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Aus der Welt der Literatur



2003-10-19
Die Zeitmaschine (H. G. Wells; Rowohlt Verlag)

Die phantastische Geschichte von einer Reise in die Zukunft, wie sie fesselnder nie wieder geschrieben wurde. Zweifellos eines der besten Bücher dieser Art. H. G. Wells schrieb mehrere utopische Romane, doch die "Die Zeitmaschine" wurde zu seinem bekanntesten Werk.

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Textauszug:

Ich weiß nicht, wie lange ich liegen blieb. Mich störte eine weiche Hand auf, die mein Gesicht berührte. Ich fuhr im Dunkel hoch, griff nach meinen Streichhölzern, entzündete eins und sah drei gebückte weiße Geschöpfe, ähnlich dem, das ich über der Erde in der Ruine gesehen hatte, eilig vor dem Lichte fliehen. Da sie hier unten in einem Dunkel lebten, das mir undurchdringlich schien, so waren ihre Augen genau wie die Pupillen der Tiefseefische abnorm groß und empfindlich, und sie reflektierten auch das Licht ebenso. Ich zweifle nicht, daß sie mich in jener strahlenlosen Finsternis sehen konnten, und sie schienen sich, abgesehen von dem Licht, durchaus nicht vor mir zu fürchten. Aber sobald ich ein Zündholz anstrich, um sie zu sehen, flohen sie unverzüglich, und sie verschwanden in dunkle Kanäle und Tunnels, aus denen mich ihre Augen auf die unheimlichste Art anglänzten.
Ich versuchte, sie anzurufen, aber ihre Sprache war offenbar anders als die der Oberweltmenschen; so blieb ich also meinen eigenen hilflosen Bemühungen überlassen, und noch jetzt dachte ich an Flucht vor der Erforschung. Aber ich sagte mir: "Jetzt bin ich drin", und als ich mich den Tunnel entlang tastete, merkte ich, daß der Maschinenlärm lauter wurde. Alsbald wichen die Wände von mir fort, und ich kam auf einen weiten, offenen Platz, und als ich ein zweites Zündholz anstrich, sah ich, daß ich in eine weite, überwölbte Höhle getreten war, die sich hinter dem Bereich meines Lichtes wieder ins tiefste Dunkel streckte. Was ich von ihr sah, war soviel, wie man bei brennendem Streichholz sehen kann.
Meine Erinnerung ist natürlich unbestimmt. Große Formen - wie riesige Maschinen - erhoben sich aus dem Dunkel und warfen groteske schwarze Schatten, in die gespenstische Morlocken vor dem Lichtschein flohen. Es war dort, nebenbei, sehr heiß und drückend, und ein matter Geruch von frisch vergossenem Blut lag in der Luft. Eine Strecke in der Zentralhalle hinunter stand ein kleiner Tisch aus weißem Metall, der scheinbar mit einem Mahl bedeckt war. Die Morlocken waren auf jeden Fall Fleischesser! Ich entsinne mich, daß ich mich gleich fragte, welches große Tier überlebt haben könnte, um die rote Keule zu liefern, die ich sah. Alles war sehr undeutlich: der schwere Geruch, die großen, unklaren Formen, die ekelhaften Gestalten, die in dem Schatten lauerten und nur auf das Dunkel warteten, um wieder zu mir zu kommen! Dann brannte das Streichholz ab, sengte mir die Finger und fiel - ein sich ringelnder roter Fleck in der Schwärze.
Ich habe seither daran gedacht, wie besonders schlecht ich für ein solches Unternehmen ausgerüstet war. Als ich mich mit der Zeitmaschine aufgemacht hatte, hatte ich es in der absurden Annahme getan, die Menschen der Zukunft würden uns in allen Vorrichtungen unendlich voraus sein. Ich war ohne Waffen, ohne Medizin, ohne irgend etwas zu rauchen - zuzeiten entbehrte ich den Tabak furchtbar - selbst ohne genug Steichhölzer gekommen. Wenn ich nur an einen Kodak gedacht hätte! Ich hätte den Blick in die Unterwelt in einer Sekunde aufnehmen und in Muße untersuchen können. Aber so stand ich nur mit den Waffen und Kräften da, die mir die Natur verliehen hatte - mit Händen, Füßen und Zähnen; die und vier Sicherheitszündhölzer blieben mir noch.




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