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Eine namenlose Geschichte ...



- Moderator schrieb am 19.05.2013: -

Nach längerer Pause geht´s nun an die nächste Fortsetzungsgeschichte im „Literarischen Café“. Fünf Autorinnen und Autoren haben sich gemeldet und wollen ihrer Phantasie freien Lauf lassen und gemeinsam einen literarischen Text verfassen, ohne große Vorbereitung, ohne großes Zögern und Überlegen, einfach so, quasi aus der Hüfte heraus. Was gar nicht so einfach ist, denn es gilt, einen bereits existierenden Text samt Handlung und Personen in Intervallen weiterzuspinnen.

Das Herausfordernde, das Spannende daran ist, daß niemand weiß, was dabei am Ende herauskommen wird, wie sich die Geschichte entwickeln wird, da jeder der Mit-Autoren seine eigenen Gedanken und Vorstellungen zur Handlung, zum Geschehen einbringen wird. Allenfalls derjenige, der beginnt, der die erste Spur legt, hat wohl eine gewisse Vorstellung von der Geschichte, die er eröffnet, doch anschließend entwickelt die Handlung erfahrungsgemäß ein unberechenbares Eigenleben. Die bisherigen Ergebnisse solcherart gemeinsamen Schreibens können sich sehen lassen, stellen durchaus literarisch etwas Vorzeigbares dar, obwohl die Texte mehr oder weniger aus dem Stand geschrieben wurden. Sie sollen nicht verlegt werden, nicht veröffentlich werden, sind einzig und allein der Schreiblust und -freude der Autoren geschuldet. Und nicht zuletzt: Es stellt eine hervorragende Übung für´s ernsthafte Schreiben dar.

Die Teilnehmer und ihre Reihfolge beim Schreiben:

Wolf
Rezeptfrei
Nikki
Ulla
spitzname



Für die Teilnehmer hier kurz die Regularien:


Textmenge: jeweils nicht mehr als 3 DIN A-4 Seiten.

Zeit: jeweils 5 Tage.

Reihenfolge unbedingt einhalten, sonst besteht die Gefahr des gegenseitigen
Blockierens; das EDV-Programm reagiert hier sehr empfindlich.

Es empfiehlt sich, den Text zunächst per Word-Programm zu schreiben und erst dann ins „Literarische Café“ einzugeben. Auf diese Weise kontrolliert sich auch die Textmenge besser. Bitte ohne Silbentrennung schreiben!

Wir werden sehen, wieviel Umläufe sich in der Autorenkette ergeben, bis die Geschichte, von der – auch Uggla kennt nur den Beginn, alles andere entzieht sich ihrer Einflußnahme – niemand weiß, wovon sie handelt, wie sie enden wird, zu einem vertretbaren Schluß gekommen ist. Falls ein Beitrag handwerklich verunglückt ist, bitte Hinweis an den Moderator, der dann gewünschte Korrekturen vornimmt.

Die Teilnehmer erhalten nun noch mittels separater Mail das Paßwort, mit dem sie Zugang zur „Autoren-Werkstatt“ haben, nachdem sie sich zuvor normal im „Literarischen Cafe“ einloggten.

Viel Freude, viel Kurzweil, viel unerschöpfliche Phantasie wünscht das „Literarische Café“.








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- Wolf schrieb am 21.05.2013: -


Die ganzen letzten Tage hatte es geregnet, nicht am Stück, doch wenn es selbst am Tag so dunkel wurde wie in der Nacht, goß es wie aus Kübeln. Verdammte Gegend. Kaum mal hatte die Sonne in letzter Zeit länger am Himmel gestanden. Noch bevor sie die Tür aufschließen kann, sieht sie, daß ihr der junge Pastor gefolgt ist. Nicht unsympathisch, doch sie hat jetzt keine Lust, mit ihm zu reden. Obwohl er der einzige ist, der sie am Grab nicht verächtlich gemustert hat. Und seine Rede war auch nicht so das Übliche, versuchte, ein bißchen originell zu klingen. Doch sie hatte gar nicht richtig hingehört, hatte nur auf den Sarg gestarrt und war dann wortlos weggelaufen, bevor noch irgendeiner ihr die Hand schütteln oder sonstwas in der Richtung versuchen konnte.

Kaum hat sie den Mantel ausgezogen, klopft es an der Tür. Es ist der Pastor, sie erkennt ihn schon durch das kleine Guckfenster. Widerwillig macht sie die Tür auf. Noch bevor er den Mund öffnen kann, sagt sie ihm, daß sie von ihm nichts hören will, von keinem aus diesem verdammten Nest. Und schlägt ihm die Tür vor der Nase zu. Was den wohl in das Kaff verschlagen hat, so ein junger Kerl? Kommt auch nicht von hier. Einen Augenblick bleibt er noch vor der Tür stehen, dann ist er verschwunden, sie kann´s am kleinen Fenster erkennen. Eine Sekunde lang überlegt sie, ob das richtig war, ihn so wegzujagen.

Als ob das Baby gewartet hätte, bis der Mann weg ist, geht die Schreierei los. Hunger und die Windel voll. Bevor sie es auf den Tisch packt, sieht sie rasch nach draußen, ob der Pastor wirklich verschwunden ist und nicht noch um das Haus streicht. Das Wasser hat aufgehört zu steigen. Viel höher darf es auch nicht kommen, dann läuft es in die Kellerschächte. Bloß das nicht noch. Der Regen hat nachgelassen, hört ganz auf. Was soll jetzt werden? Wie soll es weitergehen? Was ist mit dem Haus? Hat er wirklich keine weiteren Angehörigen, wie er immer sagte, nicht doch noch irgendeine Nichte, keinen Neffen? Sie kennt sich mit Verwandtschaft nicht aus, ist früh davon, wollte mit allem nichts zu schaffen haben. Seine Frau ist schon lange tot, Kinder hatten die beiden nicht, jedenfalls hat er ihr´s immer so erzählt. Aber stimmt das auch alles? Als sie ihn vor einem Jahr das erste Mal sah, konnte sie sich überhaupt nicht mehr an ihn erinnern. Als sie noch ganz klein war, hatte sie ihn mal gesehen, doch das war so lange her, davon war nichts in ihrem Gedächtnis hängengeblieben. Einer der Brüder ihrer Mutter, von dem sie nicht schlecht sprach, aber auch nicht gut, so, wie Geschwister eben übereinander reden, wenn sie sich kaum noch sehen. Er wollte von Anfang an nicht, daß sie Onkel zu ihm sagte, sollte ihn nur mit seinem Vornamen ansprechen. Na ja, das konnte er haben, das fiel ihr leicht. Irgendwie war er ein komischer Kauz, sie wurde nie so richtig schlau aus ihm. Sie kriegte die zwei Zimmer unterm Dach. Die waren eingerichtet mit alten Möbeln, halt Möbel, wie sie in seiner Zeit, als er jünger war, in den Wohnungen und Häusern rumstanden. Alles roch auch alt und verstaubt, und er ließ sie da oben gewähren, kümmerte sich nicht groß darum, was sie machte und wie sie ihre Tage verbrachte. Geld gab er ihr keins, jedenfalls nicht so einfach zum Ausgeben, nur für Sachen, die gebraucht wurden, was zum Essen, zum Anziehen, für sie und das Kind.

Bei ihm unten war´s gemütlicher als unterm Dach, und wenn sie wollte, konnte sie sich auch unten bei ihm aufhalten. Er las viel, rauchte Pfeife, selten mal eine Zigarette oder Zigarre. Sein Wohnzimmer war ziemlich groß, er heizte immer gut, und auch die Küche durfte sie benutzen, obwohl sie selbst eine kleine Kochnische hatte, gleich neben dem kleinen WC. Nur nichts zum Duschen gab´s oben, auch keine Wanne. Aber sie durfte sein Badezimmer in Beschlag nehmen, wenn er es nicht gerade selbst brauchte. Warum er sie aufgenommen hatte, wußte sie nicht. Als sie seine Adresse herausgefunden hatte und bei ihm vor der Tür stand, sah er sie eine ganze Weile stumm an, ließ sie fast ihre ganze Geschichte an der Türe erzählen, bevor er genau so stumm zur Seite trat und sie hereinließ. Er sagte nicht viel zu dem, was sie ihm erzählt hatte, und sie konnte überhaupt nicht erkennen, was er davon hielt.

Ihm ging´s offenbar ziemlich gut, was das Geld anging. Vor ein paar Jahren noch hatte er gearbeitet, war mal was Größeres bei einer Firma, die Maschinen baute, Geräte für Bauern, also Schlepper, Mähmaschinen und so was. Auf der Straße wurde er von vielen Leuten gegrüßt, obwohl er sich nach dem Tod seiner Frau wohl ziemlich zurückgezogen hatte. Auch wunderten sich viele und sahen ihn komisch an, nachdem sie bei ihm eingezogen war. Er gab sich keine große Mühe, den Leuten zu erklären, daß sie eine Nichte von ihm sei. Auch Sheriff Walton erklärte allen, nachdem sie sich bei ihm in seinem Büro angemeldet hatte, daß die Sache ganz in Ordnung sei und sie sich nicht weiter das Maul zerreißen sollten über Dinge, die sie nichts angingen. Wenn sie in den Kaufladen kam, hörten die Leute auf zu reden oder flüsterten in ihre Richtung. Deshalb ging sie weiter zum nächsten Laden, doch da war´s auch nicht viel besser. Irgendwann war´s ihr egal, was die Leute redeten. Es ging wohl nicht in ihre Schädel rein, daß zwischen ihr und dem Mann nichts lief, daß er nicht die geringsten Versuche unternommen hatte, mit ihr was anzufangen. Gut, er war ein ordentliches Stück älter als sie, doch was hätte das schon zu sagen, wenn sie ihm schöne Augen machte, stichelten die Leute, darauf verstünden sich doch alle jungen Frauen, und überhaupt, ob es wirklich ein Onkel von ihr sei, wer wollte das schon so genau wissen. Der Sheriff? Der vielleicht als allerletzter.

Erschöpft sinkt sie am Tisch auf einen Stuhl, sie ist unten geblieben, was soll sie jetzt noch nach oben laufen. Er kommt nicht mehr. So ganz einfach, ganz still hat er sich davongemacht, lag neben seinem Schreibtisch, als sie reinkam. Das Herz, sagte der Doc, ein neugieriger untersetzter Mann, dessen Augen sogleich suchend die Wohnung überflogen, das Herz habe ausgesetzt, das gäbe es, so aus dem Nichts heraus. Rasch erledigte er den Papierkram, drückte ihr davon was in die Hand und war rasch wieder draußen. Nicht mal eine Viertelstunde hatte alles gedauert. Das Kind ist ruhig, schläft auf der Couch im Wohnzimmer, wo es sonst noch nie gelegen hat. Emily ist ein ruhiges Kind, da ist Helen froh, sie plärrt selten, schläft meistens ziemlich durch, trinkt ordentlich und schaut sie dann mit dankbaren Augen an.

Jetzt ist es ganz ruhig geworden. Keine Regentropfen mehr, die gegen die Tür und die Fenster schlagen. Was nun, wie geht es weiter? Wem gehört denn das Haus jetzt? Wenn keine Verwandten da sind, wer kriegt dann das Haus? Hey, richtig, sie selbst ist ja auch Verwandtschaft, daran hatte sie überhaupt noch nicht gedacht! Bisher interessierte Helen das nicht, so wichtig ist es ihr auch jetzt nicht. Hauptsache, sie kann weiter wohnen bleiben. Für´s erste jedenfalls. Doch wovon soll sie leben, jetzt, wo der Onkel nicht mehr da ist. Miete könnte sie keine zahlen, wovon denn auch, wenn sie nicht arbeitet? Und was soll sie arbeiten? Gelernt hat sie nichts Richtiges, ein bißchen gejobbt, mal hier, mal da. Am besten kennt sie sich noch mit Tieren aus, mit Kühen, Pferden, jobbte mal einen Sommer lang auf einer Ranch im Süden. Ihr brummt jetzt mächtig der Kopf vom vielen Grübeln und Nachdenken, und sie steht auf und geht suchend durch die Räume, die unteren, die sie bislang kaum richtig wahrgenommen hat, bis auf das Badezimmer, nein, auch das Wohnzimmer kennt sie ja ziemlich gut, nur das Schlafzimmer hat sie noch nie gesehen, und das steuert sie jetzt als erstes an. Es ist ziemlich schummrig da drinnen, düster, dicke Vorhänge, dichte Gardinen, doch alles sieht sauber aus, nur eben ziemlich alt. Schränke bis an die Decke, Kommoden an allen Wänden und eine Art Sekretär am Fenster, mit Untersätzen an beiden Seiten. Helen zieht die erstbeste Schublade auf, und die ist angefüllt bis zum Rand mit allerlei schriftlichem Kram. Fahrig beginnt sie, darin zu suchen. Doch wonach soll sie suchen? Kaum hat sie ein Stück Papier in der Hand, noch dazu eins, das nach was Amtlichem aussieht, da vernimmt sie ein Geräusch im Haus, und als sie mit angehaltenem Atem genauer lauscht, hört sie, wie an der Haustür geklopft wird. Pause. Dann wieder das Klopfen, dieses Mal ziemlich heftig.











- Nikki schrieb am 17.06.2013: -


Wird doch nicht schon wieder der Pfarrer sein, denkt sie genervt und legt das Schriftstück zurück in die Schublade.
Das Klopfen wird energischer.
„Jaja, ich komme ja schon. Meine Güte wie kann man nur so nerven“, murmelt sie. Emily wird noch wach werden, du Depp, schimpft sie in Gedanken und dann ist sie an der Tür, schaut durchs Guckloch.
Sheriff Walton.
Was will der denn? Will er sie aus dem Haus jagen? Jetzt? Direkt nach der Beerdigung?
Das Klopfen wird von einem lauten „Miss Ponack!“ unterstützt.
Sie öffnet die Tür einen Spalt breit, stellt den Fuß quer davor.
„Was gibt’s?“
Ihr Gesichtsausdruck ist abweisend, ihre Haltung ebenfalls. Sie will jetzt nicht reden, sie will allein sein und diese verdammte Schublade weiter durchsuchen.
„Sie waren so schnell verschwunden. Ist alles okay?“
„Alles in Ordnung. Die Kleine musste ins Bett“, gibt sie knapp Auskunft.
„Ich wollte Ihnen noch mein Beileid aussprechen und sagen, wenn Sie Hilfe brauchen, Sie wissen wo mein Büro ist.“
„Danke.“
Sie schiebt die Tür wieder zu, doch sie schnappt nicht ins Schloss, der Sheriff ist schneller und hält dagegen.
„In den nächsten Tagen wird die Testatmentseröffnung sein“, merkt er noch an. „Halten Sie sich bitte zur Verfügung.“
„Ja, mach ich“, murmelt sie leise und schiebt mit Kraft die Tür zu. Diesmal schnappt das Schloss ein.
Sie atmet auf. Soll sie das ganze Pack doch in Ruhe lassen.
Sie geht zum Sekretär zurück und zieht die Schublade wieder auf. Ihre Augen suchen das Stück Papier, das so amtlich aussah. Helen nimmt es heraus und geht damit zum Fenster. Ehe sie jedoch einen genaueren Blick darauf werfen kann, klopft es schon wieder.
Sie ignoriert das Klopfen und liest was von Sohn, was von Test und Ergebnis.
Tock … Tock … Tock
Das Klopfen wird lauter. Emily weint.
Helen kann jetzt nicht mehr ignorieren, sie geht zum Kind, tröstet es und zum Glück schläft Emily wieder ein, ist nicht richtig wach gewesen. Doch das Klopfen hört nicht auf.
Sie geht zur Tür und schaut durch das Guckloch. Ein junger Mann mit blonden Dreadlocks und Ziegenbärtchen stand vor der Tür. Ihn hatte sie hier noch nie gesehen und er passte auch so gar nicht in das altstaubige Örtchen.
Noch bevor er wieder laut klopfen konnte, öffnete sie die Tür einen Spalt weit.
„Ja?“
„Hey, Süße. Hat hier der alte Eli gewohnt?“ Seine Stimme klingt überraschend angenehm.
„Ich bin nicht deine Süße“, kontert sie.
„Hey, reg dich nicht künstlich auf. Ich hab ja nur was wissen wollen.“
„Wer will denn was wissen?“
„Hey, schon klar. Kennst mich ja nicht. Ich bin der Colin.“
„Okey, Colin, und warum willst du das wissen?“ Sie ist nervös. Der Rastamann kennt Eli offenbar … ach nee, er kannte ihn. Eli ist tot. Begraben.
Seine Antwort zieht ihr den Boden unter den Füßen weg.
„Der Eli war mein Vater.“








- Ulla Bach schrieb am 23.06.2013: -


Unbewusst schaut sie auf ihre Hände, mit denen sie noch vor kurzem den Vaterschaftstest fest umklammerte. Im Bruchteil einer Sekunde wird ihr bewusst, dass sie den Test in die Schublade wieder reingelegt hat, bevor sie zu ihrem Baby ging, um es zu beruhigen.

„Darf ich rein?“

„Ja.“ Sie geht zur Seite und bittet ihn mit einer kurzen eindeutigen Handbewegung herein.

Sie nehmen im Wohnzimmer Platz. Totenstille. Er schaut sich interessiert um, spricht wie sie kein einziges Wort. Sie beobachtet ihn sehr aufmerksam. Ihr fällt gar nicht ein, ihm etwas anzubieten. Warum auch? Er ist ein Störenfried. Sie will weiter grübeln, trauern und suchen. Will wissen, was in dem Vaterschaftstest steht. Ist Colin wirklich ihr Cousin?

„Ich habe dich nicht auf der Beerdigung gesehen!“

„Du hast gar niemanden gesehen, Kusine. Du hast die ganze Zeit nur auf den Sarg gestarrt und nicht mitbekommen, was um dich herum geschah.“

Damit hat er durchaus recht. Sie wendet den Blick von ihm ab und schaut auf ihr schlafendes Kind. Wie friedlich die Tochter auf der Couch liegt und selig schlummert. Sie beneidet ihr Baby. Es kennt noch keine Sorgen, Zukunftsängste sind ihm fremd. Es braucht nur kurz zu schreien, wenn es Hunger hat oder die Windel voll ist, und schon wird es versorgt.

„In ein paar Tagen ist Testamentseröffnung. So hat es mir vorhin der Sheriff gesagt. Bist du auch eingeladen?“

„Ja!“

Wenn das so ist, denkt sie, dann muss er wohl doch ein Sohn von ihrem Onkel sein. Sonst hätte er ja nicht eine Einladung vom Notar bekommen, oder? Ihr läuft es heiß und kalt den Rücken runter. Sie sieht sich schon mit ihrem Baby auf der Straße stehen, ohne Bleibe, ohne Heim. Nach Hause zu ihren Eltern kann sie nicht mehr …
Aber wohin dann?
Sie macht immer noch keine Anstalten, dem Gast etwas anzubieten, obwohl sie selbst plötzlich einen schrecklichen Durst bekommen hat. Ihre Kehle scheint wie ausgetrocknet.
Sie gibt sich schließlich einen Ruck und steht auf, um in die Küche zu laufen und etwas zu trinken zu holen.

Als hätte er es geahnt, der smarte Gast. Er steht zeitgleich auf, drückt seine Kusine in den Sessel zurück und plaudert munter drauflos, als würden sie sich schon ewig kennen.

„Lass mal. Ich kann genauso gut nach was Trinkbarem schauen. Wasser steht im Kühlschrank? Gläser sind bestimmt in einem der Hängeschränke!?“

Helen hört ihn rumoren und wartet sehnsüchtig auf das erlösende Nass für ihre trockene Kehle. Ist schon komisch, da steht ein fremder Verwandter in der Küche und bedient sie. Doch genau genommen, ist es keine andere Sachlage. Der Onkel blieb ihr bis zuletzt ein Fremder. Zutrauliche Gespräche führten sie nicht. Nur einmal, das war als sie vor seiner Tür stand und um Asyl bat, öffnete sie ihr Herz.

„Hier bin ich.“ Colin stellt zwei Gläser und eine Flasche Wasser auf den Tisch und Helen übernimmt das Einschenken. Ein kurzes Zuprosten und schon spürt sie das befreiende Nass.

„Kanntest du deinen Vater persönlich?“

„Nein, wir hatten nur Briefkontakt. Ich bin heute zum ersten Mal hier. Wir schrieben uns regelmäßig. Seit Jahren schon. Ich hatte zwar vor, irgendwann mal meinen Erzeuger kennen zu lernen, aber nun bin ich zu spät gewesen.“ Colin schaut traurig in sein Wasserglas, doch im selben Moment, als die Stimmung wieder in der Talsenke verschwinden will, prostet er abermals seiner Kusine zu und spricht das aus, was er dachte, als er Helen vorhin an der Tür sah.

„Du bist hübsch. Hast du einen Freund?“







- spitzname schrieb am 27.06.2013: -






Es ist noch recht früh, als Helen aufwacht: Der Morgenchor der Vögel in den Gärten ringsum hat sie geweckt. Wer da alles singt, weiß sie nicht; sie hat sich noch nie dafür interessiert. Wofür hat sie sich denn eigentlich interessiert? Für Menschen? Nein. Seit langem schon nimmt sie Menschen und ihre Eigenarten nur dann genauer wahr, wenn sie ihr, Helens, Wohlbefinden fördern oder stören könnten.

Aber gerade diese wichtigen Personen behandelt sie oft mit einer unfassbaren Ungeschicklichkeit und Unhöflichkeit. Warum, zum Kuckuck, hat sie den Pastor so angeblafft? Und den gewiss wohlmeinenden Sheriff hätte sie mit der Haustür fast buchstäblich vor den Kopf gestoßen, wenn er nicht rechtzeitig einen Schritt zurückgetreten wäre!

Zu dem – echten oder angeblichen – Vetter war sie immerhin höflich, obwohl sie vor Nervosität fast zersprungen wäre. Unerwartet kam das Baby ihr zu Hilfe, vielleicht, weil es sich in dieser angespannten Atmosphäre unglücklich fühlte. Jedenfalls schrie Emily und ließ sich auch durch liebevolles Umhertragen nicht trösten. Helen brach schließlich selbst in Tränen aus. Colin fühlte sich diesem doppelten Jammer nicht gewachsen und verabschiedete sich hastig. Er werde bald wiederkommen.

Allmählich taucht sie auf aus ihrer frühmorgendlichen Bedrücktheit. Ein Plan zeichnet sich ab, dann klare Entschlüsse: Sie wird den Pastor anrufen und um Entschuldigung bitten. Sie wird den Sheriff ebenfalls anrufen, sich entschuldigen und ihn ersuchen, in des Onkels Haus mit ihr zusammen nach wichtigen Unterlagen zu forschen und sie ihr zu erklären. So wird man sie später nicht verdächtigen können, etwa Dokumente unterschlagen zu haben.

Sie bereitet sich also auf den neuen Tag vor, und erst jetzt fällt ihr ein, dass ja gestern auch etwas Erfreuliches geschehen ist. Jetzt steht das Ganze ihr wieder vor Augen:

Es ist Spätnachmittag. Emily ist friedlich und hält wieder ein Schläfchen auf der Couch. Helen hört ein Geräusch von irgendwoher im Haus – so wie vor ein paar Stunden; aber da hatte sie sich nicht darum kümmern können. Und auch jetzt klopft jemand an die Haustür. Auf ihrem Weg dorthin schaut sie kurz in die Küche: Ha! Ein Kater - dem dicken Kopf nach zu urteilen - springt hastig vom Tisch herunter auf den Fußboden. Helen nimmt sich nicht die Zeit herauszufinden, wie das Tier hereingekommen ist. Sie geht weiter zur Haustür. Wer immer davorsteht, ist jedenfalls ein Flegel. Solchen Lärm macht man doch nicht bei fremden Leuten! Immerhin ein Glück, dass der Mensch da draußen nicht auf die Klingel gedrückt hat. Das schrille Geräusch hätte Emily bestimmt aufgeweckt und zum Schreien gebracht.

Sie öffnet die Tür und schaut hinaus. Zwei Jungen, so um die zehn Jahre alt, stehen da und starren sie an. Helen sagt, nicht unfreundlich, "Hallo!", und sie antworten ebenfalls mit "Hallo!" Eine gewisse Erleichterung ist ihnen anzumerken; vielleicht befürchteten sie eine gereizte Reaktion wegen des Lärms, den sie gemacht haben.

Dann gibt der eine sich einen Ruck und sagt: "Wir wollen unseren Kater wiederhaben. Den haben Sie eingesperrt!" Ein Vorwurf schwingt mit. Die Situation erheitert sie. So fragt sie: "Ja, meint ihr? Und wie hab ich das denn angestellt?" Das wüssten sie nicht, murmeln die beiden. Vielleicht mit Futter angelockt?

Sie lädt sie ein, in die Küche zu kommen und den Kater selbst zu holen. "Wie heißt er denn?" Ah, Jeff also. Klingt kernig, energisch, männlich (sie hofft aber, dass er kastriert wurde). Die Jungen säubern, demonstrativ gesittet, vor dem Eintreten ihre Schuhsohlen auf der Matte. Der Kater erkennt sie, kommt zutraulich näher, begrüßt sie auf Kätzisch. Helen fordert sie auf, sich hinzusetzen, fragt sie, was sie trinken möchten. Beide bitten um Cola. – Der Kater bekommt nichts; sie will ihn nicht anfüttern.

Nun erkennt sie, wie der ungeladene Gast hereingekommen ist, lässt sich aber nichts anmerken: die Küchentür zum Garten hinter dem Haus ist leicht geöffnet. Anscheinend hatte Helen sie nicht abgeschlossen, bevor sie mit Kind und Kinderwagen das Haus verließ. Aber die Jungen selbst müssen sie aufgemacht und Jeff hineingeschoben oder –gescheucht haben. Eine durchsichtige Strategie! Die beiden waren einfach neugierig und der angeblich gekidnappte Kater ein Vorwand, das Haus in näheren Augenschein zu nehmen.

Sie stellt Salzgebäck auf den Tisch. Die Kinder fühlen sich nun ganz wohl hier, sehen sich ungezwungen um und machen Bemerkungen über alles, was ihnen auffällt. Helen fragt sie, ob sie ihr Baby sehen möchten. Sie wolle jetzt mal nachsehen, ob es noch schlafe. Sie müssten aber ganz leise sein, um Emily nicht zu erschrecken.

Die Jungen folgen ihr ins Wohnzimmer. Das kleine Mädchen schläft immer noch ruhig. So kehren sie bald zurück in die Küche.

Von draußen hören sie jemanden rufen. Eine weibliche Stimme: "Alvis! Liam!"

Alle zusammen gehen zur Haustür, auch Jeff, der ihnen ständig vor die Füße läuft, so dass sie achtgeben müssen. Draußen steht eine Nachbarin, eine noch junge Frau. Helen hat sie schon oft gesehen, aber nie mit ihr gesprochen, weil sie immer ein so abweisendes Gesicht machte. Auch jetzt wirft sie Helen nur einen giftigen Blick zu und sagt ihren Kindern kurz, sie sollten sofort nach Hause kommen und ihrem Vater helfen.

Sobald die Jungen mitsamt dem Kater verschwunden sind, wendet die Nachbarin sich Helen zu, sieht sie kurz an, starrt dann gerade vor sich hin und sagt: "Sie hätten die beiden nicht hereinlocken sollen!" "Nein? Ich hab mich aber gefreut, als sie kamen. Es sind sehr nette und intelligente Jungs. Man kann sich gut mit ihnen unterhalten. Mit meinem Baby allein ist es doch recht einsam, jetzt, wo mein Onkel nicht mehr da ist."

Es ist ihr eingefallen, dass sie Emilys wegen die Nachbarn und deren Kinder für sich gewinnen sollte. Vielleicht – hoffentlich – kann sie ja doch hierbleiben, und dann wäre es unklug, sich weiterhin zu isolieren.

Ein Wunder! Mit völlig veränderter Stimme stellt die Andere sich vor: "Mrs. Boehner", und auch Helen nennt ihren Namen. Sie kommen ins Gespräch. Die bemerkenswerten Charakterzüge und Begabungen der beiden Söhne werden ausführlich geschildert und andächtig angehört. Die jüngere Frau bittet um einen Rat, was Emilys Ernährung angeht: So allmählich müsse das Kind doch Beikost bekommen? Mit fast fünf Monaten? Was Mrs. Boehner dazu meine?

Die Altersangabe löst keine Überraschung aus. Die gesamte Nachbarschaft ist ja darüber im Bilde, wann das Baby geboren wurde. So wird denn Helen in bestimmtem Ton mitgeteilt, wie sie vorzugehen hat, damit das Kind gedeiht und sich wohlfühlt. Ehe sie aber an weiteren Erfahrungsschätzen teilhaben darf, kommt Alvis mit einer Botschaft seines Vaters: Er habe Hunger; wie es denn mit dem Essen stehe. Mrs. Boehner verabschiedet sich mit einem geradezu herzlichen Kopfnicken.

Während der Unterhaltung hat Helen bemerkt, dass sie vom gegenüberliegenden Haus aus beobachtet wird. Dort wurde plötzlich im ersten Stock die Innenjalousie an einem der Fenster so verstellt, dass der oder die Neugierige bequem hinausblicken kann, ohne selbst gesehen zu werden.

Mit unwillkürlichem Schulterzucken geht sie wieder nach drinnen. Noch ist sie in der Küche dabei, das Fläschchen vorzubereiten, da schrillt die vermaledeite Klingel. Prompt fängt das Baby an zu schreien, so dass es aufgenommen und beruhigt werden muss. Mit dem Kind auf dem Arm öffnet sie die Haustür.

Ein Mann und eine Frau stehen vor ihr, schwarz gekleidet, außerdem Mrs. Boehner, die die beiden vorstellt: "Wir haben uns ja eben so nett unterhalten, und da wollten Mrs. und Mr. Schierholt Sie auch gern kennenlernen. – Das sind Ihre Nachbarn von gegenüber. Sie waren heute auch auf der Beerdigung."

Boehner, Schierholt – lauter deutsche Namen, wie sie in diesem Städtchen vielfach zu finden sind, auch wenn sich ihre Aussprache geändert hat. Der Onkel hat ihr erzählt, dass die ursprüngliche Siedlung von deutschen Einwanderern gegründet wurde.

Jetzt hört Helen staunend, wie die beiden neuen Bekannten ihr alle möglichen Hilfsangebote machen: aufs Kind aufpassen, wenn sie mal etwas erledigen muss, oder auch Besorgungen für sie machen, sie und das Kind zum Arzt fahren. Und wenn sie einen Rat brauche oder einfach mal Gesellschaft haben möchte, könne sie jederzeit zu ihnen kommen. Mrs. Boehner mischt sich ein: Das gleiche gelte natürlich auch für sie selbst und ihren Mann, und die Jungs könnten ebenfalls manches für sie tun.






- Rezeptfrei schrieb am 28.06.2013: -



Helen machte gute Miene zu bösem Spiel und tat so als hörte Sie zu.
Seit dem Tod ihres Onkels hatte sie keine Minute für sich und ihr Baby. Außerdem war da noch eine andere Sache die ihr nicht aus dem Kopf ging und mit der sie sich jetzt viel lieber beschäftigen würde aber dafür müsste sie endlich mal allein sein. Ganz allein. Hatten die Nachbarn nicht gerade eben ihr vorgeschlagenen zu helfen und auch mal auf das Baby aufzupassen.
„Mrs. Schierholt können Sie spontan 2 Stunden auf mein Baby aufpassen.“ Helen reichte Mrs. Schierholt das Baby. Freudestrahlend nahm diese das Baby und sagte:" Gerne." „Danke, ich werde es in zwei Stunden bei Ihnen abholen. Die Babytasche und der Kinderwagen sind im Schuppen neben dem Haus. Sie können ihn einfach dort herausfahren.“
Helen schloss hinter sich die Tür ab. Zurückblieben die verdutzten Schierholts mit Baby und Mrs. Boehner.
Helen war es in diesen Moment egal denn endlich hatte sie Zeit sich „Der Sache“ anzunehmen.
Sie ging in die Küche holte aus dem Küchenschrank einen Kerzenständer mit Kerze zündet diesen an und ging in das Schlafzimmer von Ihrem Onkel. Dort öffnete sie den Kleiderschrank schob die Hosen, Jacken, Mäntel und Hemden beiseite und drückte mit der Faust gegen die Schrankwand. Wie aus Zauberhand bewegte sich die Schrankwand zur Seite. Sie hielt den leuchtenden Kerzenständer ins Dunkele nichts und kletterte durch den Schrank ins dunkle. Die Schrankwand hinter ihr schließt sich automatisch. Das spärliche Licht der Kerze ließ sie Umrisse eines alten Schreibtisches erkennen. Sie ging dorthin und machte die Schreibtischlampe an. Der eben noch dunkle Raum entpuppte sich als ein Horrorkabinett des Grauens. Helen viel geschockt auf dem Boden. Damit hätte sie nicht gerechnet. Ihr Onkel war doch so ein stiller Einsiedler und dann das. An der Wand links von ihr befand sich ein rotes Ledersofa auf denen saßen drei Leichen die freundlich ihr zu lächelten. Sie hielten eine große rechteckige Pappe in der Hand. Auf der Pappe stand blutverschmiert: Das ewige Wort wird nur in der Stille laut (Meister Eckhart). Helen zitterte ihr war so schlecht dass sie nicht kotzen konnte. Als sie wieder aufstehen wollte bemerkte sie dass sie eine Hand in ihrer Hand hielt. Sie wollte schreien aber es ging nicht. Sie wollte weg rennen aber es ging nicht. Erst jetzt sah sie auf dem Schreibtisch eine alte Schreibmaschine in der befand sich ein Blattpapier das beschriftet war. Sie gingen näher heran um zu lesen was dort drauf stand.
Ich bedanke mich ganz herzlich bei meinen Verlag die Zuckerzange bei meinen Verleger Heinrich von Post meiner Lektorin Gerdruth Müller meinen Fans für die Auszeichnung für meinen Roman „Aus eins mach drei“ vielen Dank.
Ihr Onkel ein Einsiedler einen Mörder rund einer Autor!






- Wolf schrieb am 03.07.2013: -


Emily leistete ganze Arbeit. Bevor Pastor Smith reagieren konnte, hatte sie ihm die Brille abmontiert, verbogen, von der Nase gezogen und, was sie meist tat, wenn sie mit ihren Händchen was zu fassen kriegte, nach kurzer Zeit fortgeworfen. Pastor Shmith war also ohne Brille, lächelte gequält und blinzelte suchend in die Runde.
„Na, Pastor“, bemerkte der Sheriff, „hoffentlich noch eine Brille in Reserve?“ Er bückte sich und hob die Reste der Brille auf, schob die zerbrochenen Gläser mit dem Stiefel zur Seite.
„Nein, nein“, stammelte der Pastor, „oder doch, ja, natürlich, aber nicht hier, im Haus habe ich eine, natürlich, da ist noch eine Brille, da habe ich noch eine.“

Das hatte Helen gerade noch gefehlt, sie fiel von einer Verlegenheit in die andere, kehrte fahrig die Glassplitter zusammen, entschuldigte sich fortwährend beim Pastor und redete vom Schadenersatz. Emily krähte freudig, schaute sich voller Tatendrang um, noch immer auf dem Arm von Pastor Smith, der nicht wußte, wie ihm geschehen war und in einer hilflosen Gebärde den Säugling dem Sheriff vor die Brust hielt, der aber zur Seite auswich.
„Nun halten Sie doch das Kind“, beschied er dem frommen Mann barsch, „Sie werden doch das Kind noch halten können. Lassen Sie Mrs. Ponack doch erst mal ihre Post vernünftig durchlesen. Dann sehen wir weiter.“

Langsam beruhigte sich Helen, sie konnte wieder halbwegs klare Gedanken fassen. Tief atmete sie durch, lächelte ihr Töchterchen an, das gerade dabei war, die Nase des Pastors einer gründlichen Untersuchung zu unterziehen.
„Mhmm“, räusperte sich Walton, der auch schon mal das eine oder andere Buch las, wenn er Lust dazu verspürte und ab und zu ins Theater ging, „Krimipreis 2012. In Old Germany.“
Dann sinnierte er weiter: „Auf Deutsch, mhmm.“
Ihm war deutlich anzusehen, wie er nachdachte.
„Elias Brown ist tot. Der hat das Ding doch verzapft.“ Walton verdrehte den Kopf zum Brief aus Deutschland, den Helen immer noch in der Hand hielt.
„Wie heißt das Ding denn, ich meine, wie heißt das Buch, wie heißt der Titel?“
Hastig überflog Helen den Text, hielt dann das Papier zum Fenster hin, um besser sehen zu können.
„Wenn es Nacht wird in Woodland.“ Sie schaute ungläubig erst den Sheriff, dann den weiter mit Emily kämpfenden Pastor an, blickte dann wieder auf den Brief, sprach leise wie zu sich selbst vor sich hin: „Untertitel: Eine Kriminalkomödie.“

„Woodland?“ Sheriff Walton riß die Augen auf, trat näher an Helen heran. „Das sind ja wir! Hey, unsere Stadt! Zeigen Sie mal her!“
Und schon hatte er Helen den Brief aus der Hand gezogen und las ihn aufmerksam.
„Über Woodland ein Buch schreiben. Nicht schlecht, der alte Knabe. Da hat Elias bestimmt ausgeteilt, hat uns einen vor den Latz geknallt, bestimmt hat er das.“ Walton lachte breit, gab Helen das Schreiben zurück."
„Es ist ja wohl eine Kriminalkomödie“, wandte Helen ein, „da geht’s nicht ganz so blutig zu, meistens jedenfalls.“
Pastor Smith´ ganze Aufmerksamkeit richtete sich auf Emily, die er nach wie vor auf den Armen hielt, immer wieder mal in wiegende Bewegungen verfallend.
Walton beobachtete ihn zwischendurch mit einem Seitenblick.
„Na, Pastor, so furchtbar viele davon haben Sie wohl noch nicht auf´m Arm gehabt bisher, was?“ Dabei kicherte er amüsiert und stubste Emily mit dem Finger auf die Nase, die sogleich noch lebhafter in des Pastors Armen wurde. Walton wußte, daß Smith keine eigenen Kinder hatte. Was er aber nicht wußte, war, daß dessen Frau im Augenblick auf und davon war.

Inzwischen untersuchte Helen den großen Briefumschlag weiter. Vielleicht gab es noch mehr über das Buch zu erfahren, vielleicht war es ja mitgeschickt worden, falls es ein dünnes Exemplar sein sollte. Oder vielleicht das Manuskript. Nichts davon war im Umschlag, dafür die Einladung zur einer Lesung bei der nächsten „LitCologne“, einer in Deutschland ziemlich bekannten Literaturveranstaltung in Köln, wo auch der Verlag seinen Sitz hatte. Na ja, vorlesen konnte der Onkel ja nun selbst nicht mehr. Vielleicht Helen? Als seine Nichte? Sheriff Walton unterbrach Helens Gedankenströme.
„Was Ihre Finanzen angeht, junge Dame“, begann er, „das geht mich ja eigentlich nicht so viel an. Aber“, er hustete seinen Raucherhusten, „falls Sie ja ein bißchen vom Zaster des alten Knaben erben sollten, nur für den Fall mal angenommen, dann übernehmen Sie ja vielleicht auch noch andere Rechte, oder?“
Walton machte eine bedeutungsvolle Pause. Niemand nutzte sie, und so fuhr er fort:
„Wenn das Buch bei den Deutschen so eingeschlagen hat, da könnte man es doch auch mal übersetzen lassen, ich meine, so daß die Leute hier, die nicht gerade aus Deutschland stammen, und das sind inzwischen die meisten, das verdammte Ding auch lesen könnten. Und wenn Sie, Mrs. Ponack, bei der Erbenliste ganz oben stehen sollten, wovon ich mal ganz vorsichtig ausgehe, denn wer sollte sonst noch die Hand aufhalten können, bestimmt nicht dieser windige Colin, dann gingen doch die Tantiemen oder wie man das verdammte Zeug nennt, in Ihre Tasche. Oder liege ich da völlig falsch?“
Helen sah den Sheriff mit weit aufgerissenen Augen an, konnte nichts antworten.
Walton faßte das als Aufforderung auf, weiter drauflos zu reden.
„Und überhaupt. Was ist denn mit den Tantiemen für die Schwarten“, er verbesserte sich sofort, „mit den Büchern, die bei den Deutschen schon über die Ladentheke gegangen sind? Wer hat die kassiert? Der alte Eli? Da müßte ja sein Bankkonto überquellen. Also“, wieder machte er eine wichtige Pause, sah sich in der Runde um, „da müssen wir, da müssen Sie so schnell wie möglich zu diesem Notar hin, damit Klarheit geschafft wird.“
Er straffte die Figur, ganz Sheriff. „In meinem Distrikt geht´s ordentlich und gesetzestreu zu, dafür stehe ich gerade, Missis.“

Helen wedelte hilflos mit dem Bündel Papier. „Und noch ein Manuskript“, brachte sie heraus, „das ist nicht das von der Kriminalkomödie, das ist was Neues, noch nicht gedruckt, so sieht es jedenfalls aus.“
Walton nickte mit dem Kopf. „Ja klar, das auch noch. Also, junges Fräulein, da kriegen wir ja richtig was zu tun hier in dem verschlafenen Nest.“ Er strahlte alle an.

Im Nu versiegelte Walton jetzt den Sekretär, drängte alle aus dem Schlafzimmer, versiegelte anschließend in Windeseile auch die Zimmertür. Dann hielt er einen Augenblick inne.
„Mhmm, Kriminalkomödie, sagen Sie? Vielleicht kann man das ja auch auf der Bühne spielen. Hier bei uns. In unserem Theater. Was heißt in unserem Theater, überall in den Theatern im Distrikt. Mal richtig lachen und brüllen über die Leute in Woodland. Das wär´s doch. Vielleicht kann man ja das Buch ´n bißchen umschreiben, Mrs. Ponack. Das wär ´n Ding, was?“
Helen schwindelte, sie mußte sich an der Wand abstützen, hatte atemlos dem Redeschwall des Sheriffs gelauscht.
Walton war noch nicht am Ende. „Also, junge Frau, sobald wie möglich auf zum Notar in Westmoore, ich sorge dafür, daß Sie da in den nächsten Tagen schon antanzen können.“
Wieder sinnierte Walton vor sich hin. „Mhmm, ein Theaterstück, mit Vorhang, Klingel, Scheinwerfern und so was.“ Er überlegte weiter. „Und ich als Sheriff, ich als Sheriff!“ Er lachte dröhnend, wollte sich überhaupt nicht mehr beruhigen.
Emily hatte sich jetzt den Hemdkragen von Pastor Smith vorgenommen.










- Nikki schrieb am 15.07.2013: -

[In diesem Kaff ist es unheimlich.
Irgendwas geschieht hier, ich kann es nicht fassen oder beschreiben, aber die Atmosphäre ist ungut. Die Leute hier schalten von einem Moment zum andern radikal um. Von freundlich auf unfreundlich, von nett auf bösartig. Was ist es, das diese Wesensänderungen auslöst?
Der Pfaffe und der Sheriff scheinen mehr darüber zu wissen, aber noch konnte ich ihnen nichts entlocken. Vielleicht schaffe ich es, wenn mein Manuskript hier in den Staaten veröffentlicht wird. Wenn sie den Spiegel vorgehalten kriegen und jeder ihr klägliches kleines Leben nachlesen kann.
Sheriff Walton hat jedenfalls keinen Verdacht geschöpft, als ich ihn nach kriminaltechnischen Dingen ausgefragt habe. Hat mir anstandslos alles über Ballistik und Schusswaffen erzählt, was er wusste.
Wenn ich doch nur Helen und die Kleine beschützen könnte … Scheiße, ich weiß nicht mal wovor ich sie beschützen will.
Vielleicht vor der Kleinkariertheit hier im Town, vielleicht vor den lüsternen Blicken, die der Walton ihr zuwirft.
Das Kindchen ist nicht zu beneiden. Hat ihr einer ein Kind gemacht und sie dann fröhlich betrogen.
Kommt mir irgendwie bekannt vor, leider.
Ich habe in meinem Leben so viele Fehler gemacht – und jetzt nicht die Zeit, alle zu bereinigen.
Die alte Scheune, hinten beim Weiher, ich glaube, da liegt das Geheimnis dieses Ortes begraben. Gestern waren dort wieder dieses unheimliche Heulen und das Jammern zu hören. Leise, aber da. War wieder hingelaufen. Der Ort zieht mich magisch an. Weiß keiner mehr, wem das verfallene Teil mal gehört hat. Dabei sind die hier doch Meister der Spionage. Hinter jedem Fenster steht einer und guckt: ob man regelmäßig den Rasen mäht und er die richtige Höhe einhält, ob man einkaufen geht, in die Bar geht, zur Bank und ob man mit einem Grinsen auf dem Gesicht wieder rauskommt … und ganz besonders, ob man auch jeden Samstag und Sonntag in die Kirche geht. Was Wichtigeres gibt es hier im Town nicht. Sei ein guter Christ und keiner tut dir was.
Die alte Scheune … was verbirgt sie? Oder ist der stille Weiher? Ich weiß es nicht. Aber mit den Leuten hier stimmt was nicht. Sie sind typisch deutsch: nehmen alles grundgenau, eher bürokratisch, tragen weiße Socken zu Sandalen und kurzen Hosen – halt wie es so ist. Aber es stimmt hier was nicht. Ich weiß nicht was es ist, es macht mich verrückt. Hab alles in mein Manuskript geschrieben, vielleicht findet einer das Geheimnis heraus, wenn er es liest. Muss aber genau hingucken … auch … Scheune muss … gucken … nach dem Weiher …
Helen, pass auf die Kleine auf … Colin … helfen …]

Hier bricht der Text im Tagebuch des alten Eli ab.
Helen schaut verwirrt auf die vergilbte, schmutzige Seite. Das Buch ist alt, der Text darin neu. Colin, der doch eigentlich selbst so undurchsichtig ist. Sheriff Walton hat gesagt in dem Brief hätte gestanden, dass er nicht Elis Sohn sei. Aber Eli hat ihn hier erwähnt. Doch wie ist das Gestammel zu deuten? Helen überlegt. Soll sie Colin helfen oder kann er ihr helfen. Und Was meinte der Onkel mit dem Manuskript? Welches überhaupt? Helen brummt der Schädel.
Sie schiebt das Tagebuch zurück unter ihr Kopfkissen und geht dann in die Küche, schenkt sich ein Glas kühles Wasser ein. Es tut gut, als es ihre Kehle hinabläuft.
Helen schaut auf dem Weg zurück ins Bett in Emilys Zimmer. Die Kleine schläft tief und ruhig. Lächelnd streicht Helen dem Baby über die Wange.

Am nächsten Morgen klopft es an der Hintertür. Erschrocken fährt Helen herum und verschüttet den Kaffee aus ihrer Tasse. Sheriff Walton steht auf der Veranda.
„Entschuldigung Miss Ponack. Aber ich war gerade nebenan bei den Boehners und dachte, ich komm schnell vorbei, um Ihnen zu sagen, dass die Testamentseröffnung morgen Nachmittag sein wird.“
Helen beobachtet vor allem den Blick des Mannes. Nachdem, was sie in der vergangenen Nacht über ihn gelesen hat … Ja, er schaut sie mit einem eigenartigen Blick an.
„Vielen Dank, Sheriff. Kaffee?“
„Nein, ich muss weiter. Also, dann morgen Nachmittag im Büro von Anwalt Denton.“ Er hebt die Hand an die Hutkrempe, nickt grüßend und geht.
Helen schließt rasch die Verandatür.
Sie wischt den verschütteten Kaffee auf und fragt sich, wie das alles enden wird.
Von oben ist fröhliches Gekreische zu hören. Emily ist aufgewacht und Helen eilt ins Zimmer ihrer Tochter. Das Mädchen scheint mit der Luft und den Sonnenstrahlen zu spielen. Es gluckst und fuchtelt mit den Händchen.
Helen bleibt in der Tür stehen und genießt den Anblick.
Helen … pass auf die Kleine auf …
Sie hört die Stimme, aber sie sieht nicht wer spricht. Schnell läuft sie an Emilys Bettchen und nimmt die Kleine in den Arm. Sie hält sie ganz fest an sich gedrückt.
[Hhheeelleeen … Eemmiillyy … Ccoolliinn]
Sie läuft aus dem Zimmer. Emily protestiert gegen das Festgehaltenwerden. Erst unten im Wohnzimmer lässt Helen ein wenig lockerer. Die Stimme ist fort. Helen beruhigt sich. Bestimmt wirkt der Tagebucheintrag des alten Eli noch nach, denkt sie.
Dann macht sie Emily sauber und gibt ihr die Flasche.
Später nimmt sie noch einmal den Umschlag aus Deutschland in die Hand und schaut nach dem Titel des ausgezeichneten Buches. Dann nimmt sie Papier und Stift und schreibt zurück, ihr Onkel sei verstorben und sie würde sich sehr für das Buch interessieren und ob es möglich sei, ihr ein Exemplar zu schicken. Sie wäre auch gerne bereit, für ihren Onkel einzuspringen.
Helen steckt den Brief in einen Umschlag, klebt eine Marke darauf. Während eines kurzen Spazierganges mit Emily bringt sie ihn zur Post.
Die Entscheidung ist gefallen.
Helen wird das Erbe des alten Eli antreten und das Geheimnis dieses Ortes und seiner Bewohner lüften.









- Ulla Bach schrieb am 22.07.2013: -


Helen macht sich so ihre Gedanken. Würde sie nun endgültig ihren Verstand verlieren, oder spielt da jemand einen Streich mit ihr? Hat sie wirklich eine Stimme gehört? Sind die Tagebucheintragungen ernst zu nehmen oder waren das eventuelle Handlungsstränge für ein Manuskript. Alles ist möglich. Doch zuviel für Helen. Es wird ihr sehr schmerzlich bewusst, wie stark sie ihren Onkel vermisst. Wäre er noch da, quicklebendig und wortkarg wie immer, hätte sie keinerlei Probleme, jedenfalls keine wie diese, die sie zurzeit plagen.
Nachdem sie lange in sich gekehrt war und alles plausibel überdachte, nimmt sie sich vor, sich nicht selbst verrückt zu machen. Sie würde abwarten. Abwarten, was im preisgekrönten Roman stand, um zu erfahren, ob das Unheimliche im Tagebuch reine Fantasie war. Abwarten, was die Testamentseröffnung ihr bescheren würde. Abwarten, ob Colin nun ein Vetter ist oder als Betrüger entlarvt werden würde.
Zur Bestätigung ihrer besonnen Überlegungen gelingt es ihr, die Sachlage optimistischer zu sehen. Alles wird gut! Davon ist sie überzeugt. Tief im Innern fühlt sie sich stark und weiß auch ganz genau, was sie jetzt tun sollte. Sie beginnt, das Haus zu putzen. Sie reißt alle Fenster auf, lässt frische Luft hinein, atmet tief durch und säubert guten Mutes ein Zimmer nach dem anderen. Das versiegelte Zimmer würde die morgen nach dem Notartermin besonders gründlich reinigen. Das Putzen und Werkeln macht ihr Spaß. Zwischendurch versorgt sie ihre Tochter und trägt sie auf dem Rücken in einem speziellen, dafür vorgesehen Tuch, wenn das Baby mal nicht schläft. Bald hat sie es geschafft. Das Haus blitzt und übermorgen würde sie sich den Garten vornehmen. Trotz der anstrengenden Arbeit ist sie noch voller Tatendrang, doch sie zwingt sich dazu, die restlichen Stunden des Abends für sich zu nutzen. Mit einem Schaumbad und leiser Musik. Was sie auch in die Tat umsetzt, sobald das Baby frisch gebadet, mit einem süßen Nachtstrampelanzug angezogen und gesättigt im Bettchen liegt, um gleich nach dem Gute-Nacht-Kuss der Mutter in das Reich der Träume einzutauchen.
Helen liegt in der Wanne und überdenkt den morgigen Tag. Ein wenig mulmig ist ihr schon, weil sie nicht weiß, was auf sie zukommen wird. Es ist ein entscheidender Tag. Entscheidend für ihr Leben und ihres Babys. Als plötzlich die Müdigkeit sie überfällt, zieht Helen den Stöpsel und steigt aus der Wanne, trocknet sich ab und geht nackt ins Bett, doch zuvor schaut sie nach dem Baby, das selig schläft.

Am nächsten Morgen, gleich nach dem Lüften der Räume, versorgt sie das Baby und bittet die Nachbarin, Mrs. Boehner, auf Emily aufzupassen, weil sie ja zum Notar müsse. Mrs. Boehner übernimmt natürlich sehr gern diese Aufgabe und versichert Helen, das Baby würde bei ihr viel Spaß haben. Sie übernimmt Emily samt dem Kinderwagen.

„Ich werde ein wenig spazieren gehen, wenn es Ihnen recht ist, Mrs. Ponack.“

„Ja, natürlich. Emily lässt sich gern mit dem Wagen spazieren fahren.“ Helen lächelt die Nachbarin an. Mrs. Boehner lächelt zurück.

Die Stimmung ist ziemlich angespannt. Es sitzen mehrere Personen am Tisch, der Notar am Schreibtisch. Das Büro, hell und modern eingerichtet, liegt zur Westseite, sodass die Sonnenstrahlen noch nicht durch die großen Fenster durchdringen können. Ein Fenster ist gekippt und die Klienten können somit Vogelgezwitscher von der Straße hören.
Der Notar, ein großer, stattlicher Mann, begrüßt die geladenen Personen und beginnt mit ruhiger Stimme mit der Eröffnung des letzten Willens seines verstorbenen Klienten Eli.
Zuvor begrüßte er Helen, den Sheriff, Colin und den Pfarrer.









- spitzname schrieb am 31.07.2013: -


Der Notar unterbricht sich und blättert in den Unterlagen. Eine kleine Pause entsteht. Helen sieht sich um, schaut in die Gesichter der anderen. Der Pastor hält den Kopf gesenkt. Colin erwidert ihren Blick nur kurz. So hellblond sein Ziegenbärtchen auch ist – es hebt sich auffallend ab von der noch fahleren Gesichtshaut. Der junge Mann und der Sheriff sind etwas verspätet gekommen; die anderen haben auf sie warten müssen. - Walton starrt sie an; seine Miene ist ernst, aber plötzlich zwinkert er Helen zu. Sie verschluckt sich fast, möchte lachen, aber gleichzeitig spürt sie ihr starkes Herzklopfen bis in den Hals hinein. Was hat er vor?

Der Sheriff und sie – und Colin! – wissen mehr als der Notar.

Als Helen am Straßenrand auf Walton wartete, der sie abholen wollte zur Testamentseröffnung, bemerkte sie eine Bewegung im Gebüsch in Onkel Elis Garten, an der Hausecke. Ganz kurz sah sie ein Gesicht unten zwischen den Zweigen. Colin? Warum kroch er dort herum? Oder hatte sie sich geirrt? Sie wurde unruhig. Des Onkels Tagebuch fiel ihr ein; und plötzlich begriff sie, dass jemand ihr eine Falle stellen, sie in einer bestimmten Richtung hatte beeinflussen wollen. Das Tagebuch, eigentlich nur das Bruchstück eines solchen, war nicht echt. Eli hatte doch all seine Aufzeichnungen und Dokumente im Sekretär aufbewahrt. Warum hätte er dann gerade diese Blätter in den großen Kleiderschrank auf dem Flur gelegt? Das merkwürdige Stammeln am Schluss des Textes sollte gewiss des Onkels schwindende Kräfte kurz vor seinem Tod suggerieren.

So war der Ort, an dem sie, Helen, das Tagebuch fand, eine Verlegenheitslösung gewesen. Der Sekretär und das Schlafzimmer selbst waren ja nicht zugänglich, weil versiegelt.

Waren nun diese Seiten wirklich eine Fälschung? Colin hatte selbst erzählt, dass "sein Vater" und er einander geschrieben hätten. Er war also mit dessen Schrift vertraut und hätte sie nachahmen können. Das Testament kannte er wohl nicht, musste aber damit rechnen, dass er wegen des negativen Ergebnisses des Vaterschaftstests nichts erben würde. So sollte das Tagebuch vielleicht wie eine Ergänzung, ein Kodizill, wirken und ihm doch noch etwas einbringen. Es war ja anscheinend später als das Testament geschrieben worden und hob es deshalb vielleicht auf oder modifizierte es.

Und noch etwas: Colin hatte vermutlich gelogen, als er behauptete, er sei noch nie vorher in Elis Haus gewesen; sie hätten nur korrespondiert. Woher wusste er dann so genau, dass es in der Küche Hängeschränke gab? In so alten Häusern waren sie nicht selbstverständlich.

Dies alles schoss ihr durch den Kopf. Als sie Sheriff Walton in seinem Wagen herankommen sah, winkte sie ihm heftig zu. Er ließ sie einsteigen, wendete schnell. An der nächsten Kreuzung ließ sie ihn auf einen schmalen Fahrweg abbiegen, der, wie sie wusste, parallel zu ihrer Straße zurück- und schließlich hinter ihrem Garten vorbeiführte. Hier fanden sie einen versteckten Platz zum Parken. In fiebriger Eile erzählte sie von ihren Beobachtungen und Überlegungen. Walton reagierte sofort, ließ den Deputy Sheriff kommen, bat Pastor Smith, Helen an der Kreuzung abzuholen. Er selbst wollte Colin, wenn möglich, im Haus überraschen.

Sie kehrt in die Gegenwart zurück. Der Notar hat das richtige Dokument gefunden. Er bestätigt, dass das Testament korrekt abgefasst und unterschrieben wurde. Zwei Personen haben die Echtheit beglaubigt: der Notar selbst und sein Kanzleileiter.

Der Letzte Wille wurde kurz nach Emilys Geburt geschrieben. Elias Brown macht darin sehr deutlich, warum er seiner Schwester und dem älteren seiner beiden Brüder nichts hinterlässt: Die Schwester hat nichts getan, um ihre Tochter zu schützen, und der Bruder hat sich kein einziges Mal um ihn, Elias, und ihrer beider Nichte Helen gekümmert, obwohl er weiß, dass sie nun in Woodland wohnt. Dem jüngeren Bruder – auf seiner Farm hat Helen eine Zeitlang gearbeitet - vermacht er einen ansehnlichen Geldbetrag.

Helen ist Alleinerbin. Das Haus gehört ihr; außerdem ist für sie und Emily umfassend und reichlich gesorgt. - Sie darf selbst bestimmen, wie sie mit Elis Buchrechten und möglichen Tantiemen umgehen will bei Veröffentlichungen in Deutschland und, bei Übersetzungen, in anderen Ländern.

Einige weitere Vermächtnisse sind aufgeführt: Die Zinsen aus bestimmten Geldanlagen sollen dem örtlichen Kindergarten und der öffentlichen Bücherei zufließen.

Sheriff Walton darf sich, wenn er mag, einen der antiken Schränke aussuchen, die Elias vor Jahren in Portugal erworben hat. Der Erblasser erwähnt hier überraschend, dass er eines seiner Bücher dem Freund gewidmet hat.

Für Pastor Smith und seine Frau gibt es ein großzügiges Abonnement für Konzerte und Theateraufführungen in der nahegelegenen Großstadt. Außerdem liegt ein angemessener Betrag für entsprechende Hotelübernachtungen bereit. Als der Notar diesen Passus vorliest, atmet der Pastor tief durch. Seine Miene hellt sich auf.

Notar Denton macht nun eine wirksame Pause. Dann: "Jetzt kommen wir zu einem schwierigen, vielleicht schmerzlichen Thema. Elias Brown hat hier etwas über Mr. Colin Kraft geschrieben."

Der Sheriff unterbricht ihn mit einer Entschuldigung. Er habe etwas Wichtiges zu berichten. Jetzt aber ist er es, der unterbrochen wird: Colin fährt aus seinem Stuhl auf, der krachend umfällt. Mit zwei Schritten ist der junge Mann an der Tür, reißt sie auf, will hinausstürmen. Blitzschnell tritt ihm der Deputy Sheriff, der draußen gewartet hat, entgegen, lässt ihn nicht vorbei, drängt ihn in den Besprechungsraum zurück und bleibt an der wieder geschlossenen Tür stehen.

Walton führt Colin energisch an seinen Platz zurück. Mit der einen Hand richtet er den Stuhl wieder auf, mit der anderen hält er das Handgelenk des Jüngeren umklammert. Colin setzt sich widerstrebend. Sein Gesicht ist jetzt stark gerötet. Walton bittet den Notar, doch lieber mit dem Verlesen des Testaments fortzufahren.

Denton sieht die Zuhörer an, räuspert sich, liest:

"Colin Kraft hat immer im Glauben gelebt, er sei mein Sohn. Seine Mutter bestärkte ihn darin, ebenso wie mich selbst. Schließlich ließ ich jedoch einen Vaterschaftstest durchführen, durch den sich diese Überzeugung als unbegründet erwies.

Weil ich Colin aber lange Zeit als meinen Sohn betrachtet habe, so hinterlasse ich ihm eine Eigentumswohnung und Mittel zu ihrer Möblierung und Instandhaltung." Die entsprechenden Einzelheiten werden genannt.

Wieder fährt der junge Mann in die Höhe, will etwas sagen. Der Sheriff zieht ihn auf seinen Platz zurück. "Du brauchst Bedenkzeit!", sagt er und nickt dann Helen zu.








- Rezeptfrei schrieb am 11.08.2013: -


Collins Gesicht wurde rot vor Wut. Er brüllte über den Tisch:" Dies ist
eine Intrige gegen mich. Er ist mein Vater. Wer hat das Testament
gefälscht? Ich kann beweisen dass er mein Vater war." Er guckte erst den
Sheriff an, dann den Danton und die Helen.

Ihr; Ihr steckt dahinter; dies ist eine Intrige.

Ihr wollt nur nicht, dass ich das Haus und das Grundstücken bekomme,
weil sonst Helen leer ausginge. Der Sheriff strich ihn mit der Hand
beruhigend über den Rücken. Colin beruhige dich es ist alles in Ordnung.
Er reicht ihm ein Glas Wasser. Trink einen Schluck mein Junge das
beruhigt die Nerven. Colin nahm das Glas und leerte es mit einem Zug.
Danach musste er rülpsen.

Danton schaute in die Runde und sprach:" Nun da ja keiner mehr eine
Fragen hat und jeder verstanden hat was er erbt, bitte ich euch noch den
Zettel hierzu unterschreiben, dass ihr das Erbe annehmt.

Er reichte das Blattpapier herum. Als das Papier bei Colin war,
starrten sie ihn alle an. Der gerade eben noch kaum zu beruhigenden
Colin war sampft wie ein Lamm. Er gähnte in die Runde unterzeichnete das
Papier mit zitternder Hand. Dann fiel sein Kopf auf den Tisch. Danton
stand auf und beugte sich über den Tisch. Hat er noch unterschrieben.
Der Sheriff nickte. Gut! Er guckte den Sheriff an:" Entsorgen Sie ihn
unauffällig, später. Schließen Sie die Tür von innen ab.

Der Notar holte aus seiner Aktentasche ein Testament. Er blickte in die
Runde räusperte sich, so nun zum wichtigsten Teil dieses Testamentes.






- Wolf schrieb am 26.08.2013: -


Helen war nicht entgangen, daß sich das oft fast noch jungenhaft wirkende Gesicht des Pastors schlagartig veränderte, nachdem er eine Kurznachricht auf seinem Mobiltelefon gelesen hatte. Um seine Mundwinkel zuckte es, doch Helen fragte nicht weiter nach, wunderte sich zwar, daß seine Frau sich nicht blicken ließ, folgte dann jedoch dankbar der Haushälterin, die ihr das Zimmer zeigte, in dem sie fürs erste mit Emily unterkommen konnte. In der Nacht schreckte sie oft auf, Emily tat es ihr gleich, weinte ein paarmal, aber leise, so als ob sie wüßte, daß sie sich in einem fremden Haus aufhielten. Lange lag Helen wach. Es war alles ziemlich viel, was da auf sie einstürzte, ihr junges Leben hatte in den letzten Tagen dramatische Wendungen erfahren, im Wechsel überfielen sie Freude und Resignation, Hoffnung und Depression. Das brennende Haus hatte ihr gerade noch gefehlt, kaum daß sie geglaubt hatte, einen Punkt erreicht zu haben, von dem es vielleicht wieder aufwärts gehen könnte.

Am nächsten Morgen fühlt sie sich wie gerädert, und auch Emily zeigt Spuren der letzten Zeit, wirkt nicht so munter wie sonst. Doch ist es ein Omen, ein erstes Zeichen einer Wende, eines neuen Aufbruchs, daß die Sonne scheint, als Helen die Vorhänge zur Seite schiebt? Strahlend hell steht sie kurz überm Horizont am Himmel, nach meist dunklen Tagen mit tiefhängenden Wolken, die Regen und Wind vor sich hertrieben und den Menschen ins Gesicht jagten?

Ja, wie geht nun die Geschichte weiter mit Helen, mit Emily und den anderen Menschen, die überraschend in das Leben der jungen Frau eingedrungen sind und es ziemlich veränderten und auch künftig weiter beeinflussen werden? Mitunter entwickelt sich etwas zum Guten, auch wenn es am Anfang nicht danach aussieht. Bei Helen glaubte das Schicksal wohl, daß sie in ihren jungen Jahren fürs erste genug schwere Prüfungen hinter sich gebracht hat. Und so fügt es sich, daß entgegen dem ersten Anschein Elias Browns Haus nun doch noch zu retten ist, aber Helen bezieht es nicht, sondern vermietet es an ältere Leute, die nicht auf Rosen gebettet sind und deren Miete sie so niedrig hält, daß von einer Rendite nicht die Rede sein kann.

Des Pastors Frau ist auf und davon, und das bleibt sie auch. Nach der Scheidung wird sie nicht mehr in der Gegend gesehen. Keiner vermißt sie besonders, und es dauert dann auch nicht lange, bis Pastor Smith wieder mit seinem Jungengesicht aufwartet und an Helen, die immer noch in seinem Haus unterm Dach wohnt, Gefallen findet. Helen zögert noch ein Weilchen, muß sich an die neue Situation erst gewöhnen, doch spätestens seit Emily die nächste Brille des jungen Geistlichen in zwei Teile zerlegt hat und überhaupt nicht mehr von seinem Schoß herunterwill, erwidert Helen zaghaft die Zuneigung, die ihr Stephen Smith geduldig und behutsam entgegenbringt.

Nach einem Jahr heiraten sie, und das ganze Städtchen ist aus dem Häuschen. Onkel Elias hat neben seinem sonstigen Vermögen ein erstaunliches literarisches Erbe hinterlassen. Helen reist nach Deutschland, tingelt wochenlang auf Lesereisen durch die größeren Städte. „Wenn es Nacht wird in Woodland“ mausert sich über den Krimipreis hinaus zum absoluten Renner; es ist eben kein blutrünstiges Stück, sondern punktet mit Witz, Charme, pointierten Dialogen, schildert unnachahmlich die Befindlichkeiten und Spleens deutscher Auswanderer in amerikanischen Kleinstädten. Und wenn doch mal einer umgebracht wird, dann läßt Elias Brown das unspektakulär, ja, fast spielerisch über die Bühne gehen, die Käuzchen schreien so bestellt, die Kieswege knirschen und die Gartentürchen quietschen so aufgesetzt und künstlich, daß keiner sich fürchtet und jeder seine Freude daran hat und alle den nächsten knorrigen Typen und deren Dialogen entgegenfiebern, die der Autor sich ausdachte. Und nur mit ganz viel Phantasie gibt es Parallelen zu Menschen zu erkennen, die mal in Woodland lebten oder noch leben, obwohl Sheriff Walton unter der Hand behauptet, daß er jede Menge der beschriebenen Typen genau wiedererkenne.

Das Stück kommt in Deutschland auf die Bühne, in den Staaten erwirbt ein namhafter Verlag die Übersetzungsrechte. Kaum ist das Buch auf dem Markt, schnellen die Verkaufszahlen in die Höhe. Und Helen, diesmal begleitet von ihrem Mann, soweit er Zeit hat, tourt wieder auf Lesereise. Emily ist mit dabei, die Kinderfrau paßt auf sie auf, und wenn sie verspricht, nicht dazwischenzurufen, darf sie auch bei Lesungen im Publikum sitzen. Auch US-Bühnen bringen das Stück raus, Sheriff Walton will nun doch nicht bei der Aufführung in Woodland mitmachen, wo es als eine Art Volksstück in freier Gestaltung und Ausdeutung aufgeführt wird. Helen ist da großzügig, zumindest was ihre neue Heimatstadt angeht, verzichtet auf ihre Tantiemen. Doch die übrigen Einnahmen aus dem literarischen Treiben von Onkel Elias sprudeln üppig. Nun verkauft sich alles von ihm, auch seine früheren, noch unveröffentlichten Romane und Kurzgeschichten und Erzählungen. Im Sekretär, der nicht verbrannte, findet sich noch einiges an, doch die größte Überraschung liefert Notar Denton, der noch ein Schließfach von Elias Brown aufspürt, fast versteckt in einer winzigen Bank im tiefen Westen. Darin stapelt sich Manuskript auf Manuskript. Die Verlage reißen sich um die Texte, und Helen hat genug zu tun, alles in geordnete Bahnen zu lenken. Ob des üppigen Geldsegens erstrahlt bald Elias Browns Haus in neuem Glanz. Das Pastorenhaus, obwohl hierfür eigentlich die Kirchenverwaltung zuständig ist, steht dem nicht nach, erhält eine neue, hellere Fassade, viel freundlicher als die bisherigen düsteren Platten. Und auch das Dach wird neu gedeckt, mit roten Dachschindeln. Einige aus der Gemeinde schluckten, als sie die neue Farbenpracht zu Gesicht bekamen.
Doch Helen entwaffnet alle mit ihrer fröhlichen, heiteren Art, ist für jeden ansprechbar, gründet Einrichtungen für Armenspeisung, unterstützt Kindergärten, kümmert sich um straffällig gewordene junge Männer, die anschließend für sie durch dick und dünn gehen. An viele Institutionen spendet sie beträchtliche Teile ihres Vermögens, doch wohin die Spenden gehen, erfährt niemand. Vielleicht weiß das sogar nicht mal immer ihr Mann.

Onkel Paul hatte nichts weiter im Sinn gehabt, war einfach nur so in die USA gekommen, nach Woodland gefahren, um sich da mal umzusehen. Nach ein paar Wochen reiste er dann wieder heim nach Deutschland.

Ach so, bevor´s vergessen wird: Emily hat ein Brüderchen bekommen, William heißt der Junge, mit zweitem Namen Abraham, benannt nach dem Präsidenten, der die Sklaverei bekämpfte. Und Colin mußte eine Zeitlang hinter Gitter, aber nicht zu lange, da er sich gut aufführte und die Richterin durchaus gute Ansätze in ihm zu erkennen glaubte.






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