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Ein Märchen....



- Moderator schrieb am 04.02.2009: -

Dieses Mal ist es ein Märchen, das als gemeinsame Fortsetzungsgeschichte erzählt bzw. geschrieben werden soll. Vier Autoren bzw. Autorinnen sind daran beteiligt; leider gab es nicht mehr Meldungen. Schade eigentlich, denn das „Literarische Café“ ist wohl gut dafür geeignet, seine Schreib- und Fabulierfähigkeiten einer geneigten Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Zugriffszahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Verlage schauen hinein, Zeitungen, Universitäten, aus nah und fern, aus der ganzen Welt. Tendenz: immer noch steigend.
Vielleicht wagen sich beim nächsten Mal doch noch ein paar Autoren mehr auf die Bühne.


Für die Mutigen hier noch einmal kurz die Regularien zur Erinnerung:

Textmenge jeweils nicht mehr als 3 DIN A-4 Seiten
Zeit: jeweils 3 Tage
Reihenfolge unbedingt einhalten, sonst besteht die Gefahr des gegenseitigen Blockierens; das EDV-Programm reagiert hier sehr empfindlich.


Die Reihenfolge des Schreibens ist folgende:

Nikki
Ulla
Wolf

Wir werden sehen, wieviel Umläufe in der Autorenkette sich ergeben, bis das Märchen zu Ende erzählt ist, von dem noch niemand weiß, wie es aussehen, wovon es handeln, welchen Schluß es haben wird.

Per Mail erhalten die Autoren nun noch das Paßwort, mit dem sie Zugang zur "Autoren-Werkstatt" haben, nachdem sie sich normal im "Literarischen Cafe" einloggten.

Viel Freude, viel Kurzweil, viel übersprühende Phantasie wünscht das „Literarische Cafe“.








- Nikki schrieb am 13.02.2009: -

Die Jahre vergingen und beide hatten eigene Familien gegründet. Maja bekam einen Sohn. Sie nannte ihn im Andenken an den Kinder- und Jugendfreund Lennart. Lennart wurde eine Tochter geschenkt, die er im Gedenken an seine Kinder- und Jugendfreundin Maja nannte. Beide konnten sich einander nicht vergessen und dachten oft an das Schicksal, das dem anderen wohl widerfahren war.
Dann spielte Maja auf Lennarts Flöte und lauschte wehmütig dem Klang des eigenartigen Instrumentes. Bis die Flöte an einem schönen Frühsommertag nur noch ein trauriges Krächzen von sich gab. Maja hielt verwundert inne und starrte das Instrument an. Langsam wandelte sich das Weiß des Knochenstückes in helles Grau und weiter in ein tiefes Anthrazit. Maja ließ die Flöte erschrocken fallen und dort wo sie den Boden berührte, zeigten sich zwei Blutstropfen. Schnell hob Maja die Flöte auf und legte sie wieder zurück in ihr Kästchen aus Erlenholz, welches sie eigenhändig mit Samt ausgeschlagen hatte. Das Kästchen versteckte sie in einem geheimen Fach in der hintersten Ecke ihres Kleiderschrankes.

Hier brach die Großmutter erneut ab, weil die Enkelin in aller Eile dem Wohnzimmer entschwand. Kurz darauf hörte die Großmutter ein herumfuhrwerken aus dem Schlafzimmer und stand auf, um nachzusehen, wer den Lärm verursachte.
„Hier war doch mal so ein kleines Kästchen“, murmelte die Enkelin, während sie den Kleiderschrank der Großmutter durcheinanderwirbelte.
Lächelnd sah die Großmutter eine Weile zu. „Ich habe ein Kästchen, ja. Doch darin verwahre ich den Schmuck, den mir dein Großvater geschenkt hat.“
„Oohh, und ich dachte, es gäbe diese Knochenflöte vielleicht wirklich“, entgegnete die Enkelin ein wenig enttäuscht.
„Möchtest du denn die Geschichte weiterhören?“, fragte die Großmutter.
Die Kleine nickte.

Im Sommer darauf traf Maja auf der Brücke über den Bach, der hinter ihrem Wohnhaus plätscherte einen feschen jungen Offizier. In seinem prachtvollen Rock und den blankgeputzten Stiefeln kam er aus dem Wald geschritten. Als sie auf der Brücke aneinander vorbeigingen, hörte Maja eine wohlbekannte Melodie: fröhlich, wie ein schöner Sommertag, und auch ein wenig traurig. Sie hielt inne und lauschte. Der Offizier summte diese Melodie. Maja lief rasch dem Mann nach und hielt ihn am Ärmel fest.
„Verzeihen Sie, mein Herr. Woher ist Ihnen diese Melodie bekannt?“, fragte sie ihn mit bangem Herzen.
„Liebes Fräulein, vor vielen Jahren einmal besaß ich eine Flöte, auf der meine Freundin diese Melodie spielte.“








- Ulla Bach schrieb am 18.02.2009: -

Maja fing am ganzen Körper zu zittern an. Obwohl es ein herrlicher Sommertag war, fröstelte sie. Sie blickte ungläubig dem jungen feschen Mann in der Uniform fest in die Augen und konnte es kaum glauben. Sollte Lennart vor ihr stehen? Wahrhaftig vor ihr stehen und ihre Melodie summen? Ihre Gedanken führten sie unwillkürlich zu der Flöte, die sie, seit diese sich so verändert hatte, nie mehr aus dem Kästchen geholt, weil sie partout die Blutstropfen nicht vergessen konnte.
Sie dachte, als sie das wenige Blut sah, an ein böses Omen. Es konnte ja kaum was Gutes bedeuten. Sie nahm damals das Schlimmste an. War er schwer verletzt worden oder gar gestorben? Hatte ihn der Teufel oder ein Vampir geholt? Da sie nie mehr von ihm hörte, nahm sie an, nie mehr ihren Ziehbruder zu sehen.
Und jetzt sollte er leibhaftig vor ihr stehen? Sie konnte es kaum glauben und schüttelte fast unmerklich ihren kleinen hübschen Kopf und ihre Augen waren bald so groß wie die Räder ihres Fuhrparks, das in ihrer Scheune stand. In der Scheune befanden sich auch zwei Ackergäule, die den Fuhrpark ab und zu ziehen mussten. Was die beiden Gäule auch gern taten. In ihren alten Tagen waren sie froh über jede Abwechslung. Manchmal durfte auch der kleine Lennart auf ihren Rücken reiten. Da hatten sie alle viel Spaß.
Die Gäule liebten es, wenn Maja auf der Flöte spielte. Sie stellten ihre Ohren auf, die Nüstern bebten und hin und wieder scharrten sie mit den Hufen. Sie konnten nie genug davon bekommen. Jedes Mal, wenn Maja zu spielen aufhörte, wieherten sie laut auf, schüttelten die Mähnen und ließen ein wenig traurig den Kopf hängen. Maja tätschelte sie stets, als wüsste sie, was ihre Vierbeiner fühlten.

„Großmutter, wie geht die Geschichte auf der Brücke weiter?“ Die kleine Enkelin war ungeduldig geworden.
Die Großmutter lachte nur und zog die Kleine an sich. Die Enkeltochter genoss die Berührung, drückte sich ganz fest an ihre Großmutter und hoffte insgeheim, der junge Offizier möge der besagte Lennart sein.

„Na, dann hör’ gut zu, denn jetzt wird es sehr spannend.“ Sprach sie und führte mit ihrer Erzählung die Enkeltochter in das Reich der Märchen.

Der junge Offizier sah sich in den Augen der jungen Frau spiegeln. Doch statt ihr zu antworten, öffnete er den Rock, holte aus der Innentasche ein kleines rundes Etwas hervor und überreichte es ihr mit einem melancholischem Lächeln. Maja nahm dieses Etwas, ließ es, damit es nicht herunter fiel, vorsichtig in der hohlen Hand rollen und erkannte sofort ihre Kristallkugel. Wie winzig sie war. Maja hatte sie viel größer in Erinnerung. Die Kristallkugel spürte wohl auch, dass sie wieder zu Hause war. Sie verfärbte sich erst in ein helles unschuldiges Weiß, dann war sie wieder vollkommen gläsern, doch so glänzend, dass die Sonnenstrahlen dagegen blass und kalt wirkten. Maja war glücklich. So glücklich wie ein kleines Kind. Sie lachte und rannte zu ihrem Haus.
Der Offizier sah ihr nach und überlegte, ob er ihr folgen sollte. Wie glücklich sie war! Er stand noch eine Weile unschlüssig am Rande der Brücke und hörte ihr Lachen, das nimmer enden wollte. Sie schien sich mehr über die Kristallkugel zu freuen als auf sein plötzliches Erscheinen. Doch er war nicht beleidigt – keineswegs. Aber er spürte den Verlust der Kugel. Hatte diese ihm doch gute Dienste geleistet. Ohne sie hätte er nie die Wahrheit erfahren. Und er brauchte die Zauberkugel immer noch - mehr denn je, denn ein Fünkchen Wahrheit fehlte.
Mit der Melodie auf den Lippen machte er sich auf den Weg zum Haus, aus dem Majas Lachen erklang.








- Wolf schrieb am 22.02.2009: -

Als der Mann in den Raum trat, stand Maja am Fenster, sah hinaus, wandte sich nicht um zu ihm. In der Hand hielt sie die kleine Kugel, wog sie in der Hand. Sie zitterte leicht, als er näher herantrat.
„Diese Kugel hier“, fragte sie dann, drehte sich nun um zu ihm, der unschlüssig stehengeblieben war, „woher haben sie diese Kugel?“
„Ich weiß es nicht, auch wenn Sie das vielleicht nicht verstehen. Vor langer Zeit, so glaube ich, schenkte mir jemand diese Kugel. Doch ich kann mich nicht erinnern, wer sie mir gab. Ich zermartere mir in den Nächten das Hirn, doch es fällt mir nicht mehr ein, die damaligen Ereignisse sind wie ausgelöscht in meinem Kopf.“

Maja überlegte fieberhaft. Es war Lennart, sie erkannte ihn, als sie ihn sorgsam betrachtete. Nun erst spürte sie, wie sehr er ihr gefehlt hatte während all der Jahre. Damals, als er zu den Soldaten einrücken mußte, brach ihr fast das Herz. Doch sie verschwieg ihm, was sie für ihn empfand, war sie sich doch nicht sicher, ob er ihre Gefühle erwiderte. Und dann erst die Eltern! Niemals hätten sie eine Liebe zwischen ihr und Lennart geduldet, betrachteten sie beide, obwohl in ihren Adern kein verwandtes Blut floß, dennoch wie ihre gemeinsamen Kinder. Im Dorf galten sie ohnehin als unzertrennliche Geschwister, wurden sie doch längst auch mit demselben Nachnamen gerufen. Und die meisten wußten sowieso nichts mehr von Lennarts wahrer Herkunft.
Doch warum erkannte Lennart sie nicht? Maja sah den Mann fassungslos an. Interessiert blickte er zu ihr, lächelte scheu. Doch nicht das geringste Anzeichen eines Erinnerns, eines Wiedererkennens war ihm anzumerken. Ihr klopfte das Herz bis zum Hals. Ja, er war´s, sie zweifelte keine Sekunde mehr. Seine Augen, ein bißchen verträumt, wie damals, wenn er woanders hinsah, während sie mit ihm sprach. Sein Mund, die für einen Mann beinahe zu vollen, zu weichen Lippen, die sich eher zögerlich zu einem Lächeln öffneten. Er war es! Lennart! Dem sie die Kristallkugel der Zauberfee schenkte, der ganz am Ende, als er mit dem Reitertroß über die Hügel verschwand, ihr zuwinkte, ihr und weniger den Eltern.

Er mußte sie doch erkennen, so sehr hatte sie sich nicht verändert! Was war geschehen? Warum sah er sie an, wie man einer Fremden begegnet? Als sie ihn befragte, woher er komme und was ihn geradewegs an diesen Ort, zu dieser Brücke verschlagen habe, erfuhr sie von Dingen, die ihr, je länger er erzählte, schier den Atem nahmen.

In der Armee hatte Lennart es bald bis zum Offizier gebracht, und es dauerte nicht lange, als er mit einem Regiment in den Krieg geschickt wurde. Es kam der Tag, an dem seine Schwadron in einen Hinterhalt geriet. Sein Pferd strauchelte, er stürzte, schlug im Wurzelwerk des dichten Waldes auf, verlor das Bewußtsein. Als er zu sich kam, sah er sich von feindlichen Soldaten umringt, die sich bedrohlich näherten. Er fühlte in seinem Uniformrock die Glaskugel, die er immer mit sich führte, nestelte sie heraus. Als er sie schließlich hervorzog und in die Sonne hielt, verfärbte sich das klare Kristall zunächst blutig rot, bevor es in eine gleißende Helligkeit überging, die so sehr blendete, daß sich die Angreifer die Hände zum Schutz vor die Augen hielten, durcheinanderschrieen und mit Schmerzenslauten entsetzt flüchteten. Erst jetzt wurde er gewahr, daß das blendende Licht nur zur Seite der Angreifer abstrahlte, seine eigenen Augen dagegen unbehelligt ließ. Kaum waren die Angreifer geflohen, nahm die Kristallkugel wieder ihr ursprüngliches unscheinbares Aussehen an. Auch das heftige Vibrieren und die starke Hitze, die er während des grellen Aufleuchtens der Kugel in der Hand verspürt hatte, fanden ihr Ende. Seit den Ereignissen im Wald, seit dem Sturz vom Pferd erinnere er sich nicht mehr weiter zurück, nur bis zu den Anfängen seiner Soldatenzeit. Davor sei alles wie in Nebel gehüllt. Nur eines noch, ja, das sei auch noch in seinem Gedächtnis haften geblieben. Sekunden, bevor ihn im Wald die Bewußtlosigkeit ereilte, seien ihm bruchstückhafte Bilder, Bildfragmente, durch den Kopf gefahren. Eine Frau in weiten Gewändern sei aufgetaucht in ziehendem Nebel, wie eine Fee vielleicht, und auch ein Mädchen sei schemenhaft um ihn gewesen, doch so sehr er sich auch anstrenge, er könne ihr Gesicht nicht mehr sehen, es sich nicht mehr vorstellen. Und immer wenn er daran denke, verspüre er ein starkes Weh in der Brust. Seit einigen Tagen sei wieder Merkwürdiges mit der Kristallkugel geschehen, als er in diesen Landstrich gekommen sei. Sie habe erneut zu vibrieren begonnen, doch nun ganz anders als damals bei den feindlichen Soldaten. Ganz sacht nur habe sie vibriert, fast zärtlich, und sie habe auch wieder aufzuleuchten begonnen, doch dieses Mal in einem milden, hellen Blau. Das Vibrieren und die blaue Färbung hätten sich stetig verstärkt, je näher er sich diesem Ort genähert habe. Und nun, sie könne es ja selbst sehen, sei alles wieder verschwunden, das Vibrieren und die blaue Verfärbung, die Kristallkugel sei wieder so klar, wie Kristall eben im normalen Zustand sei. Er könne das alles nicht verstehen, sei ratlos, es sei fast so, als ob die Kristallkugel ein lange gesuchtes Ziel endlich erreicht habe.

Der Mann schwieg nun wie nach einer großen Anstrengung. Maja hatte ihm
regungslos zugehört, ihn ununterbrochen angesehen bei seinen erst stockenden, dann in immer rascherer Folge hervorsprudelnden Worten. Wie wahr es ist, was er sagt, schrie es in ihr auf, wie recht er hat! Die Kristallkugel und das Ziel, das sie suchte! Majas Herz krampfte sich zusammen.





- Nikki schrieb am 02.03.2009: -

Das Ereignis war schnell vergessen, als sie in der nächsten Stadt ankamen. So viele Menschen begrüßten sie und wollten die „Zauberflöte“ hören. Sie standen bereits am Stadttor und bildeten eine Gasse bis zum Marktplatz. Bedachtsam lenkte Maja das Fuhrwerk durch die Menschenmassen und bekam es fast mit der Angst zu tun, als diese dem Wagen immer näher rückten. Maja umfasste die kleine Kristallkugel ganz fest. Endlich blieben die Pferde stehen und die Menge verlangte in lauten Sprechchören nach dem Spiel auf der Flöte.
Verängstigt erhob sich Maja und setzte das Instrument an die Lippen. Doch, oh weh, so sehr sie sich auch mühte, die Flöte gab keinen Ton von sich. Verzweifelt versuchte Maja es immer wieder, aber ohne Erfolg. Die Menschen auf dem Marktplatz wurden böse, weil sie nichts hören konnten und drängten immer näher an der Wagen heran. Sie rüttelten und schüttelten an ihm und Maja fürchtete, sie könne herunterfallen.

„Die arme Maja.“ Clara sah die Großmutter traurig an. „Warum wohl die Flöte nichts mehr sagt?“
Die Großmutter machte jedoch ein Geheimnisvolles Gesicht und erzählte weiter.

„Betrügerin!“, riefen die Leute und rüttelten so stark an dem Wagen, dass Maja hinunterfiel. Sie rief verzweifelt nach Lennart, aber sie konnte ihn nirgends erblicken. In ihrer Angst tastete Maja nach dem Kristall, doch auch der war fort, nur die Flöte hielt sie noch fest in ihrer Hand. Ein letztes Mal versuchte sie darauf zu spielen, aber wieder blieb das Instrument stumm. Plötzlich war der Marktplatz von einem Glimmern und Gleißen erfüllt, dass sich alle Menschen die Augen zuhalten mussten. Maja hingegen bemerkte nur einen hellen Schein und lief darauf zu. Es war ihre Kristallkugel, die leuchtend auf dem Boden lag. Schnell hob sie sie auf und steckte sie in die Tasche ihres Rockes. Dann kletterte sie schnell auf den Wagen und fuhr vom Marktplatz davon.

„Was ist denn mit Lennart?“, wollte Clara wissen. „Hast du den vergessen, Oma?“
„Nein, Clara, den habe ich nicht vergessen. Aber hör weiter zu …“

Nachdem Maja den Marktplatz verlassen hatte lenkte sie das Fuhrwerk zum Stadttor und wollte hindurch fahren. Aber die Pferde scheuten bei jedem Versuch und so blieb ihr nichts anders übrig, als in dieser seltsamen Stadt zu bleiben. Unsicher sah sich Maja um und bemerkte zu ihrem größten Erstaunen, dass die Menschen an ihr vorbeigingen und sie nicht beachteten. Hatten sie gerade noch wütend getobt, so gingen sie jetzt lächelnd ihrer Wege.
Am Abend, als Maja müde und erschöpft im Wagen lag und in die Sterne blickte, weinte sie sich in den Schlaf und murmelte immerzu Lennarts Namen.
„Aber ich bin doch hier, Maja. Wach auf und sieh mich an.“
Maja öffnete ihre Augen und sah in sein besorgtes Gesicht. „Was war nur los mit dir? Du hast ganz fürchterlich geschrien und geweint?“
„Ach, Lennart. Ich hoffe, es war nur ein böser Traum. Ich sollte die Flöte spielen, aber sie gab keinen Ton von sich und die Leute, die zuhören wollten, wurden böse, weil sie nichts hören konnten. Und du warst nicht da.“
„Arme Maja. Es war nur ein Traum.“ Lennart tröstete sie.
Vertrauensvoll schlief Maja in seiner Nähe wieder ein.

Als sie am folgenden Morgen auf die nächste Stadt zufuhren, erschrak Maja und wurde ganz blass.
„Lennart“, sagte sie und zupfte ihn am Ärmel. „Das ist die Stadt aus meinem Traum!“







- Ulla Bach schrieb am 08.03.2009: -

Maja war in Sorge. Zu sehr hatte sie ihren fürchterlichen Traum in keiner guten Erinnerung. Sie spürte die nackte pure Angst in allen Gliedern empor steigen, das Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Wenn ihr Traum wahr werden würde – nicht auszudenken!

Aber dann geschah etwas, womit Maja und Lennart nie gerechnet hätten. Bisher wurden sie von den Menschen in den Dörfern herzlich empfangen, geradezu glücklich waren diese Leute, wenn die Flöte an Majas Mund die herrlichen Töne von sich gab. Sie vergaßen alle Sorgen.
Doch nun zeigten sie keine Reaktion ob der Ankunft der beiden. Nahmen weder vom Fuhrwerk und Pferd, noch von der Flöte, auch von Maja und Lennart keine Notiz. Als wären sie gar nicht da. Ja, als wären sie sogar unsichtbar. Aber Maja und Lennart konnten sich sehen, also konnten sie ja nicht unsichtbar sein, oder doch?
Maja sprang vom Wagen und ging mitten hinein in die Menschenmenge, die sich auf dem Marktplatz versammelt hatte. Selbst da war es, als wäre sie nicht da. Maja berührte einzelne Personen, zunächst zögerlich und zart, dann kräftiger. Sie scheute sich nicht, kräftiger zuzupacken oder mal einen Tritt ans Schienbein zu versetzen. Alles erfolglos. Die Menschen spürten nichts. Sie nahm zum letzten Mal ihren Mut zusammen und ließ einen erschütternden Schrei los. Es passierte wieder nichts. Maja glaubte schon fest daran, überhaupt nicht mehr zu existieren. Sie rief nach Lennart, der sofort zu ihr geeilt war.
„Lennart, ich glaube, ich bin verrückt.“
„Warum?“
Während sich ihre Angst ins Unermessliche steigerte, wenn auch aus einem anderen Grund, erklärte sie ihm die unheimliche Situation. Zuerst wollte er es kaum glauben, aber nach dem er feststellen konnte, dass die Menschen selbst die Flöte, die Maja kurz entschlossen zu spielen begann, nicht hörten, wurde es ihm ebenfalls unheimlich zumute.
Er nahm die Kristallkugel in die Hand, in der Hoffnung, damit etwas bewirken zu können. Weit gefehlt. Sie blieb kalt und ohne Farbe. Die ganze Situation war - milde ausgedrückt – gespenstig.

Gespenstig ging es dann weiter. Die beiden glaubten schon an eine Halluzination, als sich vom Fuhrwerk aus eine Gestalt zum Marktplatz auf den Weg machte, geradewegs auf sie zu. Es war keine normale Gestalt. Man konnte nur vermuten, dass es eine Frau war wegen der langen wehenden und lockigen Haare, die so fein waren, dass sie beim Gehen in der Luft schwebten. Die Frau schien ebenfalls zu schweben, die kleinen Füße berührten kaum das Kopfsteinpflaster. Von der geheimnisvollen Frau ging ein gleißendes Licht aus, nein, es war mehr ein Strahlen. Das weiße Seidenkleid, das sie fast bodenlang trug, umspielte ihren Körper. Elfengleich schwebte die Frau immer näher und näher zu Maja und Lennart. Die Menschen um sie herum schienen sie nicht sehen zu können, sie luden weiterhin fleißig ihre eingekauften Waren in die Körbe.
„Habt keine Angst“, sagte die elfengleiche Frau, als sie direkt vor den beiden stand. Das Leuchten hatte aufgehört, die Haare lagen schwer auf den Schultern und aus dem weißen Seidenkleid war ein normales graues Kleid geworden.
„Was geschieht hier?“, fragte Maja.
Lennart konnte kaum die Augen von der fremden Frau lassen. Er verspürte keine Angst, ganz im Gegenteil. Er wusste, diese Frau war ihnen gut.
„Maja“, antwortete die Fremde, „nimm bitte die Kristallkugel in deine Hand“.
Maja tat wie geheißen, obwohl sie sich sehr wunderte. Kaum lag die Kugel in ihrer Hand, leuchtete sie feuerrot und strahlte eine wohlwollende Wärme aus. Majas Angst verflog im Nu.
„Und du, Lennart, spielst auf der Flöte!“
Und Lennart spielte. Wie immer kamen die grässlichen Worte: mein Bruder hat mich erschlagen, er wollte mein Weib, mein Geld.
„Hör jetzt auf“, forderte die Frau und Lennart gehorchte.
„Wer bist du?“, fragte Maja.
„Ich bin deine Fee, die dir damals die Kristallkugel geschenkt hatte.“
„Du bist eine Fee? Und du hast mir diese Kugel geschenkt?“
Maja war nun doch sehr verwundert. Ihre Eltern hatten niemals davon erzählt. Aber sie glaubte dieser Frau alles, Lennart ebenso.

„Warum glauben die zwei der Fee alles?“, stellte Clara die Frage an ihre Großmutter.
„Na, weißt du, mein Kind, Feen können zaubern und die Fee zauberte, dass Maja und Lennart ihr alles glaubten. Und dies war auch sehr wichtig.“
„Warum war das wichtig?“
„Das wirst du erfahren, wenn du schön weiter zuhörst. Die Geschichte geht ja noch weiter.“
Die neugierige Clara hörte zu.

„Ja, ich habe dir die Kugel geschenkt. Und dir, Lennart, habe ich den weißen Knochen in den Bach gelegt und darauf geachtet, dass er von dir heraus gefischt wurde. Außerdem gab ich dir die Gabe, daraus eine Flöte zu schnitzen.“ Zu Maja gewandt, sprach sie weiter: „Dir gab ich die Kugel aus einem besonderen Grund. Du solltest damit nur Gutes tun und sie sollte dir in allen Notlagen helfen.“
Sie verharrte einen Moment, besann sich und sprach zu beiden weiter: „Aber ich rechnete nicht damit, dass ihr die beiden Dinge austauschen würdet und ich wollte auch nicht, dass ihr getrennte Wege geht. Meine Enttäuschung war groß und ich ließ euch euren Weg alleine gehen. Somit zog ich mich zurück.“
„Können dich diese Menschen hier deshalb nicht sehen, weil du das bewirkt hast? Können sie uns nicht sehen, weil du auch hier deine Hände im Spiel hast?“
„Ja, Lennart, so ist es.“
„Ich habe so viele Fragen: warum schenktest du uns diese Dinge, warum sollten wir nicht tauschen, warum sind wir unsichtbar? Und vor allen Dingen - warum bist du jetzt hier?“ Lennart war neugierig geworden.
„Warum ich jetzt hier bin? Ja, weil ihr wieder zusammen seid und ich wieder die Chance sehe, die Aufgaben, die ich euch auferlegt hatte, erfüllt zu bekommen.“
„Aufgaben?“
„Es hat was mit deinen Eltern zu tun, Lennart. Ihr solltet gemeinsam mit Kugel und Flöte über deren Schicksal erfahren. Stattdessen kutschiert ihr in den Dörfern herum und macht Musik. Nein, das lasse ich nimmer zu. Suche nach deinem Ursprung, Lennart.“

Auf einmal war die Fee verschwunden und Maja sowie Lennart saßen plötzlich auf dem Fuhrwerk mitten im Wald, fern von dem Dorf, wo sie eben noch mit der Fee auf dem Marktplatz standen.









- Wolf schrieb am 21.03.2009: -

Nun wußten Maja und Lennart nicht mehr weiter, sahen sich ratlos an. Welche Aufgabe sollten sie erfüllen, was hatte die Fee gemeint damit? Sie faßten sich an den Händen, und Maja wollte soeben bitterlich zu weinen anfangen, als sie ein Wispern hörten, das aus den Blättern der Bäume zu kommen schien. „Voran, voran, sieben Täler, sieben Berge, voran...“ So sehr sie auch sich umsahen, es war niemand zu entdecken, der solche Worte gesprochen haben könnte. Und wieder klang es von oben herab: „Voran, voran, sieben Täler, sieben Berge, voran...nur voran...“ Nun warteten Maja und Lennart nicht länger und ließen die Pferdchen laufen, die auf einmal keinerlei Müdigkeit mehr kannten und munter dahertrabten, als wüßten sie bereits, wohin die Reise gehen sollte.

Bald schon erreichten sie ein Tal, das ganz verwildert war und so dunkel zwischen den Stämmen der Bäume, daß es sie zu grausen begann. Doch bald schon waren sie auf dem nächsten Anstieg, ganz steil, so daß die Pferdchen ordentlich ziehen mußten. Doch sie wurden nicht müde, obwohl sie schon längere Zeit nichts mehr gefressen und getrunken hatten. Als sich der Weg wieder abflachte und sie oben anlangten, wichen sofort die Bäume zur Seite, gaben den Blick in die Ferne frei. „Ein Tal und einen Berg haben wir schon erreicht, Lennart“, rief Maja und jubelte fröhlich. Und als sie Ausschau hielten, sahen sie weit voraus, da, wo immer die Luft so blau ist und auch ein bißchen weiß, die Spitzen von noch mehr Bergen. Und als sie zu zählen begannen, zählten sie noch sieben Berge. Auf dem allerletzten, den sie schon fast gar nicht mehr erkennen konnten, sahen sie, wenn sie die Hände zu kleinen Guckfenstern formten, die spitzen Türmchen eines Schlosses, das sich in den Himmel reckte. Die Pferdchen hatten ebenfalls Ausschau gehalten, wie es weitergehen sollte, und als sie den Berg ganz in der Ferne, den siebten, und das Schloß darauf sahen, wieherten sie und scharrten ungeduldig mit den Hufen.

Kaum waren Maja und Lennart auf den Kutschbock geklettert, huiiii, da ging die wilde Hatz los, hinab ins Tal in sausender Fahrt, daß Maja ganz bange wurde und sie sich eng an Lennart schmiegte. An manchen Stellen waren die Abgründe neben dem Weg so tief, daß sie gar nicht mehr hinsehen mochte.

Im zweiten Tal standen die Bäume nicht mehr ganz so dicht. Zwar war es noch immer recht finster, doch ein bißchen schon wurden die Abstände der Stämme lichter, auch wuchs jetzt grünes Gras zwischen ihnen. „Das zweite Tal“, jubelte Maja und sah sich um und dann zu Lennart, der die Zügel hielt. Und auch die Pferdchen schauten sich an, als ob sie mit sich zufrieden waren. Zum zweiten Berg war es weniger steil hinauf als auf den ersten, und nachdem sie bald darauf schon das dritte Tal durchfuhren, plätscherte ein klares Bächlein neben dem Weg. Obwohl die Pferdchen durstig waren, hielten sie nicht an, obwohl Lennart tüchtig „Brrrrrr“ geschrieen hatte und nahmen sogleich den zweiten Berg unter die Hufe. Und so ging es in einem fort, hinauf und hinab, daß Maja ganz schwindelig wurde, bis sie das siebte Tal erreichten, das sich lieblich und sanft vor ihnen auftat. Nun erst gaben die Pferdchen ruhe, ließen sich tränken und fraßen von dem Gras, das Maja und Lennart für sie herangeschafft hatten. Doch keinmal ließen die Tiere das Schloß, das jetzt vor ihnen, hoch droben, auf dem letzten, dem siebten Berg, lag, aus ihren großen Augen, wieherten vor lauter Ungeduld.

Auch Maja und Lennart ruhten sich ein bißchen aus, bevor sie den letzten Berg hinauffahren wollten, tranken aus dem Bach neben dem Weg klares, kühles Wasser und aßen von den köstlichen Vorräten, die sie aus den Taschen hervorzogen und von denen sie nicht wußten, wer sie hineingesteckt hatte. Gerade, als sie den letzten Teil der Reise beginnen wollten, hörten sie wieder ein Wispern über sich. Doch da es keine finsteren Bäume mehr im siebten Tal gab, nur liebliche Sträucher und niedrige Büsche, allesamt mit roten, blauen und gelben Blüten übersäht, auch bonbonfarbene waren darunter, mußte das Wispern wohl direkt aus dem Himmel kommen. Angestrengt lauschten sie, verstanden erst nichts, so leise war das Wispern. „Gebt acht, gebt acht, Ihr beiden, denn nimmer sollt´ Ihr scheiden. Steht Ihr an des Schlosses Tor, liegt der Schlüssel schon davor.“

Verängstigt schauten sie Maja und Lennart um, doch wiederum war niemand zu entdecken, dem diese Stimme gehören konnte. Doch sie waren sich fast sicher, daß es die Stimme der Fee gewesen war. Sie vergewisserten sich, daß sie die Kristallkugel und die Flöte zur Hand hatten, denn irgendwie spürten sie, daß sie diese bald ganz dringend benötigen würden. „Was hat die Fee zuletzt auf dem Marktplatz noch gesagt?“ fragte Lennart am Ende, bevor sie wieder auf den Kutschbock stiegen. „Suche nach Deinem Ursprung, Lennart“, flüsterte Maja, „suche nach Deinem Ursprung. Das sagte die Fee zu Dir.“









- Ulla Bach schrieb am 01.04.2009: -

Die Großmutter fand aber leider nicht mehr das Buch, egal wo sie suchte, es war spurlos verschwunden. In jedem Schrank, unter allen Betten, hinter dem Sofa, in den Schubläden, überall schaute sie nach. Das Buch war und blieb verschwunden.
Aus dem Gedächtnis konnte sie die bisherige Geschichte fehlerfrei wiedergeben bis sie zu der Stelle kam, als Lennart und Maja im Gras lagen. Die kleine Clara hatte es Gott sei Dank nicht bemerkt, dass Lennart ja zuerst auf den Kutschbock stieg und dann doch im selben Moment im Gras lag.
Die Großmutter hatte den Faden verloren und wusste nicht mehr genau, wie die Geschichte weiter ging. Das war ihr noch nie passiert. Normalerweise wusste sie jeden einzelnen Satz auswendig. Als Kind bekam sie erst von ihrer Großmutter die Geschichte erzählt, später von der Mutter. Als sie selbst begann, Claras Mutter in das Reich der Märchen zu entführen, meinte sie sogar, sie würde ihr eigenes Leben preisgeben. Erst viele Jahre später fand sie ein Buch, in dem das Märchen geschrieben war. Sie las nur ein einziges Mal darin, denn das Abenteuer von Lennart und Maja lebte ja nur von der Weitergabe mit der Sprache.
Sie hatte auch das Gefühl, am Schluss Clara irgendetwas falsch wiedergegeben zu haben. Sie wusste nur nicht, was es war.
Verdammt, irgendwo musste das Buch doch sein! Als hinge ihr Leben daran, machte sich die Großmutter wieder auf die Suche.
Da – ein Geistesblitz durchzuckte sie – könnte es sein! Sie suchte die Stelle auf, wo Clara die Flöte fand. Alles was nicht nach Buch, Flöte oder gar Kristallkugel aussah, schob sie zur Seite oder durchwühlte sämtlichen Inhalt. Auf einmal stieß sie auf etwas Hartes. Hurra, sie hatte es gefunden und drückte es dankbar und laut seufzend an die Brust. Sie hätte nie gedacht, dass dieses unscheinbare Ding ihr mal so wichtig sein würde.
Gott sei Dank schlief Clara bereits, so dass sie von dem ganzen Tumult nichts mitbekam.
Die Großmutter setzte sich die Brille auf, nahm auf dem Sessel bequem Platz, zog die Stehlampe näher an sich heran und suchte die besagte Stelle auf, an der Maja und Lennart zum Schloss kamen. Es dauerte nicht lange und die Großmutter begann die Worte, die dann folgten, in sich aufzusaugen. Aber sie las nicht einfach so und lernte den Text auswendig, nein, sie stellte sich vor, ihre Mutter hätte sie auf den Schoß genommen und erzählte ihr die Geschichte Wort für Wort ins Ohr. Ein eigenartiges Gefühl übermannte sie, einerseits ein Gefühl der Geborgenheit, andererseits das Gefühl der Ohnmacht, der Angst. Die Geborgenheit aber überwog.
Stunden später, es war bereits weit nach Mitternacht, schloss die Großmutter das kleine Buch und umfasste mit starkem Händedruck das gesamte Werk und legte es auf ihren Schoß. Sie hatte mehr vergessen, als ihr zunächst bewusst war. Nur gut, dass sie das Märchen bis zu Ende las. Sie schloss für einen kurzen Moment ihre Augen und sinnierte. Bevor sie aber aufstehen konnte, um endlich ins Bett zu gehen, war sie bereits eingeschlafen …

Clara, die sie am frühen Morgen im Sessel sitzend im Tiefschlaf auffand, rannte auf ihren tapsigen und nackten Füßen zu der Großmutter und rüttelte sie sehr unsanft wach.
„Ach, Omilein, ich habe Hunger!“
Als sie am Frühstückstisch ihre Butterbrote mit Marmelade beschmierten, plagte Clara, sie wolle endlich die Fortsetzung des Märchens hören und den Blick auf das Buch heftend, das neben der Kaffeetasse der Großmutter lag, meinte sie noch: „aber nicht aus dem Buch lesen, Oma, sondern erzählen musst du es mir, nur erzählen. Ja?“
„Ja, Clara, nichts lieber als das.“






- Wolf schrieb am 14.04.2009: -

„Also“, begann die Großmutter, und Clara rückte ganz nah an sie heran, weil sie wußte, daß sie sich fürchten würde bei dem, was ihr die Großmutter nun erzählen wollte, „als erstes drückte Lennart weinend sein wiedergefundenes Töchterlein ans Herz, so fest, daß es kaum noch atmen konnte. Dann begehrte er Einlaß beim Schloß, schlug kräftig mit dem eisernen Ring siebenmal gegen die Tür und sogleich kam der Wächter um die Ecke gerannt, den Schlüssel in der ausgestreckten Hand......“

Clara hing an den Lippen der Großmutter und lauschte ihren Worten. Öfter mußte die Großmutter einhalten und Luft schöpfen, weil sie die Erzählung sehr mitnahm.
Kaum waren die Drei in den düsteren Schloßgewölben angekommen, da begann auch schon die Kristallkugel in Lennarts Hand zu leuchten, nach vorne, wie eine überirdische Fackel, und kein Winkel und keine Ecke konnte in Dunkelheit und Düsterkeit gehüllt bleiben, nichts konnte mehr ein Geheimnis bleiben. Viele Gänge zweigten durcheinander, führten nach rechts und nach links, nach oben und nach unten. Doch die Kristallkugel wies den Weg durch die dunklen Gemäuer, die so dunkel waren, daß Lennarts Töchterlein es ein paarmal tüchtig mit der Angst zu tun kriegte.
Lennart streckte bloß die Hand weit nach vorne und folgte der gleißenden Kristallkugel, die ihn wie ein kleines Pferdchen zog, mal geradeaus, mal nach links, dann wieder nach rechts, mal hinab, dann wieder hinauf. Insgesamt ging es um sieben Ecken nach allen Seiten, immer im Wechsel, und ganz am Ende zog sie die Kugel eine furchtbar steile Treppe hinauf, schnurgerade und so hoch, als ob es geradewegs in den Himmel hinauf ging. Es gab nicht ein einziges Fenster, und es brannte keine einzige Fackel an den Wänden, so daß es dunkel war wie in der Nacht. Doch die Kristallkugel gleißte immer heller, begann schließlich in Lennarts Hand zu vibrieren, als sie vor der letzten Tür standen, derjenigen, die am Ende der schmalen Treppe gebieterisch Halt gebot. Sie keuchten ordentlich, nur Lennarts Töchterlein nicht, denn es hatte sich vom Vater Huckepack tragen lassen, ihn dabei, obwohl sie schlimme Angst hatte, ein paarmal ins Ohrläppchen gebissen. Ganz leicht nur, so wie alle kleinen Mädchen das mit ihrem Vater ganz selbstverständlich hin und wieder tun.

Als Lennart ganz dicht vor der abweisenden Tür aus dickem Eichenholz stand, gebärdete sich die Kugel wie wild, gleißte wie ein Stern, so hell, vibrierte in seiner Hand so stark, daß er sie beinahe fallengelassen hätte. Die dicke Tür aus Eichenholz vibrierte nun auch, sie ächzte und stöhnte, erste Holzsplitter flogen durch die Luft, sie bog sich, schüttelte sich. Und dann sprang sie auf, doch sie drehte sich nicht in den Angeln, wie das gewöhnliche Türen immer machen, nein, sie löste sich aus ihren Halterungen, schwebte einen Augenblick wie eine Feder und zerfiel in nur einer Sekunde zu einem kleinen Häufchen Staub. In der nächsten Sekunde, der zweiten also, leuchtete die Kristallkugel noch heller auf, gleißte nun fast wie das Licht der Sonne.

Dann erblickten die Drei ihn, einen Mann, einen großen, schwarzen Mann, der wie gebannt mitten in einem fensterlosen Raum stand und sie mit bleichem Gesicht anstarrte. "Das ist er", hörte Lennart sein Töchterlein entsetzt in sein Ohr flüstern. Im selben Moment spürte Maja, wie sich die Flöte unruhig in ihrer Hand zu bewegen begann. Sie fühlte sich nicht mehr kühl an, sondern ganz warm, wie ein Mensch sich anfühlt. „Lennart“, rief Maja leise, „Lennart, die Flöte will etwas spielen....“


- Ulla Bach schrieb am 05.05.2009: -

Nein, dem war nicht so.“
„Nicht?“
„Nein!“

Als Maja, Lennart und seine Tochter unten zum Schlosstor zurückkamen, stand der schwarze Mann bereits da und wartete auf sie. Wie er schnell dorthin gelangte und warum er unverletzt war, blieb sein Geheimnis. Düster wie sein Gesichtsausdruck befahl er dem Neffen, ihn mit seiner Familie zu folgen. Er sprach kein Wort mehr und seine großen Schritte stampften schwer, die drei konnten nur mühsam folgen. Das kleine Kind wurde zusehends müde, so dass sich Lennart gezwungen sah, das Mädchen Huckepack zu nehmen. Maja nahm ihre Zauberkraft zur Hilfe. Sie blies in die Flöte und die Melodie, die nur sie hörte, ermöglichte einen Schwebegang. So glitt Maja dahin wie vor nicht zu langer Zeit die Fee auf dem Marktplatz. Wäre die Situation nicht so dramatisch, dann könnte sie ohne Gewissensbisse die Freude an ihrem Schwebegang lautstark hinausposaunen. Besser noch, sie wollte Lennart und dem Kind helfen. Sie nahm Ihrem Liebsten die Kugel aus der Hand, hielt diese kurz und sehr konzentriert zu den beiden, während sie mit der freien Hand diese wunderbare Melodie weiterhin spielte, und schon schwebte Lennart ebenfalls und das Kind schlief fest ein. Es war ein friedlicher Schlaf. Das Kind lächelte …
Der schwarze Mann bekam nichts mit. Sein Blick ging starr geradeaus. Sein Ziel war das Gold. Endlich die Wahrheit ans Licht bringen. Er glaubte wahrhaftig, wenn er das Gold zurückgäbe, wäre seine Schuld – der Mord an seinem Bruder – gesühnt.
Ohne nach rechts oder links zu schauen, stampfte er weiterhin Stunde um Stunde, mit starrem Blick und ohne müde zu werden durch Wälder, Wiesen und Straßen.
Maja wurde nicht müde, die Flöte zu spielen und die Kugel zu halten. Dass dies nur durch die zusätzliche Zauberkraft der Fee, die sich immer unsichtbar in der Nähe aufhielt, möglich war, fiel ihr gar nicht auf. Das Kind schlief immer noch …
So plötzlich der schwarze Mann aufgebrochen war, so plötzlich blieb er stehen. Es hätte nicht viel gefehlt, und Lennart wäre samt Kind und Maja an ihm abgeprallt. Gerade noch rechtzeitig konnten sie abbremsen, hörten auf zu schweben und standen nun fest mit den Füßen auf dem Boden. Die Flöte und Kugel verschwanden eiligst in Lennarts Hosentasche. Das Kind erwachte …
Aber was sie nun alle sahen, verschlug ihnen die Sprache. Vor ihnen befand sich auf einmal das wie aus dem Nichts entstandene, Furcht erregende Schloss. Als wären die vier Menschen nie weg gewesen.
Die Kugel in Lennarts Hosentasche begann abermals zu vibrieren und wurde heiß, sehr heiß. Lennart holte sie schleunigst raus und in seiner Hand leuchtete sie dunkelrot. Die Flöte vibrierte ebenfalls und Lennart übergab sie Maja, die sofort eine Melodie spielte. Für Lennart, Maja und das Kind war es eine liebliche Weise, aber für den schwarzen Mann war sie eine Bedrohung. Er hielt sich die Ohren fest zu, krümmte sich vor Schmerzen und seine Augen weiteten sich angstvoll. Er schrie und schrie, immer lauter. Damit das Kind diesem Leid und Elend nicht ausgesetzt war, verzauberte es Maja in einem Tiefschlaf mit wunderschönen Träumen. Die Fee tat ihr Übriges dazu: sie löschte das Gedächtnis des Kindes aus – für immer. Damit es sich nie mehr an die schrecklichen Geschehnisse, die es in seinen jungen Jahren erlitt, erinnern musste. Nur die schönen Dinge sollten in Erinnerung bleiben; die schönen Erinnerungen an die Mutter, an den Vater …
Lennart und Maja, denen das Schreien des schwarzen Mannes deren Herzen rührte, blieben dennoch tapfer und erfüllten ihre Aufgabe: Lennart hielt die Kugel in der Hand und Maja spielte auf der Flöte. Das Schreien wurde unerträglich. Plötzlich Totenstille. Die Melodie verstummte, und die Kugel sah aus wie ein normaler Glasstein – nichts sagend und klar. Nur noch Vogelgezwitscher war kurz darauf zu hören und das Rascheln der Baumkronen im Wind. Was war geschehen? Wo war der schwarze Mann, Lennarts Onkel, abgeblieben? Er verschwand mit dem Auftreten der plötzlichen Totenstille. Lennart und Maja schauten sich fragend an und während sie noch überlegten, trat auf einmal die Fee in Erscheinung. Die überraschte Maja fiel der Fee um den Hals und weinte bitterlich. Nachdem nämlich alle Ängste und Sorgen abgefallen waren, fühlte sie sich ein wenig hilflos und total ermattet. Da waren Tränen die Erlösung. Die Fee strich Maja über die Stirn und prompt waren alle Probleme verschwunden. Auch Lennart fühlte sich wohler und vor allen Dingen frei. Die Fee trat zu dem schlafenden Kind, hob es auf und küsste es auf die Stirn. Da erwachte es und lachte …

„Haben wir unsere Aufgaben erfüllt?“, fragte Lennart.
Die Fee nickte.
„Aber …“.
„Ich weiß, was du sagen möchtest“, gab die Fee zur Antwort. „Schau mal, was aus dem schrecklichen Schloss wurde!“

Lennart, Maja und das Kind konnten es kaum glauben, was sie da erblickten. Das grässliche Schloss gab es nicht mehr, sondern es stand ein wunderschönes Haus da, mit vielen Fenstern und Türen. Als würden mehrere Häuser in einem Haus stehen. Die Dächer (oder war es doch nur ein Dach?) waren total verwinkelt und die Fassaden glänzten in der Sonne wie Gold.
Aber das Schönste kam ja noch. Etwas, was Lennart und Maja sich nie mehr zu erhoffen wagten.
Aus verschiedenen Türen traten nacheinander hinaus Lennarts Frau, seine Mutter (der Vater leider nicht, er wurde ja ermordet vom eigenen Bruder), Majas Eltern, ihr Ehemann und Sohn. Welche Wiedersehensfreude!!!
Alle rannten aufeinander zu, küssten sich, lachten und weinten zugleich. Ein enormes Stimmengewirr erschallte auf der Wiese und wurde über alle Berge hinweg getragen. Die Kinder tanzten Ringelrein, und als die Fee auf der Flöte ein Lied anstimmte, nahm jeder seinen Partner in den Arm und tanzte nach der wunderschönen Melodie. Lennarts Mutter pfiff leise vor sich hin und begann die kleinen Wiesenblumen zu pflücken. Wie schön würden sie in der Vase, die auf dem Küchentisch stand, aussehen.
Lennarts Tochter hielt inne, schaute sich das bunte Treiben an und lächelte …

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann tanzen sie noch heute“, schloss die Großmutter ihre Erzählungen.
Clara, selig über das glückliche Ende des Märchens, schmiegte sich noch enger an die Großmutter, dachte an die Flöte und Kugel im Schlafzimmerschrank und lächelte …







- Moderator schrieb am 05.05.2009: -

Ulla hat das Märchen zu Ende erzählt, eine lange, eine verwinkelte Geschichte fand ihren Schluß. Vielen Dank den Beteiligten, den Mutigen, die sich daran versucht hatten.

Es zeigte sich, daß Märchenerzählen gar nicht so einfach ist, wie es beim ersten Nachdenken scheint. Hätten Kinder bis zum Schluß zugehört? Ab welchem Alter hätten sie sich überhaupt für diesen Stoff interessiert? Was fehlte vielleicht in der Handlung, wie verständlich waren die Geschehnisse für die Leser bzw. für mögliche junge Zuhörer?

Für den Herbst, wenn die Tage wieder kürzer werden, steht vielleicht eine weitere Fortsetzungsgeschichte an. Vielleicht gibt es dann auch wieder eine größere Autoren-Beteiligung. Märchen sind schwierig, das wissen viele und blieben vielleicht aus diesem Grund lieber passiv, lasen lieber nur mit.


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