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Aus der Welt der Literatur



2004-07-20
Leben der kleinen Toten (Pierre Michon / Suhrkamp Verlag, Frankfurt / ISBN 3-518-41612-X)

Vor zwanzig Jahren schrieb der heute knapp sechzigjährige französische Autor diesen Roman als Erstlingswerk, für den er 1984 in seinem Heimatland mit dem "Prix France Culture" ausgezeichnet wurde. Im Frühjahr 2004 gab Suhrkamp eine deutschsprachige Neuübersetzung des Werks heraus. Pierre Michon zählt zu den prägnantesten, aber auch eigenwilligsten Gegenwartsautoren Frankreichs. In seinem Erzählband entreißt er die Biographien unbekannter, wohl auch unbedeutender Menschen dem Vergessen. Es muß diese Personen gegeben haben, dieser Eindruck verdichtet sich immer mehr, und schließlich überkommt den Leser die Ahnung, daß der Autor die Protagonisten seiner Geschichten entweder selbst gekannt haben muß oder sich ihre wahren Lebensläufe auf andere Weise zugänglich machen konnte. Immer geht es um den Schlußpunkt jeden Lebens, um die Endlichkeit menschlicher Existenz. Der Weg dorthin, das Erreichen dieses letzten Augenblicks bildet die Botschaft, die uns Michon zu geben versucht. Ein schwerer, oft schwieriger, doch nicht minder ästhetischer Text, in ungemein dichter Sprache gehalten, der dem Leser eine hohe Konzentration abverlangt, ihn dafür mit herausragendem Lesegenuß über alle Maßen entschädigt.

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Textauszug:

Er war zu dem Sohn gestoßen. Als es offensichtlich war, daß er ihn in den Armen hielt, zog er ihn mit sich hoch auf den bröckeligen Brunnenrand, und sie warfen sich ungestüm in die Tiefe, eins wie der Heilige und sein Ochse, mit umschlungenen Armen und lachenden Auges, und im Fallen ununterscheidbar rissen sie die Tausendfüßler und die Bitterpflanzen mit sich hinunter und weckten das jubilierende Wasser, warfen es in die Luft wie ein junges Mädchen; der Vater schrie, als er sich die Beine brach, oder der Sohn; gegenseiig hielten sie sich den Kopf unter Wasser bis zum Tod. Sie ertranken wie junge Katzen, unschuldig, tolpatschig und wesensgleich wie zwei aus demselben Wurf. Als man sie unter einem fliehenden Januarhimmel des Jahres 1902 in die Erde trug, brauchte es nur einen Sarg.
Über Saint-Goussaud weht der Wind; die Welt ist gewalttätig, gewiß. Aber wieviel Gewalt hat sie nicht erfahren? Die barmherzigen Farne verstecken die kranke Erde; schlechter Weizen wächst in ihr, blödsinnige Geschichten, zersprungene Familien; aus dem Wind taucht die Sonne hervor wie eine Riesin, wie eine Verrückte. Dann erlischt sie, wie die Familie Peluchet erloschen ist: so heißt es, wenn der Name aufhört, auf Lebende zu passen. Nur zungenlose Münder sprechen ihn noch aus. Wer lügt hartnäckig im Wind? Fiéfiè kreischt in den Sturmöen, der Vater wettert, ein Windstoß und es reut ihn, der Wind dreht und er sühnt, der Sohn flieht immerzu nach Westen, die Mutter wimmert in der Heide, der Herbst kommt und riecht nach Tränen. All diese Leute sind tot. Auf dem Friedhof von Saint-Goussaud ist Antoines Platz leer, und es ist der letzte: Läge er dort, würde ich begraben werden, wo der Tod mich eben trifft. Er hat mir seinen Platz überlassen. Ich, der Letzte der Sippe, der ich mich als einziger noch an ihn erinnere, werde hier ruhen. Dann wird er vielleicht endgültig tot sein, meine Knochen werden beliebige Knochen sein, ebenso gut Antoine Pekuches wie meine, neben Toussaint, seinem Vater. Dieser windige Ort harrt meiner. Dieser Vater wird mein eigener sein. Ich bezweifle, daß je mein Name auf dem Stein stehen wird: Es wird den Rundbogen der Kastanien geben, unbewegliche alte Männer mit Schirmmütze, Kleinigkeiten, an die sich meine Freude erinnert. Bei einem fernen Antiquitätenhändler wird eine billige Reliquie liegen. Es wird schlechte Buchweizenernten geben; einen naiven, vergessenen Heiligen; Nadeln, mit denen vor hundertfünfzig Jahren gestorbene Mädchen ihn gespickt haben; die Meinen, die hier und da zwischen Holzbrettern verfaulen; die Dörfer und ihre Namen; und noch einmal den Wind.



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