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Begegnung



- Moderator schrieb am 08.11.2004: -

"Begegnung"..ein Titel, der Raum läßt für die Fantasie, Überschrift sein kann für unzählige Begebenheiten und Situationen im Leben von Menschen. Es sollte eine Kurzgeschichte werden, d. h., der Text insgesamt hat eine natürliche Begrenzung und dementsprechend kurz sollten die einzelnen Autorenbeiträge sein, die rotierend mehrfach zum Zuge kommen werden. Wichtig: Der Einführungstext auf der allgemeinzugänglichen Seite "Autoren-Werkstatt" beeinhaltet die ganze "Philosophie", die das Schreiben an dieser Stelle begleiten sollte.

Das Autoren-Team besteht aus:

Nikki
Ulla
Wolf

(Weitere Autoren können nach entsprechender Meldung aufgenommen werden)

- Moderator schrieb am 11.11.2004: -

Begegnung

Ellen stand vor dem Bankschalter, an dritter Stelle. Vorne ging es eine Weile nicht voran, sie trat von einem Fuß auf den anderen. Zu dumm auch, die Parkhostessen waren um diese Zeit meist sehr aufmerksam, auch wartete in einer Viertelstunde Walter am Rondell-Kiosk auf sie, kurz halten konnte sie wohl in der leichten Biegung, an der rückwärts versetzt der Kiosk lag, parken so gut wie nicht, und Walter würde wieder die ersten fünf Minuten kein Wort sagen, wenn sie wieder mal zu spät erschien.

Die ältere Frau vor dem Schalter, von der sie nur die zu einem Knoten gebundenen grauen Haare und den vornüber gebeugten Rücken sehen konnte, blickte vor sich auf die Tischplatte, die Bankangestellte schaute mal auf die alte Frau, dann über sie hinweg in den Raum und auf die Wartenden. Ellen versuchte, ihren Blick auf sich zu ziehen, doch es gelang ihr nicht. Endlich drehte sich die alte Frau zur Seite weg, und der Mann vor Ellen, untersetzt, kleiner als sie, rückte vor den Schalter; er hatte sich mehrfach in ihre Richtung umgewandt, sie jedoch nicht angesehen.
Von der Straße her trat in diesem Moment ein anderer Mann durch die Drehtür, gerade wollte Ellen sich wieder zum Schalter wenden, als sie sah, wie der Mann mit einer blitzschnellen Bewegung eine dunkle Mütze über den Kopf zog,im gleichen Augenblick hielt er eine Pistole in der Hand, alles war das Werk weniger Sekunden. Ellen blickte sich um, wer hatte das, was sie sah, noch bemerkt? Sie spürte, wie ihre Handfläche, in der sie die Scheckkarte hielt, feucht wurde. Nein, nicht das, schoß es ihr durch den Kopf, nicht das jetzt. Träume ich, wo bin ich, kann das nur geträumt sein? Als sie den Raum nach einem Anhaltspunkt absuchen wollte, daß sie sich in einer Fiktion befand, in einer Unwirklichkeit, zogen die Bilder, die sie aufnahm, wie in einer trägen, endlosen Zeitlupe an ihr vorüber.

„Hinlegen, sofort alle hinlegen“, schrie der Maskierte, „sofort!“ Er hob die Hand mit der Pistole, so daß der Lauf gegen die Decke wies, ein peitschender Knall fuhr schmerzhaft in Ellens Ohren, Sekunden später fiel ein Teil der Deckenverkleidung herunter, traf die Kunstoff-Umrandung der Kassenbox, zersplitterte in kleinere Teile und fiel dann weiter hinab auf den Boden.
„Hinlegen“, die Stimme des Mannes überschlug sich, „wollt ihr wohl...sofort!“ Er senkte den Arm, und der Pistolenlauf wies waagerecht durch den Raum. Erst jetzt bemerkte Ellen, daß sich noch weitere Menschen, außer der alten Frau und dem untersetzten Mann vor ihr, in der Bank aufhielten, vielleicht fünf oder sechs, sie konnte es nicht feststellen, sie vermochte nicht zu zählen. Ein Gefühl von Verlegenheit überkam sie, als sie sich hinkniete und zu den anderen hinsah, die es ihr gleichtaten. Bevor sie sich nach vorne legte, begrub sie ihre Handtasche unter sich. Mit Widerwillen vor dem Schmutz des blauen Teppichbodens stützte sie sich auf die Ellenbogen, dabei nahm sie für sich selbst überraschend wahr, daß, für ihr Empfinden unpassend, ockerfarbene Blumenornamente in den kurzhaarigen blauen Floor eingewirkt waren.

Unvermindert drang das Rauschen des Verkehrslärms in den Raum, und Ellen konnte sich nicht vorstellen, warum sie gerade heute in diese Situation geraten mußte. Wollte sie nicht eigentlich heute das Resümee der Außendienstschulung aus der vergangenen Woche vorbereiten und als Vorlage für Dr. Hartung texten? Sie hörte sich atmen, durch die ungewohnte Körperhaltung gepreßt und kurz. Als sie in den Raum blickte, gewahrte sie die alte Frau, eine Hand auf den Rand der Schalterumrandung gelegt, war sie auf ein Knie gesunken, ihre Tasche lag auf dem Boden, der Inhalt neben ihr verstreut. Gleichzeitig vernahm sie das Keuchen der Frau, ein mühsames Einziehen der Luft und ein ebenso mühsames Ausatmen, es klang nach Schmerzen, denn bei jedem Einatmen stieß sie einen dünnen, hohen Laut aus.

Ellen hörte, wie der Maskierte in den rückwärtigen Raum hineinschrie, die Angestellten hinter den Schaltern anbrüllte, er drohte zu schießen, wenn einer sich rühre. Sein Blick fuhr gehetzt über die am Boden liegenden Menschen, die Pistole in der Hand in einem Bogen mitführend. Sein Blick kehrte zurück, fixierte die alte Frau.
„Los, Alte, auch Du! Hinlegen, sofort!“
Er war an die Kassenbox herangetreten, der Pistolenlauf zog Linien in die Luft, in einen beigefarbenen Stoffbeutel hinein. Ellen sah, wie eine Hand sich aus der Kassenbox hervorstreckte und den Beutel ergriff.
„Köpfe runter, los, los.“
Wieder fixierte er die alte Frau, die sich, noch immer auf ein Knie gebeugt, an der Schalterumrandung festhielt und an sich herunterschaute, als wisse sie nichts von dem Mann.

„Die Frau kann nicht“, hörte Ellen sich auf einmal sagen, „sehen Sie nicht, daß sie es nicht kann, sie kann sich nicht hinlegen, sie kann es nicht.“
Panische Angst überkam sie, kaum daß sie den Satz beendet hatte. Der Maskierte musterte sie sekundenlang, er hatte die Pistole sinken lassen, hob sie wieder mit gestrecktem Arm und führte sie auf sie zu. Da erklang ein metallisches Klicken, einmal, ein weiteres Mal, erst aus der Richtung der Drehtür, dann aus dem rückwärtigen Bereich des Raumes. Der Maskierte warf den Kopf hin und her.
„Was ist das? Woher kommt das, was geht hier vor?“ schrie er drohend, „Du da“, sein gestreckter Arm mit der Pistole zeigte über den Schaltertisch auf einen der Angestellten, „was war das für ein Geräusch?“
„Die Bank wurde verriegelt“, hörte Ellen eine helle Stimme, von der sie nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, ob sie zu einem Mann oder einer Frau gehörte, „das geschieht automatisch, wenn hier im Raum das Telefon hier“, es schien, als würde auf einen Telefonapparat gedeutet, „nach längerem Klingeln nicht abgenommen wird.“
Ja, Ellen glaubte sich zu erinnern, fortwährend hatten Telefone geklingelt, seit der Maskierte eingedrungen war.
„Was? Was heißt das?“ .
„Alle Türen sind verschlossen, die Drehtür zur Straße und auch die Tür nach hinten.“
„Wo sind die Schlüssel? Wer hat die Schlüssel?“
Der Maskierte sprach nun schnell, Ellen konnte den Kopf nicht länger hochhalten, legte die Stirn auf den verstaubten Teppichbelag.
„Wir haben dafür keine Schlüssel“, antwortete die hohe Stimme, „wir müssen warten, bis man von außen öffnet.“
„Ihr seid ja wahnsinnig, ihr alle, ich komm´ hier raus. Gib mir das Geld. Her damit!“

Ellen hörte Geräusche aus der Richtung der Kassenbox. Und auch das keuchende Atmen der alten Frau hörte sie, die an der Schalterwand heruntergesunken war und in einer merkwürdig verkrümmten Haltung auf dem Boden lag.


- Nikki schrieb am 14.11.2004: -
Sie musste an Walter denken, der ihr diese Geschichte ganz sicher nicht glauben würde. Sein Schweigen würde die üblichen fünf Minuten entweder deutlich überschreiten, oder aber seine Stimme würde sich in ihrem Zorn ähnlich überschlagen, wie die des Bankräubers.

Ellen bemerkte nun auch endlich das Zittern ihres Körpers. Sie fraget sich, ob es wohl aus Angst geschah. Aber aus welcher angst? Der vor dem Gangster in der Schalterhalle, oder der Angst vor Walters Zorn und dessen Konsequenzen.
Sie bekam die wirbelnden Gedanken und Eindrücke kaum in den Griff. Doch dann schob sich etwas leise und beharrlich in den Vordergrund, bis es sie beinahe zu Gänze ausfüllte – das Keuchen der alten Frau.

Etwas begann in Ellen zu rebellieren. Es wurde ihr zusehends einerlei, was der Bankräuber tat, und noch egaler wurde ihr, was Walter sagen könnte. Einzig wichtig erschien ihr nur noch die alte Frau, deren fast schon japsender Atmen, obschon immer leiser werdend, in Ellens Ohren und Kopf stetig lauter und präsenter wurde.
Schließlich stand sie langsam und bedächtig auf, fixierte den Bankräuber, der sich von seinen anderen, dringenderen Problemen ab, und ihr zuwandte, und sagte laut: „sie haben ja jetzt ihr Geld. Nun wäre es an der Zeit, das sie jemanden einen Arzt rufen lassen. Die Frau hier braucht dringend Hilfe.“
Ellen war sehr erstaunt über sich, bereute jedoch nichts.

Der Bankräuber, der mit einem derart aufmüpfigem Verhalten eines seiner Opfer, noch dazu einer Frau, offenbar nicht gerechnet hatte, ließ im ersten Augenblick die Waffe sinken und starrte sie verdutzt an. Dann schien er sich jedoch wieder zu fangen und hob die Pistole erneut hoch. Er richtete den Lauf auf Ellen, der nicht entging, dass der Mann den gefüllten Geldbeutel etwas fester umklammerte, und herrschte sie an.
„Was fällt dir ein, du dumme Kuh! Hast du nicht gehört, was die hier gesagt haben!“
Der Pistolenlauf zeigte einmal kurz in die Runde, ehe er wieder auf sie gerichtet wurde.
„Wir sitzen hier fest! Wegen der Alten da, renne ich doch nicht ins Unglück und jetzt leg dich wieder hin!“ Es schien, als wolle er sie mit dem Pistolenlauf aufspießen.
Ellen blieb jedoch entschlossen stehen.

Eine Weile standen sie sich so gegenüber, jeder mit seinen Erwartungen. Die Spannung im Raum stieg; und auch die mittlerweile neugierig gewordenen Passanten, die am helllichten Tage, während der Öffnungszeit, an verschlossenen Türen rüttelten und durch jeden Spalt zwischen den Werbeplakaten für Renten, Versicherungen und Immobilien, sowie den fast schon banktypischen Lamellenvorhängen hindurchzuspähen versuchten, trugen nicht unbedingt zur Entspannung der Situation in der Schalterhalle bei.

Ellen wollte schon nachgeben, als das Keuchen der alten Frau wieder an Intensität gewann. Also blieb sie stehen.
Ehe jedoch ein Unglück geschehen konnte, versuchte die alte Frau etwas zu sagen.
„Fräulein... Fräulein... bitte... mein Spray“, brachte sie schweratmend hervor.
Beide, Ellen wie auch der Bankräuber sahen überrascht zur alten Frau hinüber. Während der Gangster noch unschlüssig auf die Frau sah, handelte Ellen beherzt.
„Sie meinen das kleine rote Fläschchen? Ja, ich sehe es und werde es ihnen geben.“ Ungeachtet des Pistolenmannes wenige Meter neben ihr, tat sie ein paar Schritte und kniete sich neben den ausgebreiteten Tascheninhalt. Sie griff nach der kleine Flasche und hob sie auf.

Der Räuber wurde jetzt doch nervöser. So hatte er sich seinen Überfall nicht vorgestellt. Jammernde alte Weiber, Amazonen und automatisch verschlossene Türen begannen ihn zu überfordern.
„Nun mach schon! Gib der Alten das Zeug und mach dich wieder flach“, raunzte er Ellen an.

Diese übergab das Spray der alten Frau und beobachtete, wie diese es vor den geöffneten Mund hielt und ein paar Mal den Pumpmechanismus betätigte. Zufrieden stellte sie fest, das eine Wirkung eintrat, das Keuchen zusehends schwand.
Ein paar Sprühstöße später, hatte sich die alte Frau soweit erholt, dass sie sich in eine weitaus bequemere Lage begeben konnte. Erleichtert und zugleich erfreut zwinkerte die Alte Ellen, die nun neben ihr lag, zu.


- Ulla Bach schrieb am 18.11.2004: -
Die Luft war zum Zerreißen gespannt. Ellen fühlte eine ihr bislang unbekannte Angst in sich hochsteigen. Sie drohte zu ersticken, ihr Herz raste, und für einen Moment lang befand sich ihr Körper in einem Ausnahmezustand. Ellen war es zum Übergeben übel und verfluchte innerlich diese alte Frau. Sie hatte ihr eigenes Leben für die Grauhaarige aufs Spiel gesetzt, und was war der Dank?
Der Bankräuber hatte nur zwei Alternativen: entweder brachte er alle um, oder ließ sich widerstandslos festnehmen. Ellen glaubte, nein, sie war sich jetzt ganz sicher, er würde die erste Wahl treffen. Am liebsten würde sie in Walters Armen liegen und die Zigarette danach rauchen. Weg vom Tatort, weg von der Angst.
Sie hörte nur noch aus der Ferne die alte Frau mit dem Bankräuber sprechen. Ihre Blicke wanderten von einem Kunden zum anderen; sie waren Leidensgenossen, das sah Ellen in ihren Augen und entstellten Gesichtern. Die Angestellten konnte sie nicht sehen.

Draußen vor der Tür versammelte sich in der Zwischenzeit die Polizei. Die Straße war geräumt worden und abgesperrt. Man musste sich immerhin auf das Schlimmste gefasst machen. Die Polizei nahm ihre Position ein, und ein Beamter verlangte per Megaphon, dass sich der Bankräuber mit ihm in Verbindung setzen sollte.

>>Bitte nehmen Sie den Telefonhörer am Schalter 1 ab.<< Ganz ruhig sprach der Polizist und gab kurze Zeichen an die vermummten Schützen, die sich auf der gegenüberliegenden Seite des Bankgebäudes versteckt hielten.

Auch neben dem Eingang standen Polizisten, die im Falle eines Falles jederzeit eingreifen konnten, sobald der Bankräuber das Haus verlassen hatte.

Ellen schrie kurz auf, als der Täter wie elektrisiert die Waffe wieder aufhob und auf die alte Frau richtete.

>>Wo ist der Schalter 1?<<, schrie er.

Aus dem Hintergrund kam ein ängstliches: >>Hier!<<

Der Täter wandte sich nach rechts, und hörte auch schon das Telefon auf dem Schreibtisch, der nur ein paar Meter von ihm entfernt stand, klingeln. Er zwang die Frau mitzugehen und schob sie unsanft vor sich her, in dem er ständig die Waffe in ihren Rücken drückte.


>>Au, du tust mir weh!<< Ihr Atem ging stoßweise und pfiff.

Ihr drohte wieder ein Asthmaanfall, wohl aus psychischen Gründen, denn sie verspürte die pure, nackte Angst.
Der Bankräuber stand so, dass er den gesamten Raum übersehen konnte und brüllte ins Telefon – Ellen hörte die gefährliche Nervosität heraus – während er in der einen Hand die Menschen mit der Waffe bedrohte und mit der anderen den Telefonhörer ans Ohr presste. Die alte Frau sank erschöpft auf den Schreibtischstuhl.



- Wolf schrieb am 19.11.2004: -
„Wer hat bei Euch was zu sagen“, herrschte der Maskierte in den Hörer. Ellen konnte aus ihrer Lage das Gewirr einer Stimme hören, ohne etwas zu verstehen von dem, was dem Mann erwidert wurde.

„Ich sage, was gemacht wird“, Ellen hörte ein klopfendes Geräusch auf eine Tischplatte, „hört ihr“, schrie der Mann, „ich sag´s, habt ihr verstanden?“
Er kreischte in hohem Diskant.

„Ich sag..´“, setzte der Mann nach, lauschte dann in den Hörer. Einige Male begann er erneut ins Telefon zu schreien, brach jedoch nach wenigen Worten wieder ab. Mehrfach holte er hörbar Luft, seine Augen irrlichterten durch den Raum, über die Menschen, verharrten auf der Fensterfront. Auf dem Teppichboden und an der gegenüberliegenden Wand zeichnete das Sonnenlicht ein Geflecht von Licht und Schatten in rascher Abfolge durch die Lamellen und Blumendekorationen hindurch. Der Maskierte schob die Strickmütze bis über die Nase, er rieb mit dem Handrücken den feuchten Schimmer über der Oberlippe trocken. Er fingerte mit einer Hand eine Zigarettenpackung aus der Hosentasche, befahl der Alten, ein schrillfarbenes Feuerzeug auf den Tisch legend, ihm eine Zigarette anzuzünden.
„Leg´ dich wieder hin“, fuhr er, die Zigarette in den Mund führend, die Frau an, die zögerlich zurückwich und in einen Sessel sank, wenige Schritte entfernt.
„Kann ich hier....?" fragte die Frau.
Der Mann schien abgelenkt, brachte die Frau mit einer unwirschen Bewegung mit der Pistolenhand zum Schweigen, er lauschte angestrengt in den Telefonhörer.

Auf der anderen Seite hielt Hauptkommissar Bertram den Hörer ans Ohr. Er stand in der Deckung eines grünen Mannschaftstransportwagens, umringt von uniformierten und zivil gekleideten Mitarbeitern. Während er sprach, schaute er sich um, wer ihm für die Aktion zugeteilt worden war. Meyer 2, Lehmann, Bartelt, der kleine Scholz, Erikson, der Schwede, wie sie ihn nannten. Er blickte weiter in die Runde. Leipelt, Resch, ja, und Meschke, Melanie Meschke, angehende Polizeiobermeisterin, frisch von der Polizeischule. Sie war bisher auf der 4. Wache eingesetzt worden, Rotlichtviertel, die Kollegen lobten sie im großen und ganzen. Es hieß jedoch auch, sie sei zögerlich beim prophylaktischen Ziehen der Waffe, Kollege Meier-Kistner sei mal ausgeflippt, weil sie ihn bei einem Zugriff ohne jeden Feuerschutz gelassen hatte.

Bertram hielt den Täter mit langatmigen Satzfüllern hin, beobachtete dabei weiter, wie seine Leute ihre Posten bezogen.
„Moment“, sprach er in den Hörer, „Augenblick“, als er die Scharfschützen sich umgruppieren sah. Er unterbrach die Telefonverbindung.
„Keiner schießt“, er suchte die Augenpaare, die aus den Sehschlitzen der Sturmhauben auf ihn gerichtet waren, „bin ich verstanden? Niemand schießt ohne meinen ausdrücklichen Befehl.“
Das halbe Dutzend der Spezialeinsatzkräfte nickte stumm. Bertram blickte über die Namensschilder; er kannte sie alle, er wußte, daß sie nervös waren. So was wird niemals Routine, für keinen.
„Alle mit Stahlmantelgeschossen? Es gilt wahrscheinlich, durch die Scheibe zu schießen. Es darf keinen zweiten Schuß geben. Verstanden?“
Wieder senkten und hoben sich die Köpfe der Schwarzvermummten.
„Funktest“. Bertram sprach in sein Funkgerät: „Es ist ein Mist, ein großer Mist, was wir heute hier wieder zu tun haben. Haben Sie mich alle verstanden?“
Ein letztes Mal senkten sich die Köpfe, niemand lachte, sie kannten Bertram und seine Art, mit solchen Situationen umzugehen.

„Wo ist Dernbacher?“ fragte er dann über Funk. Ein Arm fuhr in die Höhe.
„Sie sind der Finale, aller klar?“
„Alles klar“, kam es über Funk zurück, "geben Sie mir ein Zeichen, wenn es soweit ist.“

„Aber wir wollen hier ohne Schießerei rauskommen, Männer“, Bertram schaute noch mal in die Runde, das Funkgerät am Mund, und den Schwarzvermummten hinterdrein, die sich erneut in ihre Positionen begaben, „nun will ich mich mal wieder um unseren Mann in der Bank kümmern. Wir wollen alles versuchen, daß er sich und andere nicht unglücklich macht. Und außerdem“, fügte er noch hinzu, „ist heute ein viel zu schöner Tag für den Blödsinn, den er da vorhat.“

Der Mann in der Bank schrie sofort los, als Bertram sich wieder meldete: „He, du Bulle, verscheißer mich nicht, hörst du, du Bulle, laß mich nicht mehr so lange warten, sonst passiert hier was.“
Bertram hörte, wie der Mann rauchte, wie er den Rauch über die Telefonmuschel ausblies.




- Nikki schrieb am 20.11.2004: -
‚Warum muss das hier ausgerechnet heute passieren,’ dachte Bertram und verdrehte leicht die Augen. Heute an seinem fünfzehnten Hochzeitstag. Er hätte laut grummeln mögen, beherrschte sich aber und konzentrierte sich auf seine Arbeit. Wenn er heute Abend mit seiner Frau zum Candle-light-dinner wollte, musste er diesen Banküberfall schnell und unblutig beenden.

„Niemand will sie verscheißern. Aber damit alles reibungslos abläuft, müssen nun einmal Vorkehrungen getroffen werden“, versuchte er den aufgebrachten Gangster zu beruhigen.
„Was gibt’s da vorzukehren? Ich will hier nur einfach raus!“, polterte der Mann in der Bank wieder.
„Wir werden jetzt jemanden an die Türen schicken, um sie zu öffnen. Dann ... „
„Ja sicher“, unterbrach der Aufgebrachte den Hauptkommissar. „Das stellt ihr euch aber schön vor. Ihr macht die Tür auf und ich latsche sofort ins Kittchen. Nee mein Lieber, so einfach will ich es euch nicht machen.“
„Dann sagen sie mir, wie sie sich das vorstellen.“ Kommissar Bertram musste sich zusammenreißen, um dem Kerl da in der Bank nicht die Meinung zu sagen. ‚Wieder so ein Anfänger, der keine Ahnung hat, wie es nun weitergehen soll’, dachte er mit Unbehagen. ‚Wenn die die Kontrolle verlieren, dann kann es gefährlich werden.’
„Also, ich will hier raus“, begann der Bankräuber.
„Schon klar“, entfuhr es Bertram.
„Ja, aber ich will ein... ein... ein Fluchtauto.“
‚Versteht sich ja schon fast von selbst’, dachte der Kommissar.

„Wir können ihnen einen Wagen zur Verfügung stellen“, bestätigte er dem Mann in der Bank stattdessen laut.
„Ich will ein schnelles Auto und natürlich mit viel Sprit“, forderte der Gangster.
„Ja, wir können ihnen ein solches Fahrzeug beschaffen. Das dauert aber einen Moment.“
„Ihr habt eine viertel Stunde, hört ihr. Sonst ...“
Bertram ließ den Mann nicht aussprechen.
„Beruhigen sie sich, eine viertel Stunde ist Zeit genug.“ Er machte eine Handbewegung und bedeutete seinen Leuten, dass sie einen Wagen besorgen sollten. Denn ohne seine Handzeichen handelte keiner der Untergebenen. Erikson nickte und machte sich sofort auf den Weg.
Bertram wandte sich wieder dem Telefonat zu.
„Wie geht es den Leuten in der Bank?“, wollte er nun wissen. Er musste den Mann ein bisschen beschäftigen, damit dieser nicht auf dumme Gedanken kommen sollte.
„Wie schon, gut“, tönte es zurück.
„Wie viele Menschen sind denn bei ihnen?“
Eine Weile herrschte Stille im Hörer. Undefinierbare Geräusche und ein unverständliches Gemurmel waren alles, was an Bertrams Ohr drang.
Beinahe dauerte es ihm schon zu lange, als der Mann sich wieder meldete.
„Hier sind noch elf Leute.“
„Hören sie... wie heißen sie eigentlich? Ich mag sie gern mit einem Namen ansprechen wollen. Mein Name ist Bertram, Hauptkommissar Bertram.“
„Leo“, kam es kurz und knapp zurück.
„Hören sie Leo, können wir uns darauf einigen, dass sie einige der Menschen bei ihnen gehen lassen, wenn sie das Fluchtfahrzeug bekommen?“

„Ich soll meine Versicherungen hergeben? Was besseres fällt ihnen wohl nicht ein.“
Leo schien nicht begeistert. Bertram hatte auch nichts anderes erwartet.
„“Na ja, so läuft es eigentlich immer“, versuchte der Kommissar scheinbar zurückhaltend. „Wir geben etwas und sie geben auch etwas.“

Leo sah sich um. Er hätte schon Lust, sich von einigen der Leute hier zu trennen. Besonders diese Amazone und Walters Mutter. Sosehr er auch versuchte, hier den starken Mann zu markieren, er wollte Frau Sütting nicht schaden. Sie war so manches mal für ihn eingetreten und für ihn fast wie eine eigene Mutter.
Andererseits mochte er gerade sie nicht hergeben, genügte doch ihre einfache Anwesenheit, um ihm die nötige Stärke zu verleihen. Doch wenn er sie mit besonderer Vorsicht behandelte, würde es schnell wie ein abgekartetes Spiel aussehen. Damit konnte er ihr aber Schaden.



- Ulla Bach schrieb am 22.11.2004: -

Als Walter die drei wichtigsten Personen seines Lebens draußen vor der Eingangstür der Bank rauskommen und stehen sah, gab es für ihn kein Halten mehr. Mit voller Wucht stürmte er durch die Menschenmenge und Absperrungen, ohne überhaupt auf die umstehenden Polizisten zu achten. Auch Bertram reagierte zu langsam, um Walter aufhalten zu können. Verdammt, das war eine brenzlige Situation, und sofort gab Bertram brüllend durch das Megaphon die Anweisung, dass auf keinen Fall geschossen werden durfte.

Leo, der nicht gleich sehen konnte, welcher Mann auf sie zukam, geriet in Panik. Sofort griff er nach der alten Frau und zerrte sie vor sich als lebendes Schutzschild.

>>Leo, mach' keinen Unsinn. Ich bin's, der Walter.<< Schweiß triefte aus all seinen Poren, und er hatte nasskalte Hände. Doch das war ihm in diesem Moment so egal. Hauptsache, seine Lieben konnte er retten.

Und Leo gab endgültig auf. Er ging zwei Schritte nach hinten, schaute sich nach allen Seiten um, und beneidete seinen Freund, wie dieser gerade die Mutter und Freundin voller Glück umarmte. Der Schock und die Freude ließen alle drei bitterlich weinen.

Die Polizei hingegen war immer noch in Alarmbereitschaft, denn die Geiselnahme waren weder beendet, noch der Täter gefasst. Bertrams Nerven lagen blank. Vorsichtig gab er den am nächsten stehenden Beamten Zeichen, sie sollten langsam auf den Täter zugehen und ihn verhaften, ohne dass er zuvor Wind davon bekam.
Doch Leo spannte, was nun zwangsläufig folgen musste und sofort, fast panikartig, ging er wieder in Abwehrstellung, anstatt er endgültig aufgab und sich der Polizei stellte.

>>Ein Schritt weiter und ich erschieße mich!<<

Bertram hörte den Aufschrei, sah die zwei Geiseln und Walter geistesgegenwärtig weglaufen und noch bevor Leo sich erschießen konnte, der lauf der Waffe richtete er bereits an die Schläfe, war er überwältigt, verhaftet und vom Blickfeld der Menschenmasse, die von Minute zu Minute anschwoll, verschwunden.

Der überglückliche Walter, der es gar nicht fassen konnte, seine Lieben lebend vor sich stehen zu haben, umarmte immer wieder seine zwei Frauen und ließ seinen Tränen freien Lauf. So hatte Ellen ihn noch nie gesehen, geschweige denn erlebt. Und sie fand, dass sie ihn noch mehr liebte als zuvor. Ein schiefer Blick zu Walter, ein besorgter in Richtung seiner Mutter, nein, die Atmung war wieder okay, und schon hakte sie sich bei beiden ein:

>>Ich glaube, alles wird gut!<<



(Das gemeinsame Schreiben an dieser Erzählung endet mit diesem Beitrag von Ulla; der Zugang ist ab sofort für weitere Beiträge gesperrt.)


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