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Aus der Welt der Literatur



2004-02-27
Großvater und die Wölfe (Per Olov Enquist; Carl Hanser Verlag; ISBN 3-446-20345-1)

Mit vier Enkeln im Kindesalter und einem - gerechnet nach Hundejahren - 119 Jahre alten Hund macht sich der Großvater heimlich auf, um einen Berg in der schwedischen Wildnis zu erklimmen. Abenteuerliches wartet auf die junge Expeditionsmannschaft. Und sie teilt den Berg, den man den Dreihöhlenberg nennt, mit noch anderen Wesen, von denen sie nichts ahnt...ein Buch, das vom Autor erklärtermaßen für Kinder geschrieben wurde, doch junggebliebenen Älteren nicht weniger Lesevergnügen bereiten dürfte.

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Textauszug:

Mischa trottete jetzt als Letzte am Schluß. Ihr Fell war völlig durchnäßt. So erreichten sie die zweite Höhle am Dreihöhlenberg. Und waren drinnen.
Erst jetzt schauten sie sich in der Höhle um. Es war so dunkel, daß sie faßt nichts sehen konnten. Und sie erwarteten ja auch nicht, irgend etwas zu sehen. Sie wußten ja, daß die Höhle leer war. Da waren sie sich ganz sicher. Doch irgend etwas war, etwas Komisches, plötzlich spürten sie es.
Großvater lag nur auf dem Rücken und keuchte, aber Marcus schien etwas entdeckt zu haben, und Mina meinte etwas zu hören, wie ein schwaches Piepen, oder Jammern, und dann ein leises Zischen; aber Mischa konnte es nicht sein. Sie saß noch vor der Höhle und blickte gebannt hinüber zu der Öffnung der dritten Höhle, die fünfzig Meter entfernt lag. Nein, es war etwas Komisches.
Plötzlich zeigte Marcus ins Innere der Höhle, sagte aber nichts, zeigte nur. Und alle schauten. Da sahen sie im Dunkeln ein Paar Augen, die ihnen entgegenleuchteten. Es war ein Augenpaar, das hellgelb glühte und sich nicht bewegte, sondern starr und unverwandt aus dem Dunkel der Höhle auf sie gerichtet war. Alle Kinder sahen es. Und schließlich drehte auch Großvater den Kopf, und da sah er es auch.
Alle wußten mit einem Mal, was es war, denn langsam gewöhnten sich ihre Augen an das Dunkel und ebenso langsam erkannten sie die Umrisse eines Wolfs, eines großen Wolfs in der Tiefe der Höhle an der hinteren Wand. Ein Wolf, der sie mit intensiv leuchtenden gelben Augen anstarrte.
Ein Wolf. Sie waren in eine Wolfshöhle gekommen. Und Marcus zeigte noch immer, als hätte er noch etwas anderes entdeckt. Und da sahen auch sie das andere. Denn unmittelbar unter den leuchtend gelben Wolfsaugen sahen sie ein zweites Augenpaar. Nicht so groß, nein, viel kleiner, wie von einem kleineren Wolf, vielleicht einm sehr kleinen Wolf. Und auf einmal verstanden sie. Es war ein Wolfsjunges.
Nachher war genau das der Augenblick, an den Mina sich am besten erinnern sollte: wie sie ganz still im Halbdunkel auf dem Boden der Höhle gesessen und dann gesehen hatten, daß in der Höhle nicht nur eine Wolfsmutter war, eine große Wölfin, die vielleicht gefährlich war und bereit, sie anzugreifen, sondern auch ein kleiner Wolf, ein Wolfsjunges. Und daß sie dieses Wolfsjunge kannten. Sie hatten das daran gemerkt, daß das Wolfsjunge plötzlich aufgesprungen war und sich bewegte und über den Höhlenboden tappte, zu Mina ging und sie beschnüffelte. Zuerst ihre Hand, dann ihre Hose. Und schließlich war es fast an Mina hochgeklettert und hatte an ihrem Gesicht geschnüffelt und dann, als wäre es erst jetzt ganz sicher, eine Freundin wiedererkannt zu haben, hatte es vorsichtig ihre Wange geleckt.
"Es ist Maja-Rubert", flüsterte Marcus.
Da fing Mina wieder an zu weinen. Nicht weil sie so traurig war, sondern weil sie so furchtbare Angst gehabt hatte und jetzt wieder froh geworden war.



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