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Aus der Welt der Literatur



2003-07-18
Hermann Hesse: Brief an eine Abiturientin

Im März 1951 schrieb Hermann Hesse an eine Abiturientin, die ihn um Rat gebeten hatte, wie sie das von ihm verfaßte Buch "Steppenwolf" bei einem Vortrag gegenüber Kritik aus dem Kreis der Mitschüler verteidigen könne.

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Liebes Fräulein,
es tut mir leid, aber ich kann Ihnen den 'Steppenwolf' nicht erklären. In dem Nachwort, das ich vor einigen Jahren der Ausgabe der Büchergilde mitgegeben habe, habe ich ja angedeutet, wie ich es meine. Aber das Problem, das Harry Haller zu bewältigen hat, wird von ganz jungen Lesern niemals in seiner Kompliziertheit ganz erfaßt werden können. Das ist aber auch gar nicht nötig. Sie haben ja an sich selbst erfahren, daß man ein solches Buch lieben und sich zu eigen machen kann, auch ohne es genau analysieren zu können. Damit haben Sie den Zugang zum 'Steppenwolf' und zu allen meinen Büchern schon gefunden, das Verständnis wird sich von selbst weiterbilden. Ohne Sie belehren zu wollen, erlaube ich mir, noch einen Rat auszusprechen: Wenn andre ein Buch oder Kunstwerk, das Ihnen lieb ist, ablehnen, dann ist es unnütz, sich dagegen zu wehren oder das Buch verteidigen zu wollen. Man soll zu seiner Liebe stehn und soll sie bekennen, gewiß, aber man soll sich über den Gegenstand dieser Liebe nicht streiten. Es führt zu nichts.
Die Bücher der Dichter bedürfen weder der Erklärung noch der Verteidigung, sie sind überaus geduldig und können warten, und wenn sie etwas wert sind, dann leben sie meistens länger als alle die, die über sie streiten.



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