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Aus der Welt der Literatur



2003-08-02
Aus der Mitte entspringt ein Fluß (Norman Maclean; Fischer Taschenbuch Verlag)

Ein Vater mit seinen zwei Söhnen, eine Landschaft in Montana, ein Fluß, der sie in seinen Bann zieht, das Schicksal einer Familie...ein Werk der Weltliteratur, inzwischen meisterhaft verfilmt von und mit Robert Redford und Brad Pitt.

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Textauszug:

Am Big Blackfoot River oberhalb der Mündung des Belmont Creek säumen hohe Ponderosakiefern die Böschungen. In der schräg einfallenden Sonne des Spätnachmittags reichten die Schatten der großen Äste über den Fluß, und die Bäume nahmen den Fluß in ihre Arme. Die Schatten setzten sich die Böschungen hinauf fort, bis sie uns einschlossen.
Ein Fluß jedoch hat so viele Dinge zu sagen, daß es schwer zu erfahren ist, was er einem jeden von uns sagt. Als wir unser Angelgerät und die Fische in den Wagen packten, wiederholte Paul: "Gib mir nur noch drei Jahre." Damals war ich von der Wiederholung überrascht, aber später wurde mir klar, daß der Fluß irgendwann, irgendwo auch mir gesagt haben muß, daß mein Bruder kein solches Geschenk erhalten würde. Denn als der Polizeisergeant Anfang Mai des folgenden Jahres mich vor Anbruch des Tages weckte, stand ich auf und stellte keine Fragen. Zusammen fuhren wir über die Kontinentale Wasserscheide und den Big Blackfoot River hinunter, über Waldböden, die gelb und bisweilen weiß waren von Scheelilien, um meinem Vater und meiner Mutter zu sagen, daß man meinen Bruder mit einem Revolvergriff totgeschlagen und seine Leiche in eine kleine Gasse geschmissen hatte.
Meine Mutter wandte sich um und ging in ihr Schlafzimmer, wo sie sich, in einem Haus voller Männer und Ruten und Flinten, den meisten ihrer großen Problem allein ausgesetzt hatte. Sie sollte mir nie eine Frage stellen über den Mann, den sie am meisten liebte und am wenigsten verstand. Vielleicht wußte sie genug, um zu wissen, daß es für sie genug war, ihn geliebt zu haben. Er war wahrscheinlich der einzige Mann auf der Welt, der sie in den Armen gehalten, sich zurückgelehnt und gelacht hatte.
Als ich mit meinem Vater geredet hatte, fragter er: "Gibt es noch etwas, das du mir erzählen kannst?"
Ich sagte schließlich: "Nahezu alle Knochen seiner Hand waren gebrochen."
Er war fast an der Tür, als er sich umdrehte und nach Bestätigung verlangte. "Bist du sicher, daß die Knochen seiner Hand gebrochen waren?" frage er. Ich wiederholte: "Nahezu alle Knochen seiner Hand waren gebrochen."
"Welcher Hand?" frage er. "Seiner rechten Hand", antwortete ich.

Nach dem Tod meines Bruders konnte mein Vater nicht mehr sehr gut gehen. Es war für ihn ein Kampf, die Füße zu heben, und wenn er sie hochkriegte, kamen sie etwas unkontrolliert wieder auf den Boden. Von Zeit zu Zeit mußte ich Pauls gebrochene rechte Hand erneut bestätigen; dann schlurfte mein Vater wieder davon. Er konnte nicht in gerader Linie schlurfen, weil es ihm Mühe machte, die Füße zu heben. Wie viele schottische Geistliche vor ihm mußte er, was er an Trost finden konnte, aus dem Glauben ziehen, daß sein Sohn im Kampf gestorben war.
Einige Zeit jedoch bemühte er sich um mehr, woran er sich halten konnte. "Hast du mir auch bestimmt alles erzählt, was du über seinen Tod weißt?"
"Alles."
"Das ist nicht viel, nicht wahr?"
"Nein", erwidert ich, "aber man kann vollkommen lieben, ohne vollkommen zu verstehen."
"Das weiß ich, und das habe ich gepredigt", sagte mein Vater.
Einmnal kam mein Vater mit einer anderen Frage zurück. "Meinst du, ich hätte ihm helfen können?" fragte er. Selbst wenn ich noch länger überlegt hätte, hätte ich dieselbe Antwort gegeben. "Meinst du, ich hätte ihm helfen können?" fragte ich. Wir standen wartend da, aus Achtung füreinander. Wie kann eine Frage beantwortet werden, die ein ganzes Leben von Fragen stellt?
Nach einer langen Pause kam er mit einer Frage, die zu stellen es ihn von Anfang an getrieben haben mußte. "Meinst du, es war bloß ein Überfall, aus dem er sich idiotischerweise durch einen Kampf befreien wollte? Du weißt, was ich meine - daß es in keinem Zusammenhang stand mit irgendeiner Sache aus seiner Vergangenheit?"
"Die Polizei weiß es nicht", sagte ich.
"Aber weißt du es?" fragte er, und ich spürte die stillschweigende Bedeutung.
"Ich habe dir gesagt, daß ich dir alles berichtet habe, was ich weiß. Wenn du mich weit genug treibst - alles, was ich wirklich weiß, ist, daß er ein feiner Fischer war."
"Du weißt mehr als das", sagte mein Vater. "Er war schön."
"Ja", sagte ich, "er war schön. Das mußte er auch sein - du hast ihn unterwiesen."
Mein Vater sah mich lange an - er sah mich einfach an. Dann haben wir nie wieder miteinander über Pauls Tod gesprochen.
Indirekt jedoch war er in vielen unserer Gespräche gegenwärtig. Einmal zum Beispiel stellte mein Vater mir eine Reihe von Fragen, die mich plötzlich stutzen ließen, ob ich wenigstens meinen Vater verstand, dem ich mich näher fühlte als jedem anderen Mann, den ich je gekannt habe.
"Du erzählst doch gern wahre Geschichten, oder?" fragte er, und ich antwortete: "Ja, ich erzähle gerne Geschichten, die wahr sind."
Dann fragte er: "Wenn du irgendwann mit deinen wahren Geschichten fertig bist, warum erfindest du dann nicht eine Geschichte und die Menschen, die dazugehören? Erst dann wirst du verstehen, was passiert ist und warum. Es sind die, mit denen wir leben und die wir lieben und die wir kennen sollten, die sich uns entziehen."

Jetzt sind fast alle, die ich geliebt und nicht verstanden habe, als ich jung war, tot, aber ich strecke noch immer die Hand nach ihnen aus.
Natürlich bin ich jetzt zu alt, um noch viel als Fischer zu taugen, und jetzt fische ich natürlich meistens allein an den großen Wassern, auch wenn manche Freunde meinen, das sollte ich nicht. Wie viele Fliegenfischer im Westen von Montana, wo die Sommertage von fast arktischer Länge sind, fange ich oft erst in der Abendkühle an zu fischen. Dann, im arktischen Halblicht des Canyons, geht alles Sein auf in einem Wesen mit meiner Seele und meinen Erinnerungen und den Geräuschen des Big Blackfoot River und einem Viertakt-Rhythmus und der Hoffnung, daß ein Fisch erscheint.
Schließlich verschmelzen alle Dinge zu einem, und aus der Mitte entspringt ein Fluß. Der Fluß entstand durch die große Weltenflut, und er fließt über Felsen aus dem Urgrund der Zeit. Auf manchen Felsen sind zeitlose Regentropfen. Unter den Felsen sind die Worte, und manche der Worte sind bei den Felsen.
Ich werde von Wassern verfolgt.





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