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Silvester



- Moderator schrieb am 12.12.2004: -

Eine neue Fortsetzungsgeschichte nimmt wieder Gestalt an. Der Titel steht schon.
Wer noch mitmachen will, kann jederzeit einsteigen. Bitte kurzes Anklopfen an der Cafe-Tür und schon gibt´s die Eintrittskarte in Form eines Paßworts.

- Nikki schrieb am 28.12.2004: -

Rums – es war dunkel. So dunkel, dass es schon richtig finster war.
Der liebliche Gesang erstarb augenblicklich und machte einem recht unmusikalischem „Aua!“ Platz, als die Klinge in die Haut drang.
„Verdammte Sch...!“, fluchte der Rasierende und tastete im Dunkel des kleinen Badezimmers nach einem Handtuch.
Klirr – ein angenehmer Wohlgeruch erfüllte den kleinen Raum. Ein erneutes, nicht jugendfreies Fluchen folgte.
Dabei sagte man, eine zarte Künstlerseele könne nicht fluchen. Diese konnte, und tat es auch – schlimmer als der bekannte Kesselflicker.
„Meine Inspiration!“, stöhnte der Künstler laut auf und versuchte rasch die wohlriechende Flüssigkeit mit den Händen im Waschbecken zu halten. Er wischte sie vom Ausguss fort, als könne er sie damit zurück in ihr doch zerstörtes Gefäß zaubern.
Ein weiterer Aufschrei ertönte, als die rettenden Finger mit den Scherben im Waschbecken Bekanntschaft machten. Jetzt war es um die Fassung des Künstlers geschehen
Wer noch nie einen Maestro in seinem gerechten, oder eine Diva in ihrem ungerechten Zorn erlebt hatte, der wäre hier bis unter die Haarspitzen rot angelaufen – vor Verlegenheit.
Wie gesagt, auch zarte Künstlerseelen konnten – völlig unkünstlerisch – fluchen.
Dieses brachte jedoch keine Erhellung der gegenwärtigen Situation. Alles blieb dunkel.

Die gerettete Inspiration wurde, in Ermangelung einer verfügbaren Unterbringungsmöglichkeit, großzügig im Gesicht und am Hals verteilt, und endlich war auch ein Handtuch gefunden, mit dem die empfindlichen Finger gesäubert wurden.
Trotz der Dunkelheit um sich, warf sich der Künstler das benutzte Handtuch mit einem theatralischen Schwung über seine Schulter und begann erneut zu singen.
Erst ganz leise, dann immer lauter, bis er schließlich aus ganzer Kraft gegen seinen Frust ansang und ihn somit zu vertreiben suchte.
Kräftig erschallte der Bariton und schien das kleine Badezimmer sprengen zu wollen.
Aus dem Dunkel tauchten schemenhaft, nur andeutungsweise zu erkennen, einige Reihen Zuhörer auf. Der Künstler legte sich mächtig ins Zeug und gab ein ordentliches Zeugnis seiner Kunst.
Die letzte Note war noch nicht zur Gänze verklungen, da erhoben sich die Reihen und applaudierten frenetisch. Der stolze Künstler, geschmeichelt ob soviel Anerkennung, strahlte und verbeugte sich tief.
Blitzlichter erhellten den Saal.

Etwa zehn Minuten später klopfte es an die Zimmertür, aber niemand antwortete. Der Zimmerpage und der Hoteldirektor, der selbstverständlich persönlich nach seinem berühmtem Gast schauen wollte, sahen sich im Schein ihrer Taschenlampen unruhig an. Dann öffnete der Direktor mit dem Generalschlüssel die Tür zu Zimmer dreihundertsechs und betrat es unter anrufen des Bewohners.
Noch immer kam keine Antwort. Doch verlassen konnten die Räumlichkeiten nicht sein, war doch der Künstler soeben noch gehört worden. Munter wurde die Suche fortgesetzt, bis ihr ein spitzer Schreckensschrei ein Ende setzte.
Der große Boris Jelanoski befand sich im Badezimmer. Dort lag er in seinem Blute und offenbar mit einem Handtuch erwürgt.
Erst auf den zweiten und dritten Blick stellte sich heraus, dass die Verletzungen harmlos und der Künstler völlig untot waren.





- Ulla Bach schrieb am 01.01.2005: -
Gott sei Dank konnte Kathi vor ihrem Dienstbeginn zur Nachtschicht ein wenig schlafen, ansonsten hatte sie diese Silvesternacht nicht ohne große Ermüdung durchgehalten.
Zu Hause lebte sie allein, und eine Party war auch nicht geplant. Ganz entspannt wollte sie das neue Jahr beginnen – mit Fernsehprogramm und einer guten Flasche italienischen Wein, Knabbergebäck inbegriffen.
Kathi war Krankenschwester in der Intensivstation im hiesigen Krankenhaus. Sie liebte ihre Arbeit – aus Berufung. Keine andere Tätigkeit konnte ihr jemals so viel Zufriedenheit, Glück und Bestätigung geben. Obwohl sie an Jahren noch sehr jung, war sie ihren Kollegen und ihren Vorgesetzten sowie den Ärzten eine unverzichtbare Kraft. Für die Patienten hatte sie stets ein offenes Ohr, nichts war zuviel für sie. Ihre Herzlichkeit wurde von allen geliebt.

Heute Nacht hatte sie nur ein paar Patienten, die ernsthaft erkrankt waren, auf ihrer Station zu versorgen. Darunter Frau Maier, die erst vor drei Tagen eine schwere Operation über sich ergehen lassen musste. Ihr Leben hing am seidenen Faden, dennoch gaben die Ärzte die Hoffnung nicht auf. Sie konnte es schaffen, davon waren sie wie Kathi fest davon überzeugt.

Plötzlich beim Überprüfen der Zentralmonitoren ging das Licht aus. Erschrocken dachte Kathi an ihre Patienten. Ein Stromausfall konnte den sicheren Tod bedeuten, denn alle lebenserhaltenen Geräte, an denen die Patienten angeschlossen waren, funktionierten nur mit Strom. Sofort trat das Notstromaggregat in Kraft, und so überflutete das sonst so grelle Licht nicht mehr den Flur und das Überwachungszimmer, in dem die Monitoren standen, sondern es strahlte gedämpft und festlich. Kathi suchte jeden einzelnen Patienten auf, um nachzuschauen, wie ihnen wohl zu Mute war. Beruhigend stellte sie fest, dass keiner von ihnen etwas vom Stromausfall mitbekommen hatte. Schließlich gab es schon immer gedämpftes Licht in den Patientenzimmern. Zurück im Überwachungsraum zündete Kathi die Kerzen auf dem Adventskranz an und dachte sehnsüchtig an die Weihnachtsabende, die sie als Kind bei den Eltern verbrachte. Sie waren voller Harmonie, die sie seit dem frühen Tod ihrer Eltern nie mehr erlebte.

>>Nur nicht sentimental werden, das passt nicht zu dir!<< Kathi schimpfte mit sich selbst und versuchte ihre trüben Gedanken zu verscheuchen, was ihr auch gelang.

Ihrem Impuls folgend, ging sie rüber in Frau Maiers Zimmer und sah die alte Frau mit offenen Augen im Bett liegen. Zur Vorsicht, damit die Frischoperierte nicht aus dem Bett fallen konnte, klappte das Personal gleich nach Einlieferung in das jetzige Zimmer Gitter an beiden Seiten hoch.

>>Hallo, Frau Maier. Sie sind wach? Gerade eben war ich bei Ihnen, da haben Sie noch selig geschlafen.<< Kathi ergriff ihre Hand und streichelte sie.

>>Ach, Schwester Kathi, Sie sind ja so lieb.<< Frau Maier schien sehr gerührt und seufzte kurz auf.

>>Haben Sie Schmerzen? Soll ich Ihnen was geben?<<

>>Nein, nein. Es geht schon. Können Sie noch ein wenig hier bleiben?<<

Kathi nickte kurz, nahm sich einen Stuhl und setzte sich hin, ohne einen Blick von Frau Maier abzuwenden. Diese alte Frau erinnerte sie sehr stark an ihre Großmutter, die sie sehr liebte. Kathi hörte nicht auf, die Hände zu streicheln.

>>Was für einen Tag haben wir heute?<<

>>Silvester. Wir haben bald Neujahr.<<

Frau Maier sprach nichts mehr, sie geriet ins Grübeln, sofern ihr Gesundheitszustand dies zuließ. Sie war froh, momentan nicht allein sein zu müssen. Zu groß war ihre Angst.

>>Werde ich sterben?<<

>>Nein.<< Kathi war sich ganz sicher.

Frau Maier antwortete schwach: >>Dann ist es gut!<< und schlief ein. Kathi schlich sich leise raus, nahm von ihrem angestammten Platz an den Monitoren nur kurz Notiz und besuchte nochmals einen Patienten nach dem anderen. Alles war okay. Jeder schlief, nur sie war wach – hellwach.


- Wolf schrieb am 04.01.2005: -
Mit großen Schritten durchmaß Henry Duvallier die Küche, stieß die Tür in den Restaurationsraum auf. Augenblicklich senkte sich das Geräusch der Stimmen, die Gesichter wandten sich ihm zu. Was sollte er sagen, welche Erklärung sollte er abgeben, daß Ludwig Holtsee noch nicht eingetroffen war, daß nicht mal sein Wagen auf dem Parkplatz gesichtet worden war. Anrufe waren unerwünscht, das hatte der Schokoladenfabrikant stets betont, er hatte sein Funktelefon meist abgeschaltet, betrachtete die modernen Kommunikationsmittel eher als Geisel der Menschheit denn als Fortschritt. Wer ständig erreichbar sein müsse, spottete er einmal, der zeige damit an, daß er kein Sekretariat habe, daß er nicht wichtig sein könne, wohl mehr zum Personal gehöre.

„Herr Holtsee muß gleich eintreffen“, log Duvallier, blickte in die Runde der mehr als fünfzig Gäste, deren Äußeres sie zumeist deutlich auswies, zu welcher Kategorie der Eingeladenen sie zählten. Während die Tische mit den Süßwaren-Fabrikanten durchweg mit kräftigen Gestalten besetzt waren, oft ganz oder in Ansätzen mit kahlen Köpfen, mit ausgeprägten Wölbungen der weißen Hemden über den Hosenbunden, hatte sich die Künstlerschar fast ausnahmslos von Kopf bis Fuß dunkel gewandet. Einige wenige Frauen verloren sich an den Künstlertischen. Duvallier erkannte ein paar Literaten und Maler, meist aus der Stadt, eine Handvoll Musiker. Auch Reupke war erschienen; der breite Rücken mit dem wulstigen Stiernacken des Bildhauers war unübersehbar.

„Bitte haben Sie noch etwas Geduld“, fuhr Duvallier fort, „es kann nicht mehr lange dauern. Außerdem“, Duvallier versuchte es mit einem Scherz, „wird ihn der Hunger schon hertreiben.“
Munteres Geraune setzte ein und verebbte wieder. Duvallier stürmte zurück in die Küche und blickte geradewegs in das Gesicht von Ebersbach. Dessen Gesicht wies einen rosaroten Schimmer auf, unter der Kochmütze, die steil gegen den Himmel anstieg, lösten sich einige Schweißtropfen, die er hastig mit dem Handrücken wegwischte.
„Lange geht das nicht mehr gut“, er beobachtete, während er sprach, seine Küchenbesatzung, „mit der Suppe geht das wohl, doch mit dem Hauptgang brechen wir ein, wenn es nicht bald absehbar ist, wann die Sachen auf die Tische kommen sollen.“
Ebersbach wischte fahrig mit den Händen an seinem weißen Revers auf und ab.
„Die Schoko-Fritzen“, erschrocken verbesserte er sich, „die Fabrikanten werden nicht den ganzen Tag zu Hause das süße Zeug aus ihren Fabriken essen, die werden schon herausschmecken, ob das Essen verkocht ist. Bei den anderen, bei den Künstlern, ist das vielleicht anders, das sind Hungerleider, jedenfalls nicht wenige davon“, sprach er weiter und kam zunehmend in Fahrt, „die sind froh, wenn sie was kriegen, oder?“ Er hob die Stimme und sah in Duvalliers Richtung, doch der war bereits wieder im Restaurant verschwunden. Gerade setzte Duvallier zu einer weiteren Erklärung an, als sein Funktelefon in der Hosentasche vibrierte. Er haßte es, vom Ton des Telefons irgendwo zu unpassender Gelegenheit überrascht zu werden und hatte ständig den Vibrationsalarm aktiviert.

Am anderen Ende war Holtsee. „Hee, Duvallier“, krähte es ihm entgegen, „bin gerade gelandet, der Flieger kam nicht voran, wahrscheinlich hat der Pilot die Handbremse nicht gelöst“, er lachte meckernd, „mein Fahrer wird wohl draußen warten, sie haben ihn doch rechtzeitig losgeschickt, ja?“ Duvallier bestätigte das; Holtsees Fahrer reiste immer mit dem Wagen im voraus an, damit er am Zielort über seinen Wagen verfügen konnte.
Da erlosch in Sekundenschnelle, soweit Duvallier es mit schnellem Rundumblick feststellen konnte, im ganzen Haus das Licht.
„Was ist nun los“, hörte er Holtsee rufen, „was, zum Donnerwetter, ist nun hier los?“
Duvallier hörte Geräusche aus dem Hörer, es schepperte, Gegenstände schienen zu Boden gefallen zu sein.
„Hee, Duvallier“, schrie Holtsee in den Hörer, „hier ist es duster, zappenduster, hier hat einer den Stecker rausgezogen.“ Er lachte wieder meckernd.

Duvallier lauschte weiter in den Hörer, drehte sich dabei mehrmals um sich selbst. Im dunklen Restaurant regten sich erste Geräusche. Er hörte Holtsee sprechen, doch nicht in den Hörer, weiter entfernte Stimmen klangen durcheinander. Dann vernahm er einen Fluch und gleich hinterher einen weiteren, deftigeren.
Holtsee meldete sich wieder.“ Duvallier, hee, was ist? Was ist mit Ihnen? Sind Sie noch dran?“



- Nikki schrieb am 13.01.2005: -
Boris fand sich, umringt von besorgten Menschen, in einer momentanen Hauptrolle. Das kam seinem etwas angeschlagenen Ego sehr entgegen. Es war doch sehr ungerecht, dass er sich gerade heute, am Abschluss der großen Tournee, und noch vor der rauschenden Abschlussgala, eine Verletzung zuziehen musste. Da tat es wohl so umsorgt zu werden. Er hoffte nur, er würde noch rechtzeitig zur Gala kommen.

Aufgeregt wuselte sein Tourmanager um ihn herum und versuchte alles zur Zufriedenheit des großen Künstlers zu arrangieren. Hier noch ein Kissen, dort noch ein Tupfer, um das Blut aufzufangen, welches möglicherweise noch fließen könnte. Der Mann war sein Geld wirklich wert. Allerdings ahnten weder er, noch der große Künstler, wie sehr die ehrlich besorgten Mitmenschen, durch diese Allüren brüskiert wurden. Jemand hielt Boris ein Kühlkissen entgegen, welches er sich auf die buntschillernde, riesige Beule an seiner Stirn legen sollte. Standhaft weigerte sich der Künstler, bis ihm ein anderer Jemand einen vorsichtigen Blick in einen kleinen Taschenspiegel ermöglichte. Boris erschrak fast zu Tode und nahm rasch das angebotene Kühlkissen und drückte es sich auf die Stirn. Jetzt machte er sich weniger Sorgen um die Pünktlichkeit, denn eher um sein Aussehen. Konnte er mit einem derartigen Auswuchs an seinem Kopf überhaupt auf eine Bühne?

Boris nahm gar nicht richtig wahr, wie er in den Rettungswagen geschoben und zur Klinik gefahren wurde. Erst als ein heftiger Ruck und ein lautes, kreischendes Geräusch den Krankenwagen erschütterten, nahm er wieder vom Leben um ihn herum Notiz. Das Fahrzeug war abrupt zum Stehen gekommen, und wieder waren aufgeregte Menschen zu vernehmen.
Boris lächelte in sich hinein, das Stimmengewirr klang wie ein voller Konzertsaal. Gleich drauf wurde er aus seinen Träumen gerissen, als die Türen des Rettungswagens aufflogen und ein zeternder Mann hinein geführt wurde.
„He, seid doch bitte etwas vorsichtiger mit mir. Pappt mir da ein bisschen Gips drum, dann schaffe ich es noch zu einem hoffentlich vorzüglichen Essen.“
Boris schaute den Mann irritiert an. Er benahm sich laut und fast wie neureich. Auch wenn Boris schlimmer als ein Kesselflicker fluchen konnte, ein solches Gebaren fand er jedoch befremdlich. Seine Wünsche äußerte man mit angenehmen Manieren und nicht wie ein Irgendwer.
„Oh, hallo. Wusste gar nicht, dass hier schon besetzt ist. Na, auch ein Missgeschick?“
Boris schüttelte den Kopf. Die Sanitäter grinsten leicht und versuchten ernst zu bleiben, denn wie der Künstler zu seinen Blessuren gekommen war, konnten sie sich, anhand der Vorfindesituation durch den Hoteldirektor und den Zimmerpagen, lebhaft vorstellen.
„Wissen Sie was, wenn die mir hier mal eben flott ein bisschen was von dem weißen Zeug ums Händchen gepappt haben, dann lade ich Sie zu einem Gala-Essen ein. Ach so, ich sollte mich ja erst einmal vorstellen.“ Er unterbrach sich und lachte meckernd auf. „Ludwig Holtsee, Schokoladenfabrikant. Sie wissen schon, die mit dem blauen Männchen auf der Verpackung.“
Künstlerisches Kopfschütteln.
„Kennen Sie nicht? Macht nichts, ich lade Sie trotzdem ein.“
So ging es die ganze restliche Fahrt über weiter. Boris war heilfroh, als sie endlich in der Notaufnahme ankamen. Sein Kopf brummte ordentlich und er war sich nicht sicher, ob es von der Beule, oder vom Geplapper des Schokoladenfabrikanten herrührte. Behutsam wurde er aus dem Rettungswagen geschoben und in einen ruhigen Raum gebracht. Dort durfte er einen Moment lang die Stille genießen, ehe sich die Tür öffnete und eine tiefbesorgte, aber auch leicht genervt erscheinende Leonie den Raum betrat.
Ihr folgte ein dunkler Mann. Boris betrachtete diesen Othello eingehend. Leonie bemerkte seinen Blick und wandte sich um.
„Das isst Achmed, er hat mich hergefahren, als wir sahen, wie du im Rollstuhl aus dem Hotel gefahren wurdest. Er ist Saxophonist,“ stellte sie ihren Begleiter vor.
Der blieb ein wenig ehrfürchtig in der Tür stehen. Leonie lachte silbern. „Er hätte gerne ein Autogramm von dir.“
Der geschmeichelte Künstler suchte nach einem Stift um dem Wunsch zu entsprechen. Rasch reichte Othello ihm Stift und Papier und holte ihn somit aus der Verlegenheit. Boris, ganz Künstler, schob sich die Haare ein wenig zurecht und zupfte an seiner Kleidung. Sein Erscheinungsbild änderte dies aber nicht wirklich. Mit elegantem Schwung brachte er seine Unterschrift auf das Papier und reichte es mit einem glücklichen Lächeln dem jungen Mann.
Achmed freute sich ehrlich und bedankte sich, ehe er sich diskret zurückzog, um auf Leonie zu warten. Sicherlich brauchte sie ihn noch.


- Ulla Bach schrieb am 17.01.2005: -
>>Sag mal, Kathi, hast du den Tumult mitbekommen?<< Die Nachtschwester aus der Notaufnahme rief Kathi über das Diensttelefon an und lachte dabei aus vollem Hals.

>>Nein, ich habe nichts bemerkt. Wie denn auch? Was war denn los?<< Kathi freute sich über den Anruf, er brachte ein wenig Abwechslung und ließ sich von dem Lachen ihrer Kollegin anstecken.

Die Nachtschwester schilderte in Eile, was sie so sehr belustigte. >>Stell dir vor, in einem Rettungswagen haben unsere Sanis zwei Verletzte gebracht. Der eine ist Künstler, hat eine Beule und kleine Schnitte an den Fingern, und der andere ist ein Schokoladenfabrikant. Ich sag dir, das war ein komisches Gespann. Der Fabrikant redete und redete und der Künstler – übrigens, es ist Boris Jelanoski – schaute ständig beleidigt drein.<<

Bevor die Nachtschwester nach dem Luftholen zum Weiterreden ansetzte, fragte Kathi ganz ungläubig: >>Der Boris Jelanoski? Für den Mann schwärme ich schon ewig! Ein toller, toller Mann!!!<<

Doch bevor die zwei befreundeten Berufsschwestern ihren Plausch weiterführen konnten, musste Kathi dringend zu einem ihrer Patienten. Der Monitor zeigte eine Notfallsituation und schrillte seinen Ton laut hinaus.

>>Beate – Notfall. Ich ruf dich zurück.<<

Schon lag der Hörer auf der Gabel, und sie rannte in das Zimmer des Patienten. Der Gehirndruck war auf das Gefährlichste angestiegen und den Arzt hinzuzurufen, wurde in diesem Moment unabänderlich.

>>Schwester Kathi, rufen Sie bitte die Angehörigen an.<<

Kathi wusste, was dies bedeutete. Hier ging es um Leben und Tod. Der junge Patient, der bei Glatteis von einem Auto angefahren wurde, musste um sein Leben kämpfen. Ob er siegen würde, das konnte selbst Kathi nicht sagen, denn hier versagten ihre Gefühle. Während der Arzt den Jugendlichen weiterhin medizinisch versorgte und all seine Kraft dafür einsetzte, sprach Kathi mit der Mutter des Jungen, die sofort in Tränen ausbrach und nur noch >>mein Mann und ich kommen sofort<< stammelnd heraus bringen konnte. Solche Situationen hasste Kathi, doch auch diese Momente gehörten zu ihrem Berufsalltag. Sie lief schnell wieder ins Patientenzimmer.

>>Hat er eine Chance?<< Kathi blickte sorgenvoll auf den Arzt.

>>Kann ich jetzt noch nicht sagen. Der Kreislauf sowie der Gehirndruck, beide sind sehr instabil.<< Der erfahrene Arzt schaute zu Kathi und schüttelte leicht seinen bereits ergrauten Kopf. >>Da hilft nur noch beten.<<

Schwester Kathi legte ihre Hand beschützend auf die Hand des Jungen und begann sie zu streicheln.

>>Ein so junger Mensch.<<

>>Er dürfte nicht viel jünger sein als Sie.<<

>>Danke für das Kompliment, Herr Doktor.<<

>>Nichts zu danken. Gern geschehen.<<

Sie lächelten sich kurz an, und schon waren sie wie ein eingespieltes Team auf ihren Patienten fixiert. Er tat alles menschenmögliche, um das junge Leben zu erhalten, und sie half ihm dabei.
Nach einer halben Stunde standen die Eltern am Bett des Jungen, hielten seine Hand und weinten. Kathrin sah kurz nach den übrigen Patienten ihrer Station, und der Arzt ließ die Familie, insbesondere den Jungen, nicht aus den Augen. Heute Nacht fiel die Entscheidung, das wusste er, und das wusste auch Kathi.



- Wolf schrieb am 19.01.2005: -
Eine merkwürdige, eine dunkle Nacht, legte sich über die Stadt mit ihren vielen Menschen. Nur an wenigen Stellen schimmerte gedämpftes Licht, waren Notstromaggregate in Betrieb. Es war noch eine Stunde bis Mitternacht, bis zum Jahreswechsel. Auf den Straßen herrschte mehr Verkehr als sonst um diese Zeit, auch in der Silvesternacht waren im allgemeinen weniger Fahrzeuge unterwegs. Die Schaltzentralen der Stadt, das Polizeipräsidium, das Zentralkrankenhaus und die Stadtwerke waren stärker beleuchtet, die meisten Fenster dort warfen ein schwaches Licht in die Nacht hinaus. Der Notfallplan der Stadt, erst im vergangenen Jahr nach heftigen Debatten in der Ratsversammlung verabschiedet, hatte zu einer ausreichenden Versorgung mit Stromaggregaten gesorgt. Von den Hauswänden wurde das ununterbrochene Blinken der Verkehrsampeln zurückgeworfen und löste eine eigentümliche Unruhe aus. Autos hielten nebeneinander, mit heruntergedrehten Scheiben. An manchen Stellen auf den Gehwegen hatten sich kleine und große Gruppen von Menschen zusammengefunden.

„Sie sind Sänger?“ fuhr Holtsee den Mann neben sich an, „davon versteh´ ich nicht viel. Haben Sie ´n Auftritt heute?“
Als Jelanoski nickte, während er seine Beule mit der unverletzten Hand betastete, fuhr Holtsee fort und da er eine durchdringende Stimme hatte, hallte es im Gang vor der Notaufnahme wie in einer Höhle: „Tja, wann soll´s denn sein?“
Er lachte meckernd. „Heute Nacht?“
Er betrachtete eingehend Jelanoski´s Beule, die sich inzwischen weiter zu verfärben begann. Wieder konnte Jelanoski nur nicken, weil ihn die Begutachtung seiner zerschnittenen Hand nun beschäftigte.
„Mit der Beule sollen Sie ja nicht singen“, erneut lachte Holtsee los. Zwischendurch nahm er rasch seine lädierte rechte Hand in Augenschein, ließ sie dann wieder auf die Knie sinken.
„In der Musikhalle“, fragte er weiter, „etwa zum Jahreswechsel?“
„Ja, ja“, murmelte Jelanoski abwesend und zupfte an seiner Manschette, die an den Rändern rote Blutflecken aufwies.

Die Stühle ringsum waren unbesetzt, hinter der verschlossenen Tür erklang ein halblauter Schmerzensausruf. Holtsee spitzte die Ohren.
„Aha“, sagte er zu Jelanoski, „einen haben sie noch am Wickel.“
Im gleichen Augenblick schnappte er nach einem vorbeihuschenden weißen Kittel.
„Hee, Schwester“, er hielt den weißen Kittel kurz fest, ließ ihn dann wieder los, denn die Schwester war energisch, ohne etwas zu sagen, weitergegangen.
„Hee“, junge Frau, rief Holtsee ihr hinterdrein, „mein Freund hier, der ist Sänger, der soll um Mitternacht in der Musikhalle singen, den nehmen Sie mal als erstes dran.“
Er holte Luft, und bevor die Schwester die Tür hinter sich schließen konnte, schrie er noch: „Ich werd´ schon nicht verbluten in der Zwischenzeit.“
Und leiser, schon gegen die geschlossene Tür: „Bis dahin haben die Strom-Fritzen hoffentlich wieder überall die Kerzen angemacht. Wär´ ja gelacht.“

Aus der Notaufnahme erklangen wieder Stimmen, am Ende erneut ein Schmerzenslaut.
„Hören Sie mal“, beschied Holtsee seinem Nachbarn, „ ich mach´ Ihnen einen Vorschlag“, er rückte näher an Jelanoski heran, „nach der Vorstellung kommen Sie mal in den ‚Rosenhof’ in der Wagnerstraße, ja?“
Holtsee wurde immer munterer.
„Da gebe ich ein Essen. Hahaha“, er lachte, hob die Hand, als ob er Jelanoski auf die Schulter schlagen wollte, stoppte die Bewegung jedoch wieder.
„Die warten auf mich, sitzen auch im Düstern. Die Küche ist bestimmt in Panik, ich kenn den Topffritzen, guter Mann, aber der nimmt jetzt bestimmt in seiner Küche ein Saunabad, hahaha.“
Einen Augenblick überlegte er, dann verklärte sich sein Gesicht wie über einen gelungenen Einfall.
„Die Amis in New York feiern den Jahreswechsel doch erst um sechs in der Frühe, nach unserer Zeit, oder?“
Er beugte sich aufgeregt vor.
„Hee“, er stutze kurz, „ was singen sie eigentlich? Tenor oder so was?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, redete er weiter.
„Wir feiern im ‚Rosenhof’ den Jahreswechsel um sechs in der Frühe, ja, das tun wir!“
Er stieß einen begeisterten Jauchzer aus, so sehr hatte es ihm seine eigene Idee nun angetan.
„Sie sind doch Künstler. Da macht man doch immer die Nacht zum Tage. Also“, er nahm Jelanoski frontal in´s Visier, „abgemacht? Auf meine Rechnung. Sie kommen?“

Jelanoski wirkte wie betäubt, als ob er von irgendwas träume, nickte in Holtsee´s Richtung. Der hielt ihm die heile linke Hand hin, eine wahre Pranke. Jelanoski legte vorsichtig seine linke Hand hinein und schrie im gleichen Augenblick unter Holtsee´s Händedruck auf.
„Hee, auch die rechte Hand“, stellte Holtsee befriedigt ihre annähernd gleichartigen Verletzungen fest.
„Ich heiß´ übrigens Holtsee“, er hielt erneut seine große Hand zu Jelanoski rüber, der seinen linken Arm erschrocken zurückzog und kurz mit dem Kopf nickte und seinen Namen murmelte.

Holtsee konnte sich immer noch nicht beruhigen.
„Die suchen mich, der Restaurantchef, guter Mann übrigens, sucht mich. Und mein Fahrer auch. Wieso muß ich“, dabei betrachtete er die Finger seiner rechten Hand, von denen der Zeige- und der Mittelfinger merkwürdig verformt abstanden, „wieso muß ich auch die Hand nicht aus der Eingangstür nehmen, wieso?“
Er faßte die lädierten Finger an und versuchte, sie zu bewegen.
„Au! Verdammt, gebrochen? Das fehlt noch. Auch das noch. Na ja, mit dem Hals in der Tür wär´s schlimmer gewesen, oder? Hehehe.“
Er musterte die geschlossene Tür der Notaufnahme, Ungeduld machte sich breit bei ihm. Da flog die Tür auf, im gleichen Augenblick stürzte eine junge Frau über den Gang heran.
„Boris“, rief sie atemlos, „endlich, wie lange dauert das denn noch?“
Mit Mühe konnte sie ihren Lauf auf dem glatten Boden stoppen.
Jelanoski setzte zu einer Antwort an, die jedoch in einer hilflosen Gebärde erstarb, denn der weiße Kittel hatte ihn am Arm gefaßt und zog ihn mit zur Tür, aus dem ein untersetzter Mann getreten war, den eingegipsten Arm in einer weißen Schlinge wie eine Trophäe vor sich hertragend. Sein Gesichtsausdruck verriet: Ich hab´s hinter mir, ihr müßt noch hinein!
„Also“, schrie Holtsee in die sich schließende Tür hinein, „es bleibt dabei. Spätestens um sechs im ‚Rosenhof’.“
„Herr Jore....“, murmelte er noch hinterher, leiser, denn er hatte den Namen nicht richtig verstanden, aber da war die Tür zur Notaufnahme bereits in´s Schloß gefallen.

Holtsee sah sich um, blickte auf die junge Frau, die von der geschlossenen Tür zurückkehrte, sah dann wieder auf seine rechte Hand. Mit der linken Hand kramte er mühsam sein Funktelefon aus der Hosentasche, legte es auf den Tisch und begann zu wählen, doch es mißlang. Mit jedem Versuch, eine Taste zu treffen, rutschte das Telefon über die glatte Kunststofffläche des Tisches.
„Können Sie mal für mich wählen?“ fragte er Leonie, die abwesend ein Bild an der Wand betrachtete, „ich muß mal Bescheid sagen, wo ich stecke.“
Leonie nahm das Gerät in die Hand.
„Haben Sie mit dem Sänger zu tun, mit dem Herrn Jore....?“
Holtsee kramte im Gedächtnis nach dem richtigen Namen.
„Jelanoski“, verbesserte Leonie, „ja, ich kenne ihn, will zu seinem Auftritt in die Musikhalle.“
Sie hatte die Nummer gewählt, die Holtsee aufgesagt hatte und reichte ihm das Gerät zurück.
„Sie kommen auch in den.......“, Holtsee brach ab, lauschte in´s Telefon und brüllte dann los, daß Leonie zusammenzuckte.
„Hee, Duvallier, raten Sie mal, wo ich stecke? Hahaha! Kommen Sie nie drauf. Im Krankenhaus, krieg´ gleich zwei Finger geschient oder eingegipst, weiß der Henker, was die Weißkittel gleich mit mir machen.“
Er lauschte wieder angestrengt in den Hörer, mit der freien Hand winkte er Leonie vergnügt zu.
„Am Flughafen“, sagte er dann, „in der Tür“, lachte er wieder im Stakkato, „hab´ die Finger nicht schnell genug an mich genommen.“ Er bog sich vor Lachen. „Die haben mich so schnell in einen Krankenwagen gesetzt, der zufällig schon da war, daß ich meinen Fahrer verpaßt habe.“
„Was?“ rief er nach kurzer Unterbrechung, „der ist schon bei Ihnen? Soll sofort zum Krankenhaus kommen.“
Dann sammelte er sich kurz, um in geheimnisvollem Tonfall fortzufahren.
„Was Neues, Duvallier, hören Sie genau zu: halten Sie ihren Laden am Laufen, ich komme gleich“, dabei blickte er zu Leonie auf, „und trösten Sie den Koch, wie heißt er noch, ach, egal, sagen Sie ihm, es wird neugekocht, sobald wieder Saft in der Leitung ist..“
Holtsee wurde noch lauter, so als ob er denjenigen am anderen Ende übersprechen wollte.

„Duvallier“, schrie er in den Apparat, „wir feiern um sechs Silvester. Verstehen Sie? Wie die Amis an der Ostküste. Heute sind wir der Außenposten der Amis! Im ‚Rosenhof’! Kapiert?“
Holtsee lauschte in den Hörer, um ähnliche Begeisterung zu hören. Als sie augenscheinlich ausblieb, brüllte er weiter los.
„Bis sechs haben die Stromfritzen bestimmt wieder die Steckdose gefunden, dann haben Sie wieder Saft in der Bude. Und dann kann der, wie heißt der Kerl denn noch mal, Sakra, der Ebersbach, neu kochen. Nee......“, Holtsee schien zu überlegen, „nee....wir machen Frühstücksbuffet, genau, das ist es, das machen wir. Da braucht der Ebersbach nicht mehr lange zu kochen, nur ´n paar Suppen und so, der Rest ist kalt. Klar?“
Holtsee´s Mimik drückte aus, daß am anderen Ende Bedenken geäußert wurden.
„Hee, Duvallier, sagen sie den Herren Kollegen und den Kunstfritzen, daß ich in ´ner Stunde da bin, sollen schon mal im Sitzen ´n bißchen vorschlafen, hahaha. Und“, setzte er noch nach, "ich bring´ noch illustre Gäste mit. Kennen Sie Herrn .....?“ Holtsee schaute hilfesuchend zu Leonie, die ihm den Namen zurief, „kennen Sie den Sänger Jelanoski? Der singt gleich in der Musikhalle, der kommt auch zum ‚Rosenhof“. Und seine Freundin kommt auch mit. Na“, schnaubte er in den Hörer, „was sagen Sie jetzt? Also, bis gleich!“
Er schaute Leonie strahlend an.



- Nikki schrieb am 21.01.2005: -
Eine gute viertel Stunde noch, dann war es um das alte Jahr geschehen. Würde das neue Jahr genauso turbulent und dramatisch beginnen, wie das alte endete?
Der Sänger, der um seinen Auftritt fürchtete; der Schokoladenfabrikant, der seine Freunde warten lassen musste; die junge Frau, die zwischen zwei Stühlen saß; die junge Krankenschwester, die mit ihren Patienten mitlitt und nur das Beste für sie wünschte – sie alle, die diese ungewöhnliche Nacht zusammengeführt hatte, hofften und bangten.

Kathi war noch immer hin und weg von Boris Jelanoskis Charme. Der Künstler, sehr geschmeichelt über seine junge und hübsche Bewunderin, hatte sich auch mächtig ins Zeug gelegt, um sie zu beeindrucken. Für seine Fans war er immer mit Leib und Seele verfügbar. Waren sie es doch, die ihm unter anderem sein angenehmes Leben ermöglichten.
Kathi strahlte ihn unverhohlen an, als er mit gewohnt elegantem Schwung seinen Namenszug auf ihr Herz schrieb. Sie konnte sich allerdings des Eindruckes, er schriebe ihn direkt i n ihr Herz, nicht erwehren. So nahe bei diesem eindrucksvollen Künstler zu sein, war schon ein ganz besonderes Erlebnis.
Nachdem er ihrem Anliegen mit Freude entsprochen hatte, wollte er noch, wie er es von anderen Treffen mit seinen Bewunderern kannte, mit ihr reden, sie fragen, ob sie schon Konzerte von ihm besucht hatte und Tonaufnahmen seiner Kunst besaß. Aber Kathi musste dieses Ansinnen vorerst ablehnen.
„Es tut mir sehr Leid, dass ich ihr freundliches Angebot ablehnen muss, aber ich bin heute Abend auf der Intensivstation eingeteilt. Dort sind zwei Patienten, die mir besonders am Herzen liegen. Sie brauchen heute verstärkt meinen Zuspruch, meinen Trost.“ Sie sah ihn fest an.
Boris war beeindruckt von dieser pflichtbewussten und so freundlichen Person, sie faszinierte ihn.

Leonie hatte alles ganz genau beobachtet, jetzt trat sie auf den Flur zurück du wandte sich an Achmed.
„Ich glaube, Boris ist gut versorgt. Wenn du Lust hast, lade ich dich ins Konzert ein.“ Sie lächelte ihn sanft an.
„Glaubst du denn, dass es stattfinden kann?“
„Wie ich Boris kenne, ließe der sich auch von einem Beinbruch nicht abhalten. Er hat noch zehn Minuten um pünktlich zu sein, und sicherlich noch einen Gutteil an Zeit, weil er ja berühmt ist. Du glaubst nicht, was sie da alles durchgehen lassen.“ Jetzt musste sie lachen. Boris hatte es so manches Mal ausgenutzt, dass die meisten Menschen vor prominenten Zeitgenossen offenbar mächtig Respekt hatten.
Umso erstaunter war sie, als sie die junge Krankenschwester in Boris Begleitung den Gang entlang eilen sah. Doch rasch hatte sie sich wieder gefasst. Es war halt typisch Boris, er nahm sich seine Freiheiten.
„Also nichts mit dem Konzert?“, fragte Achmed.
„Doch, doch. Nur etwas später halt“, lächelte Leonie und verließ mit ihm die Notaufnahme.

Na Hauptsache er weiß noch, was er um sechs Uhr machen wollte“, brummte der Schokoladenfabrikant und begab sich ins Behandlungszimmer.
„Seht zu. Ich wollte mir wenigstens das Feuerwerk ansehen, wenn ich schon später feiern muss“, tönte er nun wieder gewohnt laut und fröhlich.

Zwei Etagen höher wurde Boris Jelanoski, gewandet in einen grünen Kittel, durch die Intensivstation geführt. Er begleitete Kathi zu Frau Maier. So ganz mochte er diese Frau nicht loslassen. Sie interessierte ihn sehr, was ihn zugleich erfreute wie verunsicherte.
Rasch warf er eine Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk – es war noch Zeit. Der Veranstalter wusste, dass sich sein Künstler ärztlich versorgen lassen musste und würde geduldig warten. Nur gut, dass er seinen Tourmanager mit diesen Dingen betraut hatte, so blieb ihm Zeit für das Wesentliche – seine Bewunderer.
„Wir sind da“, flüsterte Kathi. „Ich schaue erst einmal nach, ob Frau Maiers Zustand einen Besuch erlaubt. Warten sie hier bitte.“
Boris nickte. Kathis Warmherzigkeit nahm ihn für sich ein, so dass es ihm ganz selbstverständlich vorkam, seine Allüren außen vor zu lassen.
Kathi stand am Bett von Frau Maier und betrachtete die alte Dame ein wenig besorgt. Die Monitore zeigten jedoch keine Unregelmäßigkeiten. Sie entschloss sich aber doch, Boris ganz kurz zu Frau Maier ans Bett zu lassen.
Der große Künstler betrat, nach Kathis Aufforderung, vorsichtig den Raum. Erschrocken starrte er die vielen Apparaturen an und sah hilfesuchend zu Kathi.
„Kommen sie“, wisperte sie. Dann erklärte sie dem Sänger die Apparate und welch schwere Operation die alte Dame hinter sich hatte. Betroffen schaute Boris die friedlich schlafende Patientin an. Kathi zog ihn schließlich aus dem Zimmer.
Sie gingen weiter zu Kathis zweitem Sorgenkind und blieben dort an der Tür stehen. Kathi erklärte Boris wieder flüsternd die Situation und der große Künstler starrte tief betroffen auf den jungen Mann und seine Angehörigen. Ihm wurde das unfassbare Glück bewusst, welches ihm zuteil geworden war. Er war gesund, mit einer wunderbaren Stimme gesegnet und finanziell gut abgesichert. Betreten senkte Boris seinen Blick zum Fußboden. Wie oft hatte er den großen Star herausgekehrt, wie oft hatte er Menschen brüskiert, die ihm das Leben angenehmer machen wollten. Er schämte sich angesichts der Sorgen hier auf dieser Station.
„Kommen sie Boris. Jetzt wissen wie wichtig meine Arbeit hier ist, und warum ich ihnen absagen musste.“
Boris nickte nur stumm.
Draußen begannen die Glocken zu läuten.

- Ulla Bach schrieb am 30.01.2005: -
Der Bereitschaftsdienst hatte ganze Arbeit geleistet. Pünktlich zum Glockenschlag begann es aufzuleuchten. Nicht das Feuerwerk, das fast an jeder Haustür abgeschossen wurde, war daran schuld, sondern der Strom floss wieder durch die Steckdosen.
Die Glocken schlugen warm und dunkel durch die Nacht, nur das Knallen der Leuchtkörper übertönten deren wundervollen Klang.
Boris schaute tief in Kathis Augen und wünschte ihr ein gesundes neues Jahr, worauf sie ihm ganz zart einen Kuss auf die Wange hauchte. Boris war hingerissen.
Die Eltern des todgeweihten Patienten kümmerten sich nicht um den Jahreswechsel, sie nahmen überhaupt keine Notiz davon. Viel zu sehr waren sie mit ihrem Sohn beschäftigt, dessen Leben am seidenen Faden hing. Der Arzt, der immer noch zugegen war, ließ weiterhin seinen Blick über die Monitore und den Patient schweifen.
Frau Maier schlief tief und fest.
Holtsee fluchte, weil er gerade just in diesem Moment, als überall das neue Jahr gefeiert wurde, seine Hand still halten musste, damit sie eingegipst werden konnte. So hatte er sich den Jahreswechsel nicht vorgestellt. Er wollte eigentlich gemütlich beim Dinner sitzen, schwofen, lachen, trinken, etc., etc. Nun saß er hier in der Ambulanz und unterdrückte einen Schmerzensschrei. Das tat weh! Nach dem Röntgen seiner Hand sah der Arzt, was er sowieso schon vermutete. Holtsees Finger der rechten Hand waren gebrochen.
Auch an Leonie und Achmed ging der Glockenklang vorbei, denn sie suchten in der Tiefgarage des Konzerthauses einen geeigneten freien Parkplatz, was gar nicht so leicht war, denn es waren ja schon alle Gäste im Saal versammelt und warteten auf den berühmten Künstler Boris Jelanoski. Endlich, da war noch ein kleiner Parkplatz. Achmed ließ Leonie aussteigen und fuhr sicher und gewandt sein großes Auto in die kleine Lücke. So schnell sie konnten, rannten sie die Treppen zum Saal hoch. Da Leonie dem Saalteam durchaus bekannt war, konnten die beiden ohne weiteres ihren zugedachten Sitzplatz ansteuern. Die Stimmung im Saal war gemischt. Einerseits wurde mit großem Hallo das neue Jahr begrüßt, andererseits beschwerten sich die Konzertgäste über die Verspätung des Künstlers. So hatten sie sich das nicht vorgestellt. Und wann endlich dieser aufkreuzen und seine Arien singen würde, wussten sie ebenso wenig. Achmed nahm Leonies Hand, schaute vor auf die Bühne und wartete. Leonie fühlte ein seltsames Pochen in der Herzgegend, schloss die Augen und schaltete ihre Gedanken aus.
Im Rosenhof war die Hölle los. Die Gäste stürmten auf die Straße, knallten Feuerwerkskörper ab und stießen mit ihren Sektgläsern an. Duvallier war nun alles egal. Er ließ die Küche, nachdem er Holtsees Wünsche abgeliefert hatte, in Stich und ging mit hängendem Kopf und die Hände in den Hosentaschen auf die Straße und stellte sich abseits der grölenden Meute. Er hatte „die Schnauze voll“. Am liebsten würde er alles liegen und stehen lassen und nach Hause gehen. Nach Hause zu seiner Frau und den beiden Töchtern. Nein, hier musste er ausharren und auf Holtsee warten und seine „bescheidenen“ Wünsche ausführen.
Der Koch schäumte. Was dachte sich dieser noble Herr Holtsee? Herr Holtsee sollte doch da bleiben, wo der Pfeffer wächst! Er fackelte nicht mehr lange. Alles Verkochte wanderte in den Abfalleimer, und er gab den lautstarken Befehl: „Küche wird jetzt geputzt“ an seine Bedienstete weiter, die sich aber erst nach dem Begrüßen des neuen Jahres an das Werk machten. Der Koch indessen verzog sich in den Gemeinschaftsraum und rauchte eine Zigarette.

Boris löste sich aus Kathis Bann: „Ich muss gehen, sonst bekomme ich wirklich Schwierigkeiten. Können wir uns morgen sehen?“

„Ja, gern.“

Kathi begleitete Boris nach draußen zum Flur, winkte ihm kurz zu und verschloss die Tür zur Intensivstation. Glücklich, Boris Jelanoski persönlich kennen gelernt zu haben, ging sie zuerst zu der immer noch schlafenden Frau Maier, dann zu ihrem Sorgenkind. Am Gesicht des Arztes konnte sie schnell feststellen, dass immer noch keine Besserung eingetreten war. Aber laut den Monitoren auch keine Verschlechterung.
Kathi zog sich still zurück und nahm an ihrem Schreibtisch Platz. Jetzt hieß es warten und beobachten.



- Wolf schrieb am 04.02.2005: -
„Haben sie endlich den Stecker wieder gefunden“, bemerkte Holtsee, ließ den Blick über die aufgeleuchteten Lampen gleiten und hielt die Hand still, damit die Schwester den Verband um die schmale Schiene wickeln konnte.
„Frohes Neues Jahr auch“, schob er nach. Die Schwester blickte kurz zu ihm hoch, murmelte ein leises „Danke“, drehte aber schon den Kopf zum Bereitschaftsarzt, der fahrig in Papieren blätterte, dabei eine Zigarette rauchte.
Holtsee wollte schon wieder woanders hinschauen, sein Kopf fuhr zurück.
„Ach, wie werden Sie mir sympathisch“, er wies mit der unverletzten Hand zum Doktor rüber, „er raucht, er raucht“, blickte wieder zur Schwester, die soeben den Verband mit einem Pflaster justierte. Die Schwester hob mit einer resignierenden Gebärde die Schultern.
Der Arzt schaute abwesend zu Holtsee, schien dann zu verstehen, lächelte und verschwand im Nebenraum.

Holtsee kramte in seiner Brieftasche, zog einen größeren Geldschein heraus und wedelte damit im Raum, die Schwester bekam große Augen.
„Ich bin privat versichert, hab´ keine Unterlagen dabei“, er hielt der Schwester den Fünfhundert-Euro-Schein vor das Gesicht, „reicht das? Den Rest stecken sie in die Personalkasse.“
Die Schwester hob abwehrend die Hand, doch für Holtsee war der Deal beendet, er bedankte sich artig und trat, ehe die Schwester sich versah, wieder auf den Gang hinaus.

„Da sind Sie ja, Albert“, sagte er zu einem kleinen, schmächtigen Mann, der sofort aufgesprungen war, als Holtsee aus der Tür trat. Bevor dieser noch etwas sagen konnte, fuhr Holtsee fort:
„Nun passen Sie mal auf, größere Aktionen stehen an“, lachte er dröhnend, „also, mal Folgendes: Wir fahren jetzt zur Musikhalle oder wie das Ding hier heißt, erst mal noch ´n neues Jahr, Albert, also zur Musikhalle, da schmeißen Sie mich raus, dann rufen Sie Duvallier an, oder das machen wir beim Fahren, sagen dem, daß wir so gegen drei bei ihm aufkreuzen werden, er soll die Truppe wachhalten, sechs Uhr wird amerikanisch noch mal das neue Jahr gefeiert. Kaltes Büffet genügt, aber ´n ordentlichen Kaffee brauchen wir. Das Verkochte zahle ich, alles zahl´ ich, der alte Knauser soll sich keine Gedanken machen, Hauptsache, die Bude ist noch voll und wir stoßen alle noch mal um sechs an. Haben Sie alles?“ sah er Albert fragend an.
Der nickte, man sah ihm an, wie er verzweifelt versuchte, die Fülle der Informationen zu verarbeiten.

„Ich hör´ mir den Gesang von dem, wie heißt er noch, egal“, fuhr er fort, „ich höre mir das Konzert an, bis dahin sind Sie wieder da, Albert. Aber vorher“, sprach er bedeutungsvoll weiter, „kommen sie zurück hier in´s Krankenhaus. Auf der Intensivstation, das hab´ ich mitgekriegt, gibt´s ne Schwester, die ist verrückt nach dem Sänger, die hat Dienst heute Nacht, doch sicher nicht bis sechs Uhr, die organisieren Sie, Albert, die soll auch um sechs Uhr im ‚Rosenhof’ sein, Sie bringen sie mit, Albert, egal, wie Sie das schaffen.“
Holtsee schwieg kurz, um Luft zu holen und seine Überlegungen zu ordnen. Albert sah noch verzweifelter aus.
„Im Konzert ist noch ´ne Frau mit einem Orientalen“, sagte er dann, „mhmm, Moment, wie hieß die Kleine noch? Leo....? Mhmm, so ähnlich. Nein“, schrie Holtsee, „Leonie, ja Leonie heißt sie, so hat der Orientale sie genannt. Die“, Holtsee bohrte den Zeigefinger der unverletzten Hand in die Brust seines Fahrers, „die besorgen Sie auch für den ‚Rosenhof’. Lassen Sie sich was einfallen, Albert, Durchsage in der Pause oder so was“, er fixierte seinen Fahrer, „Sie schaffen das, klar, Albert, Sie bringen das.“

„Und wie kommen Sie von der Musikhalle zum ‚Rosenhof’?“ fragte Albert matt, immer noch verzweifelt versucht, seine Aufträge chronologisch zu sortieren.
„Ich nehme mir ein Taxi oder, wenn Sie dann wieder da stehen, am Haupteingang, fahre ich mit Ihnen. Aber kümmern Sie sich nicht um mich, die anderen müssen zum ‚Rosenhof’, das ist wichtig, ich komm´ schon irgendwie zum ‚Rosenhof’, klar?“
Albert nickte mit unglücklichem Gesicht.
„Also, Albert, noch mal“, setzte Holtsee zur schulmeisterlichen Wiederholung an, „es geht um folgende Personen: die Schwester von der Intensivstation, Leoni und Begleiter und“, Holtsee zögerte, überlegte, „ja, klar doch, und den Sänger, den, na, wie heißt er denn noch? Ach was“, bestimmte Holtsee, „ schnappen Sie sich ein Programmheft, da steht er drin. Also auch den Sänger in den ‚Rosenhof’. Dem hab´ ich das schon gesagt, aber bleiben Sie dran, Albert, damit er nicht ausbüchsen kann, nehmen Sie ihn auch mit. Alles klar?“ fragte Holtsee erneut. Albert nickte ergeben.

Sie erreichten den Ausgang des Krankenhauses. Holtsee blinzelte angesichts der ungewohnten Helligkeit der Laternen und des lichtdurchfluteten Eingangsbereichs. Schwer atmend warf er sich auf den Rücksitz des Wagens.
„Fahren Sie los, Albert“, beschied er seinem Fahrer, „und geben Sie Gas!“




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