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Aus der Welt der Literatur



2004-01-30
Die Nackten und die Toten (Norman Mailer; Rowohlt Verlag)

Es gibt literarische Werke, die für die Ewigkeit geschaffen sind, so hat es den Anschein. Das hier vorgestellte Buch von Norman Mailer gehört zweifelslohne dazu. Die meisten Gegenwarts-Veröffentlichungen, auch die von der häufig zeitgeistbeeinflußten Kritik so hochgelobten, versinken meist nach kurzer Zeit in´s Vergessen, kaum jemand weiß sich noch an sie zu erinnern. Das Buch von Norman Mailer, über 600 Seiten stark, wird seinen unverrückbaren Platz in der literarischen Welt behaupten; als beklemmendes Manifest gegen das Elend des Krieges, als Zeugnis dafür, welche schicksalhaften Prüfungen über Menschen hereinbrechen können, ohne daß sie je eine wirkliche Chance hatten, ihnen zu entgehen.

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Textauszug:

Niemand vermochte zu schlafen. In der Morgendämmerung würde das kleine Transportschiff seine Fahrt verlangsamen, die erste Woge der Truppen würde durch die Brandung dringen und entlang der Küste von Anopopei angreifen. Jedermann auf dem Schiff, jeder im Schiffsverband wußte, daß einige von ihnen in den nächsten Stunden zu sterben hätten.
Ein Soldat liegt lang in seiner Koje, schließ die Augen, bleibt hellwach. Um sich herum hört er das Gemurmel der hin und wieder in Träume versinkenden Männer wie Brandungsgeräusch. "Ich will es nicht, ich will nicht!" schreit jemand in seinem Traum, und der Soldat öffnet die Augen und blickt langsam über den Raum. Sein Blick verliert sich in dem verwirrenden Durcheinander von Hängematten, nackten Körpern und baumelnden Ausrüstungsgegenständen. Er beschließt, nach vorn zu gehen, flucht ein wenig und wälzt sich dann empor, bis er zum Sitzen kommt; seine Beine hängen über die Koje, das Stahrohr der Hängematte über ihm streift seinen gekrümmten Rücken. Er seufzt, greift nach seinen Schuhen, die er an einer Stange festgebunden hat, und zieht sie gemächlich an. Seine Koje ist die vierte in einer Reihe von fünfen. Er klettert hinab, unsicher im Halbdunkel und in Sorge, auf einen der Männer in den unteren Hängematten zu treten. Auf dem Fußboden sucht er sich seinen Weg durch das Vielerlei der Gepäckstücke und Bündel, stolpert über ein Gewehr und findet schließlich die Schottentür. Er durchquert einen anderen Raum voll gleicher Unordnung und kommt endlich zum Vorderteil des Schiffs.
Innen dampft die Luft. Soeben benutzt ein Mann die einzige Frischwasserdusche, die dauernd von Soldaten umlagert ist, seidem sie an Bord sind. Der Soldat geht an den Würfelspielern in den unbenutzten Salzwasserduschanlagen vorbei und hockt sich auf dem feuchten, rissigen Rand der Latrine nieder. Er hat seine Zigaretten vergessen und leiht sich eine von dem Soldaten, der nur wenige Schritte entfernt sitzt. Während er raucht, blickt er auf den dunklen, schmierigen, mit Stummeln bedeckten Fußboden und hört auf das plätschernde Wasser, das durch das Becken rieselt. Er hatte wahrhaftig keinen Grund hierherzukommen, aber er bleibt dennoch sitzen, weil es hier kühler ist und der Latrinengeruch, das Salzwasser, das Chlor, der kaltfeuchte, fade Geruch von nassem Metall weniger bedrückend sind als der schwere Schweißgestank in den Truppenräumen.



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