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Der Mann auf der Brücke



- Moderator schrieb am 12.02.2007: -

An dieser Fortsetzungsgeschichte, bei der es sich vom Grundsatz her um einen dialoggeprägten Text handeln soll, schreiben in der alphabetischen Reihenfolge ihrer Namen:

Alexander
Nikki
Stefanie

Es gelten einfache Regularien:

1. Nicht mehr als 3 Seiten
2. "Arbeitszeit": jeweils 3 Tage

Im Neuland "Dialog-Text" können durchaus weniger als drei Seiten mitunter die bessere Lösung sein.

Wieviel Runden für die Fortsetzungsgeschichte zum Zuge kommen, hängt von ihrem Fortgang und Verlauf ab. Der Moderator wird sich hier im Bedarfsfall einschalten.







- Nikki schrieb am 19.02.2007: -

„Und da sage einer wir Frauen wären rätselhaft. ... Dabei sind wir nur neugierig ... Warum wollen Sie eigentlich da runterspringen?“
„Nicht Ihre Angelegenheit.“
„Mag sein, aber nun stehe ich hier und frage mich, warum springt ein gut aussehender junger Mann bei diesem Sauwetter von einer Brücke? Ärger im Job? Dafür lohnt sich das Springen nicht. Zoff mit der Freundin ... oder dem Freund? Da könnte man schon mal ins Grübeln kommen. Vielleicht Geldsorgen? Hmm, möglicherweise. Aber wenn ich darüber nachdenke, ich finde für mich keinen Grund, um von einer Brücke zu springen ...“
„Reden Sie immer soviel?“
„Nur wenn ich nervös bin.“
„Ja, sieht man nicht alle Tage, wie sich einer aus dem Verderben stürzt, nä.“
„Ins Verderben. Sie meinen ins Verderben.“
„Nein, ich meinte, wie ich es sagte: aus dem Verderben.“
„Muss ja was ganz Schlimmes sein, wenn der Tod die bessere Wahl ist.“
„Ist es auch. ... Darf ich jetzt endlich in Ruhe springen?“
„Sie meinen es ernst, Sie scherzen nicht einfach?“
„Lady, wenn ich scherzen würde, stünde ich auf der anderen Seite des Geländers.“
„Aber wieso? ... Ich meine ... überlegen Sie es sich doch noch mal. Man wirft doch nicht einfach so sein Le...“
„Meine Güte. Ihr Weiber seid alle gleich.“
„Was soll das denn heißen?“
„Ihr könnt nur rumnörgeln. Ist man da, ist’s nicht richtig, will man gehen, ist’s auch nicht recht. Man kann euch einfach nicht genügen.“
„Also haben Sie Ärger mit der Frau oder Freundin.“
„Ich bin nicht liiert.“
„Ah.“ – „Jetzt zurre ich mir bestimmt zum zehnten Mal die Kapuze fest. Mussten Sie sich eigentlich so ein Sauwetter zum Springen aussuchen?“
„Ich komme ja gar nicht zum Springen. Sie sind ja dauernd da.“
„Aber ich könnte Sie nicht zurückhalten. Sie stehen zu weit weg von mir.“
„Ich will beim Sterben allein sein.“
„Das ist doch schlimm.“
„Gar nicht. Hören Sie, ich will jetzt endlich springen, und dazu muss ich alleine sein, denn so steht es in meinem Nachruf: Er war allein.“
„Dann schreiben Sie halt was anderes rein.“
„Geht nicht mehr.“
„Haben Sie den etwa schon aufgegeben?“
„Ja, sicher. Wenn ich tot bin, werde ich mich darum kaum kümmern können.“
„Sie sind ein eigenartiger Mensch.“
„Können Sie nicht endlich weitergehen. Ich würde gerne springen.“
„Ja, ... wenn ich sie nicht davon abbringen kann ... Ist es denn überhaupt hoch genug?“
„Ist es.“
„Hm, ich weiß nicht. Ein paar Meter mehr wären sicher von Vorteil.“
„Lassen Sie das meine Sorge sein.“
„Sie haben sich aber sehr schick gemacht. Sicher wollten sie eigentlich nur ausgehen.“
„Nein, lediglich gepflegt dem Elend ein Ende setzen.“
„Ist doch egal, wie man angezogen ist. Meinen Sie, wenn sie da unten ankommen, sehen Sie noch so adrett aus wie jetzt?“
„Lady, es mag Ihnen ja egal sein, wie sie abtreten, aber ich lege nun mal Wert auf anständige Kleidung. Und ich werde da unten noch immer anständig aussehen.“
„Hm, macht es Ihnen etwas aus ...“
„Ja, macht es.“
„Sie wissen doch noch gar nicht, was ich sagen will.“
„Ist egal, es macht mir was aus.“
„Verdammter Regen. Sehen Sie nur, wegen Ihnen bin ich jetzt patschnass. ... Und sturmzerzaust auch noch.“
„Ich kann doch nichts dafür, wenn Sie nicht weitergehen.“
„Doch, Sie wollen sich doch in die Tiefe stürzen.“
„Eben war es Ihnen noch nicht hoch genug.“
„Na ja, ... wenn ich da so runtersehe ... wenn man mit dem Kopf voran runterkommt ...“
„Jetzt verschwinden Sie endlich, Lady. Das hier ist eine sehr private Angelegenheit.“
„Also für mich ist es eine sehr öffentliche Angelegenheit. Immerhin stehen wir mitten in der Stadt auf einer Brücke.“
„Meine Güte. Sie können einen in den Wahnsinn treiben. ... Weiber.“
„Sie haben ja eine furchtbare Meinung von uns Frauen.“
„Ganz wie Sie es sehen wollen.“
„Kann ich etwas tun, was ihre Ansicht der Damenwelt ein wenig verändern könnte?“
„Ja. Gehen Sie endlich.“
„Hören Sie, ich habe einen Scheißtag hinter mir, es ist früh am Morgen, das Wetter ist miserabel ... und jetzt kommen mir noch Sie mit ihren Selbstmordabsichten in die Quere. Ich finde, Sie könnten mir wenigstens ein bißchen entgegenkommen und ...“
„Ist ja schon gut. Dann erzählen Sie mir halt was. Kommt ja jetzt auch nicht mehr auf die Minute an.“






- Stefanie schrieb am 19.02.2007: -

Sie trat nun an das Geländer, blieb etwa drei Meter von ihm entfernt stehen und stützte sich an das kalte, nasse Metall.
»Ich bin Leonie, hab ich das schon erwähnt?« Sie schaute ihn mit feuchten Gesicht an » Und Sie? Wie ist ihr Name?«
»Sie wollten mir etwas erzählen und mich nicht ausfragen! Das ist mal wieder typisch Frau!« sagte er scharf und lehnte sich weiter nach vorne, blickte in die Tiefe. Seine Augen trafen auf den kleinen Strauß weißer Rosen, welche schon ganz zerflättert am Boden lagen. Der Wind und der Regen peitschte ihn am Boden hin und her.
Leonie beugte sich etwas übers Geländer, schaute seinem Blick hinterher.
»Es war also doch eine Frau, hmm? Eine Frau, die das Herz brach?«
Er war in Gedanken, als er sagte »Sie war mein ein und alles, ich liebte sie so sehr und...« er schaute Leonie an »Gehen Sie endlich! Verschwinden Sie! Sie hätten gar nicht stehen bleiben sollen!.. Ich springe jetzt, ob Sie nun da sind oder nicht!« rief er und löste seine Hände vom Geländer, schwankte im starken Regen nach vorne.
Leonie schloss die Augen, hielt den Atem an und hielt sich die Ohren zu.
»Oh Gott....oh Gott...oh Gott« stotterte sie leise und wagte es nicht ihre Augen zu öffnen, doch dann blinzelte sie leicht und schaute zum Geländer. Er stand noch da, hatte eine Hand wieder an dem Metall. Beherzt trat sie einen Schritt zu ihm.
»Ich..bitte, Sie sind ein so attraktiver junger Mann. Warum? Es gibt doch noch so viel Schönes im Leben.« sagte sie und fügte leise hinzu »Tu es nicht...bitte.« ihre Hände lagen beide am Geländer.
Er schaute sie lange an. Vielleicht war er überrascht, dass sie ihn geduzt hatte »Ich kann diese Schmach nicht ertragen. Ich möchte so nicht weiterleben....sie stand auf und ging...einfach so. Ohne ein Wort zu verlieren, stand sie auf und lief davon....ich höre noch die Orgelmusik, die Glocken vom Turm....« er zupfte sich die Nelke aus seiner Jacke heraus, hielt sie in seinen Händen und zerdrückte sie.
»Sie steckte sie mir hinein....Vor dem Traualtar.....Schweigend stand sie auf und griff mir an den Anzug, riss mir die weiße Rose heraus, warf sie weg und steckte mir diese Nelke hinein....dann eilte sie durch den Mittelgang der Kirche und warf den Rosenstrauß weg. Meine Augen glitten über die Gäste, welche mich nur fragend, fast böse anschauten...«
»Aber.....ist sie es denn wert, dass du dir dein Leben nimmst? Es ist dein Leben, nicht ihres.« sagte Leonie und fragte nun mit trockener Kehle »Ich rede und rede, mein Herz schlägt mir bis zum Hals und du stehst schon so lange auf der falschen Seite des Geländers. Bitte komm hier herüber. Ich kann dich auf einen Tee mit zu mir nach Hause nehmen...aber hier?«
Sie zog ihren völlig durchnässten Mantel zu »Mich friert es und ich hol mir hier noch den Tod!« sagte sie nun etwas lauter.
In diesem Moment fuhr ein Lastwagen vorbei, welcher wohl Schwierigkeiten hatte, durch den starken Regen, die Straße zu sehen. Er kam bedrohlich nah an das Geländer heran und Leonie drückte sich eng an das Metall. Sie hörte nicht wie es knackte und wie eine der Sprossen nachgab. Ein Schwall schmutziges Pfützenwasser, durchnässte sie bis auf die Haut.
»So ein Mist!« fluchte Leonie verzweifelt und fuhr sich an dem nassen Mantel entlang.
»Es tut mir leid.« sagte er und fing fast zu lächeln an »Geh nach Hause. Du stehst schon viel zu lange hier bei mir.«
»Ich gehe erst, wenn du auf diese Seite des Geländers kommst, vorher nicht!« sie lehnte sich nun bockig an das Metall...wieder gab es nach und knackte an jener rostigen Stelle, welche die Streben zusammen hielt »Es ist nun auch meine Sache, das weißt du. Ich bleibe.«
Er schüttelte den Kopf »Ich versteh euch Frauen nicht. Warum nur, könnt ihr nicht einfach gehen. Warum müsst ihr euch immer irgendwo einmischen und immer das letzte Wort haben?...Wie sie...wie sie...Sie hielt mich auch zum Narren, bis zuletzt...um mich dann vor den anderen bloß zu stellen.«
Er erzählte und merkte nicht, wie Leonie über das Geländer stieg, dann sah er erschrocken zu ihr »Bist du verrückt??« fragte er geschockt »Es ist meine Angelegenheit, nicht deine. Geh sofort wieder zurück!!«
»Nein, ich bleibe hier stehen.«
»Was soll das? Du hast mit der ganzen Sache nichts zu tun!«
»Das ist mit egal. Ich bleibe hier stehen.«
Er schwieg und schaute nach unten. Leonie dachte, er würde springen und schrie »Nein!! Nicht!!« und sie lehnte sich zu ihm rüber, wollte ihn packen, so er es versuchen wollte, doch sie hätte ihn ohnehin nicht halten können, aber sie griff nach ihm. In diesem Moment gab das Geländer nach und die Streben, die ohnehin schon durchgerostet waren, gaben nach, brachen nach außen hin durch und Leonie schwankte nach außen, griff sich noch die Strebe, doch ihr Körpergewicht zog sie ins Bodenlose.







- Nikki schrieb am 22.02.2007: -

Das wusste Leonie auch nicht so recht. Sie hatte einfach intuitiv gehandelt.
>Egon< schüttelte sich heftig, sodass Leonie ihn losließ. Verlegen trat sie ein paar Schritte zurück. Die Situation begann sie überfordern.
Sie hörte, wie >Egon< sie anschrie. Weiber seien alle Kletten und sie solle sich hüten, ihm noch einmal so nahe zu kommen.
Erschrocken versicherte Leonie ihm, das es nicht noch einmal passieren würde. In Gedanken fragte sie sich, was den Mann so verbittert haben könnte. Ihre Vorstellung von der geplatzten Hochzeit war zwar offenbar falsch, aber sie fand, es sei wenigstens ein romantischer Grund zum Springen.
So wie er jedoch da auf dem schmalen Betonstreifen hinter dem Geländer stand, war der Grund alles andere als romantisch.
Sie nahm den Versuch eines Gespräches wieder auf, indem sie ihn mit ihrem Traum konfrontierte.
>Egon< hatte nur ein verächtliches Lachen für ihre Vermutung übrig. Sie wisse gar nichts vom Leben, und solle ihre Kleinmädchenträume ruhig weiterträumen. Dabei bliebe sie unverdorben.
Leonie hörte durch den Sarkasmus in seiner Stimme einen leichten Anflug von Sanftheit. Das gab ihr Anlass zu hoffen. Wenn sie ihn am richtigen Ende zu fassen bekam, konnte sie ihn vor dem Sprung in den Tod bewahren.
Doch wo war das richtige Ende? Alle Bisherigen hatte nicht zum Erfolg geführt. Leonie versuchte es mit einem weiteren losen Ende, das sie greifen konnte. Sie merkte an, so sehr verdorben sehe er nun auch wieder nicht aus.
>Egon< lachte kurz und bitter auf. Sie solle nicht nach dem äußeren Anschein gucken, bemerkte er.
Leonie antwortete darauf, weiter als bis zu seinem schicken Anzug ließe er sie ja nicht blicken.
Er sei ein Feigling und wolle sich mit seinem Sprung aus einer prekären Situation schleichen, brüllte er ihr entgegen. Im selben Augenblick ließ er das Geländer los und stellte sich so nahe an den Rand des Betonstreifens, das seine Fußspitzen über den Abgrund schauten. Kleine Steinchen fielen ins Bodenlose.
Leonie blieb vor Schreck fast das Herz stehen. Mit vor Panik schriller Stimme rief sie ihm zu, er dürfe nicht springen. Sie könne es nicht ertragen ihn sterben zu sehen.
>Egon< blieb auf dem schmalen Stückchen Leben stehen. Er drehte sich nicht zu ihr um, als er sie fragte, warum sie ihn nicht endlich sterben lassen wollte.
Er sei gut, meinte sie verdutzt. Es wäre doch wohl keinem fühlenden Menschen egal, wenn sich jemand das Leben nehmen wolle. Außerdem könne sie sich gleich zu ihm gesellen, wenn sie nicht so positiv dächte. Probleme hätte sie schließlich auch genug.
Aber keines sei so schwerwiegend wie seines, merkte er leise an.
Das würden alle Selbstmörder sagen, gab Leonie zu bedenken. Dabei gäbe es immer eine Lösung, auch wenn sie nicht in jedem Fall bequem wäre.
Jetzt drehte >Egon< sich doch um und griff mit einer Hand wieder nach dem Geländer. Dann grinste er irr. Beinahe sei es ihr doch jetzt tatsächlich gelungen, ihn aus der Reserve zu locken. Aber sie solle sich darauf nichts einbilden.
Leonie seufzte und fragte ironisch, wie sie denn dazu käme, sich etwas einzubilden. Aber immerhin gäbe es Menschen, denen ein anderer nicht ganz egal sei.
>Egon< schüttelte den Kopf und murmelte etwas von mehr Menschen müssten so sein wie sie. Dann drehte er sich wieder um.
Leonie versuchte den Faden festzuhalten und behauptete ein Feigling würde nie und nimmer von einer Brücke springen. Er könne also gar kein Feigling sein, sondern ziemlich mutig.
Er schüttelte den Kopf. Mutig sei er mal gewesen, aber jetzt wäre er nur noch ein Häufchen Elend, welches sich feige aus der Affäre ziehen wolle. Seine Hand löste sich vom Geländer.
Leonie kletterte zwei Meter neben ihm über das Geländer und hielt sich zitternd daran fest. Wenn er springen würde, täte sie es auch.
Geschockt sah >Egon< sie an. Sie solle verdammt nochmal nicht so blöd sein. Sie hätte keinen Grund von einer Brücke zu springen.
Leonie widersprach ihm. Sie hätte mehr als einen Grund. Der Tag heute sei dermaßen beschissen gelaufen, ihr Chef habe sie abgemahnt, ihre Wohnung sei wegen Eigenbedarfs gekündigt worden, sie habe eine Brosche verloren, die ein Erbstück ihrer Oma gewesen war ...
Das seien zwar Gründe, um zu verzweifeln, aber keiner würde einen Sprung in die Tiefe rechtfertigen, raunzte er sie an. Er hingegen habe zweihundert gewichtige Gründe, seinem Leben ein Ende zu setzen.
Leonie sah ihn zweifelnd an. Das musste der Tunnelblick sein, von dem Psychologen bei Selbstmördern sprachen. Sie sähen nur noch sich und ihr vermeintliches Versagen.
Er habe zweihundert Familien um ihre Zukunft gebracht, stieß Egon hervor.


- Stefanie schrieb am 24.02.2007: -

Leonie starrte ihn fragend an »Zweihundert??« stammelte sie und spürte, wie ihr schwummerig wurde.
»Vielleicht auch noch mehr...vierhundert? Fünfhundert? Ich weiß es nicht mehr.«
»Aber...aber was haben sie denn getan?«
Er schaute sie ernst und zynisch grinsend an, beuget sich zu ihr herüber »Ich habe nur gearbeitet...gearbeitet bei einem Chef, der nur Lug und Trug betrieben hat. Einem Mann, dem das Leben von Menschen egal ist. Einem Bauunternehmer, der viele Häuser baute und nur mit den billigsten Materialien schaffte, sie noch auf sumpfiges Gebiet stellte...ein Mensch, dem das Geld wichtiger war, als alles andere!...Die Menschen haben viel Geld bezahlt, lebten nun wenige Monate in ihren Schmuckstücken und nun brechen die Häuser zusammen, versinken im Morast.« Er zeigte auf sich und tippte wild mit dem Finger an seine Brust »Ich...ich habe es gewusst und ich habe nichts dagegen getan!...Ich habe mit die Schuld zu tragen!«
Er zog ein Papier aus seiner Jackentasche. Der Regen durchweichte es recht schnell »Hier, eine Vorladung. Ich sollte heute Mittag ins Gericht kommen. Man will mich nun dafür verantwortlich machen, denn der Bauunternehmer ist schon über alle Berge. Jetzt will man mir an den Kragen.«
Leonie schluckte »Die Häuser aus der Talebene?« fragte sie und fing fast zu weinen an, schniefte und wischte sich übers klatschnasse Gesicht. Dann wurde sie wütend und stieg recht schnell wieder auf die schützende Seite des Geländers »Ja, da verstehe ich, wenn man sich da das Leben nehmen will, denn es war auch mein Haus dabei. Auch ich hatte ein solches „Schmuckstück“ erworben und nun bricht und reißt es an vielen Stellen, versinkt wie in Treibsand! Ja, da haben sie allen Grund dazu über die Brücke zu springen.«
Sie blieb nun schweigend mit verschränkten Armen stehen. Der Regen lief ihr an jeder Faser ihres Körpers hinunter.
Der Mann drehte sich nicht zu ihr und sagte nur in die klaffende Leere, welche sich vor ihm auftat »Sehen sie, jetzt verstehen sie mich und mir steht kein weiterer Atemzug auf diesem Planeten zu....«
Leonie atmete schwer aus, nahm die Arme wieder auseinander und trat abermals an das Geländer »Wissen sie, nicht sie haben die Häuser gebaut und das Geld eingesteckt, sondern ihr Chef. Wenn sie nun „Manns“ genug sind, um vielleicht doch vors Gericht zu treten, für ihr Mitwissen gerade zu stehen, so können sie vielleicht doch noch ein schönes Leben genießen, denn man wird nicht gut über sie berichten. Man kann sie auch nie wieder etwas zu den Fällen fragen und wie es so in der Welt ist, macht man sie zum Schluss noch für alles haftbar, doch so war es ja gar nicht...oder?...Haben sie Familie?«
Fragte Leonie ruhig, doch er schüttelte nur den Kopf.
»Aber sie müssen doch irgendjemand haben? Jeder Mensch hat jemanden...Hmmm?« fragte sie nochmals anhaltend und wieder schüttelte er den Kopf, lehnte sich nun immer weiter nach vorne.
Leonie bekam es nun wieder mit der Angst zu tun und wusste sich nicht mehr zu helfen. Also schrie sie wie verrückt und total aus dem Häuschen, während sie sich die Kordel ihres Mantels um ihr Handgelenk band »Verdammt!!! Verdammt, jetzt reden sie mit mir, oder springen sie endlich! Das ist ja nicht zum aushalten!«
Sie stieg wieder übers Geländer und schlang das andere Ende der Kordel um das Handgelenk des Mannes »So und nun springen sie! Doch dann sind sie auch noch ein Mörder, der mich mit in die Tiefe gerissen hat!« schrie sie abermals und schaute ihn mit rasendem Herzklopfen an, spürte, wie ihr fast schwarz vor Augen wurde und sie zu taumeln begann.
Er starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an und wollte die dicke Kordel von seinem Gelenk lösen, als er bemerkte, wie Leonie die Augen verdrehte und sie fast vom Geländer wegkippte. Schnell tat er einen Griff an ihre Schulter und drückte sie ans Geländer.
»Himmel Herrgott, sie sollten zu einem Arzt gehen! Sie fallen hier doch noch hinunter ! Auch wenn sie das wollen, aber nicht hier und nicht jetzt! Ich bat sie zu gehen und sie sind geblieben und nun wollen sie mir auch noch ihren Selbstmord aufhalsen?« er schüttelte den Kopf »Oh nein, so nicht!« fluchte er und wollte sie über das Geländer hieven, als plötzlich ein Lastwagen mit rasanter Geschwindigkeit angerauscht kam.
Leonie hörte das Motorgeräusch, starrte auf den LKW und wusste, dass dies jener Wagen aus ihrem Traum war. Ihr schoss der Gedanke durch den Kopf »Oh Gott, es war kein Traum. Es war eine Vorausahnung« Schnell war sie wieder klaren Verstandes und hielt sich krampfhaft an den Streben fest, schrie »NEIN!! NEIN, nicht da rüber!! Er wird uns überfahren! Er wird uns töten!«
Der Mann aber drückte an Leonies Körper und wollte sie über das Geländer schubsen, als der Lastwagen einige Meter vor ihnen das Geländer streifte und die Funken spritzten.
Der Mann drehte Leonie auf dem schmalen Betonsteg nach außen und stellte sich schützend vor ihren schmächtigen Körper. Im selben Augenblick schredderte der Lastwaagen mit hoher Geschwindigkeit am Geländer entlang und verursachte ein ohrenbetäubendes Geräusch. Der Stahl gab nach und das Geländer bog sich nach außen. Schrill ertönte ein nicht erträgliches Quietschen.
Leonie schrie gellend vor Angst, als sie keinen Boden mehr unter den Füßen fühlte. Sie spürte den starken Griff seines Armes, der ihr nach wenigen Sekunden die Luft abdrückte. Ihr Schrei versiegte und ihr wurde schwarz vor Augen. Ihr Körper gab nach und sie rutschte dem Mann durch die Arme nach unten weg.
»Oh Gott!!« rief er und griff nun mit beiden Händen zu, wobei er sein Bein um eine der Streben schlang.
»Leonie!!!...Leonie!!« rief er, doch sie hing schlapp über dem gähnendem Abgrund. Er konnte sie fast nicht halten, das ihre Kleidung nass und glitschig war.
»Leonie, komm zu dir!!! Leonie!!« schrie er, wobei sich seine Stimme überschlug.
Er versuchte sie zu halten, doch sie glitt nur noch weiter nach unten. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Er als Mörder...er ein so schlechter Mensch...verdammt, warum war er nur an diese Brücke getreten....Sein Blick fiel zum Himmel. Viele Regentropfen hindertet ihn am nach oben schauen.
»Hilf mir!!« rief er »Wenn es dich gibt, dann hilf mir!!!« schrie er nun noch verzweifelter, als er spürte, wie sie ihm nur weiter entglitt und sie nur noch die dicke Kordel ihres Regenmantels verband.
Leonie war eine nicht allzu schwere Frau, doch ihr Gewicht an einer Kordel, oder an einem glitschigen Regenmantel zu halten, das war etwas anderes. Lange konnte er sie so nicht halten.
Sein Blick fiel auf ihren schlaffen Körper, welcher nun unter ihm baumelte. Er wurde ruhig und wartete nur noch, bis die Kordel riss, denn seine Hände waren kalt und steif. Er konnte sie nicht wieder hoch ziehen.
Er hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, als er eine Hand an seinem Gelenk spürte und er die Augen aufriss.
»Zieh mich hoch! Lass mich nicht fallen und zieh mich hoch.« sagte Leonie schwach und hielt sich nun an seinem Arm fest.
Er griff nun fest und voller Tatendrang zu »Leonie!! Gott sei Dank!« sagte er erleichtert und biss die Zähne zusammen um sie nun wieder zu sich nach oben zu ziehen.
Dann lehnte er mit ihr am Geländer und schlang einen Arm um sie herum, drückte sie an sich heran und atmete aber schwer.
Leonie bemerkte dies schnell und stieg auf die schützende Seite des Geländers, umklammerte ihn und er stöhnte laut auf.
»Mein Gott, was ist geschehen?« fragte sie und sah die tiefe Verletzung an seinem Rücken.
»Der Last- wagen...er hat ...mich er...wischt...ich« stammelte er und fiel nach vorne. Leonie schrie auf, umfasste seinen Körper und plötzlich waren weitere vier Hände zur Stelle. Zwei Passanten kamen des Weges und griffen nach dem Mann, welcher drohte nach vorne über zu kippen.
»Wir ziehen ihn herüber!...Schnell!«
»Ja schnell...ich rufe einen Rettungswagen!« sagte der andere und Leonie sank erschöpft an dem Geländer zu Boden. Neben ihr lag nun der Mann ohne Namen und schaute sie aus kleinen Augenschlitzen an »Sie sind so dumm...und ich weiß nicht einmal wie sie heißen.« Sie reichte ihm ihre Hand und begann zu weinen, als seine Hand nach der ihren griff und er leise sagte »Christ-ian...mein...Name...ist Christian.« dann schloss er seine Augen und seine Hand sank wie leblos zu Boden.
Leonie hielt sie aber krampfhaft fest und begann zu beten »Vater unser im Himmel.....nimm ihn mir nicht weg....ich will ihn kennenlernen....ich möchte mit ihm reden dürfen....« sie schlug an die Streben der Brücke »...Doch nicht hier an dieser Brücke, nicht hier, sondern in einem warmen Wohnzimmer und bei einer Tasse Tee...nimm ihn nicht zu dir...«
Leonies hand wurde ebenso schwer und ein flaues Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit...Sie hörte das Martinshorn nur noch schwach und nahm das Blaulicht nur schwach wahr.

Dann öffnete sie die Augen und sah einem Rettungssanitäter in die Augen. Sie griff ihm an seinen Arm und wollte sich nach Christian erkundigen, doch der Mann in weiß lächelte nur und entgegnete ihr »Er wird es überleben und ist schon auf dem Weg in die Klinik und ihnen wird es auch bald besser gehen. Sie hatten einen Kreislaufzusammenbruch, doch es wird alles wieder in Ordnung kommen...nur keine Sorge.«






- Moderator schrieb am 25.02.2007: -

Steffi hat nun die Geschichte gut zu Ende gebracht. Es scheint, daß alles geschrieben wurde, was zu dieser Geschichte gehören könnte. Insgesamt zwei Umläufe, jeder schrieb zweimal. Das ist eine akzeptable Textmenge; insgesamt und auch für den einzelnen Autor.

Kleine Anmerkung des Moderators: Eine reine Dialoggeschichte ist es nun nicht geworden. Manchmal tauchten doch verbindende Handlungshinweise auf, indirekt mit den Dialogen verbunden. Nikkis erster Beitrag war das mustergültigste Beispiel für die "Nur-Dialog-Erzählung".

Macht nichts; zu einem anderen Zeitpunkt kann, wenn gewünscht, erneut eine - zugegeben: schwierige - nur aus Dialogen bestehende Geschichte aufgelegt werden.

Hoffentlich hat das Schreiben allen Beteiligten etwas Freude bereitet, vielleicht auch ein wenig Phantasie und Schreibfertigkeit beflügelt und geschult.




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