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Die Reise nach...............



- Nikki schrieb am 13.02.2005: -
Die Reise nach...

Janosz erwachte an diesem Morgen frisch und ausgeruht. Er fühlte sich gewappnet und bereit, die vor ihm liegende Aufgabe zu erfüllen. Er schlug die Bettdecke zurück und schwang sich aus dem Bett.
Janosz schürte das Feuer neu an und füllte den darüber hängenden Kessel mit Wasser. Während es erhitzt wurde, saß er zu Tisch und nahm sein Frühstück ein. Brot, Wurst und Käse, dazu trank er mit Wasser verlängerten Wein.
Nach der Mahlzeit, säuberte er sein Essgeschirr und stellte es an seinen Platz im Schrank zurück, dann schaute er nach dem Wasserkessel.
Hervorragend, es war warm genug, um ein Bad zu nehmen. Janosz hob den Kessel von seinem Haken und trug ihn zum Zuber hinüber. Vorsichtig füllte er das heiße Nass in den großen Holzbehälter und hängte den Kessel wieder zurück an seinen Haken. Er legte sich Handtuch und Seife zurecht, dann entkleidete er sich und stieg, leicht fröstelnd, in den Zuber. Genießerisch schloss er die Augen und tauchte so tief wie nur möglich in das warme Wasser hinein. Janosz schloss seine Augen und versank in einer Traumwelt. Erst zwanzig Minuten später tauchte er aus seinen Träumen wieder auf. Nun stand die eigentliche Körperpflege an. Janosz nahm die Seife, eine gute Olivenseife, aus Frankreich, und seifte sich gründlich ein. Dann spülte er den Schaum mit einem beherzten Eintauchen in das mittlerweile recht kühle Wasser wieder ab. Rasch hangelte er nach dem Handtuch und trocknete sich, leicht bibbernd, ab. Sodann griff er zu seiner bereitliegenden Tageskleidung und zog sich an.
Nachdem dies alles geschehen, kümmerte sich Janosz um sein Gepäck. Er kontrollierte seine Endscheidungen vom Vortag und stellte fest, dass er nichts ändern musste. Zufrieden sah er sich noch einmal in seiner Bleibe um, dann nahm er seinen Mantel vom Haken neben der Tür und streifte ihn über. Janosz ergriff seine beiden Reisetaschen, trug sie vor die Tür und nach einem letzten Blick zurück, schloss er die Tür zu seiner Kammer ab.

Die Straße war schon recht belebt, als Janosz sich anschickte, den kurzen Weg zum Bahnhof zu beschreiten. In der kühlen Morgenluft schwang ein leichter Duft nach Frühling mit, aber auch der Geruch nach Menschen, Industrie und Fortschritt – kurz, nach Stadt. Leichten Mutes schritt Janosz voran und hallte alsbald den Bahnhofsvorplatz erreicht. Lebhaftes Treiben herrschte um diesen Mittelpunkt. Menschen kamen an, fuhren ab, warteten, oder versuchten Geschäfte zu machen. Manch einer schien auch kein Zuhause zu haben, oder hatte die Nacht durchzecht.
Janosz steuerte zielstrebig den Bahnsteig an. Er setzte die Taschen ab und kramte seine Taschenuhr hervor. Ein kurzer Blick darauf, dann auf die große Bahnhofsuhr, und Janosz bekam die Gewissheit, dass seine Uhr richtig ging. Er sah sich nach einer Sitzgelegenheit um, da er noch einige Zeit zu warten hatte. Eine Bank ganz in seiner Nähe bot sich an. Er stellte seine Taschen neben ihr ab und ließ sich nieder. Janosz hatte seine Freude daran, die Menschen um sich herum zu beobachten, sagte doch ihre Kleidung und ihr Verhalten soviel über sie aus. Da waren die Damen der höheren Gesellschaft, in ihren eleganten, auf Taille geschnürten Kleidern und mit ihren schicken Hütchen. Sie reisten mit Gefolge. Dann waren da die Geschäftsreisenden, elegante Herren mit Koffern.. Und es gab noch die weniger Glücklichen, die Menschen, die mit dem Zug in ein neues, besseres Leben fahren wollten. Abenteurer, wie er, waren eher die Ausnahme. Janoz verlor sich wieder in Betrachtungen und wurde erst vom Pfeifen des einfahrenden Zuges aus seinen Gedanken gerissen.
Das Stampfen und Schnaufen der Lokomotive, das Zischen des entweichenden Dampfes, Janosz wurde doch tatsächlich aufgeregt. Sein Traum sollte sich nun erfüllen. Er ergriff die beiden Reisetaschen und ging auf den Zug zu. Trotz seiner Unruhe wartete er geduldig, bis alle aussteigenden Fahrgäste den Zug verlassen hatten, dann erst stieg er ein. Janosz suchte sich einen Platz am Fenster, er wollte um keinen Preis etwas von der Fahrt verpassen. Er verstaute seine Taschen und richtete sich gemütlich ein. Dann sah er aus dem Fenster und beobachtete die Vorbereitungen zur Abfahrt. Er freute sich auf sein Unterfangen und hoffte auf viele Abenteuer und spannende Begegnungen.
Endlich ertönte das Signal und der Zug setzte sich schnaufend in Bewegung. Erst langsam, dann immer schneller rollten die Räder über die Schienen, bis ihr Rattern in ein stetiges, gleichmäßiges Stakkato mündete.




- Ulla Bach schrieb am 19.02.2005: -

Das Dampfen aus dem Schornstein der Lokomotive schien nie zu ermüden. Ständig warf der Heizer kostbare Kohle in den Ofen, und der Lokführer sorgte dafür, dass der Zug einigermaßen pünktlich in die besagten Stationen einlief.
Die Reisestrecke bis nach Paris war lang, und Janosz schlief mitunter ein paar Mal für einen kurzen Moment ein. Der knurrende Magen ließ ihn jedoch immer wieder aufwachen. Zu dumm, dass er sich seine Tasche mit dem Proviant klauen ließ. Beim längeren Aufenthalt in der nächsten großen Stadt würde er jedenfalls mit seinem letzten Rest Geld Proviant kaufen. Nicht viel, aber sättigend und lange anhaltend sollte es sein.
Er dachte ein wenig sehnsüchtig an Maria, seine große und einzige Liebe. Es würde länger dauern, bis er wieder ihr schönes Gesicht in seinen Händen halten konnte. Doch die anziehende Magie der Weltstadt Paris war nun mal stärker als seine Liebe zu Maria.

Das Abteil, in dem er saß, war bis auf den letzten Platz besetzt. Er fuhr dritter Klasse, dementsprechend war der Komfort. Harte Holzsitze, beschlagene Scheiben und ein lautes, unruhiges Publikum. Der eine Fahrgast plagte sich mit seinen Kindern herum, der andere hatte mit seinem Federvieh in der Kiste Probleme, und schräg drüben stritt sich mitunter lauthals ein älteres Ehepaar. Doch dies alles war Janosz egal. Er schaute aus dem Fenster, das er zuvor mit dem Ärmel seiner Jacke rein von Schmutz und Beschlagenheit wischte, und genoss die vorbei fliegende Landschaft, die sich ständig änderte. Bald würde der Zug nach Köln einfahren. Viele Stunden lagen nun zwischen Abfahrt von Warschau und Ankunft in Köln. Von weitem sah man der Kölner Dom, das Wahrzeichen der schönen Stadt. Janosz schaute ganz hingerissen auf die Silhouette, und bekam das Gefühl, vor lauter Aufregung platzen zu müssen. Vom Zugschaffner wusste er, dass ein längerer Aufenthalt in Köln geplant war, und er nahm sich vor, dort im Bahnhof Proviant zu kaufen. Und so geschah es. Gleich als der Zug einlief, sauste er aus dem Abteil und ließ dummerweise seine Reisetasche zurück.
Im guten Glauben sah er sich in der Bahnhofshalle um. Die vielen Menschen, die vielen Geschäfte. Im wurde ganz wirr im Kopf. Er drehte sich ein paar Mal um seine eigene Achse bis er ein kleines Geschäft erblickte, wo er sich das zu essen kaufen konnte, von dem er meinte, am besten damit auszukommen. Schließlich musste er sich auch nach seinem Geldbeutel richten.
In dem Moment, als er zum Eingang strebte, kam von der einen Seite eine zierliche Gestalt auf ihn zu und rempelte ihn an. Sie schien sehr eilig zu haben.

>>Entschuldigen Sie vielmals. Das war keine Absicht.<< Die zierliche Gestalt, eine junge Frau, bückte sich, um ihre Tasche aufzuheben, die bei diesem plötzlichen Zusammenstoß herunterfiel.

Freundlicherweise bückte sich auch Janosz nach der Tasche, und als die beiden ihre Körper aufrichteten, sahen sie sich zum ersten Mal an. Janosz war von der Schönheit dieser jungen Frau überwältigt. Und wie chic sie gekleidet war! Ein hellgraues Frühjahrskleid mit langen Ärmel und aus leichtem Stoff. Rüschen schmückten den hohem Kragen, und ein Hut umrahmte ihr dezent geschminktes Gesicht. Schwarze Augen funkelten ihn an. Ihr langes braunes Haar trug sie offen. Ein Mantel hing lose über den Schultern, der beim Zusammenstoß ein wenig verrutschte, ohne dass er zu Boden ging.

>>Das macht doch nichts. Ist auch nichts passiert?<<

>>Nein, nein! Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss zum Zug. Er fährt gleich los.<< Sprach sie, und schon war sie fort.

Janosz konnte nur noch das eilende Mädchen von hinten sehen, aber der süße Geruch ihres Parfüms blieb ihm noch lange in der Nase.
Nachdem er sich mit Proviant eingedeckt hatte, viel war es nicht, denn bei diesen horrenden Preisen konnte er sich nicht mehr leisten, trottete er auf den Bahnsteig, wo sein Zug bereits abgefahren war. Wie von Donner gerührt stand er da. Zunächst wusste er nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Der Zug weg! Sein Gepäck weg! Sein Traum etwa auch? Oh, nein. So schnell würde er nicht aufgeben. Zuerst mal die Gedanken sortieren. Was war zu tun, was konnte er machen? Während er sich in seinen Gedanken verstrickte, kam ihm wieder eine Gestalt entgegen. Es war die junge Frau mit ihrem Wagenrad ähnlichen Hut, diesmal langsam und zögernd.

>>Sie haben wohl den Zug verpasst?<<

>>Ja, leider. Ich habe wohl zu lange gebraucht.<< Janosz war verzweifelt und fügte hinzu: >>Sie auch, haben Sie auch den Zug verpasst?<<

>>Ja.<< Mehr sagte sie nicht. Ihre Augen nahmen einen sonderbaren, geheimnisvollen Glanz an. Dunkel und abwesend. Es schimmerten auch aufsteigende Tränen darin. Sie fühlte sich genauso verloren wie der junge Mann.

Doch wie selbstverständlich packte sie seinen Proviant in ihre Tasche, und während er die mit Kleidern vollbepackte Tasche trug, nahmen sie sich an die Hand und gingen zurück in die Bahnhofshalle.





- Wolf schrieb am 21.02.2005: -

Janosz schaute verstohlen zu seiner neuen Begleiterin herüber. Eine leise Röte lag auf ihren Wangen, er hörte sie atmen, sah, daß sie dabei den Mund öffnen mußte. In diesem Augenblick sah auch die junge Frau zu ihm. Eine Sekunde lang wirkte sie besorgt, ernst, dann verzog sich ihr Mund zu einem leisen, zögerlichen Lächeln. Die Tasche hatte sie ermüdet, sie setzte sie unvermittelt ab, und da Janosz noch im Weitergehen begriffen war und den Taschengriff nicht sogleich losließ, schwenkte er herum unmittelbar gegen die junge Frau. Ihr Atem überflutete sein Gesicht, und für einen winzigen Moment hatte er ihr Atemgeräusch am Ohr. Erschrocken murmelte er eine Entschuldigung und vergrößerte den Abstand zwischen sich und der jungen Frau, die ihn irritiert anschaute, dann den Blick hastig, wie getrieben, durch die belebte Bahnhofshalle fahren ließ, bevor sie wieder zum ihm hinsah.

Janosz besann sich erneut auf seine freiwilligen Französischlektionen, empfand eine euphorische Stimmung, daß er sich auf diese Weise mit der jungen Frau verständigen konnte, nur gut, daß er wenigstens eine Fremdsprache leidlich gelernt hatte. Sie sprach viel besser Französisch, das hatte er gleich zu Beginn bemerkt, als sie amüsiert auf seine Lippen geschaut hatte, wenn er, manchmal stockend und angestrengt, seine Worte und Sätze vortrug.

„Der Zug“, sagte Janosz, „der Zug ist fort. Was nun, was machen wir nun?“
„Weiß nicht“, antwortete sie, "zu dumm auch.“
Sie wirkte unschlüssig, blickte wieder durch die Halle, bis ihr Blick auf die große An- und Abfahrtstafel fiel und dort eine Weile suchend verweilte.
„Wie heißt du?“ fragte Janosz, und ihr Blick kehrte zu ihm zurück.
„Sophie, und wie heißt du?“
„Janosz“, sagte Janosz, „und woher kommst du, ich meine, wo lebst du?“
„Leverkusen, ich wohne in Leverkusen, das ist nicht weit von hier“, antwortete sie, „wollte in Köln umsteigen. Aber nun........“, ließ sie den Satz offen und blickte wieder wie suchend durch die lärmende Halle.
„Wo willst du denn hinfahren?“, frage Janosz weiter.
„Nach Paris, nach Paris muß ich, bin Kunststudentin, habe ein Stipendium erhalten in Paris.“ Ihre Augen begannen zu leuchten, als sie das sagte, um sogleich wieder zu erlöschen. „Und nun das hier........“, fügte sie hinzu, und eine große Enttäuschung klang in ihrer Stimme mit. Janosz wartete ihre Frage nicht ab.
„Ich fahre auch nach Paris“, sagte er mit leichtem Stolz, und auch Freude war ihm anzusehen, „dann haben wir ja dasselbe Ziel.“

Er zögerte einen Moment, doch sie sagte nichts, schien das Gehörte zu überdenken.
„Wir haben dasselbe Ziel“, wiederholte Janosz und sah Sophie mit großen Augen an und sie erkannte, daß er noch ein großer Junge war. In Janosz drängte es, er mußte Sophie noch weiter über sich erzählen.
„Ich komme aus Warschau, nein, nicht genau, aus der Nähe von Warschau. Warst du schon in Warschau?“

Sophie schüttelte den Kopf, sie betrachtete mit zunehmendem Interesse das gebräunte, wuschelhaarige Jungengesicht, und als sie es eingehender untersucht hatte, stellte sie doch schon einen unübersehbaren Bartwuchs fest.
„Ich will nur Paris besuchen, den Eiffelturm, alles sehen, alles in mir aufnehmen von dieser großen Stadt. Meine Französischlehrerin hat mir immer wieder davon erzählt und mir gesagt: ‚Janosz’, hat sie gesagt, ‚einmal mußt du nach Paris fahren. Versprichst du mir das?’. Und ich habe es ihr versprochen. Sie ist schon lange tot.“ Er schwieg einen Augenblick.
Und dann will ich ein bißchen arbeiten in Paris, um die Rückreise zu verdienen.“
„Und um in Paris zu leben“, setzte er noch hinzu und sah Sopie erwartungsvoll an.
Sophie versuchte, aus dem Jungengesicht herauszulesen, was da für ein junger Mann so plötzlich in ihr Leben getreten war.

„Wie alt bist du, Janosz?“
„Gerade in meinem besten Alter“.
„Wie alt denn nun“, taxierte ihn Sophie, "sag´s mir bitte.“
„Einundzwanzig“
„Und ich fünfundzwanzig“, beeilte sich Sophie zu sagen, sollte er doch gleich wissen, wer über die größere Erfahrung verfügte.




- Nikki schrieb am 24.02.2005: -

Janosz war klug genug es so stehen zu lassen. Ihn bewegten im Augenblick auch andere Gedanken. Es würde sicherlich vonnöten werden eine Unterkunft für die Nacht zu finden und vor allem, die Weiterreise zu organisieren. Er bat die junge Frau auf ihn zu warten und begab sich in die Schalterhalle, um nach dem nächsten Zug nach Paris zu fragen.

Sophie blieb derweil am Bahnsteig zurück. Sie überlegte, was sich alles in den letzten sechsunddreißig Stunden in ihrem Leben verändert hatte. Nachdem sie von ihrem Stipendium erfahren hatte, war sie völlig aus dem Häuschen gewesen. Besonders Vater und Mutter hatten sich sehr gefreut. Sie hatten viel entbehrt, um ihrer einzigen Tochter das Kunststudium zu ermöglichen – und nun wurden alle Anstrengungen mit einem Stipendium belohnt. Beneidet von ihren Freundinnen aus dem Hinterhofhaus, hatte Sophie ihre Tasche gepackt und sich auf das herzlichste von allen verabschiedet. Dann hatte sie erwartungsvoll ihre Reise angetreten. Nun war es ein wenig enttäuschend, das sie nur wenige Kilometer weit gekommen und sie hier gestrandet war, aber dafür hatte sie Janosz getroffen. Der junge Mann imponierte ihr, reiste er doch so ganz allein und unbeschwert von Warschau aus nach Paris.

„Sophie! Sophie!“
Es dauerte einen Moment, ehe die junge Frau begriff, dass ihr Name gerufen wurde. Als sie sich suchend nach dem Rufer umsah, erblickte sie Janosz, wie er winkend und fröhlich auf sie zukam.
„Sophie“, japste er ein wenig außer Atem geraten, er hatte sich beeilt zu ihr zurückzukehren und war schnell gelaufen. „Ich habe uns zwei Fahrkarten nach Paris besorgt. Übermorgen geht der Zug. Bis dahin können wir in einem kleinen Gasthaus etwas außerhalb der Stadt wohnen. Ich war so frei gleich für Sie in Verhandlungen zu treten und hoffe, es war Ihnen recht.“ Er schaute sie treuherzig an, und Sophie konnte nur lächelnd nicken. „Da unsere finanziellen Mittel eingeschränkt sind, musste ich ein wenig improvisieren, um den Gastwirt zu überzeugen, uns Obdach zu geben.“
Sophie sah ihn unsicher an. Was wollte er damit sagen?
„Ich habe ihm von unserem Dilemma erzählt und er hat gemeint es wäre ihm sehr recht, wenn Sie seinen Kindern in den zwei Tagen ein paar Unterrichtsstunden geben könnten. Sie kämen nicht allzu oft in den Genuss des Schulbesuchs, da sie in der Gastwirtschaft helfen. Ich hoffe es macht Ihnen nichts aus, die Kleinen ein wenig in Wort und Schrift zu unterweisen.“ Wieder dieser Blick aus den sanften grünen Augen. Sophie konnte nur stumm nicken.
„Ich werde mich in der Remise nützlich machen und die Droschken pflegen. Ich gestehe, ich bin sehr aufgeregt. Der Gastwirt hat erzählt, er habe in seiner Remise zwei dieser neuen Motordroschken stehen. Ich habe davon gelesen, aber noch nie eine gesehen.“ Janosz geriet nun ins Schwärmen, bis Sophie ihn vorsichtig unterbrach.
„Janosz, ich muss noch nach Paris telegraphieren, dass ich später komme. Haben Sie die Telegraphenstelle gesehen?“
„Oh ja, kommen Sie Sophie. Ich nehme die Tasche.“ Er griff beherzt zu und trug das Gepäckstück für seine Besitzerin. Während sie durch das Gewimmel auf dem Bahnsteig und der Bahnhofshalle schritten, schwiegen beide. Eine Unterhaltung hätte auch kaum einen Sinn gemacht, die Geräuschkulisse war einfach zu beeindruckend.
Endlich hatten sie die Telegraphenstelle erreicht und Sophie konnte ihr Telegramm aufgeben. Während sie den Text vorgab, sah Janosz sich interessiert um und wartete geduldig, bis seine Begleiterin fertig war und sich ihm wieder zuwandte.
„Das Telegramm ist auf dem Weg. Wir können uns also zu unsere Unterkunft begeben. Haben Sie eigentlich auch bedacht, wie wir dorthin kommen sollen?“
Janosch grinste. „Jawohl, wir werden in den Genuss einer Fahrt mit einer der Motordroschken kommen.“ Er wirkte so vergnügt, das Sophie meinte, er wäre noch jungenhafter geworden. Sie lächelte zurück. „Da werden wir beide eine Premiere erleben.“
Gemeinsam schritten sie aus dem Bahnhofsgebäude heraus auf den großen Vorplatz. Janosz meinte, den Duft der großen, weiten Welt atmen zu können. Geschäftiges Treiben herrschte, Pferdekutschen, Motorwagen, Karren, Lauf- und Fahrräder boten ein buntes Bild. Überall konnte man den Aufschwung spüren und sehen, den die Industrialisierung mit sich gebracht hatte. Leider konnte man es auch riechen. Die unentwegt rauchenden Schlote der Fabriken, spieen in ihren weißen, grauen oder gar fast schwarzen Wolken auch eine Menge unappetitlicher Düfte aus. Dazu mischte sich der Geruch der Kohleöfen in den Haushalten. Aber Janosz liebte den Fortschritt.
Mit einem quäkenden hupen machte der Fahrer einer der Motordroschken auf sich aufmerksam. Janosz unterbrach sein sinnieren und steuerte zusammen mit seiner Begleiterin auf das neumodische Gefährt zu. Bevor sie es erreichten nahm Janosz von einem Zeitungsjungen Notiz.
„Extrablatt! Mit den neuesten Meldungen aus Übersee. Die Gebrüder Wright haben erfolgreich ihren ersten Flug absolviert! Extrablatt“
Janosz drückte dem Jungen ein paar Münzen in die Hand und bekam eine der Zeitungen. Versonnen starrte er auf das Titelblatt. Auch wenn er der deutschen Sprache nicht mächtig war, so hatte er doch das Gefühl, an etwas Großartigem beteiligt zu sein.
„Amerika“, flüsterte er versonnen und seine grünen Augen blitzten.






- Ulla Bach schrieb am 03.03.2005: -

Maria, schon im Begriff Janosz ebenfalls lange auf einen Brief warten zu lassen, überlegte es sich doch noch im letzten Moment. Sie setzte sich auf einen Küchenstuhl und kaute derweil auf dem Stift, während ihre Gedanken kreisten, was wohl zu schreiben sei. Es wollten keine geeigneten Worte einfallen. Statt dessen betrachtete sie den Küchentisch und malte sich die Zukunft mit ihrem Liebsten aus. War er überhaupt noch ihr Liebster? Sie hatte Zweifel.
Warum eigentlich? Sie wusste es nicht.
Nach dem sie „Mein liebster Janosz“ geschrieben hatte, flogen die Buchstaben wie von selbst auf das Papier. Die erste Hemmschwelle war nun überwunden. Erst als sie „in Liebe, deine Maria“ an den Schluss setzte, richtete sie sich kerzengerade auf und streckte die Arme zum Entspannen aus. Ja, sie war zufrieden mit dem, was sie sich vom Herzen schrieb. Ein gehauchter Kuss auf das „in Liebe“ und schon wurde der zwei Seiten lange Brief in das Kuvert mit der französischen Adresse reingelegt. Morgen würde sie zur Post gehen.

Janosz fühlte sich wohl in Paris. Er liebte die Stadt, seine doch schwere körperliche Arbeit und, wie er sehr bald feststellen konnte, auch Sophie. Seiner Jugendliebe Maria gab er nur anstandshalber und mit einem sehr schlechten Gewissen in Form eines Briefes Lebenszeichen von sich. Er spielte sogar mit den Gedanken für immer in Paris zu bleiben, sofern er Sophie dazu überreden konnte, ebenfalls ihre Zelte in Deutschland abzubrechen und hier heimisch zu werden. In den wenigen Wochen, die er jetzt in der Großstadt lebte, wurde ihm so vieles klar. Er brauchte sich um seine Zukunft keine Sorgen zu machen. Er hatte ja eine. Eine, die ihm gefiel und die er in die Tat umsetzen wollte.

Am späten Mittag holte Janosz seine Sophie von der Uni ab, und sie genossen beide die herrlich strahlende und wärmende Sonne. Sie schlenderten Hand in Hand durch die Innenstadt, Janosz betrachtete sich die Schaufenster, und Sophie mit künstlerischen Blicken die Menschen, die um diese Zeit hastig und gestresst umher liefen. In Sophies Augen entstand ein Bild, das sie schleunigst in Aquarell nachzeichnen wollte. Sie war eben eine Künstlerin, sie sah die Welt mit anderen Augen – offen für Farben und Formen. Ein Schaufensterbummel wurde nebensächlich. Janosz jedoch schaute sich die ausgestellten Kleider an, und als sie an einem Brautmodengeschäft vorbei kamen, blieb er plötzlich stehen und zog seine liebgewonnene Freundin zärtlich an sich.

>>Sophie, sobald ich eine anständige und dauerhafte Arbeit habe und genügend Geld für uns beide verdiene, möchte ich, dass du so ein Kleid trägst. Und zwar an deinem schönsten Tag im Leben.<<

Sophie drehte sich in die Richtung, in der er seine Blicke richtete und sah ein wunderschönes, weißes und schlichtes Brautkleid. Sie schluckte. Sollte dies ein Heiratsantrag gewesen sein? Sie war perplex. Mit einem Antrag hätte sie heute nie gerechnet. Doch in den Augen ihres Freundes sah sie, dass er es ernst meinte und zugleich selbst überrascht von seinem Vorgehen war. Sie lachte laut auf.

>>Soll das ein Witz sein?<<

>>Eigentlich nicht.<<

Nun lachte sie nicht mehr. Ganz ernst wurde ihr.

>>Janosz, lass uns Zeit. Wir sind jung. Wir haben doch noch so viel vor. Ich studiere erst mal fertig, und du versucht, bei Citroên unterzukommen. Ja?<<

Sie blickte ihn ernst und fragend an und fügte ganz leise hinzu: >>Ich liebe dich, Cherie, aber ich möchte mit dem Heiraten noch warten.<<

Janosz nickte und verstand. Er würde auf seine Sophie warten.







- Wolf schrieb am 05.03.2005: -

Maria nahm Janosz´ Brief immer wieder in die Hand, betrachtete ihn nachdenklich. Einmal hob sie ihn hoch und schnupperte daran, versuchte den Geruch, den das Papier verströmte, zu deuten. Sie hatten sich vorher nie geschrieben, wozu auch, sie sahen sich beinahe täglich, es gab keinen Anlaß, sich Briefe zu schreiben. Doch, Maria erinnerte sich, ganz zu Beginn, in der Schule, als sie gemeinsam in die erste Klasse gingen, ein schmaler Gang im Schulzimmer die Mädchen von den Buben trennte und er immer wieder zu ihr herüberblicken mußte, da hatten sie sich oft kleine Zettel geschrieben und diese in einem unbeobachtet geglaubten Moment sich gegenseitig in das Lesebuch oder ein Schulheft gesteckt oder auch in die Box mit den Griffeln. Fräulein Kamierczak hatte das kleine Spiel der Kinder bald bemerkt und ließ es amüsiert gewähren.

Sonderbar, seine Schrift gefiel Maria, sie wirkte leicht, beschwingt, so gar nicht zu seinen großen und derben Händen passend, wie er sie im Laufe der Zeit bekommen hatte. Nachdenklich betrachtete sie die kleinen Zeichnungen, die kunstvoll in filigraner Stiftführung auf das Papier geworfen waren. Sie führte das Blatt mit den Zeichnungen an die Nase, einem unbestimmten Drang folgend. Ein banges Gefühl wuchs in ihr, sie vermochte es sich nicht zu erklären, ein leise beginnender Schmerz, wie er sich in der Brust breitmacht, wenn man verliebt ist, der indes auch dann gegenwärtig ist, wenn man eine Liebe verliert. Als Maria, den Brief in der Hand, aus dem Fenster schaute, über die Obstwiesen hinweg, über das Tal auf die Bergspitzen in der Ferne, trat ihre Mutter ins Zimmer. Sie sagte kein Wort, trat hinter Maria und legte ihre rechte, warme Hand auf Marias Schulter, ganz still tat sie das.

Maria änderte den Text ihres Briefes nicht mehr; am nächsten Tag, gleich nachdem sie die Hühner und die Gänse versorgt hatte, brachte sie ihn zum Hof der Szewcinas, wo die kleine Poststelle des Dorfes betrieben wurde. „Mhmm“, sagte die kleine rundliche Frau und drehte den Briefumschlag wiederholt von der Vorderseite auf die Rückseite, „so weit, kleine Maria, so weit ist er fort? Gib auf ihn acht, gib acht auf ihn.“

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Die laue, schon warme Frühlingsluft, die sich der Stadt bemächtigt hatte, hielt auch noch die nächsten Tage an. Um die Mittagszeit, wenn die Sonne schon ihre Wärme auf die Trottoirs schickte, stellten die Cafés schon für ein paar Stunden die Tische heraus. Janosz konnte sich nicht genug daran ergötzen, dort mit einer großen Tasse Milchkaffee zu sitzen und in die Sonne zu blinzeln, während Sophie auf ihrem Skizzenblock zeichnete und dabei manchmal leise wie in Selbstgesprächen vor sich hinmurmelte. Besonders gerne zeichnete sie Gesichter von Menschen, die an einem der Tische in ihrer Nähe saßen. Besonders alte, zerfurchte Gesichter, Menschen, die mit hochgezogenen Schultern in sich gekehrt auf ihrem Stuhl saßen, hatten es ihr angetan. Meist erregten ältere Frauen, die alleine am Tisch saßen, ihre Aufmerksamkeit.

Hin und wieder kehrte Janosz aus seinen Tagträumen zurück, drehte den Kopf und betrachtete Sophies Blatt eine längere Zeit, bevor er sich wieder zurücklehnte.
„Das gefällt mir besonders gut“, sagte er dann oft. Manchmal schien es, als ginge mit einem Male ein kaum wahrnehmbarer Ruck durch seinen Körper, dann öffnete er für einen Moment die Augen ganz weit, als ob er erwache. In diesen Augenblicken dachte er an Maria.






- Nikki schrieb am 07.03.2005: -

Noch gelang es ihm gut, seine Zerrissenheit vor Sophie zu verbergen. Aber je weiter die Zeit fortschritt, desto klarer wurde ihm auch, das ihm eine Endscheidung abverlangt werden würde.
Da war zum einen seine Jugendliebe Maria, eine hübsche Frau mit schlanker, aber kräftiger Statur und guter Gesundheit. Sie war von gutem Charakter und zupackender Natur. Immer hatte sich Janosz auf sie verlassen können, hatte ihre warmherzige Art bewundert. Sie war es auch, die seinen Zwiespalt bereits erahnte. Das ging aus ihren Briefen hervor. Janosz konnte es zwischen den Zeilen lesen.
Auf der anderen Seite gab es da noch Sophie. Sie war feingliedrig und zart. Ihre Haut schimmerte wie feinster Alabaster und das Haar glänzte schwarz und schwer. Sie trug es meist offen, aber vermochte es auch zu wunderbaren Steckfrisuren zu frisieren. Ohnehin war sie eher eine Person der Gegensätze. So zart und feingeistig sie auch wirkte, Janosz hatte sie bei mancher Gelegenheit ganz anders erlebt. Gerne lenkte sie ihre Schritte ins Montmartreviertel. Dort traf sie sich mit anderen Studenten und auch unstudierten Künstlern. Dort, unter ihresgleichen, konnte sie herrlich ausgelassen werden. Sofern seine Arbeit es zuließ, begleitete Janosz sie gerne dorthin.

Janosz war stolz auf sich. Er hatte sich bereits einiges erarbeitet, und gerade heute ergab sich für ihn eine sehr angenehme Überraschung. Während seiner kurzen Arbeitspause verschlang er nicht nur seine kleine Mahlzeit, er nutzte sie auch, um ein paar schnelle Zeichnungen anzufertigen.
Sophie hatte ihm die wichtigsten Techniken erklärt und mit ihm eingeübt, den Rest besorgte Janosz Geschick und seine ausgeprägte Beobachtungsgabe.
So entstanden präzise Studien seiner Umwelt. Aber auch Zeichnungen seiner Arbeitsmaterialien. Um eben diese Zeichnungen war es in einem Gespräch mit dem Werksleiter gegangen. Ihm war eine vergessene Studie in die Hände gefallen und da er sie beeindruckend fand, hatte der Mann nachgeforscht, wer der Schöpfer gewesen war.
Zuerst hatte Janosz, auf seinen Pausenvertreib angesprochen, noch verlegen versucht, seine künstlerische Leidenschaft zu erklären, dann hatte er nur noch, stumm staunend, nicken können. Er war eingeladen worden in die Zeichenstube zu folgen.
Dort wurden die Einzelteile der Autos, die gebaut werden sollten, zuerst gezeichnet. Nach diesen Zeichnungen, sogenannte Konstruktionszeichnungen, wurden die einzelnen Bauteile dann angefertigt und notwendige Maschinen eingerichtet.
Überrascht hatte Janosz zugehört, als ihm gesagt wurde sein technisches Verständnis, sein offenes Interesse und sein zeichnerisches Talent hätten sich herumgesprochen, sodass er in den Fokus der Firmeninhaber gerückt war. Nun wurde ihm eine wunderbare Chance zuteil.

An diesem Abend hatte Janosz eine Flasche des guten Weines gekauft und war beschwingt zurück zu seiner kleinen Wohnung, eigentlich eher ein Zimmer – Küche und Bad durfte er mitbenutzen – gegangen, hatte sich nach einem kleinen Mahle auf seinem Bett, einen Sessel oder gar ein Sofa hatte er nicht, gemütlich gemacht und ein Glas des guten Weines genossen. Bald würde er Sophie mehr bieten können, als dieses winzige Zimmer. Was würde wohl Maria zu seinem unfassbaren Glück sagen?
Maria...






- Ulla Bach schrieb am 12.03.2005: -

Da saßen sie nun. Bruder und Schwester, beide tief in Gedanken versunken. Hin und wieder nahmen sie von der rasch vorbeiziehenden Landschaft ein paar Bilder auf. Sie befanden sich bereits vor dem Hauptbahnhof Köln, und prompt wurde Maria an das Geschriebene erinnert. Hier hatte wohl Janoszs Schicksal zugeschlagen. Was wäre wohl passiert, wenn er nicht den Zug verpasst hätte? Ihr war wohl bewusst, dass es mühselig war, sich darüber weiter Gedanken zu machen und fiel in einen Dämmerschlaf. Niko wurde immer aufgeregter, je mehr sich die Geschwister von der Heimat entfernten und Meilen für Meilen der neuen unbekannten Stadt näherten. Hoffentlich würde Janosz als Empfangskomitee am Bahnsteig sein, denn beide waren nicht der französischen Sprache mächtig, und als „Landeier“ hätten Maria und Niko Schwierigkeiten gehabt, sich in der Großstadt zurechtzufinden.
Viel sprachen sie nicht miteinander. Nur hin und wieder sahen sie sich fast Hilfe suchend an.

Endlich war es soweit. Spät in der Nacht dampfte die Lok in den Bahnhof ein. Es herrschte trotz später Stunde ein reger Betrieb auf dem Bahnsteig. Niko schaute erwartungsvoll aus dem Fenster und sah sich nach Janosz um.

>>Da ist er. Maria, sieh, da steht er.<< Seine Stimme überschlug sich fast.

Maria zog ihre leichte Jacke an, nahm ihren schäbigen, abgewetzten Koffer in die Hand und ging zum Wagenausgang, ohne überhaupt auf Niko zu achten. Sie wollte nur noch raus aus dem Zug. Am liebsten wäre ihr sowieso, in den nächsten Zug nach Hause einzusteigen. Was sollte sie hier? Sie mochte Paris nicht, obwohl sie die Stadt noch nie persönlich kennen gelernt hatte. Aber ihr Gefühl sagte ihr: fahr nach Hause, hier hast du nichts verloren.
Niko erging es anders. Sein Herz öffnete sich, als er Janosz sah. Sofort fühlte er sich heimisch, obwohl er von der Traumstadt der Liebe noch gar nichts gesehen hatte.
Er schrie aus Leibeskräften und winkte mit seinem Hut:

>>Janosz, Janosz, hier sind wir!<<

Jetzt sah auch Janosz seinen jugendlichen Freund, dessen Oberkörper fast aus dem Fenster hing, eifrig mit der Hand gestikulieren. Es dampfte, zischte, und die Lokomotive spuckte noch ein paar Mal weißen Rauch aus dem Schornstein. Endlich hielt der Zug. Die Passagiere stiegen müde und erschöpft aus den Waggons, und als Janosz endlich am richtigen Wagenausgang stand, kam ihm zuerst Maria entgegen. Er nahm ihren Koffer ab und bot seine Hand zum Aussteigen an. Maria nahm gerne an, ohne ihn dabei anzusehen. Vielmehr schweiften ihre Augen ab, um zu erkunden, wer noch alles dabei war und sie stellte überglücklich fest, dass Janosz allein gekommen war. Die Begrüßung zwischen Niko und Janosz fiel dagegen viel herzlicher aus. Sie umarmten sich und lachten dabei, während Maria nur daneben stand und beobachtete. Janosz hatte sich verändert. Er war erwachsen und ein Stadtmensch und in den wenigen Monaten, die er hier verbrachte, ihr fremd geworden. Sofort bedauerte sie, hierher gekommen zu sein. Ein fataler Fehler, den sie sich nie verzeihen würde. Sie hätte sich nie von Niko überreden lassen sollen.

>>Kommt, wir fahren mit meinem Auto zu meiner Wohnung.<<, sagte Janosz nicht ohne Stolz.

Als sie nach wenigen Minuten am Wagen standen, geriet Niko außer sich vor Entzücken.
>>Mein Gott, hast du ein Glück. Kein Wunder, dass du nicht mehr in unser Provinznest kommen willst.<< Und schon saß er im Auto und konnte es kaum erwarten, die Wohnung zu sehen.

Maria saß etwas verschüchtert neben Janosz auf dem Beifahrersitz. Es fröstelte sie und zog ihre Jacke fester zu. Niko redete und redete, seine Müdigkeit schien wie verflogen. Hin und wieder grinste Janosz über das aufgedrehte Gehabe seines Freundes.
Endlich waren sie am Ziel angekommen und nachdem die beiden Geschwister kurz die kleine, gemütliche Wohnung besichtigt hatten, lagen alle drei in ihren zugedachten Betten. Niko und Janosz schliefen bereits, als Maria noch über die Wohnung sinnierte. Überall lagen kleine Deckchen auf Tisch, Schrank und Stühle. Sogar frische Blumen standen auf dem Tisch. Einige Bilder mit Rahmen schmückten die Wände. Alles blitzsauber und aufgeräumt. Da waren doch Frauenhände im Spiel!? Und der Geruch des Parfüms, der im Raum schwebte und den sie sofort vernommen hatte, erinnerte an Janoszs Briefe. Diese rochen genauso nach dem schweren, aber auch gut riechendem Parfüm. Sollte Sophie mehr als nur eine Weggefährtin sein? Der Gedanke kam ihr schon, doch was sie mehr erstaunte, war ihre eigene Reaktion darauf. Es schmerzte sie nicht allzu sehr.




- Wolf schrieb am 15.03.2005: -

Maria lag noch lange wach, wälzte sich von einer Seite zur anderen. Sie war müde und doch hellwach, zu viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Eine Leuchtreklame warf im Abstand weniger Sekunden rotes Licht an die Wand des Zimmers, und Maria stand auf und zog die schweren Vorhänge zu. Janosz und Niko schliefen, sie konnte ihren ruhigen Atem hören. Morgen wollte sie Janosz nach allem befragen, morgen wollte sie alles wissen, auch wenn sie dabei ein großer Schmerz treffen würde. Sie hatte kein gutes Gefühl. Noch nie in ihrem jungen Leben befand sie sich in einer solchen Lage, sie kam sich verloren vor, hier in dieser fremden Stadt, in diesem fernen Land, dessen Sprache sie nicht sprach. Maria hörte noch eine Kirchturmuhr die Mitternacht einläuten, kurz darauf versank sie in einen traumlosen, tiefen Schlaf.

Als sie erwachte, erfüllte bereits Kaffeeduft die kleine Wohnung. Janosz hatte bereits das Frühstück gerichtet, auch Niko saß schon munter am Tisch. Als Maria aus dem winzigen Badezimmer zurückkehrte, dampfte auf dem Tisch schon eine Tasse Kaffee für sie. Staunend rührte sie in dem pechschwarzen Kaffee, aß die kleinen Scheibchen des Weißbrots, die Janosz von einem langen, schmalen Brotlaib schnitt. Aus einem Korb ragten noch mehr dieser Brotlaibe heraus, gerade so, wie sie daheim den Anblick von Gurken kannte. Niko aß, als ob es für die nächste Zeit nichts mehr gäbe, während Maria kaum einen Bissen herunterbrachte. Der Kaffee war ihr zu stark, so daß Janosz ihr heißes Wasser zum Verdünnen reichte. Das Frühstück zog sich über eine Stunde hin. Janosz hatte sich für die nächsten zwei Tage Urlaub genommen, um für seine Besucher da zu sein und ihnen alles zeigen zu können. Ganze zweieinhalb der langen Stangenbrote verzehrten sie, Janosz brühte ein ums andere Mal frischen Kaffee auf, und am Ende fingerte er aus seiner über dem Stuhl hängenden Jacke eine Packung Zigaretten hervor. Maria kam aus dem Staunen nicht heraus. Nie zuvor hatte sie Janosz rauchen gesehen, sie selbst hatte auch nie geraucht. Die polnischen Zigaretten waren schlecht und teuer, außerdem mochte sie nicht rauchen. Niko versuchte eine der Zigaretten, die aus dunklem, grobem Tabak hergestellt waren. Doch nach dem ersten Zug erfaßte ihn ein wilder Hustenreiz, er bog sich vor Husten und ließt fortan das Rauchen sein, während Janosz genießerisch den Rauch gegen die Decke blies.

Was die wenigen Monate aus Janosz gemacht, wie sie ihn verändert haben, stellte Maria verwundert fest, sie erkannte ihn kaum wieder. Sein früher eher scheues, ängstliches Gesicht wirkte offen und sicher. Wenn er mal vor sich hinsprach, hörte Maria hin und wieder Ausdrücke, die sie nicht kannte und sie vermutete, daß es Französisch war. Ein wunderschöner Herbsttag kündigte sich an, die Luft war klar, ein wolkenloser Himmel spannte sich über die Stadt. Janosz stieß eines der Fenster auf, und sogleich drang das Leben der Stadt hinauf in die kleine Wohnung.

Nach dem Frühstück blieben sie noch eine Weile am Tisch sitzen. Niko überschüttete Janosz, nachdem er mit Essen aufgehört hatte, mit Fragen. Janosz mußte ihm weitere Zeichnungen zeigen, auch eine schnelle Kostprobe seiner in so unglaublich kurzer Zeit erlernten Zeichentechnik geben. Eher still hatte Maria dagesessen. Während sie dem Gespräch der beiden zuhörte, betrachtete sie die Wohnung, die Einrichtung, sah durch die Fenster und auf die Bauwipfel davor. Als die Unterhaltung für eine kurze Zeit stockte, faßte sich Maria ein Herz.
„Janosz“, ihre Stimme klang verunsichert, „wir müssen miteinander sprechen.“
Janosz wirkte, als ob er darauf gewartet habe, daß Maria dies sagte.
„ Ja, wir müssen sprechen“, antwortete Janosz, „über alles.“ Dabei schaute er erst Maria an, dann Niko.
„Du bist schon so lange fort, viele Monate schon. Geschrieben hast Du erst nach vielen Wochen“, sagte Maria, „warum nur? Warum hast Du nicht eher geschrieben. Ich habe so sehr darauf gewartet, so sehr.“
Janosz rutschte auf seinem Stuhl, begann wieder zu rauchen.
„Es ist alles so neu, Maria, es war so überwältigend für mich, ich bin nicht zu Sinnen gekommen in der ersten Zeit. Und überhaupt....“
Janosz zögerte weiterzusprechen, malte mit den Fingerspitzen große Kreise auf die Tischplatte.

„Wo hast Du so rasch und gut Zeichnen gelernt“, fragte Maria weiter, „nie habe ich gesehen, daß Du das kannst?“
Janosz fand keine plausible Erklärung, schaute hilfesuchend zu Niko, der zu spüren begann, welche Art von Gespräch sich zwischen seiner Schwester und Janosz zu entfalten begann und welche weitreichenden Folgen es haben könnte. Es durfte doch nicht sein, daß sich die beiden entzweiten, gerade jetzt, hier in Paris! Niko fühlte sich sehr unglücklich bei diesen Gedanken, aber er wußte nicht weiter.
„Sag`, Janosz“, nahm Maria all ihren Mut zusammen, „ist da ein anderes Mädchen? Die Zeichnungen, die du mit dem Brief sandtest, sie hatten einen Duft wie nach Parfum. Und auch hier“, sie drehte den Kopf und sog dabei die Luft durch die Nase ein, „riecht es danach.“
„Es gibt eine Kunststudentin aus Deutschland“, sagte Janosz mit fester Stimme, „sie hat mir das beigebracht. Sie heißt Sophie.“
Maria fühlte ihre Ahnungen bestätigt. Sie schluckte, schaute Janosz eine lange Zeit stumm an. Sie spürte, wie ihr langsam Tränen in die Augen stiegen.

Da läutete die Türklingel, so laut und scheppernd, daß alle zusammenfuhren. Janosz sprang auf wie zu einer Flucht und öffnete. Maria hörte Janosz´ Stimme und noch eine andere Männerstimme. Die Etagentür fiel wieder ins Schloß. Janosz erschien wieder, hinter ihm ein großgewachsener, schlanker Mann in seinem Alter, dessen Mund sich schon zu einem breiten Lächeln geöffnet hatte. Janosz ließ seinen Begleiter neben sich treten und wies dann auf ihn:
„Das ist Hans. Hans aus Köln, wir haben uns in Köln kennengelernt", sagte er auf polnisch.
Und in das Schweigen hinein sprach Janosz weiter, nun auf Französisch:
„Und das sind Maria und Niko, meine Freunde aus meiner Heimat.“

Ungelenk erhob sich Niko. Maria schaute nur von ihrem Stuhl nach oben, hinauf in die Augen des Fremden, und sie hörte nicht mehr auf, in dieses Gesicht, in diese Augen zu schauen. Janosz wechselte seinen Blick von Maria zu Hans und sah, daß aus dessen Gesicht ganz behutsam das breite Lächeln einem sonderbaren Ausdruck wich, wie er ihn noch niemals vorher im Gesicht des Freundes bemerkt hatte. Niko rieb sich verlegen die Hände und sah unschlüssig auf seine Schwester, dann zu Janosz und dem Fremden hinüber. Erst nach Sekunden fing sich Hans. Wie benommen schaute er immer noch auf Maria, streckte dann die Hand zu ihr.
„Guten Morgen, Maria“, brachte er mit rauher Stimme in seiner Muttersprache hervor, die niemand im Raum verstand.
„Sie spricht kein Deutsch, Hans“, sagte Janosz auf Französisch, „sie spricht auch kein Französisch. Ich werde wohl zwischen euch dolmetschen müssen.“ Er lachte, als er das sagte und schaute wieder zu Maria, die still und wie von einem Zauber überwältigt auf ihrem Stuhl saß.










- Nikki schrieb am 22.03.2005: -

- Der gutaussehende Fremde, obwohl, er war ihr ja bereits vorgestellt worden, beschäftigte Marias Gedanken in den nächsten Stunden. Sie kannte ihn
aus den Briefen, die ihr Janosz geschrieben hatte, er war der Fotograf und genauso technikverrückt wie Janosz. Es erschreckte sie ein wenig, dass sie
soviel über diesen Mann nachdenken musste und ihren Liebsten darüber fast
vergaß - ach ja, war er eigentlich noch ihr Liebster? Sie hatten ihr Gespräch ja noch gar nicht beendet. Doch nun war auch nicht die Zeit, um dies nachzuholen.

- Gemeinsam mit Hans waren sie nun zu Fuß durch Paris unterwegs. Die beiden,
Janosz und Hans, führten Maria und Niko zu all den Sehenswürdigkeiten -
natürlich zuerst zum tour eiffel, dem Eiffelturm. Niko blieb vor Staunen der
Mund offen stehen. Das höchste Gebäude, welches er in seiner Heimat gesehen
hatte, war die Dorfkirche gewesen. Zwar hatten sie schon während der Reise
einige imposante Bauwerke erblicken können, doch jetzt, zu Füßen dieses
Stahlkolosses wirkte die schwindelerregende Höhe äußerst beeindruckend. Dieser Faszination konnte sich selbst Maria nicht ganz entziehen.

- "Beeindruckend, nicht wahr?"
- Maria sah sich erschrocken um. Sie hatte die Worte zwar nicht verstanden,
aber dennoch Gewissheit erlangt, angesprochen worden zu sein. Hans schaute sie lächelnd an.
- Hilfesuchend sah sich Maria nach Janosz um, er musste den Übersetzer
geben. Sie erblickte ihn direkt unter dem Turm. Er erklärte Niko die
Konstruktion, die seinerzeit großes Aufsehen und heftige Kritik erregt
hatte.

- Hans ergriff nun die Initiative und nahm den schönen Besuch Janosz's bei
der Hand. Erschrocken wollte sie ihre Hand fortziehen, aber Hans sah sie so
lieb an, da wollte sie sich die Blöße der Verlegenheit nicht geben. Gemeinsam gesellten sie sich zu Janosz und Niko und lauschten den Ausführungen des Technikbegeisterten.
- "... es ist sehr schade, aber er wird wohl in sechs Jahren abgerissen werden", beendete Janosz seine Erklärungen.
"Dabei ist es ein wunderbares Beispiel, wozu die Ingenieurskunst fähig ist."
- "Ja, aber es hat keinen Sinn ein solchen Riesenteil in der Stadt zu
behalten. Du kannst damit doch nichts anfangen - ausser es zu bewundern."

Hans sah seinen Freund lachend an und Janosz wusste, dass er aufgezogen
wurde.
- "Er ist das höchste Gebäude der Welt gewesen... ich glaube es gibt
mittlerweile ein oder zwei höhere... aber er gehört noch immer zu den
schönsten Bauwerken", verteidigte Janosz den Turm. "Sollen wir einmal
hinaufsteigen und uns Paris von oben betrachten?"
- Maria schüttelte schnell den Kopf. Doch die drei jungen Männer ließen sich
nicht beirren.
- "Warte Du doch hier am champ de mars. Wir steigen hinauf und genießen die
grandiose Aussicht", schlug Janosz vor und Niko stimmte sofort begeistert zu. Er klebte regelrecht an dem älteren Freund aus der Heimat.

- "Ich werde mit Maria hier unten warten", entschied Hans. "Es wäre doch
ungehörig, sie hier in der fremden Stadt ganz alleine zu lassen."
- Janosz betrachtete den Freund amüsiert, fand es aber besonders anständig von ihm. Rasch übersetzte er Maria Hans' Ansinnen und beobachtete, wie sie sehr verlegen wurde.
- "Du brauchst dich wegen Hans nicht zu verunsichern. Er ist ein sehr
anständiger junger Mann und ich schätze ihn als Freund sehr."
- Maria sah ihren Jugendfreund verlegen an. Janosz hatte ihre Verunsicherung
erkannt, dass gefiel ihr nicht. Doch es war wohl nicht mehr zu ändern, daher
nickte sie einfach stumm.
- "Was hast du ihr gesagt?", wollte Hans wissen.
- Janosz lächelte. "Das du ein Ritter bist." Und schon waren er und Niko
verschwunden - auf dem Weg, dieses imposante Bauwerk aus Menschenhand zu
erklimmen

- Hans und Maria blieben am Fuße des Turmes stehen und sahen sich stumm an.
Mal blickte Maria sich um und versuchte die Umgebung des Turmes zu
betrachten, mal war es Hans, der irgendetwas interessantes entdeckt zu haben vorgab. So ging es eine ganze Weile, bis Hans sich zum Turm umdrehte, die Augen mit einer Hand gegen die Sonne abschirmte und, den Kopf in den Nacken
gelegt, hinauf sah. Janosz und Niko wären nicht zu erkennen gewesen, doch
Hans hatte den Eindruck es stünde dort oben jemand der heftig am winken war.
Er winkte einfach zurück hinauf.
- Maria versuchte derweil ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen. Janosz ließ
sie nicht los, aber der gutaussehende Deutsche hatte sich still und leise in
ihre Gedanken geschlichen. Sie konnte nicht sagen, wer für die Hüpfer ihres
Herzens verantwortlich war... vermutlich beide. Sie rief sich Janosz ins
Gedächtnis, wie er losgezogen war, die Welt zu erobern, und verglich ihn mit
dem Janosz, den sie nun angetroffen hatte. Der Janosz, der einen Teil der
Welt erobert hatte. Er kam ihr wie ein Fremder vor. Sicher, es war Janosz,
da zweifelte sie nicht, aber er war verändert, auch wenn sie nicht sagen
konnte wie und warum. Er war feingeistiger geworden, hatte andere Interessen entwickelt, einen veränderten Humor, ja selbst seine Stimme erschien ihr verändert zu sein: Sie war selbstsicherer, fester und eine Spur dunkler.

- Sie wandte ihre Aufmerksamkeit Hans zu. Wilde rotbraune Locken, sportliche
Gestalt, lustige Augen, feingliedrige weiche Hände. Dies waren die Merkmale,
die ihr zuerst aufgefallen waren. Aber in den letzten Stunden hatte sie
bemerkt, er hatte einen Blick für das Wesentliche, war von fröhlicher Natur
und nicht aufdringlich. Er schien gut erzählen zu können - oder lag dies an
Janosz? Übersetzte er einfach so unbeschwert? Maria neigte leicht den Kopf zur Seite und sann darüber nach. Sie verstand die Sprache nicht, welche Hans sprach, aber der Klang seiner Stimme, die Melodie mit der er redete,
deuteten auf einen guten Erzähler hin. Maria kam zu dem Schluss, es läge
nicht an Janosz' Übersetzungen allein. Mit leisem Vergnügen stellte sie fest, dass sie sich in Hans Gegenwart Wohlzufühlen begann. Auch wenn sie
nicht miteinander sprachen, so fühlte sie doch eine gewisse Geborgenheit in
seiner Nähe, beim Klang seiner Stimme, wenn sie ihn einfach nur ansah.

- Hans bemerkte Marias Blicke. Er bedauerte nur zu sehr, dass er sich nicht mit ihr verständigen konnte, jedenfalls nicht ohne Janosz. Unruhig
betrachtete er den Turm und hoffte auf eine baldige Rückkehr der beiden
Freunde. Er knetete unbewusst seine Hände und als er es schließlich
bemerkte, steckte er sie rasch in die Taschen seines Rockes.

- Maria war noch immer in ihre Betrachtungen vertieft, als Janosz und Niko endlich zurückkamen.
- Niko strahlte über das ganze Gesicht und berichtete mit jugendlichem
Überschwang von seinen Erlebnissen auf dem Turm. Er schien überhaupt nicht
mehr stoppen zu wollen und ließ seiner Begeisterung noch immer freien Lauf,
als sie den champ de mars - hier fanden die Weltausstellungen statt - überquert, und das nächste Ziel ihres Rundganges erreicht hatten: hôtel des invalides.

- Erst hier verstummte Niko wieder und lauschte den erneuten Ausführungen
seines Freundes Janosz. Napoleon - der Name war den polnischen Gästen ein
Begriff - sei hier beigesetzt, so erläuterte Janosz. "Vor etwa
vierundsechzig Jahren hat man den Kaiser überführen lassen und hier begraben."

- Über die neue pont alexandre III erreichten sie grand palais und petit
palais sowie den jardin des tuileries und das musée du louvre, danach waren
die beiden Stadtführer, sowie ihre Gäste reichlich erschöpft und froh, in einem kleinen Cafe an einem der Boulevards einkehren zu können. Nach der Pause mussten Maria und Niko aber noch eine Fahrt in der neuen métropolitain - die Pariser nannten sie einfach métro - erleben.

- Niko, wie immer hellauf begeistert, saugte alle neuen Eindrücke in sich
auf und genoss die Fahrt mit der Untergrundbahn, während Maria ängstlich
darauf hoffte, die Decke möge nicht auf sie herabstürzen und sie alle lebendig begraben. Mit neuen innovativen Errungenschaften stand sie offenbar
auf Kriegsfuß.

- Am Abend, als sie sich wieder erschöpft, aber mit neuen Eindrücken
erfüllt, in Janosz kleiner Wohnung einfanden, wurde ein kleines Mahl
eingenommen. Nach dieser Stärkung und einem anschließenden Glas Wein,
verabschiedete sich Hans und die Geschwister sowie ihr Freund Janosz gingen alsbald zu Bett. Der Tag war sehr erlebnisreich gewesen, und wieder, so
bedauerte Maria, war keine Zeit gewesen, sich mit Janosz über die
Kunststudentin zu unterhalten.






- Ulla Bach schrieb am 04.04.2005: -

Maria schaute ihm fest in die Augen und wusste, er meinte es vollkommen ernst. Nun hatte sie nichts mehr zu befürchten. Sophie war somit aus dem Rennen, und Maria würde auf ihn warten. Sie nickte, und ein großes Strahlen erhellte ihr Gesicht.

>>Was ist los? Janosz sprich?<< Hans war voller Ungeduld. Er zappelte auf seinem Stuhl unruhig hin und her.

Janosz blickte in die Runde und verkündete in französischer Sprache, dass er bis Ostern in Amerika weilen würde. Sein übergroßer Stolz drohte ihn zu sprengen.
Ein großes Hallo und Gratulationen wechselten von einen zum andern in der Gruppe. Zur Feier des Tages stießen sie mit Sekt an, und zu später Stunde begleitete Sophie ihren Freund nach draußen, nach dem er sie darum gebeten hatte. Maria schaute argwöhnisch nach ihnen und wurde aber sehr schnell vom allgemeinen Trubel abgelenkt. Doch eine gewisse Unruhe beflügelte ihr Herz. Hatte sie Janosz’ Frage falsch aufgefasst und sich zum eigenen Gespött gemacht?

Draußen war es sehr frisch. Sophie zog ihren Mantel in der Taille fester zu, verschränkte die Arme und zog ihre Schulter zum Schutz hoch. Janosz schritt ständig hin und her und spürte kaum etwas von der Kälte. Er musste heute noch eine Entscheidung fällen und wusste auch welche, trotzdem war er sehr aufgeregt. Seine eigene Zukunft lag in seinen Händen. Könnte er in die Zukunft schauen, so würde er doch gern wissen, welche Auswirkungen seine Entscheidungen im späteren Leben haben.

>>Sophie ....<<, er brach ab, und seine Schritten wurden immer hektischer.

>>Mein Lieber, wenn du so weiter rennst, bist du bald in Polen. Halte doch ein. Du machst mich ganz nervös. Sag endlich, was du loshaben willst!<< Sophie, müde vom Feiern und voller Gedanken an Stockholm sowie den bevorstehenden Vorbereitungen, stieß Janosz ungeduldig in die Seite.

>>Sophie, ich kann dich nicht heiraten.<< Nun war es heraus.

>>Hoppla, wieso dieser Sinneswandel?<< Sophie grinste, und Janosz sah es.

>>Warum grinst du?<< Sein Entsetzen war nicht zu überhören.

>>Mir war von Anfang an klar, dass wir nicht ewig zusammenbleiben. Ich bin kein Typ dafür. Diese – meine – Eigenschaft lernte ich in Paris. Diese Stadt hat mich verändert. Ich bin ein anderer Mensch geworden. Einer, der mir gefällt. Ich sehe so vieles anders, auch unsere Beziehung. Ich will mich noch nicht binden, ich will leben und erleben. Das kann ich kaum mit Partner. Meine Ziele sind sehr hoch gesteckt.<<

Janosz blieb abrupt stehen und schaute ungläubig. Dieser Sinneswandel war ihm vollständig entgangen. Die Enttäuschung gab ihm einen kleinen Stich ins Herz, seine männliche Eitelkeit wurde verletzt.

>>Brauchst gar nicht so beleidigt sein. Du hast ja deine Maria, oder warum hast du mir sonst eine Abfuhr gegeben?<< Sophie begriff schnell. Und seltsamerweise tat es ihr gar nicht weh. Sie hatte wahrhaftig andere Pläne.

>>Dann sind wir ja quitt, wenn man es so nennen darf.<<
>>Man darf.<< Sophie grinste wieder. >>Lass’ uns Freunde sein und bleiben. Werde mit deiner Maria glücklich.<< Frohgelaunt traten sie miteinander eingehängt in die Gaststube und begrüßten den Rest der Runde, als wenn sie erst jetzt angekommen wären.

Maria kochte vor Wut. Hans war irritiert. Zum ersten Mal wusste er nicht, wo es lang ging.






- Wolf schrieb am 10.04.2005: -

Draußen war es inzwischen dunkel geworden, durch die Fenster deutete sich die anbrechende Nacht an. Wie auf eine geheimnisvolle Weisung rückten alle am Tisch enger zusammen, so als spürten sie, daß sich weitreichende Veränderungen in ihrer kleinen Gemeinschaft andeuteten. Auch wenn sie sich erst eine kurze Zeit kannten, waren sie sich rasch nähergekommen, hatten sie schon viele Gemeinsamkeiten entdeckt, wie es typisch ist für die Jüngeren in der Welt. Eine Weile blieb es still. Man rückte an den Gläsern, schaute zögernd in die Runde. Hans rief den Kellner herbei und bestellte sich einen neuen Espresso. Janosz blies Rauchkringel gegen die Decke. Als erste brach Sophie das Schweigen:
„Wir sollten unsere Adressen austauschen, damit wir uns nicht aus den Augen verlieren, ganz gleich, wohin jetzt jeder geht. Was haltet ihr davon?“

Maria beobachtete aufmerksam die Gesichter von Sophie und Janosz, und je länger sie die beiden betrachtete, um so mehr wuchs in ihr die Gewißheit, daß zwischen den beiden keine tiefere Bindung mehr bestand. Besonders Sophie wirkte wie gelöst, entspannt blickte sie in die Runde. Alle nickten und begannen, nach Zetteln und Schreibstiften zu suchen, bis Vacek sie unterbrach und vorschlug, daß doch fortan das „Mode-Atelier Grabowskaja“ die Anlaufstelle und der Kontaktort für alle sein könnte, jeder wisse den Namen, jeder könne jederzeit dort erscheinen oder anrufen und sich nach den anderen erkundigen. Außerdem könne man sich dort oder, besser noch, im Café „Brazil“ gleich nebenan, immer mal wieder treffen, um sich alles zu erzählen, was man in der Zwischenzeit erlebt habe. Der Vorschlag fand noch mehr Zustimmung; sogleich wurde der erste Termin für einen Monat später, ab dem jetzigen Tag gerechnet, fest vereinbart.

Janosz sorgte sich um Maria, doch sie zerstreute seine Bedenken, unterstützt von Charlotte. Maria würde sogleich mit einem Französischkurs beginnen, gleich in der Nähe sei eine Abendschule, die zweimal in der Woche Französisch auf dem Lehrplan habe. Vor einem Dreivierteljahr habe sich das bereits bei einer Praktikantin aus München bewährt, die in kürzeste Zeit erstaunliche Fortschritte in der für sie ungewohnten Sprache gemacht habe. Außerdem werde im Atelier nur Französisch gesprochen, da sei Maria schon dazu verurteilt, sich rasch mit der Landessprache vertraut zu machen. Maria lächelte bei diesen Worten verunsichert in die Runde und suchte die Augen von Janosz.

„Und du möchtest“, fragte sie ihn, „daß ich hier in Paris auf dich warte?“
Einen Augenblick zögerte sie nun.
„Möchtest Du das wirklich?“ wiederholte sie dann.
Janosz strahlte sie an, und niemals zuvor hatte sie seine grünen Augen begeisterter gesehen.
„Und ob!“ fuhr es aus ihm heraus, „und wie ich mich sputen werde zurückzukommen. Zur Not heuere ich auf einem Schiff an und fahre als Schiffsjunge. Oder ich schwimme.“
Alle lachten, auch Sophie schien daran ihre Freude zu haben.
„Mit den Automobilen von Citroen werden wir Amerika rasch erobert haben“, setzte er munter noch hinzu, „der alte Citroen wird sich noch wundern.“

Hans wollte seine Arbeit als Testfahrer weitermachen, solange man ihn dafür gebrauchen konnte. Und die Franzosen schienen sehr zufrieden zu sein mit dem „verrückten Deutschen“, der so rasant die Neukonstruktionen testete und mit leuchtenden Augen, den Straßenschmutz um die Brillenränder im Gesicht verteilt, am Ende eines Testtages erschien und wortreich wertvolle Hinweise für die Weiterentwicklung der Kraftdroschken lieferte. Daß er dabei immer seinen riesigen Fotoapparat mitschleppte und seine Bilder den Agenturen anbot und sich damit noch ein Zubrot verdiente, war ihnen nur recht, kamen doch bei dieser Gelegenheit nur zu oft auch noch Bilder der Citroen-Automobile in die Zeitungsseiten.
Und Hans war auch klug genug zu erkenne, daß Marias anfängliche Schwärmerei für ihn wohl eher aus Unsicherheit und Vereinsamung entstanden war. Jetzt, wo Janosz sich so sehr für sie erklärt hatte, waren alle Zweifel von ihr abgefallen; in ihren Augen standen unübersehbar Zärtlichkeit und Liebe für Janosz geschrieben.

Sophie sprudelte über vor Erwartung auf ihre eigene Ausstellung in Stockholm. Ihre Bilder in Schwedens Hauptstadt, immer wieder wiederholte sie diese Worte, fassungslos über das Glück, das ihr beschieden zu sein schien. Wie zu sich selbst sprach sie versonnen ganz leise das Wort „Vernissage“ in den Raum, ohne auf eine Antwort zu warten. Karin und Carl lächelten freundlich und beeilten sich anzumerken, daß die Bilder in einem Studentencafe unweit der Kunstakademie zu sehen sein würden, dort allerdings in einem besonders hergerichteten Raum, der ständig für Ausstellungen unterschiedlichster Kunstrichtungen genutzt und sich regen Publikumszuspruchs erfreue, auch seien oft Reporter von Zeitungen und auch vom Radio angetroffen worden, selbst der König sei dort schon mit seinem Gefolge erschienen.

Niko war den Gesprächen aufmerksam gefolgt und immer mehr in seinen Sessel versunken. Maria, der ein Albdruck von der Brust gewichen war und die sich leicht und froh fühlte, hatte die Veränderung des Bruders wohl bemerkt, sie wußte, was in ihm vorging. Und als sie noch über ihn nachdachte, blickte er sie plötzlich mit seinen großen, dunklen Augen an, so wie sie es aus Kindertagen noch wußte, wenn er in einem hilflosen Moment seine große Schwester ratsuchend anschaute.
„Niko“, sagte sie, „du kehrst nach Polen zurück. Denk´ an Mama und Papa!“
Nikos Augen hingen an den Lippen der Schwester, die auf einmal so sicher und überzeugend wirkte; auch die anderen hörten Maria zu.
„Wir beide von zu Hause fort, du und ich, nur noch Josef daheim bei den Eltern auf dem Hof? Das dürfen wir Mama und Papa nicht antun. Sie würden sich ganz gewiß sehr grämen, wenn wir beide sie jetzt für eine so lange Zeit alleine lassen. Nur mit Josef zusammen, und der ist noch so jung.“
„Ja“, sagte Niko nach einigem Zögern, „ vermutlich hast du recht.“
Dann schwieg er kurz, um energisch anzufügen:
„Doch du kommst auch irgendwann wieder heim, Maria, nach Polen, auf unseren Hof.“
Und ganz leise fügte er noch hinzu: „Und den Janosz“, er blickte zu seiner Schwester auf, dann zu Janosz, „den Janosz bringst du wieder mit, ja?“







- Nikki schrieb am 14.04.2005: -

Nach dem Abschiedsabend nahmen die Freunde ihre jeweiligen Vorhaben mit frohen Herzen in Angriff. Die Vorbereitungen für Janosz’s Reise nach Amerika gediehen gut und er war voller Vorfreude auf dieses neue ,unbekannte Land. Dass er kaum Englisch sprach, machte ihm kein großes Kopfzerbrechen. Es reisten genügend Leute mit, die ihm übersetzen konnten. Zudem verfügte er über eine gute Auffassungsgabe und lernte schnell. Es würde sich sicherlich alles fügen – so nahm er an.
Hans versprach ihm, ein Auge auf Maria zu haben, denn obschon sie bei Landsleuten unterkam, wollte Janosz ganz sicher gehen, dass sich gut um sie gesorgt wurde. Hans kam diesem Ansinnen mit Vergnügen nach. Er mochte Maria gern, auch wenn ihr Herz Janosz gehörte. Zum Glück kam unter den Freunden keine Eifersucht auf, denn sie wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten.

Dann war der Tag der Abreise gekommen. Hans war vorgefahren, um Janosz abzuholen und zum Hafen in Le Havre zu bringen. Von dort würde die Reise zuerst nach England führen, denn die großen Dampfschiffe starteten von der Insel in Richtung Amerika.
Janosz konnte Maria kaum loslassen - so sehr er sich auch auf sein neues Abenteuer freute, so sehr hasste er jedoch die notwendigen Abschiede.
„Komm gesund wieder“, flüsterte Maria und umarmte ihren Janosz. Niko, der bis zur Abreise des Freundes geblieben war, schloss sich mit seinen guten Reisewünschen an.
„Ich werde alles beherzigen und schnell und gesund wieder daheim sein“, versprach Janosz gerührt. „Es ist ja keine Ewigkeit, die ich fort sein werde.“
Hans hatte bereits alle Reiseutensilien im Auto verstaut und wartete nun ungeduldig auf den Freund. „Janosz, komm endlich, sonst fährt das Schiff ohne dich!“
Eilig und mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen, machte sich Janosz von seiner Maria los und sah Niko streng an. „Dass du mir auch alle daheim recht schön grüßt“, mahnte er mit gespielter Strenge.
„Verlass dich darauf, mein Freund. Verlass dich darauf.“ Niko musste sich sehr bemühen, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Es fiel ihm schwer allein aus Paris abzureisen, auch wenn er sich sehr auf seine Heimat und die Eltern freute. Janosz war für ihn wie ein großer Bruder, von dem er soviel lernen konnte.
Ebenso Hans. Auch er wurde von Niko auf das Herzlichste verabschiedet. „Wenn du zurückkommst, werde ich schon auf dem Weg nach Polen sein. Ich möchte dir für die vielen Eindrücke danken, die du mir vermittelt hast.“ Er reichte dem älteren Freund die Hand. Hans ergriff sie gerührt, um schließlich den „Kleinen“ doch in die Arme zu schließen und ihm eine gute Heimreise zu wünschen. „Wir bleiben in Verbindung, das ist ein Versprechen!“, rief er noch im Hinausgehen Niko zu.
Die Geschwister standen nun an der Straße und sahen dem davonbrausenden Wagen nach. „Komm Niko. Wir wollen deine Sachen für die Reise richten. Vacek kommt nachher und bringt schon einmal die Koffer zum Bahnhof.“ Maria legte ihren Arm um den Bruder und gemeinsam stiegen die Stufen zu Janosz’s kleiner Wohnung hinauf.

Hans und Janosz brausten derweil von Paris nach Le Havre. Nachdem sie die Stadt verlassen hatten, war Janosz immer schweigsamer geworden. Tags darauf kamen sie in Le Havre an. Janosz hatte erst ab Rouen seine Sprache und seine Begeisterung für die Reise und deren neue Eindrücke wiedergefunden. Nun hieß es, sich erneut zu Verabschieden.
„Ich weiß ja, dass du es hasst, also sage ich nur – Gute Reise und komm heil zurück.“ Hans machte es kurz und Janosz war ihm dafür dankbar.
„Achte gut auf Maria. Wenn auch Niko fort ist, hat sie nicht mehr viele Menschen um sich, die sie kennt.“
„Ist doch Ehrensache, Janosz. Mach dir um sie keine Sorgen.“
Die Freunde umarmten sich, dann nahm Janosz sein Gepäck und stieg den Passagier-Laufgang zum Schiff hinauf. Er drehte sich nicht noch einmal um, sondern verschwand rasch im Bauch des Dampfers.
„Ja, er hasst Abschiede wirklich“, murmelte Hans und machte sich auf den Rückweg nach Paris.

Ohne Janosz tröpfelten die Tage lau dahin. Seine Inspiration und sein mitunter feuriges Temperament fehlten. Hans verspürte dies fast noch eher als Maria, die mit all dem Neuen ordentlich abgelenkt war – tagsüber. Doch die Abende und Nächte wurden ihr schwer. Sie ließen dieselbe Sehnsucht in ihr auflodern, die sie hier nach Paris gelockt hatte: Maria sehnte sich nach ihrem Janosz; kaum war sie sich seiner sicher, da war er auch schon wieder entschwunden. Gewiss, es war ja nicht für eine lange Zeit, und vielleicht war sie auch nötig, aber es würde einsam sein – so ohne ihn.
Hans war mit Testfahrten und Fotoarbeiten beschäftigt, doch Janosz’s Art die Dinge zu sehen fehlte ihm. Oft genug hatten sie beisammen gesessen und sich ausgetauscht. Manchmal schaute Hans dann abends noch bei Maria vorbei. Gemeinsam übten sie die französische Sprache – Maria machte sehr gute Fortschritte -, tranken ein Glas Wein oder gingen einfach nur Spazieren.

Eine Woche nach Janosz’ Abreise, Maria war gerade mit der kunstvollen Stickerei an einem Kleid befasst, kam Hans ganz aufgeregt und blass ins Atelier gestürmt. Wild suchend sah er sich um, entdeckte Maria an ihrem Tischchen und versuchte sich zu fassen, bevor er auf sie zuging.
Maria hatte ihn noch gar nicht bemerkt und stach konzentriert die Nadel in den Stoff, schob sie durch und zog behutsam den Faden an.
Hans nahm sich zusammen und ging nun langsam auf sie zu.
„Maria“, seine Stimme zitterte.
Als sie zu ihm aufschaute, geriet er beinahe völlig außer sich. Er umklammerte seine Mütze und vermied einen direkten Blickkontakt zu ihr.
Maria sah ihn verwundert an. Hätte er nicht eigentlich auf Testfahrt sein sollen? Unsicher sah sie sich nach Charlotte um und bat sie zu übersetzen.
Hans wusste nicht, wie er beginnen sollte. Schließlich brach es aus ihm heraus. „Maria, gerade sagten sie in der Firma, dass das Schiff – Janosz Schiff – nicht in Amerika angekommen sei.“






- Ulla Bach schrieb am 23.04.2005: -

Maria war pünktlich auf die Minute. Mit Niko im Schlepptau, ebenso Hans. Alle drei saßen aufgeregt im Vorzimmer und warteten auf Einlass in das Chefzimmer, wo sie Andre Citroen bald empfangen sollte.
Da aber die technischen Zeichner ihren Chef länger als sonst aufhielten, mussten die drei Freunde noch mindestens eine halbe Stunde ausharren, wobei ihnen allerlei Gedanken im Kopf herumschwirrten. Schließlich waren von Maria wie Hans Entscheidungen, die ihnen das Leben merklich verändern konnten, verlangt.
Endlich, die große Mahagonitür öffnete sich, und Andre Citroen bat die drei auf das herzlichste ins Bürozimmer hinein. Er schob Maria einen Stuhl mit sehr hoher Lehne, ebenfalls aus Mahagoni, zu. Seine Hand deutete den Männern, auf die anderen Stühlen Platz zu nehmen, was sie auch gern ausführten.
Maria sah sich um. Ein großes Zimmer, nein, fast schon ein Saal, ausgeschmückt mit Mahagoniwänden- und Decke, sowie schwere Mahagonimöbeln (der Schreibtisch war ja riesig), diente hier als Büro. Der Parkettboden war durch einen großen Mir - Teppich fast überdeckt. Es roch förmlich nach Reichtum. Für einen Moment war Marias Selbstsicherheit dahin, eine nicht unbekannte Befangenheit umschloss ihren Körper. Auch Niko geriet ins Schwitzen, er wusste sich im Moment gar nicht mehr richtig zu benehmen. Am liebsten hätte er Andre Citroen mit „Ihre Majestät“ angesprochen. Hans war dieser Ort wohl bekannt und hatte keinerlei Hemmungen, sich mit seinem Chef zu unterhalten.

„Nun, ich werde Sie nicht länger auf die Folter spannen, Hans. Ich gebe Ihnen den Auftrag, Fotos zu schießen und weiterhin Autos zu testen, aber nicht in Paris, sondern in Marokko. Sie und Janosz – ein Team – wäre das was?“ Andre Citroen lächelte verschmitzt.

Hans hielt nichts mehr auf dem Stuhl. Er sprang jubelnd hoch, ergriff die Hände seines Chefs und schüttelte sie vor Übermut und Freude. Er konnte es kaum glauben. „Marokko, ich komme! Wann geht’s los, Chef?“

„Es müssen noch einige Formalitäten erledigt werden, ich denke, in zwei Wochen ist es soweit.“ Und zu Maria gewandt sprach er weiter: „Maria, Sie können sich ja denken, was ich von Ihnen möchte. Janosz verlangt nach Ihnen, und sie möchten doch bitte Hans nach Marokko begleiten.“

Maria reagierte zunächst gar nicht. Unruhig rutschte sie auf dem Stuhl hin und her. Sie liebte ihre Heimat Polen, die Stadt Paris und ihre Arbeit bei Charlotte. Warum sollte sie das alles auf einmal aufgeben? Nur, um in einem fremden Land für kurze Zeit zu leben? Gewiss, sie hätte Janosz an ihrer Seite, das war nicht außer Betracht zu lassen. In Gedanken schrieb sie sich ein Punkteprogramm mit Plus- und Minuspunkten auf. Wenn sie in Paris bleiben und auf Janosz warten würde, das erschien ihr wesentlich vorteilhafter. Langsam stand sie auf und ging auf Andre zu, der halb an der Balkontür hinter dem Schreibtisch angelehnt war und sich aufrecht stellte, als Maria sich ihm zuwandte.

„Monsieur Citroen, bitte lassen Sie meinem Janosz ganz liebe Grüße ausrichten, aber ich werde das sicher wunderbare Angebot ausschlagen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte, nein, ich will hier auf meinen Liebsten warten. Ich hoffe, ich erscheine nicht als undankbar. Das wäre schlimm.“ Zunächst sprach Maria sehr selbstbewusst, doch mit jedem Satz wurde die Stimme kläglicher, und am liebsten wäre Maria im Erdboden versunken.

Die drei Männer starrten sie überrascht an. Mit dieser Entscheidung hatten sie nicht gerechnet, und Niko war froh darüber. Jetzt konnte er wieder mit gutem Gewissen zu seinen Eltern zurückfahren. Janosz lebte, und seine Schwester blieb in Paris.
Hans war enttäuscht. Er liebte ihre Gegenwart und konnte sich eine Trennung überhaupt nicht mehr vorstellen. Auch wenn sie die zukünftige Frau seines Freundes war, er liebte sie trotzdem. Natürlich auf eine andere Art und Weise. Sie war tabu, aber er gab wiederum die Hoffnung nicht auf, sie mal für sich zu gewinnen, falls die Liebe zwischen ihr und seinem Freund erloschen sein sollte. Nun fing es an, kompliziert zu werden.

Andre verzog den einen Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln und umarmte beruhigend die junge, aufgeregte Frau. „Ich habe vollstes Verständnis, junge Frau. Natürlich können Sie hier bleiben. Aber eines müssen Sie mir versprechen, ja?“

„Und das wäre?“ Maria schaute mit großen Augen ungläubig.

„Sie dürfen nicht nach Polen zurück. Ich habe es Janosz versprochen, und außerdem schätze ich sehr Ihre Gesellschaft.“

„Gut, ich habe gar nicht vor, nach Polen zurückzukehren, es sei denn, ich will meine Eltern besuchen.“ Auf die von ihm gewünschte Gesellschaft ging sie erst gar nicht ein. Es war ihr peinlich, wie er sie umwarb. Außerdem mochte sie ihn im Grunde gar nicht: ein neureicher Schnösel, sonst nichts. Diese Meinung hatte sie von ihm!

Sie verabschiedeten sich, und nach einer halben Stunde standen sie auf der Straße. Niko, Hans und Maria.
Andre beobachtete sie von der Innenseite der Balkontür und hatte nur Augen für die wunderschöne Maria. Gott sei Dank blieb sie hier, und Hans sowie Janosz waren weit weg.






- Wolf schrieb am 29.04.2005: -

Janosz benötigte sein ganzes Organisationstalent, um in den Wirren, die er in Tanger antraf, zurecht zu kommen. Nie hatte er gedacht, aus der polnischen Idylle in solche Verhältnisse geworfen zu werden. Er faßte es selbst nicht, was in kurzer Zeit aus ihm, dem polnischen Bauernjungen, dem einfachen jungen Mann vom Lande, geworden war. Er war unvorstellbar weit fort von seiner Heimat, doch wo war seine Heimat? In Polen? Ja, das war sie wohl. Doch Paris, was war mit Paris? Dort, wo Maria war, wo Hans war?

Das Vertrauen, das André Citroen in ihn steckte, verwirrte ihn, machte ihn sprachlos. Er hatte ihn im Hotel „Francais“, dem ersten Haus am Platz, einquartiert, ihn mit der französischen Administration, mit dem Geschäftsträger der französischen Verwaltung bekanntgemacht. Durch hundert Büros waren sie gelaufen, immer wieder Händeschütteln, auch Fotos wurden von ihm gemacht, irgendwann baumelte ein Ausweispapier von seinem Revers herab. Mit abenteuerlichen Pferdefuhrwerken bugsierte man sie durch enge, verwinkelte Gassen, immer neue Administrationen taten sich auf, Janosz sah Uniformen, orgensgeschmückte Reverse, sah in lächelnde, schnurrbartbewehrte braune Männergesichter, die ihm mal einladend, mal reserviert, manchmal amüsiert zugewandt waren. Hin und wieder hob sich eine Hand salutierend an den Mützenrand. Und am Ende verfügte Janosz über einen Stapel von Zetteln und Papieren mit vielen Stempeln und Unterschriften, die ihm – so der weißhaarige Uniformierte, den sie zuletzt konsultierten – in der Stadt und im Umland weiterhelfen würden.

„Das war der Polizeichef von Tanger“, sagte Citroen, als sie aus dem kühlen, dunklen Gebäude nach draußen in die gleißende Sonne traten, „Sie stehen unter seinem persönlichen Schutz. Das hat er soeben erklärt. Haben Sie verstanden, was er sagte?“
Janosz nickte verwirrt.
„Ich kenne ihn, wir haben zusammen in Paris studiert“, fuhr Citroen fort, „er hat eine Menge Einfluß hier. Halten Sie sich an ihn, wenn Sie Hilfe brauchen, er wird Ihnen weiterhelfen.“

Citroén blieb noch eine Nacht im Hotel, nahm am Mittag des nächsten Tages ein Schiff, das ihn über London zurück ans französische Festland, nach LeHavre, brachte. Bis weit nach Mitternacht hielten sie sich noch auf Citroéns Drängen an der Hotelbar auf, um Janosz herum schwirrte ein sinnverwirrendes Sprachengemisch, von dem er – außer Französisch – nichts verstand. Bunte, zum Teil abenteuerlich gewandete Personen umlagerten die Bar, standen palavernd in Gruppen beisammen oder hockten geheimnisvoll plaudernd in dicken, klobigen Sesseln. Frauen bemerkte Janosz nicht, tagsüber hatte er einige wenige zu Gesicht bekommen, die mit hastigen, kleinen Schritten, das Gesicht unter wallenden Tüchern so gut wie verborgen, durch die Gassen eilten.

Citroen hatte bis auf weiteres das Hotelzimmer für Janosz gemietet, es war Büro wie Wohnung zugleich. Es gab ein Telephon, einen riesigen, sperrigen Apparat auf dem mächtigen Schreibtisch, von dem Janosz, wenn er den Blick hob, über die Dächer von Tanger hinweg auf das Meer sah. Wie er bald feststellte, war es ihm auch gestattet, das Büro des Hotels, das an einer winzigen, engen Gasse lag, zu benutzen; auch der Sekretär, der in weite Gewänder gehüllt war und niemals seine samtene dunkelrote Kopfbedeckung abnahm und sich immer demutsvoll verneigte, sobald er Janosz´ angesichtig wurde, stand zu seiner Verfügung.

Citroén hatte ihm versprochen, Maria sofort nach seiner Rückkehr nach Paris über seine Mission in Tanger, in Marokko, zu informieren und sie zu bewegen, sobald er sich einigermaßen etabliert hatte und über eine richtige Wohnung verfügte, ihm nachzureisen.

Seine Versuche, ein Telegramm nach Paris abzusetzen scheiterten immer wieder, und wenn er im Postamt, das sich im Kellergeschoß des Polizeihautquartiers befand, mit dem kleinwüchsigen Mann, der dort Herr über die Stempel und Papiere war, das Vorgehen beim Telegraphieren besprechen wollte, verstand dieser auf einmal sein Französisch nicht mehr und hob ein ums andere Mal die Schultern.

Janosz sollte in den Ämtern der Stadt vorstellig werden und die Vorzüge des neuen Citroén-Automobils bei der Zurücklegung von Wegstrecken in der Stadt und vor allem außerhalb bei den weiten Wegen zu den entfernt liegenden Departements anpreisen. Citroén hatte eine Menge Kataloge, Photographien und noch andere Unterlagen über sich und seine Pariser Auto-Fabrik bei Janosz zurückgelassen, die ihm nun bei der Anbahnung der Kontakte weiterhelfen sollten. Und Janosz war überrascht, wie sehr die Menschen auf ihn eingingen nach kürzester Zeit, über alle Stufen und Hierarchien hinweg. Immer wieder wurden die Unterlagen hin- und hergewendet und weitergereicht. Janosz mußte unzählige Fragen beantworten über die technische Ausstattung der Automobile und bestätigen, daß sie völlig ungefährlich seien und der Chauffeur zu jeder Zeit das Gefährt unter Kontrolle halten könne.

Am Ende der ersten Woche tauchte ein Mann mit wallendem Bart und ernstem Gesicht auf und beschied ihm, daß er ihm folgen solle. Als Janosz zögerte, bedeutete der Mann ihm, daß ihn der oberste Würdenträger der Stadt, Sultan Habibomaresk, unverzüglich zu sprechen wünsche. Nach langem Gespräch mit dem Sultan, in dessen Verlauf immer wieder Tee gereicht wurde, verstand Janosz nach geraumer Zeit, daß es um ein Grundstück ging, das als Aufbewahrungsort für die Automobile aus Frankreich vorgesehen sei und im Anschluß an das Gespräch sogleich besichtigt werden sollte. Und da es außerhalb der Stadt liege, wolle man unverzüglich aufbrechen. Man erhob sich unter viel Gestikulieren und Verbeugungen, Janosz zupfte seine verschwitzten Kleidungsstücke vom nassen Körper und folgte den vorausgehenden Männern, die den Sultan in ihre Mitte nahmen.

Als sie durch einen Toreingang auf den sonnenbeschienenen Innenhof des Gebäudes traten, traf es Janosz, der aufgeregt und voller Tatendrang war, wie ein Schlag. Eine Gruppe von Männern hatte sie dort erwartet, und als sie die herannahende Gruppe gewahrten, öffneten sich die Reihen und Janosz erblickte ein Dutzend Kamele, die auf dem warmen Sand lagen und wiederkäuend offensichtlich auf ihre Reiter warteten. Der Sultan wandte sich zu Janosz und machte eine einladende Bewegung: „Suchen Sie sich ein Tier aus“, sagte er freundlich lächelnd.






- Nikki schrieb am 06.05.2005: -

Während Janosz nun auf Wüstenschiffen durch die marokkanische Küstenebene schaukelte, um französische Automobile anzupreisen, saß Maria in ihrer kleinen Werkstatt und bestickte eifrig und kunstvoll Charlottes neueste Kreationen.

Nachdem er telegraphisch nicht zu ihr hatte durchdringen können, hatte Janosz ihr einen Brief geschickt. Er war in Casablanca aufgegeben worden und mit dem Postschiff zu ihr gereist. Janosz hatte darin noch einmal persönlich gebeten, ihm doch nachzukommen und er hatte darin von der marokkanischen Landesvielfalt geschwärmt. Er erzählte von der grünen Küstenebene, den mit lichten Wäldern aus Korkeichen und Zedern bestandenen Gebirgen und auch einige Impressionen aus den Felswüsten der Sahararegion waren hinzugefügt. Maria wurde postalisch in die Gastfreundlichkeit der Menschen eingeweiht, die ihr Freund schon getroffen hatte.
Wie Janosz so war, hatte er schon einen Freund in Marokko gefunden – Tarek entstammte einem alten Berbergeschlecht und hatte sich angeboten, als Übersetzer, sprachlich wie auch kulturell, zu fungieren. Die beiden waren seit einigen Tagen zu einem Trio angewachsen, als Hans – endlich – in Marokko eingetroffen war. Janosz hatte gute Vorarbeit geleistet sodass Hans sich sofort wohlfühlte.

Janosz hatte Maria auch ein wunderbar leicht gewirktes Tuch mitgeschickt, dessen Farbenpracht sie berauscht hatte. Maria trug es nun immer bei sich, und sie hatte sich auch von den Mustern auf diesem Tuch inspirieren lassen. Ihre Stickereien griffen nun die neuen Farben und Muster auf und verwandelten Charlottes Kleider in Gewänder mit orientalischer Farbenpracht.
In einem weiteren Brief schrieb Janosz von den neuen Erlebnissen des Trios und sandte selbstverständlich auch weitere Kostbarkeiten und Geschenke an Maria, aber er verlor kein Wort über ihr Verbleiben in Frankreich. Vielleicht, weil es immer wieder zu Aufständen gegen den von vielen als zu europäisch empfundenen Herrscher Abd Al Aziz kam? Janosz berichtete davon. Er hatte das unerhörte Glück genossen, den Mann persönlich kennen lernen zu dürfen. Tarek hatte diesen Kontakt möglich gemacht. Maria bekam von diesem Tarek den Eindruck, er sei ein Mann mit vielen Verbindungen – möglicherweise auch Dunklen? Ein wenig war sie schon in Sorge um ihren Janosz, aber sie rief sich auch rasch wieder zur Ordnung. Janosz war nicht leichtfertig, und Hans gewiss auch nicht. Wenn sie Tarek vertrauten, dann konnte sie es auch.

Maria schaute zur großen Standuhr in ihrer Werkstatt. Noch eine gute halbe Stunde, dann würde André wieder hereinschneien und sie zu einem wunderbaren Essen einladen.
Nachdem Hans abgereist war, hatte der Chef der beiden die persönliche Aufsicht über Maria übernommen. Sie hatte sich zu Beginn damit nicht wohlgefühlt, aber ihre Meinung über den Industriellen gründlich ändern müssen.
Auch wenn er ihr immer offener den Hof machte, er achtete doch stets darauf, nicht all zu aufdringlich zu erscheinen. Er hatte sich als glänzender Unterhalter erwiesen und dachte sich immer neue Überraschungen für Maria aus.
Manchmal fühlte sie sich, trotz des Geschmeicheltseins, von ihm etwas überfahren. André schlug vor, und sie folgte. Wollte er in die Oper, so begleitete sie ihn. War ihm der Sinn eher nach Tanz und gutem Essen, so war sie seine Tischdame.
Vacek fand Marias Kontakt zu M. Citroën eigentlich ganz in Ordnung. Erwies er sich doch als förderlich für ihr Haus. André führte dem Atelier Grabowskaja viele bedeutende Persönlichkeiten zu. Charlotte hingegen hatte bemerkt, wie unangenehm Maria dieser Kontakt jedoch manchmal war. Allzu offen buhlte der Automobilbauer um die Gunst der schönen Polin.
Behutsam und mit wohlüberlegten Worten gab Maria ihm einen Korb nach dem anderen. Wollte André nicht verstehen, oder konnte er es nicht einsehen?
Maria legte ihre Arbeit nieder und zog ein braunes Päckchen aus der Rocktasche. Es war ihr heute zugekommen, ein neuer Brief von Janosz.






- Ulla Bach schrieb am 09.05.2005: -

Doch noch bevor Maria im Juli nach Köln fahren konnte, kam Janosz nach Paris zurück. Braungebrannt und voller Eindrücke, die sein Leben veränderten. Er war zu einem Globetrotter geworden. Und das mit wachsender Begeisterung. Außerdem kam ihm Paris sehr klein und spießig vor, und er wollte unbedingt andere Länder und Sitten kennen lernen. Nebenbei würde er Citroens Fabrikate überall bekannt machen. An seine Heimat dachte er nur noch wenig. Sein kleines Häuschen und das winzige Land, das er besaß, wurden ihm gleichgültig. Er überlegte bereits, es zu verkaufen, oder sogar zu verschenken. Vielleicht der Familie von Maria? Maria! Einerseits vermisste er sie, andererseits war er sehr enttäuscht, dass sie seinem Rufen nicht entgegenkam. Auch wenn sie noch nicht verheiratet waren, er war der künftige Mann im Haus, und die Frau hatte zu gehorchen. Schließlich wollte er nicht in Paris bleiben, und Maria sollte stets an seiner Seite sein. Als seine Frau und Mutter seiner Kinder! Dass sich Maria anders entscheiden könnte, daran zweifelte er keinesfalls.

André steuerte dies sehr geschickt: Hans ließ er in Köln verweilen (auch dort konnte er Testfahrten ausführen sowie fotografieren), damit er seinen Vater pflegen konnte, und Janosz sollte für André die Welt bereisen. Somit hatte der Fabrikant freie Hand, seine heimliche Liebe, die Maria, endlich zu erobern. Er wollte sie mit aller Macht und Gewalt besitzen. Dabei war ihm jedes Mittel Recht. Er betrachtete die drei Personen als seine Marionetten, an deren Fäden er jederzeit ziehen konnte, wie er wollte.
Doch erstens kommt es anders als zweitens wie man denkt.

„Maria, wie bin ich froh, dich zu sehen!“ Freudestrahlend ging Janosz auf Maria zu und umarmte sie. Doch als er sie küssen wollte, drehte sie den Kopf und verweigerte sich ihm.
„Nanu, warum bekomme ich keinen Kuss?“ Janosz ließ enttäuscht seine Arme sinken und blickte sehr traurig in Marias Augen. Er verstand die Welt nicht mehr.

Maria betrachtete sich den braungebrannten Mann, den sie mal sehr geliebt hatte. Seine Lachfalten um die Augen zeigten weiße Linien, und sein Stoppelbart gab ihm ein verwegenes Aussehen. Er sah immer noch toll aus, und ihr Herz machte ein paar Hüpfer. Dennoch, sie war sich ganz sicher – sie liebte Hans. Janosz war ihr Freund, mehr nicht.

„Schau mal, was ich dir mitgebracht habe.“ Er zog ein wunderschönes buntes Seidentuch aus dem Koffer heraus, ohne den Blick von Maria abzuwenden. Ihre Reaktion gab ihm Rätsel auf.

Maria kam auf ihn zu, nahm das Tuch in die Hand und bedeckte ihren Kopf damit. Wie wunderschön sie aussah, dachte Janosz.
„Maria, warum durfte ich dich nicht küssen? Wir haben uns so lange Zeit nicht mehr gesehen. Ich liebe dich, und wir wollen doch heiraten.“ Seine sanfte Stimme und der behutsame Laufschritt verfehlten seine Wirkung nicht. Maria ließ sich abermals in die Arme nehmen, und diesmal durfte Janosz sie küssen.

„Nein! Nein! Janosz, nein!“ Maria stieß ihn weg. „Janosz, wir sind uns so fremd geworden!“ Maria weinte bitterlich, und setzte sich wie erschöpft auf den Stuhl, der in ihrem Atelier für Besucher vorbehalten war. Unter ständigem Schniefen sprach sie stockend weiter, während Janosz stocksteif mitten im Raum stand und weder das eine noch das andere verstand. „Janosz, ich glaube, ich liebe dich nicht mehr. Bitte verzeih`mir!“

„Maria, das kannst du nicht wirklich so meinen. Wir wollten doch heiraten, Kinder haben. Die ganze Welt bereisen. Du brauchst nicht mehr zu arbeiten, nur noch für mich da sein. Ich werde mich nie mehr von dir trennen, keine Reisen mehr ohne dich unternehmen. Maria! Bitte, hör’ auf zu weinen. Ich will dich nicht traurig machen, Maria. Maria, bitte sag’ doch was!“

Maria hörte nicht auf zu weinen. Während der junge Mann abwartete, betrachtete er sich das Atelier samt seinem Inhalt genauer. Schöne Stickarbeiten lagen auf dem Tisch, über Stühlen und teilweise auf dem Boden, der mit einem sauberen weißen Tuch abgedeckt war. Ja, Maria hatte großes Talent. Sie arbeitet fleißig, gewissenhaft und penibel genau. Auf einmal ging ihm ein Licht auf!
„Liebes, ist es das? Du willst in Paris bleiben? Ist es das?“

Maria hörte mit dem Weinen auf und schaute zu Janosz hoch, während sie sich mit einem besticktem Taschentuch ihr tränenreiches Gesicht trocknete.
„Ja. Ich will in Paris bleiben. Ich bin Teilhaberin vom Atelier Grabowskaja ...“,

„Ich wusste ja gar nichts davon.“ Janosz’ rechte Augenbraue zog sich merklich nach oben.

„Du weißt vieles nicht. Ich möchte hier meine Zukunft aufbauen und nicht die Welt bereisen. Kannst du das verstehen, mein Lieber?“ Maria war wieder die Ruhe selbst.

„Ich bin ja kein Unmensch. Doch solltest du als meine Frau nicht da sein, wo ich mich als dein Mann befinde? Und wäre es nicht von dir zuviel verlangt, meinen Beruf aufzugeben, damit wir in Paris bleiben können? Denn André würde mir sofort kündigen, dessen bin ich mir ganz sicher.“ Janosz war nun verärgert und schlug einen schärferen Ton an.

„Du brauchst gar nicht deine Stimme zu erheben, Janosz. Ich bin nicht schwerhörig, noch begriffsstutzig. Siehst du denn nicht, dass wir keine gemeinsame Zukunft haben können und wollen. Außerdem ....“, jetzt pochte ihr Herz ins Unermessliche, „reicht meine Liebe zu dir nicht mehr aus, um persönliche Veränderungen, die ich keineswegs will, in Kauf zu nehmen.“ Nun war das gesagt worden, was sie schon lange bedrückte, aber nie den Mut dazu fand.

Janosz blickte ungläubig und wurde, nachdem ihre Worte ihm bewusst wurden, unheimlich traurig. Sein Wiedersehen mit Maria stellte er sich anders vor. Erschütternd und niedergeschmettert setzte er sich auf den Stuhl, der Maria gegenüberstand, und betrachtete seine Maria. Trotz verweintem Gesicht war sie immer noch wunderschön. Eine Trennung zwischen ihnen konnte er sich zwar immer noch nicht vorstellen, doch er musste sie gehen lassen.
Seine Welt rief nach ihm.

Köln. Auf dem Bahnsteig nahm Hans seine Maria in die Arme und küsste sie leidenschaftlich. Es war der erste Kuss.
„Wie war die Reise. Liebes?“

„Ganz angenehm.“ Maria lachte vor Aufregung. „Ich bin auf Köln gespannt. Du zeigst es mir, ja?“ Sie lachte wieder. „Und danach fahren wir zu meinen Eltern, nicht wahr?“

„Um ihnen zu sagen, dass du, fleißige Geschäftsfrau, in Paris bleibst und mich, armer Schlucker, der erst mal eine Arbeit finden muss, heiraten wirst?“

„Ja!“




(Das gemeinsame Schreiben an dieser Erzählung endet mit dem Beitrag von Ulla; der Zugang ist für weitere Beiträge ab sofort gesperrt.)




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