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Aus der Welt der Literatur



2019-06-10
Die Schattenlinie (Joseph Conrad / Insel-Verlag / ISBN 978-3458342342)

Joseph Conrad (geboren am 3. Dezember 1857 als Józef Teodor Konrad Nalecz Korzeniowski im damals russisch besetzten Teil der polnischen Ukraine), gilt nach wie vor als einer der bedeutendsten Autoren der englischen Sprache. Als Siebenjähriger verlor er die Mutter, mit elf Jahren den Vater, dessen Betätigung im antirussischen Widerstand der Familie Repressalien und zeitweilige Verbannung eintrugen. Der Bruder der Mutter übernahm fortan die Erziehung des verwaisten Jungen, die sich durch das aufbrausende, exzentrische, ruhelose Wesen des Heranwachsenden als nicht unproblematisch gestaltete. Früh schon zog es ihn ans Meer, Schiffe faszinierten ihn zeitlebens. Als 17jähriger verließ er seine Heimat und ging nach Marseille, brachte sich mit unterschiedlichsten Beschäftigungen durchs Leben, befuhr schließlich sechzehn Jahre lang auf zahlreichen Schiffen die Meere, am Anfang als Passagier, schließlich als Seemann. Auch um möglichen Nachstellungen des zaristischen Rußlands zu entgehen, erwarb er 1886 die britische Staatsbürgerschaft und nannte sich ab diesem Zeitpunkt Joseph Conrad.

Seine seemännischen Erlebnisse prägten sein Leben auf Dauer, insbesondere die unmittelbare Begegnung mit den Schrecknissen des Kolonialismus und dessen Verbrechen an Afrikas Ureinwohnern, die er bei Reisen in den geknechteten Kontinent mit ansehen mußte.

Trotz seines unsteten Lebens las Conrad viel, auch angeregt durch den literarisch ambitionierten Vater, der Gedichte und Dramen verfaßte und sich als Übersetzer fremdsprachiger Autoren betätigte. Um 1890 begann Conrad mit dem eigenen Schreiben, und im Laufe seines weiteren Lebens verfaßte er zahlreiche Romane und Erzählungen, von denen einige weltbekannt wurden und es bis zur Verfilmung und auf die Bühne schafften.

Conrad starb am 3. August 1924 im Arbeitszimmer seines Hauses in Kent. Auf dem Friedhof in Canterbury liegt er an der Seite seiner Frau begraben.

Unabhängig vom Inhalt des 1917 erschienenen schmalen Romanes „Die Schattenlinie“ offenbart sich in der Art und Weise seiner literarischen Umsetzung die außerordentliche Erzählkunst Conrads, die nur wenigen, den großen Romanciers, gegeben ist.

An anderer Stelle schrieb Conrad Gedanken nieder, die auf vieles, was das Leben der Menschen berührt, zutreffen mögen:
„Man sollte auch dem letztlich Unerklärlichen sein Recht einräumen, wenn man das Verhalten eines Menschen in einer Welt beurteilt, in der es keine letztgültigen Erklärungen gibt.“

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„Die Schattenlinie“ (Joseph Conrad/Insel-Verlag/ISBN 978-3458342342/€ 11,00)

Joseph Conrads Romanen und Erzählungen liegen häufig eigenes Erleben zugrunde und sind unverkennbar in vielfältiger Weise autobiographisch geprägt. Auch das hier beschriebene Geschehen, mehr Novelle als Roman, weist auf sein eigenes Leben hin. Ein junger Mann, bislang als 1. Offizier ohne Tadel auf See unterwegs, mustert ohne Not ab und übernimmt zum erstenmal als Kapitän das Kommando über ein Segelschiff, das er mit seiner Fracht nach Bangkog bringen soll. Doch der Indische Ozean, der Golf von Siam erweisen sich als tückische Gewässer. Tagelange, wochenlange Flauten in brütender Hitze fordern ihren Tribut. Die Mannschaft wird von Tropenfieber niedergeworfen, kämpft gegen ihren Untergang, gegen ihr Verderben. Der junge Kapitän wird bis an die Grenzen seiner Kräfte und Fähigkeiten gefordert, muß seiner Mannschaft bis zum Schluß Vorbild und Vorgesetzter sein, den schier Unmenschliches leistenden Männern Respekt und Anerkennung zollen, während das Schiff in Totenstille auf dem Wasser nahezu bewegungslos dahintreibt. Das rettende Chinin gegen das Fieber fehlt, weil es von fremder Hand gegen wirkungsloses Pulver ausgetauscht wurde. Die Gedanken, daß es seine Schuld ist, weil er bei der Übernahme des Schiffes die Arznei- und Medikamentenvorräte nicht überprüfte, lassen den jungen Mann nicht mehr los …

Mit der „Schattenlinie“ ist jene imaginäre Grenzziehung gemeint, die jeder einmal erreicht und überschreiten muß, der Übergang von der Jugend in die Welt und die Verantwortung der Rrwachsenen.




Textauszug:

Nur junge Menschen haben solche Augenblicke. Ich meine nicht die ganz jungen. Nein. Die ganz jungen haben keine Augenblicke. Es ist das Vorrecht der frühen Jugend, ihren Tagen voraus zu leben, in der schönen Beständigkeit der Hoffnung, die keine Pausen und keine Selbstbetrachtung kennt.
Man schließt die kleine Pforte der Kindheit hinter sich und tritt in einen verzauberten Garten ein, in dem selbst die Schatten verheißungsvoll glühen. Jede Wendung des Pfades hat ihren verführerischen Reiz. Nicht weil es noch unentdecktes Land ist. Man weiß sehr wohl, daß alle Menschen den gleichen Weg gegangen sind. Es ist vielmehr der Zauber allgemeiner Erfahrung, von dem man einen außergewöhnlichen oder persönlichen Eindruck, kurzum etwas Eigenes, erwartet.
Man geht dahin und erkennt die Wahrzeichen seiner Vorgänger, erregt, belustigt nimmt man zugleich Unglück wie auch Glück hin – Lob und Schläge, wie man sagt – , das allen gemeinsame, bunte Los, das so viele Möglichkeiten dem Verdienstvollen oder vielleicht dem vom Glück Begünstigten gewährt. Ja, so geht man dahin. Und auch die Zeit geht dahin – bis man voraus eine Schattenlinie wahrnimmt, eine Warnung, daß man auch das Reich der unbeschwerten Jugend hinter sich lassen muß.
In diesen Lebensabschnitt fallen gewöhnlich die Augenblicke, von denen ich eingangs gesprochen habe. Was für Augenblicke? Nun, die der Langeweile, des Überdrusses, der Unzufriedenheit. Augenblicke der Unbesonnenheit. Ich meine Augenblicke, in denen die Jugend geneigt ist, übereilte Handlungen zu begehen, wie sich plötzlich zu verheiraten oder ohne Grund eine Stellung aufzugeben ...

Dies ist keine Ehegeschichte. So schlimm stand nun doch nicht um mich. Meine Handlung, wie unbesonnen sie auch war, hatte mehr den Charakter einer Scheidung – beinah einer Flucht. Kein vernünftiger Mensch hätte auch nur den geringsten Grund dafür angeben können, warum ich meine Arbeit hinwarf – meine Stellung aufgab und das Schiff verließ, dem man nichts Ärgeres nachsagen konnte, als daß es ein Dampfer war und deshalb vielleicht keinen Anspruch auf die unbedingte Treue erheben konnte, die … Wie dem auch sei, es hat keinen Zweck, eine Handlung beschönigen zu wollen, die ich damals selbst schon im stillen für eine Laune hielt.








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