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Aus der Welt der Literatur



2003-10-09
Rauken (Claire Beyer; Frankfurter Verlagsanstalt)

Das stille, namenlose Leid eines Mädchens, das auf der Suche nach einem winzigen Stückchen Lebensglück ist und der Kälte und Unmenschlichkeit seines Umfelds zu entrinnen versucht.

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Textauszug:

Die Musik in ihr ist verstummt. Sie muß nach ihm suchen. Warum? Er hatte, verspottet und geprügelt von den Jungen des Dorfes, damals ihre Hand genommen, um aus den Büschen zu kommen, in die er geflüchtet war. Sie konnte nicht helfen, zu viele hatten sich auf ihn gestürzt, ihn als den Bocksbeinigen verspottet. Dies noch in den Ohren, sah sie seine Augen, den Zorn darin. Das Blut, das von seinen Lippen tropfte, wischte sie mit ihrer Schürze ab. "Jetzt bin ich dein Blutsbruder!" Sie lachte ihn dabei an, und sein Einwand "aber du bist ein Mädchen!" wurde kurzerhand abgetan mit der neuen Definition Blutsfreundin, was er mit verlegenem Erröten nickend annahm. "Bis in den Tod?" wollte er wissen. Sie ríß aus der Hecke einen Zweig, ritzte damit an ihrer Haut. Nur wenige Tropfen ihres Blutes, das vermengte sie auf ihrem Handrücken mit seinem aus den Lippen. "Bis in den Tod! Ehrenwort!"

Es wird dunkel, sie beachtet es nicht, schläft auf einem Bett aus Laub und Schmutz, will in Pierres Haus bleiben, bis sie weiß, wohin genau er gegangen ist. Aber man sucht nach ihr, findet sie schlafend, sperrt sie ein, nur zur Schule gehen darf sie, in Begleitung von Magdalene, die sie am Kragen festhält, den Weg hin und den Weg zurück. Der Großvater läßt in das Zimmer einen Tisch und einen Stuhl bringen, kommt später selbst, verlangt von ihr, daß sie in den Schulbüchern liest, bis sie alles kann, was darin steht. Über ein halbes Jahr war sie nicht zur Schule gegangen, aber sie löst die Aufgaben, hat vieles längst mit Albert gerechnet und gelesen. Dennoch sitzt sie unzählige Tage in ihrem Gefängnis, wird an jedem Abend geprüft. Vroni fügt sich, nur der Großvater wird wissen, wo Pierre und seine Familie sind, ihn darf sie nicht noch weiter verärgern.



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