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Aus der Welt der Literatur



2004-03-23
Zugang (Naja Marie Aidt; Achilla Pressse Verlag, Hamburg; ISBN 3-928398-83-0)

Die dänische Autorin mit der grönländischen Herkunft wird wohl unauffällig bleiben mit ihrem schmalen Erzählband, folgt man den herrschenden Gesetzmäßigkeiten der Literaturszene. Schade, denn in ihren etwas mehr als ein Dutzend kurzen Geschichten legt sie ein beeindruckendes Zeugnis ab für die Gabe, das Allerweltsgeschehen, wie es sich zugleich in unzähligen Lebensläufen tagtäglich ereignet, in ebenso beiläufiger wie unnachahmlicher Weise an den Leser heranzutragen.

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Textauszug:

An dem Tag, an dem er sah, wie die Mutter in einer schleppenden Bewegung ihre roten, um das Wischtuch geballten Hände über den Küchentisch zog, entschloß er sich, zu Hause auszuziehen.
Seine Schwestern neckten ihn beim Abendessen, sie traten ihm ans Schienbein und schnitten Grimassen, er schlug nach ihnen, und der Vater blickte von seinem Teller auf und sagte: "Jetzt aber mal Ruhe, bitte." Wie sie kichern konnten, diese Mädchen, sich krümmen und die Köpfe zusammenstecken konnten und so durchtrieben, daß es keiner bemerkte, keiner außer ihm. Und die Mutter putzte sich die Nase in der Serviette und fing an zu husten. "Nimm doch noch ein paar Kartoffeln", sagte sie.
"Ich ziehe aus", sagt er.
"Was tust du?" sagte sie.
Der Vater legte Messer und Gabel hin. "Ich habe noch nie....", sagte er.
Die Schwestern starrten, kleine Blitze in den Augen, und hielten die Köpfe schief. "Er hat gar keine Wohnung, wo er hinziehen kann", sagte die eine.
"Und die kriegt er auch nicht, so blöd wie er ist", sagte die andere.
Der Vater sagte: "Jetzt aber mal Ruhe, bitte!"
"Nun nimm doch noch ein paar Kartoffeln, hm?" Die Mutter reichte ihm die Schüssel mit der einen Hand, die andere umklammerte den Tischtuchsaum.
Nach dem Essen saßen die Eltern vor dem Fernseher und rauchten, die Schwestern rutschten kreischend das Geländer hinunter, und er stieg die Treppe hinauf, um seinen Koffer zu packen.
"Er zieht a-aus!" spotteten sie, als er an ihnen vorbeiging, er griff der einen ans Bein und grub seine Nägel hinein.
Er dachte auch an seine Lieblingsbücher und fünf der besten Kassetten, er machte den Koffer zu und atmete tief durch. Er sah sich im Zimmer um, nickte dem Wellensittich zu, der in seinem Bauer pfiff, dann löschte er das Licht. In der Diele zog er Mantel und Schal an, seine Schnürsenkel knotete er doppelt.
"Ja also, ich ziehe jetzt aus", sagte er ins Wohnzimmer hinein, er sah auf die breiten Rücken der Eltern in den Sesseln. Sie drehten sich um.
"Was tust du?" sagte die Mutter.
"Mach keinen Quatsch", sagte der Vater.
"In der Kanne ist Kaffee", sagte die Mutter.
"Und geh nicht so spät ins Bett", sagte der Vater, "morgen früh ruft die Arbeit wieder."
"Auf Wiedersehn", sagt er. Und dann ging er.

Ihre Hände sind es, die ihm so häufig in den Sinn kommen. Rot und kräftig, mit dem schmalen Goldring und den knochigen Gliedern. Hände, die ordentlich zupacken und trotzdem so durchsichtig sein können, wenn sie schlapp am Körper herunterhängen. Man kann sie an den Händen erkennen. Sie kann sich nicht verstecken. Das war es, was er sah, und als er es einmal gesehen hatte, wollte er es nicht noch ein zweites Mal sehen. Er denkt an den Wellensittich, ob er noch lebt. Vielleich ist er zu ihr hinunter in die Küche gezogen. Er denkt daran, womit sich die Schwestern die Zeit vertreiben, jetzt wo er nicht mehr da ist.
Er hatte Glück. Er bekam ein Zimmer in einem Männerheim und eine feste Stellung. Ein einziges Mal hatte der Vater auf seiner Arbeit angerufen. "Hallo, bist du´s?" fragte er, "was treibst du denn bloß?"
"Ich bin ausgezogen", antwortete er.
"Nun ja, das stimmt", sagte der Vater.
Kurz darauf sagten sie sich auf Wiedersehen und legten auf.
Er hatte Glück. Er lernte einen kennen, der John hieß, und manchmal gehen sie aus und kegeln und genehmigen sich ein Bier. Irgendwas zu tun gibt es immer.
Zu Weihnachten fragte ihn John: "Fährst du Heiligabend nach Haus oder was?"
"Nein", sagte er. "Aber ich hab mir überlegt, meiner Mutter ein Paar Handschuhe zu schicken."
"Ein Paar Handschuhe? Ein Paar Handschuhe!" Sie fingen beide an zu lachen, und als John aufhörte, weil er nicht wußte, worüber er eigentlich lachte, lachte er selbst weiter. Er lachte weiter und hörte nicht auf. Sein Gelächter nahm zu und erfüllte schließlich den Raum so sehr, daß John ging. Dann fing er an, wie ein Vogel zu zwitschern.



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