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Aus der Welt der Literatur



2019-08-17
Das finstere Tal (Thomas Willmann / Ullstein / ISBN 978-3-548-28368-5)

Ein bemerkenswertes Roman-Debüt. Halb Western, halb Alpen-Roman, in einer längst ungebräuchlich gewordenen Sprache, umständlich, stark, ausholend, bildreich, langatmig, machtvoll, mitunter detailverliebt … und eben dadurch so faszinierend, atemlos machend, mitnehmend, innehaltend, nicht zuletzt eingedenk der – ja, man muß es sagen dürfen – so häufigen Plapper- und Stammel-Sätze, die dem Leser allzuoft in anderen Romanen der Gegenwartsliteratur zugemutet werden.

Liest man im besprochenen Buch die „Danksagung“, drängt sich der Eindruck auf, daß der Roman seine Entstehung mehr dem Zufall als einem von Beginn an geplanten Vorhaben entsprang. Mehr als erstaunlich. Es weckt die Hoffnung, daß der Autor, vom wohl unverhofften Erfolg beflügelt, weitermacht. Seine Art des Schreibens ist selten geworden, sehr selten. Umso dringlicher braucht die Literatur ihn und seinesgleichen.


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Das finstere Tal (Thomas Willmann / Ullstein / ISBN 978-3-548-28368-5 / € 9,99)



Textauszug:

... Jedenfalls spazierte der Fremde unbehelligt und allein in das Dorf hinein wie in eine aufgelassene Burg. Doch kaum war er auf dem engen Hauptplatz angelangt, endete auch diese Illusion. Dort waren, wie zufällig, mehrere kräftige Männer mit runden, schwarzen Hüten versammelt. Viel Anstalten machte sie nicht vorzugeben, hier mit anderem beschäftigt zu sein als dem Warten auf seine Ankunft. Der Fremde grüßte sie freundlich, aber stumm mit einem Kopfnicken.

Die Männer kamen näher, bildeten um den Eindringling, der auf der Mitte des Platzes mit seinem Maultier zum Stehen gekommen war, einen Halbkreis, der nur wenig enger hätte werden müssen, um unverhohlen bedrohlich zu sein. Rundum öffneten sich allmählich Türen und Fenster, Menschen kamen aus den Gassen, so daß sich die Ränder des Platzes bald mit leise tuschelnden Zuschauern füllten. Die Männer, die dem Fremden gegenübertraten, ein halbes Dutzend an der Zahl, hatten zum Teil gerade erst die Jugend hinter sich gelassen, zum Teil waren gerade noch im besten Mannesalter. Der Jüngste hatte seine Wangen, die in der Kälte rosig leuchteten, glatt rasiert; zwei trugen Schnauzbärte, einer einen buschigen Backenbart, zwei sauber gestutzte, schwarze Vollbärte – aber nichts davon konnte die Ähnlichkeit ihrer Gesichter verbergen. Hätte man nur die zwei Männer gesehen, die sich am wenigsten glichen, so wären sie einem noch immer erkennbar als Typen einer Region erschienen. Durch die anderen vier aber waren ihre Gemeinsamkeiten wie die Unterschiede über so vielfältige, feine Stufen vermittelt – fand sich jeder Zug, der einen der Männer speziell auszuzeichnen schien, in wenigstens einem der anderen wieder -, daß höchsten der Grad, nicht aber die Tatsache ihrer Verwandtschaft untereinander zweifelhaft schien.

Das erste Wort sprach einer der beiden Vollbärtigen, offenbar der Älteste in dem Halbkreis, in dessen Mitte er dem Fremden genau gegenüberstand.
„Grüß dich.“
„Grüß euch“, antwortete der Neuankömmling, mit einem langsamen, unbeugsamen Blick durch das Halbrund.
„Bist fremd hier.“
Ob Frage oder Feststellung war nicht zu entscheiden. Der Mann nickte.
„Wer bist du?“ Die Frage kam hart, gerade, in den kehligen Lauten des hiesigen Dialekts.
„Greider“, antwortete der Fremde, noch knapper, grader heraus.
„Und was willst?“
„Quartier.“
„Wirst net finden. Mir brauchen keine Fremden. Is kei guade Zeit, es kommt bald der Schnee. Dann kommst nimmer runter. Schaug lieber, daß dʼ glei umkehrst.“
Greider stand still da, als seien die Worte nicht an ihn gerichtet. Ruhig und gleichmäßig dampfte sein Atem in der kühlen Luft, durch die – obwohl kaum Wolken zu sehen waren – zitternd vereinzelte Schneekörner tanzten.
„Hast net gʼhört? Umkehrʼn sollst. Gibt für Fremde nix hier im Tal.“

Wieder blieb Greider stumm, als hätten die Worte einem anderen gegolten und als wartete er darauf, endlich angesprochen zu werden.
Die Stimme des anderen – bisher von einem nachsichtigen Ton, als spräche sie zu einem, der unwissentlich einen Fehler gemacht hatte – wurde eisiger.
„Was willst überhaupt hier?“
Nun endlich antwortete Greider, höflich ganz selbstverständlich und indem er auf die langen, runden Lederfutterale und die seltsame, zusammengekappte Holzkonstruktion zeigte, die auf dem Rücken seines Maultiers festgezurrt waren:
„Malen.“

Ein fast erschrockenes Tuscheln und Raunen brandete rings auf - >Was hat er gesagt? Malen? Wirklich Malen?<
Einen kurzen Moment blickte auch der Bärtige verdutzt, aber dann, als er wußte, daß nun alle auf seine Antwort warteten – denn es schien völlig ohne Zweifel, daß er allein hier Wort zu führen hatte -, da fragte er, so laut, daß jeder es sicher hören konnte und voll höhnisch gespielter Freundlichkeit:

„Ah so, mahlen willst? Mir ham aber schon an Müller!“
Das rief johlendes Gelächter im Rund hervor. Nur Greider verzog so wenig die Miene wie die sechs Männer, die um ihn standen.

Ganz ernst und betont höflich, als hätte ihn der andere tatsächlich mißverstanden, sagte er:
„Net Müller. Maler. Bilder will ich malen.“
Da war nun der Bärtige um eine Antwort verlegen. Greider nutzte den Moment, um erstmals ungefragt zu sprechen. Als hätte der andere nicht erklärt, daß es so etwas hier nicht gebe, sagte er:
Ich zahl`s Quartier auch gut.“







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