können nichts für ihn tun“, sagte nun Paula kategorisch und bestimmend, wandte sich zum Gehen und nötigte die beiden, ihr zu folgen. „Wir rufen morgen das Tierheim an“, sagte sie, „die können ihn dann aufnehmen, er wird über Nacht bestimmt hier in der Nähe bleiben, wenn er kein festes Zuhause hat.“
Doch kaum waren sie eine kurze Strecke gegangen, folgte ihnen der Hund und ließ sich nicht abschütteln. Nach einiger Zeit drehten die Töchter um und lockten ihn vorsichtig an. Er ließ sich anfassen, duldete ihr Streicheln, wobei er geradewegs nach oben in ihre Gesichter blickte. Paula trat hinzu, und da bewegte sich die Schwanzspitze des Hundes ganz sacht. „Wir nehmen ihn mit“, sagte Elke“, wir können ihn nicht hier sich selbst überlassen, auch wenn er noch so groß ist. Und groß“, sie musterte den Hund eingehend, „ist er ja wirklich, so was Großes an Hund habe ich bei uns hier noch nicht gesehen.“ Ute war begeistert, unterstützte Elkes Vorschlag wort- und gestenreich. Paula schwankte, noch nie hatte sie einen Hund gehabt, hatte bisher kategorisch die Wünsche ihrer Kinder abgelehnt, einen Hund ins Haus zu holen. „Gut“, sagte sie schließlich, „gut, wir nehmen ihn mit. Aber nur bis morgen früh, dann wird mit dem Tierheim telefoniert. Und er kommt in den Flur, nur bis zum Flur, in die Wohnung auf keinen Fall.“ Sie sah an dem Hund herunter, der nun mitten zwischen ihnen stand; sie spürte ihn am Bein und fühlte die Wärme, die von ihm ausging.
„Hey“, rief Ute, „wißt ihr, wie er heißt? Es ist ein Rüde, das ist ja wohl mal klar. Wißt ihr, wie er heißt?“ Und in die fragenden Augen ihrer Mutter und Schwester beschied sie energisch: „Paul heißt er, ja, Paul!.






- Marc schrieb am 28.10.2005: -

Am nächsten Morgen sollte alles anders kommen, als geplant.
Paula rief Ute und Elke zum Frühstücken. Als die Beiden durch die Tür kammen sah sie die Mädchen erstaund an. Elke mit ihren Rasterzöpfen, und Ute mit ihren bunten Strähnen waren gewöhnungbedürftig. Gestern Abend hatte sie es in dem Club mit dem tanzenden Lichtern nicht richtig sehen können. Und draußen auf der nächtlichen Straße waren sie ja wieder auf Paul gestoßen und da hatte sie es wieder vergessen. Als wäre es Gedankenübertragung gewesen, tauchte hinter ihren Töchtern der weiße Hund auf. Er schob sich an Elke vorbei und schaute Paula mit treuen Augen an. Plötzlich hatte sie ein merkwürdiges Gefühl. Eine tiefe Ruhe und Gelassenheit durchströhmte sie. Sie wollte Paul am liebsten aus der Küche verbannen, aber irgendwas in ihrem Innern hinderte sie daran. Dann überwandt sie dieses Gefühlschaos, aber als sie etwas sagen wollte, lag Paul schon in einer Ecke zusammengerollt und hatte die Augen geschlossen.
„Laß ihn doch, er tut doch nichts“, sagte Ute, als hätte sie die Gedanken ihrer Mutter erraten.
Paula wollte ertwas erwidern, aber Elke kam ihr zuvor.
„Ich glaube, er wird dort liegen bleiben. Er will sicherlich nur in unserer Nähe sein“, meinte Elke mit Blick auf Paul.
Paula gab sich geschlagen. Er sollte ja heute sowieso ins Tierheim gebracht werden, also ließ sie ihn in der Küche. Außerdem wollte sie es sich heute nicht mit den Beide verscherzen, da sie das Wochenende zusammen verbringen wollten. Und zwei bockige Teenager wollte sie das Wochende nicht haben, denn dann würden sie sich sturr stellen.
Sie frühstückten in aller Ruhe und sprachen über den gestrigen Auftritt im CLUB 21, den Paula ja nicht gesehen hatte. Elke schwärmte von der Musik, die sie machten, während Ute schon das Geld im Geiste ausgab, was sie später, wenn sie berühmt sind, verdienen würden.
Das Telefon klingelte.
„Wer kann den das sein?“, fragte Paula.
Sie stand auf und ging an Paul vorbei, doch der lag regungslos auf seinem Platz und nicht einmal seine Augen folgten Paula. Sie hob den Hörer ab und sagte: „Hallo?“
„Paula. Ich bin’s: Britta“, sagte die Stimme aus dem Hörer.
Britta war die Sekretärin von Kai Stahmer, ihrem Chef und Verlagsbesitzer. Er hatte die Arme wohl wieder einmal zu Samstagsdienst verdonnert.
„Schön dich zuhören. Was kann ich für dich tun?“, fragte Paula.
„Komm bitte in den Verlag. Hier gibt es ein kleines Problem“, sagte Britta mit belegter Stimme. Paula konnte hören, daß es ihr leidtat, ihr diese Nachricht zu überbringen. Denn sie wußte, daß Paula die Wochenenden heilig waren, weil sie diese mit ihren Töchtern verbringen wollte. „Es dauert auch sicher nicht lange“, fügte Britta rasch hinzu.
Paula sackte innerlich zusammen und seufzte. Aber wenn Kai sie am Wocheende anrief, dann hatte er einen triftigen Grund.
„Gut“, sagte sie schließlich, „Ich bin in einer Stunde da“
„Ich danke dir und es tut mir wirklich leid“, antwortete Britta erleichtert.
„Bis nachher“, sagte Paula und legte auf. Ute und Elke waren mit Sicherheit nicht von der Nachricht begeistert, aber es nutzte nichts und solange würde es auch nicht dauern.
Sie kehrte in die Küche zurück und erklärte den Mädchen, daß sie den Vormittag über in den Verlag müßte, da es dort Probleme gab. Es überraschte sie, daß ihre Töchter diese Nachricht gelassen aufnahmen. Von ihr fiel eine Last ab und sie beruhigte sich wieder.
„Ihr geht mit Paul zum Tierheim und gebt ihn dort ab und am Nachmittag gehen wir zusammen ein Eis essen“, schlug Paula vor, als sie sich Kaffee nachgoß.
„Müssen wir ihn wirklich abgeben?“, fragte Ute und schaut ihre Mutter traurig an.
„Ja, das müssen wir“, sagte sie mit bestimmter Stimme. „Vielleicht sucht sein Besitzer schon nach ihm. Außerdem haben wir kein Futter für ihn“
„Aber er trägt doch garkein Halsband“, warf Elke ein.
„Vielleicht hat es sich gelöst oder ...“ Paula brach ab. Die Beiden war ein eingespieltes Team und sie versuchten es immer wieder Paula zuüberlisten. „Nein“, sagte sie und schaute die Zwei abwechselnd an. „Keine Diskusion mehr. Er geht ins Tierheim und damit hat’s sich’s“
Der Rest des Frühstücks verlief schweigend. Aber Paula entging nicht der flüchtige Blickkontakt, mit dem sich die Zwillinge desöfteren anschauten.
Dann machte Paula sich auf den Weg in den Verlag. Sie überlegte, was wohl passiert war, aber sie hatte keine Idee. Die Stadt war in Frühlingsstimmung. Bäume zeigten ihr junges Grün und vor den Läden regte sich das morgendliche Leben, welches im laufe das Tages sicherlich mehr werden würde. Nach zehn Minütiger Busfahrt stieg sie aus und fünf Minuten später war sie in ihrem Büro. Sie legte nur ihre Sachen ab und machte sich dann auf den Weg in das Büro ihres Chefs.
„Hallo Bri...“, sagte sie und stockte. Das Vorzimmer war leer. Von Britta war weit und breit nichts zusehen. Und es sah auch nicht so aus, als würde sie heute noch hierher kommen, denn ihr Schreibtisch sah unbenutzt aus. Paula wollte schon wieder gehen, als die Tür von Kai Stahmers Büro aufging. Kai stand in der Tür und redete mit jemandem, den Paula nicht sehen konnte.
„Ich werde sie sofort anrufen. Sie wird dann mir ihnen alles durchgehen und sie auch weiterhin betreuen“, sagte Kai und drehte sich um. Wie angewurzelt blieb er stehen, als er Paula sah. „Das ist ja ein Zufall“, sagte er freudig. „Ich wollte dich gerade anrufen und dich bitten her zu kommen“
„Britta hat mich schon angerufen und mir Bescheid gesagt, daß etwas passiert ist“, entgegnete sie.
Kai sah sie verwundert an. „Britta ist heute gar nicht hier“, sagte er verdutzt.
„Aber sie hat mich doch heute mor...“
Kai Stahmer winkte ab. „Ist auch völlig egal“, sagte er und drehte sich wieder der Person in seinem Büro zu. „Wir haben Glück. Unsere fähigste Mitarbeiteren ist gerade hier. Sie schein einen sechsten Sinn zuhaben“, sagte er übertrieben fröhlich. Kai wandt sich wieder an Paula und sagte: „Hans sollte sich eigentlich um das Buch kümmern, aber er ist einfach unauffindbar. Nun steh nicht so da und komm endlich rein“
Sie trat auf Kai zu und wollte noch etwas sagen, aber ehe sie den Mund aufmachen konnte, schob er sie durch die Tür. In dem Büro traf sie fast der Schlag. Dort saß ein Mann, der ungefähr ihr Alter hatte. Er hatte sich in dem Stuhl zur Tür gedreht und sah sie mit leutenden blauen Augen an. Sie spürte, wie sein Blick über ihren Körper wanderte, aber es war zu ihrer Überraschung nicht unangenehm. Von dem Mann ging eine fesselnde Ausstrahlung aus, die Paula in ihren Bann zog.
„Ich freue mich, sie kennen zulernen“, sagte der Mann und erhob sich aus dem Stuhl.
Paulas Blick musterte ihn. Er hatte ihre Größe, war schlank und sah sportlich aus. Seine braunen Haare hatten eine modische Frisur und paßte perfekt zu seinem Äußeren. Den Anzug den er trug, war Maßanfertigung und, so schätze Paula, mit Sicherheit war er nicht billig. Die Weste, die er unter dem Jacket trug, rundete das Bild ab und gab ihm richtig Stil. Die bordoux-rote Krawatte gab dem Gesamteindruck den letzten Pfiff. Sein harmonisches Gesicht strahlte Fröhlichkeit und Bescheidenheit aus. Und es lächelte ihr verschmitzt entgegen. Paula merkte, wie sie rot wurde. Der Mann hatte gemerkt, wie sie ihn anschaute und ihn musterte. Aber er war ein Gentelman und wandte sich an Kai und gab Paula somit ein paar Sekunden Zeit sich zusammeln.
„Würden sie mich der reizenden Dame vorstellen?“, forderte er Kai auf.
„Selbstverständlich!“, rief Kai Stahmer, der hinter Paula stand und von allen nichts mitbekommen hatte. „Herr Rolf von Ahrensstein, das ist Frau Paula ...“ Weiter kam er nicht, denn sein Gast trat auf Paula zu.
„Paula!“, wiederholter er ihren Namen. „Ein sehr seltener Name? Aber er ist bezaubernd“ Er ergriff ihre Hand. „Es ist mir eine Ehre sie kennenlernen zudürfen“, sagte er und hab ihr einen Handkuß.
„Wir werden das Buch von Herrn von Ahrensstein verlegen“, sagte Kai an Paula gewandt. „Würdes du bitte Herrn von Ahrensstein die weitere Vorgehensweise erklären. Er ist nur heute hier und muß heute Nachmittag wieder weg“
Paula sah ihren Chef verwirrt an. Nach einem kurzen Augeblick nickte sie.
„Wir sollten uns in meinem Büro weiterunterhalten“, sagte sie und war wieder ein Profi. Sie gingen in ihr Büro und setzten sich gegenüber.
„So“, begann sie, „Wenn wir ihr Manuskript haben, dann werden wir es Korrektur lesen, denn es schleichen sich immer Fehler ein die man selber nicht sieht. Als nächstens ...“
Sie erklärte ihm die weiteren Schritte, bis das Buch dann entgültig im Laden stand. Nach einer guten Stunde waren sie am Ende angelangt. Rolf von Ahrensstein hatte sehr interessiert Paulas Ausführungen zugehört. Dann ergriff er seine Aktenkoffer, öffnete ihn und holte ein Stapel Papiere heraus. Er legte sie Paula auf den Tisch und sagte: „Ich hoffe, sie lesen Mein Manuskript?“
„Selbstverständlich“, erwiderte Paula. „Ich muß doch wissen, was unsere Kunden schreiben“
Rolf von Ahrensstein schaute auf seine Uhr. „Tut mir sehr leid, aber ich muß mich jetzt leider von ihnen verabschieden. Mein Flugzeug geht in einer Stunde“
„Es ist ja alles geklärt. Aber falls sie noch weitere Fragen haben, könne sie mich ja anrufen“
Von Ahrensstein stand auf und reichte Paula die Hand. „Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit“
Sie ergriff seine Hand. Er hatte weiche Haut und sie war sich sicher, daß er manikürte Finger hatte. „Ich freue mich auch“, sagte sie.
Er nickte ihr noch einmal zu drehte sich dann um und verließ das Büro. Die Tür schnappte gerade in das Schloß, als Paula der Aktenkoffer auffiel. Sie ergriff ihn und eilte zur Tür.
„Herr von Ahrensstein!“, rief sie, als sie die Tür aufriß. Aber von dem Mann, der noch vor einer Sekunde in ihrem Büro stand, war nichts mehr zusehen. Verwirrt schaute sie sich in dem Raum um, aber sie sah nur verwaiste Plätze. Sie wußte nicht, wie lange sie so da stand, bis sie sich aus ihrer Starre lösen konnte. Verwirrt packte sie das Mauskript ein und verließ das Büro. Auf der Straße angekommen schaute sie sich um und blieb wie vom Blitz getroffen stehen. Auf der anderen Straßenseite stand Rolf von Ahrensstein und sah zu ihr hinüber. Sie sah nach links, um die Straße gefahrlos überqueren zukönnen. Sie wollte gerade losgehen, als sie Rolf von Ahrensstein nirgends erblicken konnte. Er schien sich in Luft aufgelöst zuhaben. Nach ein paar Sekunden war sie überzeugt, daß sie sich getäuscht hatte und machte sich auf den Heimweg. Zu Hause angekommen stolperte sie fast über einen riesigen Sack, der mitten im Weg stand. Aber dafür hatte sie keinen Kopf. In dem geisterte immernoch Rolf von Ahrensstein und die merkwürdigen Vorkomnisse rum. Paula ging ins Wohnzimmer und setzte sich in den Sessel. Plötzlich hörte sie Schritte hinter sich. Aber es waren keine menschlichen Schritte! Furcht stieg in ihr hoch. Langsam drehte sie sich um und schaute in das Gesicht von: Paul! Bevor sich einen schreckens Schrei ausstoßen konnte leckte er ihr schon über das Gesicht.
„Elke! Ute!“, rief Paula. Aber sie bekam keine Antwort. Die Beiden sollten aber nicht glauben, daß sie damit durchkamen. ‚Darüber ist noch nicht das letzt Wort gesprochen, meine Damen’, dachte sie verärgert. „Du hast Glück! Ich habe keine Lust heute noch zum Tierheim zufahren. Aber morgen“, sagte sie an Paul gewandt. Der drehte den Kopf schief und sah sie mit treuen Augen an. Dann ging er zu ihren Füßen und legte sich davor. Paula spürte die Wärme, die von den Tier ausging. Wieder durchströmte sie eine Ruhe und ihr Zorn auf ihre Töchter verrauchte. Ihr Blick fiel auf das Manuskript. Sie nahm es, lehnte sich zurück und las laut: „Rolf von Ahrensstein“
Paul schaute auf. Er stieß ein tiefes Knurren aus, welches ihren Körper erzittern ließ. In Pauls Augen blitzte etwas auf.






- Ulla Bach schrieb am 31.10.2005: -

Was war heute bloß los? Paula kam alles recht merkwürdig vor.

„Nun, mein Großer, warst du schon Gassi und hast was gefressen? Wahrscheinlich nicht, wie ich meine Töchter kenne. Weißt du was, Großer, ich werde dich erst mal in der Badewanne abschrubben, egal, ob es dir passt oder nicht. Danach gehen wir raus, du machst dein >Geschäft<, und ich kaufe Hundefutter. Ich werde wohl ein paar riesige Dosen für dich finden.“

Während Paula sich mit ihm unterhielt, kraulte sie ihn hinter dem Ohr, und Paul kniff entweder seine Augen zu vor lauter Wollust, oder er schaute Paula direkt in deren Augen, als würde er jedes Wort verstehen. Ja, ein sauberes Fell, das war es, was er wollte. Und Hunger hatte er schon seit Tagen, genauso sollte er dringend eine Tretmine absetzen. Er stand auf, wedelte freudig mit seinem Schwanz und bellte zustimmend kurz auf.

„Los, dann komm.“

Wie ein eingespieltes Team gingen sie ins Bad, und es dauerte nicht lange, bis Paul sauber und frisch gebürstet (die Bürste hatte nun wohl ausgedient und wurde weggeworfen) in der Diele stand in der Erwartung, endlich nach draußen zu kommen.

„Zu deinem Futter brauchen wir jetzt eine richtige Hundebürste. Hoffentlich hat der Supermarkt dies in seinem Programm. Gott sei Dank hast du kurzes Haar, nicht auszudenken, wenn du eine Löwenmähne besitzen würdest, was dir sehr gut stehen würde.“

Paula sprach viel mit Paul. Und er gab keine Widersprüche wie ihre Töchter zurzeit.

„Wo die beiden wohl sind? Paul, ich bin richtig zornig auf sie. Ständig übergehen sie meine Befehle und tun nur das, was sie möchten. Aber das hat bald ein Ende. Mit mir nicht. Was ist das denn für ein Sack?“

Paula richtete ihr Blick auf das Ungetüm, das mitten in der Diele stand. Ganz vorsichtig näherte sie sich und spähte in die oberen Öffnung. Sie sah etwas Buntes schimmern. Neugierig und mutiger geworden, erweiterte die Öffnung des schwarzen Plastiksackes und nahm verschiedene, bunte Stoffe- und Stoffreste heraus.

„Was soll denn das schon wieder bedeuten, Paul?“ Der große Hund schaute sie fragend an und bellte kurz auf, als wolle er sagen, er wisse es auch nicht. „Die Kinder werden mir einiges zu erklären haben. Jetzt gehen wir, sonst macht der Supermarkt zu, und du musst verhungern. Das will ich bei Gott nicht.“ Zärtlich umfasst sie mit beiden Händen seinen großen Kopf, ihre Scheu ihm gegenüber hat sie gänzlich verloren, und lächelt ihm zu. „Weißt du, Paulchen, ich beginne dich zu mögen. Sehr sogar.“

Paula war selbst darüber überrascht, aber leicht zu erklären. In seiner Gegenwart fühlte sie sich wohl, geborgen, beschützt und geliebt. Mit den Zwillingen lag sie öfter als ihr lieb war im Clinch, was ihre ohnehin schon angekratzten Nerven noch mehr belastete. Dann dieser Sack mit den komischen Stoffteilen. Sie spürte den Zorn in sich aufsteigen, angefangen in der Magengrube bis hoch in den Hals. Zum Kuckuck, sie musste mit ihnen ein ernstes Wort reden. Bestimmt waren die Zimmer auch wieder nicht aufgeräumt, doch sie hielt sich selbst davon ab, danach zu schauen. Sonst wäre das Fass am Überlaufen!

„Und nachher werde ich endlich das Manuskript lesen. Komische Sache, Paulchen, komische Sache.“

Sie machte sich mit Paul auf den Weg . Je mehr sie darüber nachdachte, was sie heute im Büro und danach erlebte, um so mehr gelang sie zu der Überzeugung, dass sie gar nicht mehr diesen Rolf von Ahrensstein und seine Ausstrahlung als angenehm empfand. Nein, sie bekam eine unangenehme Gänsehaut.
Vor dem Supermarkt ließ Paula ihren Hund neben der langen Schlange aus Einkaufswagen sitzen. Angst, dass er gestohlen werden konnte, hatte sie nicht. Ihren Einkaufszettel hatte sie dennoch um ein Halsband erweitert. Falls es in dieser Größe überhaupt eines gab.
Wie sie schon vermutete, nach dem schnellen Einkauf saß Paul treu und brav an seinem zugewiesenen Platz (die Menschen dort machten einen großen Bogen um ihn). Als er sie erblickte, sauste er zu ihr, stoppte abrupt vor ihren Füßen und sah, seinen riesigen Kopf zur Seite geneigt, in Frauchens Augen.

„Ja, ja, du Schlingel. Ich habe was zum Fressen. Komm, wir gehen schnell nach Hause, dann bekommst du dein Futter.“

Paul verstand und ließ sich dies nicht zweimal sagen. Er ging immer vier, fünf Schritte vor Paula schnurstracks Richtung Heimat. Er brauchte kein einziges Mal nach hinten zu schauen, er wusste, Paula war immer hinter ihm. Er wartete sitzend vor der Eingangstür und nach dem das Frauchen das Schloss geöffnet hatte, schob sich Paulchen durch den schmalen Spalt, den er mit seinem Gewicht und seiner Breite mühelos vergrößerte, ging die Treppen hoch und wartete vor der Wohnungstür.
Paula richtete in der Küche das Dosenfutter mit Haferflocken und Wasser, stellte die Schüssel auf den Boden und erst nach Kraulen und „jetzt darfst du zuschlagen“ stürzte sich Paulchen auf das dargebotene Mahl. Er schmatzte und schmatzte. In der Zwischenzeit wurde eine Schüssel mit frischem Wasser dazu gestellt. Er schnupperte kurz dran und fiel abermals über das Hundefutter her. Null Komma nix war das Fressen leer, und Paulchen schleckte sich genüsslich ein paar Mal übers Maul.
Das Manuskript lesend saß Paula im Wohnzimmer und wunderte sich über den Text: es war eine Mischung aus Märchen, Science - Fiktion, Melancholie und Heiterkeit. Das passte zwar nicht zum Erscheinungsbild des Autors, aber zu dem von ihr vernommene Geschehen um seine Person. Das was sie da las; hatte sie das nicht erlebt in der wenigen Zeit, die sie mit Herrn von Ahrensstein verbrachte? Was war mit dem Anruf von Britta?
Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken, und sie setzte sich kerzengerade auf. Paulchen vernahm ihre Veränderung und legte eine Vorderpfote auf Paulas Schoß.

„Wie gut, dass ich dich habe, mein Großer!“

Paula hörte, wie die Wohnungstür aufgeschlossen wurde, und wie von einer Tarantel gestochen lief sie in die Diele, Paulchen sofort hinterher. Die Zwillinge waren nach Hause gekommen.






- Nikki schrieb am 02.11.2005: -

Am Montag sah die Welt schon nicht mehr so rosig aus, wie noch am Wochenende. Paula wurde zu Kai Stahmer ins Büro zitiert und musste ihm wegen des verlorenen Manuskripts Rede und Antwort stehen.
„Frau Bastien, wie lange sind sie nun schon in unserem Verlagshaus tätig?“ Er war sehr förmlich, was sie erschreckte. „Sie kennen doch dieses Gewerbe in- und auswendig. Können Sie mir mal verraten, welcher Teufel Sie da geritten hat?“ Seine grauen Augen fixierten sie unbarmherzig.
Paula stand vor seinem Schreibtisch und rang um Worte. Konnte sie ihm wirklich sagen, das ein Hund die Blätter gefressen hatte, es kam ihr ja mittlerweile selber absurd vor.
„Nun ja, es war so. Uns ist ein Hund zugelaufen, der ist offenbar noch nicht gut erzogen ...“ Ihre Stimme versagte fast und sie schämte sich in Grund und Boden. „Er hat das Manuskript zerfetzt“, rang sie sich zur Wahrheit durch. Sie hörte Kai nach Luft schnappen, ihn anzusehen wagte sie jedoch nicht.
„Wie bitte? Ich habe mich wohl verhört. Ein Hund? Dabei erklären Sie doch immer Sie seien gegen Hunde allergisch.“
„Nicht gegen Hunde. Ich reagiere auf Katzenhaare“, stellte Paula richtig.
„Ist doch einerlei“, wischte Kai ihren Einwurf vom Tisch. „Fest steht, Sie haben dem Verlag geschadet.“
„Das Manuskript war nicht gut. Es wäre ein Reinfall geworden“, versuchte Paula eine Rechtfertigung.
„Dieses zu entscheiden lag nicht in Ihrem Aufgabenbereich. Ich hatte mich bereits für den Text von Herrn von Ahrensstein entschieden und das sollte Ihnen genügen. Sie haben Ihre Aufgaben und ich die meinen.“
Paula konnte sich nicht entsinnen Kai jemals so wütend gesehen zu haben. Da hatte sie mal wieder genau den größten Fettnapf getroffen, der herumstand. Dabei fragte sie sich, wie um alles in der Welt er von ihrem Missgeschick erfahren haben konnte. Irgendwie lief seit Freitag alles ganz schrecklich schief.
„Frau Bastien, hören Sie mir überhaupt zu?“
Sie schreckte aus ihren Gedanken. „Äh ... ja Ka... Herr Stahmer.“
„Wie viel Resturlaub haben Sie noch?“
Paula erblasste. „Ich ... ich weiß nicht. Vierzehn Tage vielleicht ...“
„Ich empfehle Ihnen, nehmen Sie die.“ Damit schien das Gespräch für ihn beendet und er wandte sie wieder dem Blätterstapel vor sich zu.
„Und nach dem Urlaub?“ Ihre Stimme verlor sich in der Unhörbarkeit.
Kai sah kurz auf. „Was soll danach sein?“, fragte er eisig.
Paula verspürte ein heißes Gewicht, welches ihr vom Magen in die Eingeweide drang.
„Darf ich das ...“ Sie musste sich bemühen. „Darf ich das als Kündigung auffassen?“
Ihr Gegenüber ließ diese Frage unbeantwortet. Stattdessen nahm er demonstrativ den Telefonhörer in die Hand und sah sie auffordernd an.
Paula nickte kurz und verließ niedergeschlagen das Büro. Seltsamerweise traf sie auf ihrem Weg aus dem Verlagsgebäude keine Menschenseele an. Nicht einmal Britta saß auf ihrem Stuhl im Vorzimmer.

Als sie auf den Gehsteig trat, brandete ihr der alltägliche Lärm entgegen: Motorengetöse, Hupen, Klingeln und Wortfetzen. Paula versuchte diese Woge des Lebens zu ignorieren und gleichzeitig ihr Dilemma zu begreifen. Keins von beidem gelang. Während sie wie mechanisch den Weg nach Hause beschritt, liefen ihr Tränen über das Gesicht. Wie sollte es weitergehen.
Daheim angekommen, ergab sich Paula ihrem Elend und als Paul sie mit Schmusen und Gesicht abschlecken zu trösten versuchte, brüllte sie ihn an, er sei an allem Schuld. Verdutzt zog der große Hund sich zurück. Frauchen war wohl nicht gut drauf.
Als Elke und Ute aus der Schule kamen, war der Herd noch immer kalt. Paula hatte sich diese Disziplin nicht abringen können. Doch die Mädchen beschwerten sich nicht. Eilig verschwanden sie in ihren Zimmern und erledigten die Schulaufgaben. Heute würde ihre Gesangskarriere beginnen, da waren sie viel zu aufgeregt und mit sich selbst beschäftigt, als dass sie auf die Sorgen und Nöte ihrer Mutter hätten eingehen können. So blieb sie mit der Aussichtslosigkeit ihrer Lage alleine.

Am späten Nachmittag schellte die Türglocke und Paula hatte nicht vor, zu öffnen. Aber die Glocke blieb sehr hartnäckig. Nach dem fünften oder sechsten Klingeln erhob sie sich daher widerwillig und schlurfte zur Tür. Sie warf einen prüfenden Blick durch den Spion und wurde noch blasser, als sie ohnehin schon war. Vor der Tür stand Rolf von Ahrensstein.
Das letzte bisschen Selbstbewusstsein rauschte in die Tiefen eines Verlieses. Paula lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und schluchzte haltlos auf. Jetzt musste auch noch der andere Unheilsbote vor ihrer Tür stehen. Genügte der Hund in ihrer Wohnung denn nicht?
Wieder läutete die Türglocke und in Paulas Ohren klang es wie ein Schlachtruf auf dem Weg zum Schafott. Da sie noch immer nicht geöffnet hatte, klopfte das Unheil, in Person von Rolf von Ahrensstein, nun an der Tür. „Frau Bastien, machen Sie bitte die Tür auf. Ich muss mit Ihnen reden!“
Ja sicher, dachte Paula. Aber ich will nicht mit Dir reden.
„Bitte, Frau Bastien. Ich weiß, dass Sie da sind. Ich höre Sie doch.“
Du Unglücksbringer kommst mir nicht in die Wohnung.
„Grämen Sie sich nicht wegen des Missgeschicks mit dem Manuskript. Es war nicht das Einzige.“
Oh Gott, Du hast noch mehr von dem Schmarren auf Lager?
„Ich werde nicht eher weggehen, bis ich mit Ihnen gesprochen habe.“
Ja, so siehst Du aus. Aber ich habe es hier drin gemütlicher, als Du da draußen.
Paula ging zurück ins Wohnzimmer und versuchte sich abzulenken, sie schaltete den Fernseher ein. Doch die Gedanken ließen sich nicht übertölpeln. Von Neugier getrieben, schlich Paula in den Flur zurück und spähte durch den Türspion. Das Treppenhaus schien leer zu sein. Im selben Moment schrak sie zurück. Offenbar war auch von Ahrensstein ungeduldig geworden, er stand wieder vor ihrer Tür.
Dingdong!
Verfluchte Türglocke, musst du so nerven.
„Frau Bastien, bitte lassen Sie mich herein.“
Niemals!
„Es ist wichtig, dass wir miteinander reden.“
Verschwinde! Was willst Du noch? Wichtiger wäre gewesen, erst überhaupt nicht aufzutauchen.
Paula ging in die Küche und schenkte sich ein Glas kaltes Leitungswasser ein. Sie hatte es gerade an die Lippen gesetzt, als die vermaledeite Türglocke erneut Laut gab.
Verdammt noch mal, jetzt ist es aber genug!
Sie stellte das Glas auf der Spüle ab und stürmte zur Tür. Vor Zorn bebend riss sie sie auf und wollte gerade ansetzen den ungebetenen Gast zur Rede zu stellen, als ihr die Worte im Halse stecken blieben - das Treppenhaus war leer. Sie tat ein paar Schritte bis an das Geländer und sah hinunter. Niemand lief die Treppe hinab.
Merkwürdig. Er wollte doch angeblich nicht gehen, sondern reden. Paula schüttelte den Kopf und ging zurück in ihre Küche, jetzt würde sie das kalte Wasser brauchen. Kaum hatte sie das Glas angesetzt und einen ersten Schluck getrunken, als es an der Küchentür klopfte. Mit einem Aufschrei fuhr sie herum und ließ das Glas fallen. Es zersprang auf dem gefliesten Küchenboden in tausend Scherben.
„Die Tür stand offen, das habe ich als Einladung interpretiert.“ Rolf von Ahrensstein lächelte gewinnend.
„Aber ... aber ...“ Paula stotterte wie ein Schulmädchen. Es war ihr ganz unheimlich zumute.
„Ich wollte mit Ihnen über das Manuskript reden. Herr Stahmer war so freundlich, mir Ihre Adresse zu geben.“
„Aber ... das Treppenhaus ...“ Paula starrte den Mann fassungslos an.
„Wege haben immer einen Anfang, viele Wendungen und Gabelungen, bevor sie in die verschiedenen Ziele münden“, begann von Ahrensstein. Bevor er jedoch weitersprechen konnte, wandte er den Kopf in Richtung Wohnzimmer. Paul stand dort in der Tür und fletschte mit den Zähnen, dabei ließ er ein sehr bedrohliches Knurren hören. „Also Frau Bastien, wegen des Hundes sollten Sie sich wirklich etwas einfallen lassen.“ Jegliches Lächeln war aus seinem Gesicht gewichen.






- Wolf schrieb am 05.11.2005: -

Mißtrauisch beäugte der große Hund den Fremden, ließ ihn nicht aus den Augen. Von Ahrensstein rührte sich nicht, und erst, nachdem Paula den Hund beruhigt hatte und das Tier sich neben sie auf den Teppich niederlegte, atmete von Ahrensstein hörbar aus und löste die verkrampften Hände. Wartend blieb er stehen. Einige Sekunden verstrichen, bis Paula sich wieder fing. Nachdem von Ahrensstein im angebotenen Sessel Platz genommen hatte, vom Hund aufmerksam beobachtet, sah Paula zum ersten Mal bewußt in das Gesicht des Mannes, der so unverhofft in ihr Leben getreten war. Kleine Fältchen umrahmten Augen, die in einem Blau leuchteten, wie Paula es noch nicht gesehen zu haben glaubte, nein, sie war ganz sicher, ein solches helles, grundloses Blau, das wie über sonnenüberflutetem Wasser zu liegen schien, hatte sie bislang noch nicht gesehen.

„Wie ich schon sagte“, begann von Ahrensstein, „es war nicht das beste Manuskript. Nein, ich bin ziemlich sicher, daß der Stoff nicht gut war. Ich wurde zu oft beim Schreiben unterbrochen, mußte tagelang, ja, wochenlang mit dem Schreiben aufhören. Ich hatte“, er strich nervös mit der Handfläche über die Sessellehne, „private Probleme, ein Freund, er erkrankte schwer, mußte in die Klinik, dann mein Anwesen in der Schweiz, es gibt neue Umweltauflagen.........“.
Von Ahrensstein hielt inne, zog über die Knie seine Hosenbeine glatt.
„Das Manuskript ist“, Paula verbesserte sich unsicher, „das Manuskript war wirklich nicht gut. Obwohl“, fuhr sie verlegen fort, „ich mir ein solches Urteil eigentlich nicht erlauben darf, denn ich ......“.
Von Ahrensstein hob beschwichtigend die Hände.
„Nein, ganz und gar nicht, Frau Bastien, sie haben ja so recht. Es war nicht gut, die Geschichte nicht, meine Sprache nicht, es fehlte einfach das, was Literatur ausmacht. Wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Paula nickte, Erleichterung überkam sie. Sekundenlang schaute sie den Mann stumm an, der ebenfalls schwieg. Dann schob sich ein Lächeln in von Ahrenssteins Mundwinkel, erst zögerlich, wich dann einem breiten Grinsen, bis die Zähne sichtbar wurden und er loslachte. Paula lachte nun ebenfalls, erst verhalten, unsicher, dann ließ sie sich von der Fröhlichkeit des Mannes anstecken. Das Lachen eskalierte, nahm schrille Dissonanzen an, der dunkle Ton der Männerkehle mischte sich mit der hellen Frauenstimme zu einem prustenden, erstickten, auf- und abbebenden Gelächter.
„Und mein Manuskript“, von Ahrensstein zeigte auf den Hund und bäumte sich unter einem erneuten Lachanfall auf, „da drin ist also mein Manuskript. Her damit“, er hustete wie unter einem Erstickungsanfall und zeigte auf Paul, der den Kopf gehoben hatte, „her damit, du Bestie, das ist Urheberrechtsverletzung. Frau Bastien“, wieder schüttelte es ihn, „her mit einem Hunde-Abführmittel und einer großen Schüssel.“
Er konnte sich kaum beruhigen, schlug sich auf die Schenkel. Paula hatte es Tränen in die Augen getrieben, sie sah wie durch einen Schleier, fühlte sich von einer ungeheuren Anspannung befreit.

„Andererseits“, fuhr von Ahrensstein fort, der sich kurz beruhigt hatte, und es zuckte wieder in seinem Gesicht, „andererseits hat er mein Manuskript doch sehr verinnerlicht, wenn ich mal so sagen darf, davon träumt doch jeder Autor.“
Wieder schüttelte ihn das Lachen, und auch Paula griff erneut zum Taschentuch, um sich die Augen zu reiben.
Es dauerte einige Minuten, bis ihr Lachen abgeklungen war, doch noch einige Male bebten beide kurz auf, drängten die ungestümen Heiterkeitsausbrüche gurgelnd aus ihnen hervor, die sie niederzuringen versuchten, wie man sich bei einem in unpassendem Moment auftretenden Schluckauf müht.

„Können Sie stenographieren?“ fragte von Ahrensstein unvermittelt, nun wieder mit erstem Gesichtsausdruck, „können sie gut mit der Schreibmaschine umgehen?“
Paula bejahte, seit Jahren, während ihres gesamten bisherigen beruflichen Lebens waren dies ihre ständigen Arbeitsmittel. Ihr sprach- und literaturwissenschaftliches Studium hatte ihre berufliche Laufbahn ungemein erfolgreich unterstützt, sehr bald schon konnte sie hervorgehobene Positionen bei Zeitungen und Verlagen bekleiden. Ihre Passion war die Arbeit mit der Literatur, das hatten ihr die kurzen Ausflüge in Zeitungsredaktionen verdeutlicht. Bücher waren ihre Welt, belletristische Bücher, Prosa, Lyrik, weniger gerne beschäftigte sie sich mit Thrillern und Kriminalromanen. Wenn es ging, überließ sie diese Manuskripte ihren Kollegen. Insbesondere die Arbeit mit den Autoren, das Bearbeiten von unvollständigen Manuskripten fesselten sie, die Gespräche mit den Autoren, das Eindringen in deren Gedankenwelt, das Miterleben ihrer Gefühle. Und nicht selten hatte sie mit ihrer Kritik, mit ihren Anregungen und Hinweisen den weiteren Fortgang eines Buches maßgeblich mitbeeinflußt. Alle Bücher, die sie in ihrer Entstehung begleitet hatte, standen aufgereiht in ihrem Bücherregal an besonderer Stelle, noch über den Büchern, die sie in ihrer Freizeit las. Der Verlag fuhr gut mit ihr, auch die Autoren, denn durch ihr Germanistikstudium war sie in der Lage, ein Buch einschließlich des Rechtschreiblektorats in Gänze für den Druck freizugeben. Nur an eines hatte sie sich bisher noch nicht getraut: das Schreiben eines eigenen Buches. Doch die Sehnsucht, das Verlangen, eigene Texte niederzuschreiben, wurden von mal zu mal stärker, besonders dann, wenn sie erlebte, welche Manuskripte es bis zur Veröffentlichung schafften, welche Autoren vom Literaturmarkt aufgenommen wurden.

„Natürlich kann ich das“, antwortete Paula, „das ist mein Leben, mein berufliches Leben.“
„Welche Ausbildung haben Sie?“
„Abitur, Germanistikstudium, dann ab durch Redaktionen und Verlage, bis heute.“
Von Ahrensstein schien zu überlegen, schaute auf den Hund, auf den Durchgang zur Küche, dann auf Paula.
„Wollen Sie meine Sekretärin werden, ich meine, wollen Sie für mich schreiben? Ich beabsichtige, künftig meine Texte, ich meine Romane, mit Lyrik geht das nicht, meine Texte sozusagen in den Block zu diktieren. Und sie daran anschließend zu überarbeiten, zu korrigieren. Was halten Sie davon?“
Paula schwieg verwirrt, schaute von Ahrensstein ungläubig an.
„Sie sind Germanistin, sie könnten ja auch gleich das gesamte Lektorat machen, ja, das müßten sie doch können, oder? Und ich beteilige sie an meinen Honoraren, prozentual, das müßten wir noch festlegen. Ich habe übrigens bereits ein paar Bücher verlegt, gar nicht so erfolglos, unter einem anderen Namen, in einem Verlag in der Schweiz. Es ernährt den Mann. Und meine Privatkorrespondenz könnte sie gleich mitübernehmen. Also“, von Ahrensstein beugte sich vor, „was halten Sie davon?“







- Marc schrieb am 09.11.2005: -

Paula schaute ihn verdutzt an. Dann lachte sie verlegen.
„Das...äh...kommt einwenig plötzlich“, stammelte sie schließlich.
„Am besten, sie überlegen sich es in aller Ruhe noch einmal und kommen mich dann besuchen“, sagte von Ahrensstein und reichte Paula eine Visitenkarte.
Sie nahm die Karte und schaute auf die Adresse, die in goldenen Lettern draufgedruckt war. Sie stutzte und sagte nach einer kurzen Pause: „Das ist ja im Rheinland! Ich denke, ihr Anwesen ist in der Schweiz?“
Rolf von Ahrensstein sah sie lächelnd an und nickte. „Richtig, aber unser Familiesitz liegt direkt am Rhein“
„Aber ich habe kein Auto. Wie soll ich dort hinkommen?“, fragte sie. „Außerdem hatte ich nicht vor umzuziehen. Und meinen Töchtern wird es mit Sicherheit auch nicht gefallen“
Von Ahrensstein machte eine beschwichtigende Geste. „Ist alles schon arrangiert“, sagte er höflich. „Ich habe ihnen schon ein Bahnticket besorgt und ein Zimmer in unserem Haus für eine Übernachtung ist auch frei“
Paula sah ihn schockiert an. 'Von Ahrendstein scheint es ernst zu sein', dachte sie. Sie war verwirrt und wußte nicht, was sie von der ganzen Sache halten sollte.
„Ich sehe, sie haben noch Zweifel“, meinte von Ahrensstein.
Paula wurde plötzlich bewußt, das er sie aufmerksam beobachtet hatte, aber das war ihr egal.
„Es ist nur eine Einladung und keine Verpflichtung!“, sagte er.
Sie schaute ihm in die faszinierenden blauen Augen und überlegte, ob sie sein Angebot annehmen sollte.
„Ich würde mich aber sehr über ihren Besuch freuen. Dann könnten wir auch über das Finanzielle sprechen“, fügte er hinzu, als er sei aus dem Sessel erhob. „Ich will sie nicht länge stören. Lassen sie sich Zeit“
Paul hob den Kopf und sah Rolf von Ahrensstein an. Wieder fletschte er die Zähne und stieß ein bedrohliches Knurren aus.
„Denn Hund sollten sie aber vielleicht hier lassen“, sagte er unsicher.
Sie verabschiedeten sich und Paula war alleine mit ihren Gedanken. Sollte sie die Einladung von Rolf von Ahrensstein annehmen? Was würden Elke und Ute zu dem Ganzen sagen?
Sie ging zurück ins Wohnzimmer und setzte sich. Paul kam zu ihr und legte seinen Kopf auf ihr Knie. Sie streichelte ihm über den Kopf. Paul quittierte es mit einem wohligen Brummen.
„Was soll ich nur machen?“, fragte sie ihn und schaute ihm in die Augen.
'Warum eigentlich nicht!', dachte sie. 'Schließlich habe ich zwei Wochen Zwangsurlaub oder bin sogar arbeitslos. Und eine Bahnfahrkarte habe ich auch ... schon'
Plötzlich lief ihr ein kleiner Schauer über den Rücken und ihr fielen wieder die Merkwürdigkeiten ein, die mit von Ahrensstein zusammenhingen. Doch dann wischte sie diese Gedanken weg.

Abends kamen Elke und Ute nach Hause und Paula erzählte ihn, daß sie für zwei oder drei Tage verreisen müßte. Sie zog es vor noch nicht mit der ganzen Wahrheit herauszurücken, denn daß würde noch früh genug zur Sprache kommen. Außerdem wollte sie sich erst einmal nur alles anhören, was Rolf von Ahrensstein zu sagen hatte. Und ein paar Tage Entspannung taten ihr sicherlich auch ganz gut.
Ihre Töchter waren begeistert und freuten sich, daß sie die Wohnung für sich hatten. Paula ermahnte sie, daß sie es aber nicht zu Bunt treiben sollen und sich auch um Paul kümmern müssen, da sie ihn nicht mitnehmen konnte.

Am nächsten Tag machen sich alle zusammen auf den Weg zum Bahnhof, nachdem Elke dort angerufen und sich nach dem Zug erkundigt hatte. Paula verabschiedete sich von ihren Töchtern und drückte sie noch einmal. Dann krauelte sie Paul, er ihr zum Abschied die Hand ableckte. Nachdem Abschiedswinken setzte sich Paula in ein Abteil, das leer war. Erst jetzt fiel ihr auf, daß sie in einem erste Klasseabteil saß. Aber ihrer Fahrkarte nach war sie hier richtig. Sie machte es sich bequem, während auf der anderen Seite der Fensterscheibe die Landschaft schnell vorbei zog.
Wieder dachte sie über Rolf von Ahrensstein nach. Manchmal kam er ihr wie ein Geist vor, der verschwindet und wie aus dem Nichts plötzlich wieder auftaucht. Ein anderes Mal ist er der äußerst attraktive Gentleman. Irgendwie umgibt ihn ein geheimniss, welches sie gerne erfahren wollte. Paula beschlich das leise Gefühl, das er mehr über sie wußte, als sie ihn verraten hatte. Aber so sehr sie sich auch den Kopf zerbrach, sie fand einfach keine Antworten.
Die Landschaft veräderte sich und der Zug fuhr jetzt durch mehr Tunnel. Schließlich fuhren sie an Rhein entlang und als der Zug wieder hielt, war sie fast an ihrem Ziel. Sie stieg aus und verließ das Bahnhofsgebäude.

„Wo soll's hingehen?“, fragte der Fahrer, als Paula ins Taxi stieg.
Sie griff in die Tasche und holte die Visitenkarte hervor, die sie von Rolf von Ahrensstein bekommen hatte.
Noch bevor sie etwas sagen konnte, sagte der Fahrer: „Ah! Ich weiß bescheid“
Verblüfft schaute sie den Taxifahrer an. Als er ihren Blick sah, grinste er.
„Die Familie ist hier sehr bekannt“, erklärte er und fuhr los. „Die von Ahrensstein tun viel für die Gegend und ihr Wein ist im Rheinland sehr beliebt“
Nach einer Weile fragte der Taxifahrer: „Sie sind nicht von hier?“
„Nein“, antwortete Paula. „Ich bin nur geschäftlich hier“
„Die von Ahrensstein sind eine ... Mann, grüner wird es nicht! ... alteingesessene Familie. Ich finde, sie hat mit das schönste Anwesen hier“
Paula hätte wahrscheinlich viel von dem Taxifahrer erfahren können, aber es wären mit Sicherheit auch viele Gerüchte gewesen und sie wollte sich selbst ein Bild machen. Also schwieg sie.
Nach einer Weile hielt das Taxi vor einem großen Herrenhaus. Paula bezahlte den Fahrer und stieg aus.

Das Haus verschlug Paula den Atem. Sie schätzte, daß es mindestens zwei Dutzend Zimmer haben mußte. Jedes Fenster hatte einen kleinen Giebel und der Eingang einen halbrunden Vorbau, der auf Säulen ruhte. Drei Stufen führten zu zwei riesigen Eingangtüren. Paula drückte auf die Klingel und im Innern ertönte ein angenehmer Gong. Während sie wartete, drehte sie sich um und bemerkte erst jetzt den gepflegten Park, der sich vor dem Haus erstreckte. Die Tür wurde geöffnet und ein Mann in einem Anzug stand vor ihr.
„Sie wünschen?“, fragte er höflich.
„Ich bin Paula Bastien und werde erwartet“, sagte sie.
Ihr Herz klopfte plötzlich und sie hatte das Gefühl, daß sie bald wieder eine Überraschung erlebte. Der Mann schaute sie fragend an. Paula griff in die Tasche und gab den Mann die Visitenkarte. Er griff danach und las. Seine Augen weiteten sich.
„Ich verstehe“, sagte er und trat beiseite.
Paula trat ein und bestaunte die große und sehr geschmackvolle Einganshalle. An den Wänden hingen Portrais und andere Bilder. Eine große und breite Treppe auf der rechten Seite führte nach oben. Der Boden war mit Parkett ausgelegt und in der Mitte hing ein großer Kronleuchter von der Decke. Paula war beeindruckt.
„Ich werde sie zum Grafen führen. Wenn sie mir bitte folgen würden“, sagte der Butler und machte eine einladende Geste.
Sie gingen auf den gegenüberliegenden Raum zu, als Paula das Portai sah. Rolf von Ahrensstein!
'Wirklich sehr gut getroffen', dachte sie.
„Hier entlang, Madam“, sagte der Butler und wies den Weg.
Paula trat durch die Tür und stockte. Der Raum war rechteckig und besaß auf der langen Seite eine Glasfront. Dahinter war eine große Terrasse, die wohl fast so groß wie das ganze Haus war. Aber das war es nicht, was Paula bestaunte. Es war vielmehr der Ausblick, den sie von hieraus hatte. Hinter der Terrasse konnte sie auf die Stadt und den Rhein blicken. Erst nach ein paar endloslangen Sekunden sah sie, wie sich der Butler zu einem Stuhl neigte, der auf der Terrasse stand. Sie konnte nicht sehen, wer dort saß, aber als sich sie Person erhob, erschrak sie innerlich. Es war ein älterer Mann mit weißem Haar. Er besaß zwar die gleichen Gesichtszüge, aber es war nicht Rolf von Ahrensstein!





- Ulla Bach schrieb am 17.11.2005: -

Sie getraute sich näher zu gehen – in Richtung Terrasse, während sich der ältere Graf Herr von Ahrensstein vom Stuhl erhob und auf sie wartend den Besuch kurz musterte. Er fragte sich, wieso die junge Dame ihn besuchen wollte. Er hatte Ahnung. Als sie sich endlich ganz nah gegenüber standen, Paula schaute weder rechts noch links, als sie durch das Zimmer schritt, war sie fast versucht, einen Hofknicks ob der adligen Persönlichkeit zu machen. Sie unterdrückte ihr Gefühl und bot der älteren Ausgabe des Rolf von Ahrenssteins die Hand.

>>Entschuldigen Sie bitte die Störung, Herr Graf<<, (hoffentlich sprach sie ihn richtig an), >>aber Ihr Sohn Rolf von Ahrensstein hat mich eingeladen<<, da Paula nicht wusste, wie sie ihren Besuch erklären sollte, hielt sie sich kurz >>und nun bin ich hier.<<

Sie wartete auf eine Antwort und fühlte sich auf einmal ganz klein, als ihr Gegenüber ungläubig eine Augenbraue hochhob und zynisch lächelte. Seine Mundwinkel deuteten dies wohl überzeugend an. Aber wenigstens nahm er Paulas Hand an und neigte seinen Kopf zu einem Handkuss. Sie hat gepflegte Hände, stellte er fest. Feingliedrige Finger und die Nägel mit heller Farbe dezent lackiert. Paula betrachtete indessen sein Gesicht. Dieselbe Gesichtszüge, die hellen Augen, die ältere Ausgabe von Rolf. Das musste ja zwangsläufig der leibhaftige Vater sein. Doch er schien stumm zu sein. Bisher kam kein einziges Wort aus seinem Mund. Sie zuckte regelrecht zusammen, als er endlich sprach, energisch und kräftig:

>>Ich habe keinen Sohn, gnädige Frau.<<

Und mit einem kurzen angedeuteten Diener entschuldigte er sich für einen Moment und ließ Paula allein mit dem Hinweis, sich doch den Garten anzuschauen, oder auf den von ihm angebotenen Gartenstuhl aus massivem hellem Holz Platz zu nehmen. Er würde gleich wieder zugegen sein.
Paula stand etwas unschlüssig und blickte sich um. Lust zu sitzen hatte sie keine. Sie wollte in den Garten gehen und die herrliche Aussicht auf die Stadt und auf den Fluss zu genießen. Außerdem musste sie erst mal die Erkenntnis verdauen, dass der alte Herr keinen Sohn hatte. Sie ging auf den großangelegten Rasen und sah bald, dass am Ende des Rasens das abschüssige Gelände mit Pflanzsteinen, die mit Blumen der Saison gefüllt waren, befestigt wurde. Hui, da ging es steil und lang hinunter. Ein enormes Grundstück tat sich da auf, es verlief bis an die weit unten vorbeiführende Straße.
Das Rasengelände selbst hatte hin und wieder einige kleine runde Blumenbeete, hübsch mit bunten herbstfarbenen Betonsteinen verziert. Rechts am Ende des Grundstückes war eine zwei Meter hohe Mauer. Wohl die Begrenzung zum Nachbarn, dachte sich Paula. In Wirklichkeit befand sich eine Tür in der Wand, die sie aber von ihrem Standort nicht sehen konnte. Hinter der Mauer wohnten die Angestellten in einem großen Haus. Hier lebten der Gärtner, die Mamsell, der Butler und der Chauffeur. Natürlich hatte jeder getrennt sein eigenes Reich, das versteht sich von selbst. Der Chauffeur und der Gärtner, beide ledig, hielten sich gerne beim Butler auf, der mit der Mamsell schon mehr als dreißig Jahre verheiratet war. Die gesamte Belegschaft sowie der Graf selbst gehörten nicht mehr zu den Jüngsten. Kinder gab es auch keine.
Paula sah sich weiter um und verlor jedes Zeitgefühl. Als sie sich nach links wandte, bot sich ihr ein ganz andres Bild. Hinter einem parkähnlichen Terrain begann der Wald, ein Wald, den Paula so noch nie gesehen hatte. Hier war alles vorhanden, Laub- und Nadelbäume, Sträucher und Palmen sowie exotische Stauden. Alles durcheinander gepflanzt, so, als sei alles wild gewachsen. Neugierig ging sie darauf zu, und mit jedem Schritt, mit dem sie immer näher kam, ging ein eigenartiges Gefühl durch ihren Körper. Sie verlor die Scheu, und ihre Neugierde wuchs ins Unermessliche.

>Das ist ein Zauberwald, das muss ein Zauberwald sein<, dachte sie. >Gleich kommen die sieben Zwerge mit Schneewittchen hinter dem Baum hervor, oder das Rumpelstilzchen. Nein, ich bin nicht im Zauber-, sondern im Märchenwald. Genau, so ist es.<

Plötzlich stand Paula unter einer Trauerweide. Sehr hoch gewachsen, und die Zweige hingen so tief herunter, dass Paula vollständig vom Baum verschluckt wurde. Sie spürte keine Angst, im Gegenteil. Sie war plötzlich das Aschenputtel. Das Aschenputtel, das sich nichts sehnlicher wünscht, als schönste Frau der Welt auf den Ball des Königs zu Ehren seines Sohnes gehen zu können, um das Herz des Prinzen zu erobern.

>>Bäumchen, rüttle und schüttle dich. Wirf Gold und Silber über mich.<<

Erschrocken drehte sich Paula in Richtung des immer dunkler werdenden Waldes zu. Hatte sie nicht gerade eben ein hämisches Lachen gehört? Dann sah sie ein Gesicht, es war Rolf von Ahrensstein. Nanu? Eben war es da, nun zeigte sich Rolf von Ahrensstein auf der gegenüber liegende Seite, aber immer in Richtung des dunklen Waldes.

>>Herr von Ahrensstein, ich finde das gar nicht lustig.<< Paulas panische, erhöhte Stimme übertönte jedes Vogelgezwitscher. Nun bekam sie doch Angst. Hier ging’s nicht mit rechten Dingen zu. Aus dem Wald schwebten Hunderte von Augenpaaren auf Paula zu, die Augen des jungen Ahrenssteins. Außerdem hingen fast an jedem Zweig und an den Ästen die Stoffteile, die Paula im großen Sack, der in ihrer Diele stand, gefunden hatte. Diese Stoffe flatterten nun im Wind.

>>Nein, nein!!!<<, schrie Paula und hielt sich ihre Augen zu, während sie sich auf den Waldboden kniete und den Kopf schützend auf ihren Schoß drückte. Noch während sie verzweifelt schrie, sank sie in einen Ohnmacht ähnlichen Zustand. Sie hörte nichts mehr, sah nichts mehr und spürte nichts mehr. Dennoch, sie war glücklich und ängstlich zugleich und dachte für einen kleinen Moment an ihre Kinder, die Zwillinge. Dachte für einen kurzen Moment an deren Vater und an die Großeltern ihrer beiden Töchter väterlicherseits. Die Großeltern, die schon lange Jahre nichts mehr von ihrem Sohn gehört haben (eigentlich ab dem Zeitpunkt, als er Paula verließ und damit auch seine Eltern im Ungewissen ließ, wo er sich überhaupt aufhielt. Genau genommen, wussten sie alle nicht, ob er noch lebte), sorgten sich herzlich um die Kinder. Hin und wieder besserten sie das Taschengeld auf, natürlich im Einverständnis der Mutter, oder kauften auch gerne mal den heißersehnten Pulli, den sie sich sonst nicht leisten konnten. Paula, die früh Vollwaise wurde, nahm auch gerne die Dienste ihrer >Schwiegereltern< als Babysitter in Anspruch.

>>Frau Bastien, ist Ihnen nicht gut?<< Der alte Graf, der sehr erstaunt war über die Lage, in der sich Paula befand, beugte sich über sie. Paula lag rücklings auf dem Rasen vor der Terrasse, streckte alle Vieren von sich und war ganz blass im Gesicht.

>>Frau Bastien, soll ich einen Arzt rufen lassen?<<

Allmählich kam Paula zu sich und sah in das Gesicht des alten Grafen, der mit Einsatz seines neigenden Oberkörpers und beider Hände an ihrem Arm rüttelte.
Was war geschehen? Sie sah verstohlen zum Märchenwald und glaubte, Paul zu sehen. >Nun spinne ich wohl ganz?!<, und schon sprang Paula leichtfüßig von ihrer misslichen Lage hoch und zupfte ihre Kleidung zurecht. Etwas schwindlig war ihr schon, sie ließ sich aber nichts anmerken. Das Ganze war ihr schon peinlich genug.

>>Geht’s wieder?<<, sprach der alte Graf.

>>Ja, ja. Ich muss wohl eingeschlafen sein. Tut mir Leid, wenn ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereite.<<

>>Aber nicht doch, gnädige Frau. Sie bereiten mir keine Unannehmlichkeiten. Ich bin froh, eine junge hübsche Dame in meiner Gesellschaft willkommen heißen zu dürfen. Ich ...<<

Plötzlich verstummte der alte Graf, und Paula bekam große Augen. Wie aus dem Nichts kam eine Person auf sie zu. Hinter dieser Person stand die hohe Mauer.






- Nikki schrieb am 22.11.2005: -

Paula verstand nichts mehr. Wohin war sie geraten? Verwirrt sah sie die drei fast identischen Männer an. Otto und Wilhelm von Ahrenstein unterschieden sich nur durch die unterschiedliche Kleidung: Otto in Taubenblau und Wilhelm in dunklem Grau; während Rolf von Ahrenstein sich lediglich durch sein Alter abhob. Die beiden älteren Herren standen voreinander und starrten sich wie Duellanten an, amüsiert beobachtet von der jüngeren Ausgabe.
Die Situation war gespannt und Paula wäre am Liebsten auf und davon gelaufen, doch sie blieb wie festgenagelt unter der geheimnisvollen Trauerweide stehen und konnte den Blick nicht von den Männern vor sich wenden. Ein Schwarm Raben flatterte aufgeregt krächzend durch die Zweige des Zauberbaumes und lenkte ihre Aufmerksamkeit für einen kurzen Augenblick auf sich. Erstaunt stellte sie fest, dass die Stoffstücke verschwunden waren, nachdem die Raben in Richtung des Hauses davongeflogen waren.
Paula wandte sich wieder ihren Gastgebern zu und war schon fast nicht mehr erstaunt, als sie feststellte, dass einer der beiden älteren Herren, neblig umwölkt, an klar umrissener Kontur verlor. Otto von Ahrenstein schien zudem auch wenig durchsichtig zu werden, denn sie konnte die herabhängenden Zweige der Trauerweide hinter ihm durchscheinen sehen.
Na prima, das passt ja.
Noch immer schweigend, starrten sich die Duellanten an. Dann schallte ein gespenstischschauriges Lachen durch den Wald.
Ich hätte Knoblauch mitnehmen sollen.
„Verehrteste, Knoblauch hilft nur bei Vampiren.“
Paula fuhr herum, Rolf von Ahrenstein stand hinter ihr.
„Ich möchte eigentlich gern wieder zurückfahren,“ murmelte sie verwirrt.
„Aber warum denn?“, von Ahrenstein schien überrascht.
„Ich fühle mich dieser Situation hier nicht gewachsen,“ gab sie unumwunden zu. „Dieser Park wirkt auf mich so mysteriös, so unheilvoll.“
„Manchmal fühle ich auch so, aber ich kann Ihnen versichern, Frau Bastien, hier gibt es nichts, was Ihnen gefährlich werden könnte.“
Paula sah sich um. Sie standen alleine unter der Trauerweide. Vom alten Grafen und seinem Zwilling war nichts mehr zu sehen.
„Wie ging das Duell aus?“, fragte sie lahm.
„Welches Duell?“
„Na, dass zwischen Ihrem Onkel und Ihrem Vater?“
Rolf von Ahrenstein lachte unbekümmert. „Mein Vater ist schon seit zehn Jahren tot und mein Onkel ist zurück zum Haus gegangen, nachdem er Ihnen wieder auf die Beine geholfen hat. Ich denke er wird ein vorzügliches Mahl angewiesen haben.“ Er betrachtete sie mit wachsendem Interesse. „Wir sollten zurückgehen und uns im Speisezimmer einfinden. Mein Magen bekundet sonst noch lautstark seinen Willen.“
Paula musste lächeln. Rolf von Ahrenstein hatte Charme, sei er nun ein echter Mensch oder ein Geist. „Wenn es essbar ist, was aufgetragen wird, habe ich keine Einwände,“ bemerkte sie leichthin, und hoffte auf ein Ende dieser Wirrungen.
„Oh, ganz gewiss. Anneli ist eine hervorragende Hauswirtschafterin und Köchin.“

Der alte Graf empfing sie auf der Terrasse des Hauses. „Geht es Ihnen wieder besser, Frau Bastien?“
„Sie wird wohl nur Hunger gehabt haben“, führte Rolf von Ahrenstein an, ehe Paula sich dazu äußern konnte.
„Im Speisezimmer ist bereits aufgetragen.“ Wilhelm von Ahrenstein wandte sich um ging voraus.
Von Ahrenstein hatte nicht zu viel versprochen, die Mahlzeit war gediegen. Paula hatte noch nie so gut gegessen. Es gab eine klare Consommé; danach wurden Hirschragout und Kalbsmedaillons serviert, mit zarten Kartoffelpüfferchen als Beilage, den süßen Abschluss bildete ein Beerenschaum, zu dem eine scharfe Schokoladensauce gereicht wurde.
Nach dem Essen führte von Ahrenstein sie durch das Haus. Er zeigte ihr die Ahnengalerie und erzählte von der langen Tradition des Hauses von Ahrenstein. Das Geschlecht derer von Ahrensteins ließ sich über vier Jahrhunderte zurückverfolgen und die Grafen hatten es stets verstanden materielle wie auch geistige Interessen zu verbinden. Aus der Familie waren Banker, Händler, aber auch Künstler im Umgang mit Farben, Papier und der Musik hervorgegangen. Die von Ahrensteins waren eine erfolgreiche Familie.
Paula war den Ausführungen ihres Gastgebers aufmerksam gefolgt. Er hatte es verstanden seine Familiengeschichte spannend zu erzählen und sie fragte sich, warum er dann ein solch unmögliches Manuskript abgeliefert hatte. Er war doch ein charmanter und guter Erzähler?
Rolf von Ahrenstein bat Paula nach der Besichtigung des Hauses ins Kaminzimmer und bot ihr einen der wunderbaren alten Ohrensessel an. Dann ging er zu einem der Bücherschränke und zog eine lederne Mappe heraus, die er ihr kommentarlos reichte.
Paula nahm sie entgegen und schlug sie auf. In der Mappe fanden sich beschriebene Blätter – weitere Manuskripte des jungen Grafen. Aus Höflichkeit und Rücksicht ihrem Gastgeber gegenüber überflog sie ein paar Blätter. Sie waren endlich in dem Stil, den sie nun, nachdem sie ihn als charmanten Plauderer erlebt hatte, von ihm erwarten würde. Amüsiert beobachtete Rolf von Ahrenstein, wie sie nicht mehr rasch Blatt um Blatt überflog, sondern sich wirklich ins Lesen der Seiten vertiefte. Wie selbstverständlich nahm sie die Konversation über das Gelesene mit ihm auf, und ehe sie sich versahen, waren sie mitten in der Besprechung und Interpretation der Texte. Angeregt diskutierten sie bis in die Abendstunden hinein und selbst noch als man zu Tisch saß, wurde über die verschiedenen Formulierungen und Aussagen gesprochen.
„Herr von Ahrenstein, Sie haben mich angenehm überrascht. Nach dem ersten Manuskript, das ich von Ihnen gelesen habe – bevor Paul es verschlang – hatte ich keine Erwartungen. Doch diese Meinung muss ich nun gründlich revidieren.“
Dass sein Lächeln aber auch immer etwas Mysteriöses, etwas Diabolisches an sich haben muss.
„Es freut mich außerordentlich, dass ich doch noch zu gefallen wusste.“
„Mein Neffe versucht, der langen Tradition in unserer Familie gerecht zu werden“, ließ sich Wilhelm von Ahrenstein vernehmen. Bisher hatte er der Diskussion zugehört.
„Onkel, ich habe Frau Bastien mit den Ahnen bekannt gemacht.“
„Das ist sehr umsichtig von dir gewesen, Neffe.“
Paula tupfte sich mit der Serviette den Mund ab und legte sie neben den Teller. „Ich möchte mich jetzt gern ausruhen. Der Tag war lang und anstrengend ...“
„Aber natürlich, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer.“ Eilfertig faltete Rolf von Ahrenstein seine Serviette zusammen und stand auf. Er nickte seinem Onkel kurz zu, dann nahm er Paula am Arm und führte sie aus dem Speisezimmer.
Sie stiegen die gewundene Treppe hinauf in den ersten Stock. Das Gästezimmer der Villa war freundlich und hell eingerichtet, ohne an Eleganz zu verlieren. Hier würde sie wunderbar träumen können. Nachdem sich von Ahrenstein verabschiedet hatte, legte Paula sich auf das Bett und breitete die Arme aus. Berauscht von den schönen Texten und den Eindrücken des Tages schloss sie die Augen und summte eine Melodie. Sie hörte erst auf, als sie unverkennbar Pauls Knurren hörte. Erschrocken setzte sie sich auf und begriff, dass sie in dieser geheimnisvollen Umgebung eine ganze lange Nacht vor sich hatte.








- Wolf schrieb am 23.11.2005: -

Die Dämmerung hatte bereits begonnen, am Himmel zeigten sich erste Sterne als kleine glitzernde Punkte. Eine breite, halbhohe Anordnung kleiner Fenster begrenzte die gegenüberliegende Wand, und als Paula herantrat, stieß sie einen leisen Schreckensruf aus. Sekundenlang verschlug ihr der Anblick den Atem. Der Blick fiel in die Weite, wie von hohen Bergen aus, in das Tal hinab, auf den dunklen Strom, auf dem sich viele kleine Lichter spiegelten, gegenüber der dunkle Gegenhang mit eingesprenkelten Lichtflecken, darüber ein wolkenloser Himmel, der auf der einen Seite die heraufkommende Nacht ankündigte, zur anderen Seite am Horizont noch ein letztes purpurnes Leuchten des vergehenden Tages zeigte.

Als Paula die Lichtschalter im Zimmer betätigte, begann eine wundersame sekundenlange Illumination. Fünf, zehn, ein Dutzend, nein, Dutzende Lampen und Lämpchen, mächtige Deckenfluter, kleine versteckte Birnchen und Leuchten, in unterschiedlichster Helligkeit, an wunderlichsten Stellen versteckt und plaziert, tauchten das nun groß und tief wirkende Zimmer in ein geheimnisvolles, warmes Licht. Kostbare Teppiche bedeckten fast vollständig den mit hellbraunen Hölzern ausgelegten Boden. Ein Zimmer dieser Größe hatte Paula bisher noch niemals zuvor gesehen. Sie begann, es voller Lust zu begehen, von einer Seite zu anderen, über die Längsseite, dann über die schmale Seite, immer wieder hin und zurück. Dabei fand sie noch Stehlampen und kleine Tischleuchter, auf dem Sekretär, den eine schwere Schreibtischkombination aus dunkelgrünem Leder zierte, ebenso wie auf dem großen Tisch, der von vier filigranen Sesseln mit gestreiften Polstern umstanden war. Sie schaltete alle Lampen, die sie noch fand, ein, auch noch die kleinen Schirmlampen, die auf winzigen Erkerchen und Nischen in den Zimmerecken gestellt waren. Selbst der große Spiegel des mächtigen Schranks an der Stirnseite ließ sich beleuchten, und als Paula sich davor aufbaute und sich sah, war ihr, als ob sie träume, faßte mit der Hand nach vorne und berührte den Spiegel. Doch sie träumte nicht, verspürte das kühle Glas an den Fingerkuppen. Alles Mobiliar gehörte zu einer einzigen Stilrichtung, soweit Paula es erkennen konnte, doch sie wußte nicht, welcher Stil es war. Gleich morgen wollte sie ihren Gastgeber danach befragen.

Als sie das Bad betrat, tat sich ein tiefer, dunkler Raum vor ihr auf. Es gab nur einen einzigen Lichtschalter, und als sie diesen betätigte, überflutete ein gleißendes Licht den Raum, so hell, daß sie für Sekunden geblendet die Augen schloß. Es gab keine Möglichkeit, das Licht zu mildern, das von allen vier Wänden mit großen Strahlern ins Rauminnere gelenkt wurde. Die Abmessungen des Bads waren überwältigend, Paula glaubte, daß nicht einmal ihr Wohnzimmer diese Größe aufwies. Mitten im Raum war die Duschvorrichtung plaziert, aus der Decke neigten sich symmetrisch angeordnete blitzende Düsen herab. Paula sah keinen Abfluß, keine Vertiefung im Boden, das Wasser schien nur durch die porösen, hellbraunen Steine des Fußbodenvierecks abzulaufen. Im hinteren Bereich des Raumes war eine in wunderlichen Verzierungen geformte Wanne in den Boden eingelassen, breit, in abgestuften Tiefen, mit mehreren Sitzgelegenheiten, Schalen und Schälchen und Düsen in unterschiedlichen Größen. Die Wanne faßte mühelos zwei Personen und war so gehalten, daß man sich auch gegenüberliegen konnte. Zwei mächtige Waschbecken reichten an eine riesige Spiegelwand heran, die Ablagen voller Flakons und anderer Utensilien in buntesten Farben. Der ganze Raum, alle Wände, der Boden, die Wanne, das Bidet, selbst die Decke, waren in weißem Carrara-Marmor gehalten und leuchteten im gleißenden Licht der Lampen weiß wie Schnee.

Paula verstaute rasch ihre wenigen Habseligkeiten, die in dem großen Schrank wie verloren wirkten. Dann zog sie sich aus, warf die Sachen auf die weit überbordende Tagesdecke des Bettes und ging zur Dusche. Die Tür des Bades ließ sich nicht schließen, immer wieder sprang sie auf und öffnete sich zu einem kleinen Spalt. Paula hatte den Marmorboden äußerst vorsichtig betreten, doch anstelle der erwarteten Kühle spürte sie erstaunt wohlige Wärme an den Fußsohlen, auch die Wandfliesen fühlten sich warm an. Weiße, flauschige Handtücher in jeder Größe waren über den ganzen Raum verteilt. Die Dusche hatte keinen Vorhang, das bemerkte Paula erst jetzt. Kaum war sie in das kleine, braune Steingeviert getreten, hörte sie ein leises Rauschen, und aus allen Düsen über ihr begann angenehm temperiertes Wasser, nicht zu kalt, nicht zu heiß, mit mildem Strahl auf sie hinabzuströmen. Paula trat erschrocken einen Schritt aus dem Strahl der Düsen heraus, und nach wenigen Sekunden versiegte das Wasserfluß über ihr. Dafür vernahm sie ein fernes Brausen, von der Decke oder von den Seiten her. Sosehr sie auch spähte, konnte sie die Öffnungen der Abluftanlage nicht entdecken. Sie ergriff unter den leuchtenden Flakons ein Duschgel und stellte sich erneut unter die Düsen auf die kleinen braunen Steinplatten, auch sie behaglich warm. Sie schloß die Augen, gab sich der Wärme des Wassers hin, dem leisen Rauschen über ihr. Ein süßer, betäubender Duft stieg auf, rosafarbener Schaum bildete sich zu kleinen Gebirgen auf ihrer Haut und eine wohlige Wärme durchlief sie. Wie in einem Taumel begann sie sich zu drehen, die Arme nach oben, wie zum Himmel gereckt. Ihr war, als ob sie eine ferne Musik vernähme und begann, sich dazu in den Hüften hin- und herzuwiegen. Immer leichter wurden ihre Bewegungen, immer ekstatischer drehte Paula sich um sich selbst, sie sang, hörte sich singen, wußte nicht, was sie sang. Ihr war, als ob das auf sie herabströmende Wasser alle ihre Sinne beeinflußte, alle Erdenschwere von ihr abwusch und sie spürte mit einem Male, daß sie erregt wurde, wie sie von Gefühlen übermannt wurde, die sie schon nicht mehr zu kennen glaubte. Minutenlang vermochte sie nicht, aus der warmen, wohligen Umarmung des Wassers herauszutreten, gab sich diesen neuen, alten, neu erwachten Empfindungen widerstandslos hin.

Als sie aus der Wärme des Wassers heraustrat und die Düsen über ihr versiegten, war sie verwirrt, lauschte sekundenlang dem leisen Sirren der Abluftanlage. Der Boden wirkte nach wenigen Augenblicken wie trocken, fast nichts erinnerte mehr daran, daß Paula eine halbe Stunde oder noch länger geduscht hatte. Der Türspalt hatte sich weiter geöffnet, durch das gleißende Licht im Bad lag das angrenzende Zimmer wie im Dunkeln. Paula zog sich nicht an, eine plötzliche, süße Müdigkeit übermannte sie unverhofft. Fast taumelnd ging sie zum Bett, die Wärme des Raumes umhüllte sie. Woher kam diese Wärme? Eine Wärme wie im Bad. Sie hatte nicht in Erinnerung, daß der Raum bereits vorher so warm gewesen war. Zufriedenheit machte sich in ihr breit, sie summte vor sich hin, zog mit müden Bewegungen die Tagesdecke herunter, wollte noch das Bett aufschlagen, doch dann sank sie auf dem weißen Federbett nieder und fiel sogleich in einen tiefen, doch ruhelosen Schlaf. Sie träumte unentwegt, schreckte auf, sprach, halluzinierte, wußte nicht, ob sie schlief, ob sie träumte, hörte Stimmen, sah Lichter, sah Menschen, sah Gesichter, Augen, erotische Phantasien erregten sie wieder und wieder, ließen sie hochfahren und ermattet wieder zurücksinken. Wie aus einer großen Tiefe kehrte sie am Morgen zurück, schlug die Augen auf, blieb regungslos liegen, minutenlang, benommen, verwirrt. Gleichzeitig verspürte sie ein seltsames Glücksgefühl, als ob eine große Spannung von ihr abgefallen sei. Sie atmete tief und lächelte in sich hinein. Trotz ihrer Nacktheit fror es sie nicht, die Luft um sie herum war warm, wie am Abend zuvor, an den sie sich erinnerte, als läge er schon weit zurück.

Sie erschrak, als sie auf die Uhr schaute. Bereits zehn Uhr! Sie lief zu den Fenstern, sah einen hellichten Tag, sonnenüberflutet, mit weißen Wolkengebirgen am Himmel. Rasch kleidete sie sich an, machte nur die nötigste Morgentoilette. Nach einem letzten prüfenden Blick verließ sie das Zimmer. In dem Moment, als sie die Tür schließen wollte, sah sie, daß sie nicht abzuschließen war, daß kein Schlüssel im Schloß steckte.





- Marc schrieb am 29.11.2005: -

Paula ging die Treppe hinunter. Unten wartete schon der Butler auf sie und geleitete sie in eines der viele Zimmer, die diese Villa besaß. Wieder wurde sie angenehm überrascht. Das Zimmer was sie betraten, war in warmen Farben gehalten. Die langen Seite des Zimmers besaß eine Wanmalerei, die die Aussicht von der Terrassen zeigte. Paula brauchte einen Moment, bis sie merkte, was sie an dem Bild störte. Es schien die Aussicht vor ein paar Hahunderten darzustellen, da sie nirgends ein Haus oder eine Straße erkennen konnte.
„Ein schönes Bild. Nicht war?“, hörte sie plötzlich eine Stimme neben sich sagen und zuckte zusammen.
Rolf von Ahrensstein stand neben ihr und betrachtete ebenfalls das Bild.
„Ja“, antwortete sie. „Aber es zeigt aber nicht die jetzige Aussicht“
Von Ahrensstein schaute sie erstund an. „Sie sind eine gute Beobachterin“, sagte er anerkennend. „Sie haben recht. Es zeigt die Aussicht, von hier oben, wie sie vor gut zweihundert Jahren war“
Er berührte sie am Ellenbogen und plötzlich machte Ihr Herz einen Hüpfer. Rolf von Ahrensstein führte sie zu einem Stuhl, der vor einem riesigen Eßtisch stand. Wie ein Gentleman zog er den Stuhl zurück und wartete, bis Paula sich setzte. Dann ging er um den Tisch und setzte sich ihr gegenüber. Der Butler kam herein und goß aus einer kostbar aussehenden Kanne Paulas Tasse voll. Der Duft des dampfenden Kaffees trat in ihre Nase. Der Tisch vor ihr war reichlich gedeckt. Es gab nichts, was man sich nicht vorstellen konnte. Verschiedene Wurstsorten, ebensoviele Käsesorten, Marmelade, Honig, Früchte und noch andere leckere Dinge. Paula war fast überfordert und wußt gar nicht, was sie zuerst nehen sollte.
Während des Frühstückes redeten sie über das Manuskript, welches Rolf von Ahrensstein ihr am Abend gegeben hatte. Sie ließen sich viel Zeit mit dem Frühstück und Paula genoß es sehr. Rolf von Ahrensstein war doch ein ganz anderer Mensch, als sie angenommen hatte. Er hatte etwas warmes und herzliches. Plötzlich ertappte sie sich, wie sie unbewußt in Gedanken den Namen 'Paula von Ahrensstein' hörte. Aber der Gedanke war so schnell wieder weg, wie er auch gekommen war.
„Herr von Ahrensstein“, begann Paula.
Rolf von Ahrensstein hob die Hand. „Bitte“, sagte er und sah sie flehend an. „Bitte. Nennen sie mich Rolf. Und wenn wir schon dabei sind, dann können wir uns auch Duzen. Meinen sie nicht?“
Paula überlegte einen kleinen Moment und nickte schließlich. „Gut“, sagte sie. „Also, was ich fragen wollte, deine Familie ist in diese Gegend sehr angesehen und dieses Anwesen ist ziemlich groß. Wie lange lebt deine Familie hier schon?“
Rolf überlegte einen Moment und sagte dann: „Ich denke, wir machen einen kleinen Spaziergang und ich zeige dir unser Anwesen. Dann kann ich auch aus der Familiengeschichte plaudern“






- Ulla Bach schrieb am 06.12.2005: -

Doch dazu kam es nie.
Paula erwachte aus ihrem Koma, und ihr erster Blick fiel auf eine kalte, unpersönliche und in hellem Grau angestrichene Zimmerdecke. Wo war sie nun gelandet? Wo war die Familie von Ahrensstein? Als die junge Frau den Kopf drehen wollte, stieg ein unterdrückter Schmerzenslaut aus ihrer trockenen Kehle – es entstand nur ein Räuspern, dabei wollte Paula schreien. Wieder versuchte sie, den Kopf zu wenden, dieses Mal viel vorsichtiger. Was sie sah, ließ sie unheimlich erschaudern. Sie lag eindeutig in einem Krankenzimmer. Allein. Die Vorhänge des großen Zimmers an ihrer linken Seite waren zurückgezogen, und die Sonne schien bis zur Mitte des Zimmers. Paulas Bett stand hinter der Mitte, so bekam sie von der Wärme der Sonnenstrahlen gar nichts zu spüren.
Rechts, einen großen Schritt von ihrem Bett entfernt, befand sich die große, breite Zimmertür, die man mit einfachen Handgriffen noch weiter verbreitern konnte, wohl um ein Krankenbett problemlos rein- und rauszuschieben.
Was war geschehen? Paula, die ihren schmerzenden Kopf befühlen wollte, merkte, kaum dass sie ihren Arm hochhob, dass in ihrer Hand eine Braunüle saß und sie selbst am Tropf hing. Sie erschrak fast zu Tode, und schon fing das Piepen aus dem Monitor, der neben ihr stand, zu rasen an. Bevor aber nach wenigen Sekunden dir Tür aufgerissen wurde und eine Krankenschwester hereinkam, konnte Paula ihren Kopf anfassen. Der zweite Schreck! Der Kopf war verbunden!
Hilfe, wollte Paula schreien, heraus kam abermals nur ein Krächzen. Die resolute, mollige und mütterlich wirkende Krankenschwester kam zu Paulas Bett geeilt, und nach einem kurzen prüfenden und zufriedenen Blick auf den vorhandenen Monitor nahm sie Paulas Hand und tätschelte sie.

>>Nun, Frau Bastien, das freut uns aber, dass Sie wieder unter uns Lebenden sind.<< Sie sprach laut und so bestimmend, als wäre Paula ein kleines Kind. >>Sie haben uns ja einen großen Schreck eingejagt.<< Sie fühlte den Puls, alles war im normalen Bereich. >>Ich werde nun den Doktor rufen.<< Sprach und ging von dannen.

Paula verstand gar nichts mehr. Was war passiert? Sie hatte keine Ahnung. Das Zimmer erschien ihr mehr und mehr kalt und ihr feindlich gesinnt. Sie sehnte sich nach den Sonnenstrahlen, und ihr Blick wanderte wieder zum Fenster, in der Hoffnung, ein paar von ihnen erhaschen zu können. Doch die Sonne zeigte kein Erbarmen. Bis hierher und nicht weiter. Paula fiel wieder in einen leichten Dämmerschlaf, als die Tür rückartig aufgerissen wurde. Hereingerauscht kamen drei männliche Ärzte, der Chefarzt und zwei Assistenzärzte, und die mütterliche Krankenschwester. Sie erschrak abermals und schaute mit großen Augen auf die unbekannten Gestalten. Sie spürte ihr Herz bis zum Halse heftig pochen.

>>Frau Bastien, Sie wissen, wo Sie sind?<< Der älteste Arzt trat ganz nahe an ihr Bett, sah sich nach einer geeigneten Stelle um und setzte sich auf den Bettrand und umschloss ihre Hand. Er hatte weiche und warme Hände, und sofort spürte Paula diese Wärme in ihrem Körper, die sich wohlwollend vom Kopf bis in die Füße ausbreitete. Für einen Moment schloss sie ihre Augen und öffnete sie wieder, als sich in ihr die Frage aufdrängte:

>>Herr Doktor, was ist geschehen?<< Das Reden fiel ihr noch schwer. Der Hals war furchtbar trocken, und Paula verspürte einen großen Durst. >>Ich habe Durst.<<

>>Sie bekommen später etwas. Was geschehen ist? Ein Wunder, Frau Bastien, ein Wunder. An was können Sie sich erinnern?<<

>>Nun ja, es geschahen merkwürdige Dinge. Manchmal glaubte ich zu träumen, und doch war es so real, das konnten keine Träume sein. Oder?<<

>>Nun, ich werde Sie kurz mal untersuchen, ob alles intakt ist, dann reden wir mal darüber, was wahr und was Traum war, nicht wahr?<< Der Chefarzt zwinkerte, führte bei Paula gewissenhaft neurologische Untersuchungen durch und war schließlich mit dem Ergebnis höchst zufrieden. Besser konnte es nicht sein. Somit wären keine bleibenden Schäden zu erwarten. Die Narbe am Kopf würde verheilen, und die abrasierten Haare wachsen wieder. Somit war für den Arzt das Wesentliche in höchstem Maße und sehr befriedigend ausgefallen.
Und das teilte er Paula mit, die mit dem Ergebnis doch gar nichts so Rechtes anfangen konnte. Schließlich wusste sie nicht, welche Verletzungen sie eigentlich hatte und wie es dazu kam.

>>Herr Doktor, helfen Sie mir!<< Sie war verzweifelt.

Der Arzt schaute sie durchdringend an, setzte sich abermals auf den Bettrand, nahm ihre Hand in die seine, umschloss sie und fragte: >>Was wollen Sie wissen?<<

>>Wieso ich hier liege!<<

>>Nun, im polizeilichen Bericht stand, dass Sie am Straßenrand saßen und sich mit einem Schuh abmühten, um ihn aus einem Pflastersteinritz herauszuziehen. Ein Auto, das nicht rechtzeitig ausweichen konnte, fuhr Sie an, und Sie fielen rückwärts und schlugen mit dem Kopf auf den Randstein. Dabei zogen Sie sich mittelschwere Verletzungen zu und fielen in tiefe Bewusstlosigkeit. Leider mussten wir an ihrem wunderschönen Haupt etwas rumschnippeln,<<, dabei lachte er, >>aber es ist alles gut.<<

>>Wie lange lag ich in Koma?<<

>>Nicht zu lange. Wir mussten keinen Luftröhrenschnitt machen. Der Schlauch, den wir heute Morgen entfernt hatten, tat’s noch.<<

>>Meine Kinder, wo sind sie?<<

>>Wohlbehalten bei den Großeltern.<<

Die Krankenschwester warf ungefragt hinzu: >>Ich soll Sie schön von ihnen grüßen.<< Schmunzelte und war wieder still.

>>Der Hund? Die Familie von Ahrensstein? Die Stofffetzen? Habe ich das alles geträumt?<< Paula, die glaubte, verrückt geworden zu sein, hoffte, der Arzt würde ihr versichern, dass alles nicht geträumt war.

>>Von diesen Dingen weiß ich nichts. Erzählen Sie mir davon, Frau Bastien.<<

Und Paula erzählte und erzählte. Je mehr sie erzählte, um so mehr ermüdete sie. Schließlich schlief sie mittendrin ein. Der Arzt war zufrieden, tätschelte behutsam ihre Hand und alle vier verließen das Zimmer, um Paula ihren Genesungsschlaf zu gönnen.
Während des Schlummerns schloss Paula Frieden mit ihren Gedanken und Träumen. Sie akzeptierte sie. Es gab keinen Paul, keinen Rolf, keine Villa, keinen verwunschenen Garten und keinen Märchenwald. Sie hatte ihre Zwillinge, das genügte. Und sie hatte ihre Arbeit im Verlagswesen. Sie war auf dem besten Wege, gesund zu werden.
Am nächsten Tag, sie fühlte sich jetzt viel, viel besser, kam der Oberarzt. Er hatte gestern nicht das Vergnügen gehabt, Paula bei vollem Bewusstsein zu erleben. Er stand in voller Größe vor ihrem Bettende und staunte nicht schlecht über Paulas Reaktion, als sie ihn mit weit aufgerissenen Augen ungläubig anstarrte.

>>Rolf, was machst du hier?<<

>>Ich bin nicht Rolf, ich heiße Otto. Otto Brunk, ich bin hier der Oberarzt.<<

Dieselbe Statur, dieselben Augen, die gleichen Gesichtszüge. Und diese Stimme! Unverkennbar.

>>Verzeihung.<< Paula lächelte, und Otto Brunk lächelte zurück.







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